Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 34 (19.8.1892)
- Date
- 1892-08-19
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 626 Orstrrrrichilchr Wochrnschrifl. Nr. U das „Deutsche Volksblatt" auf das Gebiet fachlicher Erörterung wagt, so bekundet es auch diesmal die crasseste Ignoranz und zieht sich eine Blamage nach der andern zu. Das erwähnte Heyorgan stellt die Behauptung auf, die Damenkleider-Consection Wien's könne deshalb nicht prosperiren und sich emporschwingen, weil dieser Industriezweig ausschließlich in Händen jüdischer Industrieller liege. Es führt an, daß sich die Wiener Damenkleider-Confection, trotzdem es den Wiener Arbeitern nicht an gutem Geschmack gebricht, deshalb nicht behaupten könne, weil hier nur ausschließlich Schund erzeugt werde, worunter der Absatz im Jnlande und der Export nach dem Auslande leide. Die Winter-Damenkleider-Confectionäre, so sagt das judenfresserische Blatt weiter, hätten sich vergeblich bemüht, ausländische Absatzgebiete zu gewinnen, mußten jedoch stets alle diesbezüglichen Versuche ausgeben, weil — nun weil sie der Berliner Concurrenz, die vorzügliche, solidere, geschmackvollere Fabrikate liefern, weichen mußten. Es ist wahrlich eine sehr leichte Aufgabe, all das, was das „Deutsche Volksblatt" in bodenloser Unkenntniß der thatsächlichen Verhältnisse vorbringt, zu widerlegen und die Verlogenheit, mit welcher es dabei zu Werke geht, darzuthun. Jedem nur halbwegs Sachkundigen ist es wohl bekannt, daß die Wiener Kleider-Confection erst jünger» Datums ist, und daß dieser Industriezweig in Berlin schon geraume Zeit auf hoher Stufe der Entwicklung stand, als sich in Wien erst die ersten Anfänge bildeten. Nicht minder ist es bekannt, welche Motive bestimmend waren, daß Wien erst so spät daran gehen konnte, die Damenkleider-Confection zu cultivircn. Nichtig ist, daß die Wiener Consectionäre guten, vorzüglichen Geschmack bekunden, dies ist aber auch alles, was ihnen zu Gebote stand,und mit dem Geschmacke allein kann man noch immer keine Großindustrie creiren, namentlich ist man noch immer nicht im Stande, damit einer lang eingebürgerten, erbgesessenen Concurrenz zu begegnen, die über alle erforderlichen Halb- und Ganz-Fabükate, über die durch eine lange Reihe von Jahren erprobten und zur Vervollkommnung gelangten Hilfsmittel und, was von höchster Bedeutung, über eine Legion geschulter, intelligenter und billiger Arbeitskräfte verfügt. Wie ganz anders aber war die Situation beschaffen, als erst einzelne, später mehrere Industrielle daran gingen, die Damenkleider-Confection auch in Oesterreich, respective in Wien einzubürgern. Die Arbeitskräfte mußten erst erzogen und förmlich gezüchtet werden,^vobei man auf ein gänzlich sprödes, u »gelenkiges und unbotmäßiges Materiale stieß, das im Vergleiche zu Berlin horrende Ansprüche auf Löhne stellte, die schon vorweg zur Concurrenzunsähigkeit führen nnlßten. Die Ober- und Futterstoffe, welche zu Damenklcidern erforderlich sind und im Jnlande nicht erzeugt wurden und zumeist auch jetzt noch nicht erzeugt werden — weil ein Bedarf dafür nicht vorhanden war — mußte man aus Berlin (respective Preußen), demselben Berlin, dem man in Bezug auf Preislage die Spitze bieten sollte, beziehen und für dieselben enorm hohe Zölle bezahlen, die nur zum Theile Rückvergütung fanden. Dasselbe war und ist zum größten Theile noch derzeit der Fall, bei Aufputz und Besatzartikel, die doch bekanntlich bei Damenkleideni eine so wichtige Rolle spielen und schwer in's Gewicht fallen. Das Conclusum aber, zu welchem das „Deutsche Volksblatt" gelangt, welches darin gipfelt, daß es nur der Jndoleffz, der Unfähigkeit und dem schleuderhaften Fabrikate der Wiener Consectionäre zuzuschreiben ist, wenn die Wiener Kleider-Confection nicht den Aufschwung der Berliner Concurrenz zu nehmen vermag, ist gmndfalsch, erlogen und eine böswillige Unterstellung und Verdächtigung, wie sie in jeder Zeile und in jedem Satze dieses Hetzorganes zu finden sind. Richtig ist vielmehr, daß in der relativ kurzen Zeit ihres Bestandes die Wiener Damenkleider-Confection relativ einen namhaften Umfang erreicht, sich eine gesicherte Clientel im Binnenverkehr geschaffen, die auswärtige Concurrenz aus dem Jnlande ganz verdrängt und eine feste Basis gewonnen hat, auf welcher sie das schwierige Werk weiter zu bauen vermag. Es ist ferner der Wahrheit angemessen, daß die Wiener Damenkleider-Confcctions-Jndustrie auch auf dem Gebiete des Exporthandels schöne, reiche Erfolge aufweisen kann. Im Orient, in der Lrvante, Griechenland, Serbien und Rumänien dominirt in Damenkleidern nahezu ausschließlich Wiener Fabrikat und wenn in letzterer Zeit einige Exportgebiete verloren gingen, so tragen nicht die Wiener Consectionäre hieran Schuld, sondern die Reaction auf gcwerbe- und handelspolitischem Gebiete, deren Inauguration der vom „Deutschen Volksblatte" vertretenen Partei zu verdanken ist, welche auch zur Folge hatte, daß die Nachbarstaaten die heimischen Jndustrieartikel, in Befolgung einernatürlichen Reciprocität, mit prohibitiven Zöllen belegten. Wenn aber tr-otz der namhaft gemachten zahllosen Schwierigkeiten, deren Bewältigung häufig mit allem Nachdruck nicht möglich war, die Wiener Damenkleider-Confection derzeit dennoch sich eine achtunggebietende Stellung erworben, den inländischen Markt ausschließlich beherrscht und auch im Außenhandel namhaftere Erfolge aufzuweisen vermag, so ist dies, man kann dies, ohne auf Widerspruch zu stoßen, behaupten, einzig und allein der Energie, der Thatkraft und der Unermüdlichkeit der betreffenden Wiener Industriellen zu verdanken, deren erlittene herbe, materielle Verluste und kostspielige Erfahrungen, wie sie ja jeder neugegründete Industriezweig durchmachen muß, die Lust, Liebe, Ausdauer und den Muth, das begonnene Werk weiter auszubauen, erfreulicherweise nicht benommen haben. Das Häuflein Wiener Industriellen verdient vielmehr uneingeschränktes Lob, daß es, auf die fehlende gAUvernementale Unterstützung und Förderung kein Gewicht legend, die Thatkraft nicht erlahmen ließ und sich derart um die vaterländische Industrie und den heimischen Gewerbefleiß wohlverdient gemacht hat. Es ist daher ein schändliches Beginnen, die Wiener Damenkleider-Confectionäre einfach deshalb zu schmähen, weil sie Juden sind und dieselben gegenüber den Berliner Damenkleider-Confectionären in schmählicher, ganz unverdienter Weise herabzusetzen. Daß es dem „Deutschen Volksblatte" jedoch nur ausschließlich darum zu thun ist, nicht die Industriellen zu treffen, sondern die Juden zu beschimpfen und mit giftiger Galle zu beschütten, geht wohl genügend aus dem Umstände hervor, daß die Berliner Damenkleider-Confection, welche der Wiener als leuchtendes, nachahmenswertes Vorbild hingehalten wird, ausschließlich von jüdischen Industriellen gegründet und betrieben wird, was den National-Oeconomen in der linken Bahngasse gewiß nicht bekannt ist, da sie es sonst wohlweislich unterlassen haben würden, Preis und Lob von Juden und dazu noch den vielgehaßten Berliner Juden zu singen. Eduard Beer. Ein offenes Wort nbqr die religiöse Seite des Fankener Mordproreffes bringt der in München erscheinende »Deutsche Merkur", das „Organ für katholische Reformbewegung". Dieses „offene Wort" des katholischen Blattes lautet: „Religiöser Fanatismus war es, was zur Anklage des jüdischen Metzgers Buschhoff geführt hat und religiöser Fanatismus sorgt dafür, daß die Beschuldigung gegen ihn und gegen die Juden überhaupt nicht verstummt, obwohl das Schwurgericht zu Cleve nach der gründlichsten, jedes Verdachtsmoment auf's peinlichste durchforschenden Untersuchung den Mann frrigesprochen hat, — freigesprochen, nicht etwa wegen mangelnden Beweises, sondern auf Grund nachgewiesener Unschuld. Aber der nämliche Fanatismus, der die Anklage wegen „Ritualmordes" erhoben hat, verstummt nicht, auch nachdem die Unschuld des Angeklagten sonnenklar erwiesen ist. Die „öffentliche Meinung", sonst so gerne bereit, für jeden Angeklagten Partei zu nehmen — die Meinung der römisch - katholischen Masse nämlich, um die es sich hier handelt — will sich nicht überzeugen lassen, daß der unschuldige Knabe kein Opfer des jüdischen Aberglaubens und Fanatismus gewesen sei. Warum nicht? Weil diese Masse selbst von Aberglauben und Fanatismus verblendet ist.