Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 33 (12.8.1892)
- Date
- 1892-08-12
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 33 Orstrrrrtchischr Wvchrnfthrlst Sette 613 terr Dr. Klein, Schwiegersohn des Herrn Dr. M. Hirsch, irector der Realschule der isr. Religionsgesellschaft in Frankfurt a. M., ein Schüler des Herrn Dr. I. Hildesheimer in Berlin, bekannt als großer Talmudgelehrter, ist in Libau (Rußland) geboren, woselbst er auch bis vor zwei Jahren als Rabbiner fungirte. Als sein Gesuch um Aufnahme als Bürger, obgleich von dem Bürgermeister der Stadt Libau und dem Gouverneur von Kurland befürwortet, vom Minister des Innern verweigert worden, entschloß er sich, nach Amerika auszuwandern und nahm in der obgenannten Gemeinde in Rew-Iork die Stelle als Rabbiner an. Feuilleton. Darlehen. Prager Ghettobild von S. Kohn, Verfasser von „Gabriel". Order unbefugte Nachdruck wird mit aller Strenge verfolgt werden. NebersetzungSrechte Vorbehalten. H. Benatek überschlug in Gedanken wie viel er für feine Zwecke benöthige, und ergab sich als Resultat seines bescheiden gehaltenen Präliminares der Betrag von rund zwei Silberzwanziger. Wäre Benatek ein Bettler gewesen — zu welchem Stande ihn seine Bermögensverhältnisse vollständig berechtigten, — wäre seine Lage eine weit günstigere gewesen. Damals wohnten auch die reichen Juden im Ghetto und ein fleißiger Bettler konnte, wenn er bei der Wahl seiner Commitenten vernünftig vorging und sich diesen am Freitag Nachmittag als Haupt einer zahlreichen hungernden Familie präsentirte, diesen Betrag in kurzer Zeit zusammenbringen, — aber der Gedanke betteln zu wollen, lag dem weckeren Benatek so fern als ein Weltpol dem andern, und während er die vier Treppen herabstieg, beschäftigte er sich mit der Auswahl jener Personen, bei denen er mit einem Schimmer von Hoffnung um ein Darlehen anklopfen durfte. Sein erster Gedanke war, seinen Schwager Reb Gadl Rosenstadt darum anzugehen, aber zwei Bedenken hielten ihn davon ab: es war höchst zweifelhaft ob dieser oder dessen Frau über ein solches Kapital verfügen würde können, überdies befürchtete er: die guten Menschen wären im Stande, ihm ihren letzten Kreuzer zu borgen und dann selbst am Sabbath zu darben. Benatek zählte ausschlußlos nur arme Leute zu Freunden und Bekannten und nachdem zwei seiner Versuche total mißglückt waren, wollte er schon mit leeren Händen und blutendem Herzen heimkehren, als ihm Reb Draschitz, mit dem er als Knabe in ein Cheder') gegangen und der sich stets als treuer Kamerad bewährt hatte, begegnete. Draschitz kam — sein Waarenlager, Dünnwürste, in einem Blechkasten an einem Lederriemen am Rücken, in der Hand einen Kessel mit siedendem Wasser tragend, — aus dem außerhalb der Judenstadt gelegenen Tandelmarkte. Mt pochendem Herzen sprach ihn Benatek an und frug ihn, um nicht mit der Thüre in's Haus zu fallen. „Wie geht's Bruderleben?" „Schlechte Massematens2), Chawerleben!3) lautete die wenig ermuthigende Antwort, „ich Hab' heute noch nit einen Kreuzer gelöst; ich will auch nit mehr im Winter Freitag im Tandelmarkt hinausgehen; die Leut' halten sich auf Abend hungrig, da hat doch auch der Allerärmste etwas Besseres zum Nachtmahl." „Da haben es meine Frau und meine Kinder noch ärger als die Allerärmsten", mußte Benatek mit tiefem Schmerze denken. „Nit ein paar Würstl", fuhr Draschitz in seiner Jeremiade fort, „Hab' ich verkauft, so viel Paar als ich hinausgetragen Hab', so viel bring' ich gesonderheit wieder nach Hause; richtig", besann er sich, „damit ich kein Scheker 4) nit sag' — ein Paar fehlt, das Hab' ich einem blinden Kind, das mit seiner Mutter betteln geht, geschenkt, die Mutter hat geweint und gesagt: tu dite sä jedlo nie od wcera 5) ich Hab' groß RachmonisG) mit *) jüdische Elementarschule. -) Geschäfte. 3) lieber Kamerad. 4) keine Lüge. 5) Das Kind hat seit gestern nichts gegessen. °) Mitleid. dem Buberl gehabt, das Herz is mir vor Raches7) aufgegangen wie dem Kind, unbeschrien, die heißen Würstl geschmeckt haben." Benatek war einen Augenblick unschlüssig, die finanzielle Lage seines ehemaligen Mitschülers war nach dessen Mittheilungen keine glänzende, das entmuthigte ihn, aber anderseits fühlte er sich durch Reb Draschitz an den Tag gelegte Herzensgüte und Gemüthsweiche erniuthigt und so befeuchtete er zuerst die Lippen mit der Zungenspitze, wie man instinctiv zu thun pflegt, wenn man einen gewagten Gedanken auszusprechen beabsichtigt, dann lispelte er mit unsicherer Stimme. „Ich Hab' auch heut' noch keinen Kreuzer verdient; ich will mir g'rad' zwei Zwanziger auf Schabbes ausborgen." Leb Draschitz warf den Kopf zurück, drückte einen Moment die Augen zu, als wenn er einen bedeutsamen Entschluß fassen wollte, dann sprach er: „Wenn Du mir sie Montag Bormittag zurückgeben kannst, will ich Dir sie gern borgen, ich habe dorued haschem *) meinen Schabbes gemacht!" er kramte in seiner Westentasche, welche bei ihm die damals noch unerfundene feuerfeste Caffa vertrat, und zog zwei Silberzwanziger heraus. Benatek griff mit einer Hast nach den Geldstücken, als wäre er ein Ertrinkender, diese ein ihm zugeworfenes Rettungsseil und rief: „Ewadde9) werd' ich Dir sie imjirze haschem10) Montag Früh bezahlen." „Guten Schabbes" schloß jetzt Leb Draschitz, den es heftig an den Füßen fror, die Conversatton und eilte nach Hause. „Boruch haschem!" rief Benatek tiefaufathmend, das war ein Nehs min haschomajim ") dann flog er wie ein abgeschoffener Pfeil in seine Wohnung zurück und rief seinem Weibe schon in der Thüre zu. „Meine goldene Schöndl — da hast Du einen Zwanziger, den kannst Du ganz für Essen ausgeben .... Freilich jetzt noch etwas auf Schabbes zu kochen, ist schon zu spät; aber lauf in eine Garküche und kauf auf heute Abend und morgen Mttag ein.... ich Hab da noch einen ganzen Zwanziger, für den kauf ich Oel und Holz und Wein zum Kidusch.'-) Ich sags ja immer wenn Gott nur will, kann er helfen!" und nun eilte Benatek wieder geschäftig fort. III. Baruch Benatek kehrte erst kurz vor Anbruch des Sabbaths heim, er fand seine Frau abwesend, was er, da er annahm, daß sie die Einkäufe für das Essen besorge, sehr begreiflich fand. Die Kinder erzählten ihm: die Muhme') Mindl wäre da gewesen. Dieser zu so unpassender Zeit abgestattete Besuch setzte ihn wohl in Erstaunen, aber da der Sabbath herannahte, hatte er nicht Zeit, den Zweck desselben errathen zu wollen. Er füllte die Tiegel der sechsarmigen Oellampe, welche jetzt die ihr gebührende Stelle an dem Haken in der Mitte der Zimmerdecke über dem Tisch einnahm, spaltete das Holz und machte ein lustiges Feuer im Ofen an; dann wusch er sich, nahm ftische Wäsche, legte die Sabbathkleider an und eilte mit den drei ältesten Knaben in die Synagoge. Als er aus dieser heimkam, fand er wohl die Stube beleuchtet, erwärmt, aber auf dem Tisch sah er nur ein weißes Tischtuch, einen Laib Brod und eine Semmel;3) — aber keinen Teller, keine Löffel, keine Messer, keine Gabeln, mit einem Worte nichts, was darauf schließen ließ, daß man einer, wenn auch bescheidenen, so doch regelrechten Mahlzeit entgegensehen könne. Sein Befremden steigerte sich noch, als er mit einem raschen Blicke den großen schwarzen Kachelofen streifte und auch aus diesem weder Topf noch Schüssel wahrnahm. Seine Frau reichte ihm die Hand und bot ihm guten Schabbes, alle Kinder drängten sich an ihn heran und sentten ihre Lockenköpfchen und er segnete sie nach alter Bätersitte, dann setzte er sich an den Tisch, machte , Kidusch und Mozo3). schnitt den Laib Brod auf, nahm zuerst selbst ein Stückchen, gab dann auch der Frau und jedem der Kinder ein Stückchen und blickte in Erwartung der Dinge, die sich jetzt entwickeln sollten, seine Frau gespannt an. f) Vergnügen. 8) gelobt sei Gott. 9) gewiß. '") so Gott will. u) ein Wunder Gottes. '-) Eine Benediktion, die Frettag Abend vor Tisch über einen Becher Wein gesprochen wird. i) Tante. 2) Am Sabbath soll zur Erinnerung an das Manna das an diesem Tage in doppelter Quantität siel, die Ben^iktion über zwei Brode gesprochen werden. 3) Benediktion über das Brod.