Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 33 (12.8.1892)
- Date
- 1892-08-12
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 610 Orstrrrrichifche Wochrnschrist. Ar. 34 keit in die March gestürzt und wurde von den Wellen gegen eine tiefe Stelle des Flusses getrieben. Zahlreiche Neugierige sammelten sich, von den Hilferufen des Knaben angelockt, an den beiden Ufern und an der nahen Brücke, doch fiel es Niemanden ein, dem mit den Wellen ringenden Knaben Hilfe zu bieten. Im Augenblicke der höchsten Gefahr drängte sich durch die Menge ein Knabe, welcher, ohne auch nur einen Moment zu zögern, in den Fluß sprang und dem verunglückten Kinde, welches jede Secunde unterzugehen drohte, nachschwamm. Während er sich bemühte, den dem Ertrinken nahen Knaben ans Ufer zu befördern, sahen die Neugierigen ruhig zu. Total erschöpft längte der wackere Knabe mit denr geretteten Kinde anr Ufer an. Der kleine Lebensretter entfernte sich, nachdem er sich erholt hatte, ohne die lobenden Zurufe des Publikums zu beachten. Der wackere Junge ist der 13jährige Sohn eines Wirthes in Jawornik bei Ungarisch- Hradisch, Namens Albert Rosenblatt. Der Vater des durch diesen hekdenmüthigen Knaben vom sicheren Tode eretteten Kindes sprach dem kleinen Lebensretter für seine muthige That öffentlich seinen Dank aus. Berlin. (Wohlthätigkcits-Feier zu Gunsten B u schh off's.) In Kellers Feftsälen in Berlin fand am 22. Juli eine von der Vereinignng zur Bekämpfung der Nacenhetze veranstattete Wohlthätigkeits-Feier zu Gunsten der Familie Busch-' hoff statt, die sich einer sehr zahlreichen Betheiligung zu erfreuen hatte und auch, da von antisemitischer Seite keine Störung versucht wurde, ganz programmäßig verlief. Schriftsteller Carl Schneid erössncte die Versammlung mit einer längeren^ Anrede, dann sprach Herr Mundt einen von ihm selbst veifaßten Prolog, dessen warm empfundene Worte lautesten Beifall hervorriefen. Musikstücke, Gesangsvorträge heiteren und ernsten Jnhatts wechselten dann in bunter Reihe ab. Herr- Heinrich Blankenburg hielt die Festrede, in der er überzeugend nachwies, wie wenig der antisemitische Vorwurf, die Juden seien Feinde des Deutschchums und der culturellen Entwicklung unseres Vaterlandes, berechtigt ist. Auch ihn - lohnte stürmischer Beifall. Am interessantesten gestaltete sich eine Ansprache des Herrn Mundt. Herr Mundt beabsichtigt eine Sammlung von Aussprüchen und Gedichten bekannter Persönlichkeiten, Schriftsteller und Gelehrten unter dem Titel „Freiheit, Liebe und Menschlichkeit!" herauszugeben, die sich gegen den Antisemitismus wenden. Von einer großen Anzahl auf politischem wie literarischem Gebiete bedeutender Männer sind ihm dichterische Antworten zur Frage des Antisemitismus zu Theil geu-orden und Herr Mundt las eine Reihe der eingegangenen Zuschriften vor. Wir geben einige der besten und kernigsten dieser Gedichte hier wieder: Victor Blüthgen schreibt: „Wer ehrsam seinen Weg durchmißt, Dem wünsch' ich nichts zu leide, Ein schlechter Jud' — ein böser Christ, Der Teufel hol' sie Beide." Herr Bürgermeister Zelle ist auch unter die Dichter gegangen und hat folgende Verse eingesandt: „Eifrig schürt die Flammen an, Blaset in die Wogen, Glaubt Ihr selber nicht daran, Nun so wird gelogen. Alle Hunde lasseflos, Was da kroch im Duster, Haue aufrecht, rücksichtslos Nach berühmtem Muster. Himmel, ist das Maß nicht voll? Mach' ein End' den Klagen! Ach, daß so ich hoffen soll In den Xantener Tagen!" Hermann Lingg hat mit der folgenden Strophe deul Werk seinen Titel gegeben: „Trost zu spenden, Schmerz zu lindern, Licht zu wecken weit und breit, Freiheit allen Erdenkindern! Freiheit, Liebe, Menschlichkeit!" .Cr fügt in Prosa hinzu: „Man kann wirklich nie genug dafür thätig sein, daß die Macht der Intelligenz in der Welt verstärkt unb verbreitet werde. Es ist die heiligste Pflicht eines Jeden, der die Fähigkeit dazu hat." Edwin Borman spendete folgende ganz reizende Gabe: ' Ki nder s c ene. „Morgen zum Geburtstaasfeste Läd't sich Käthchen kleine Gäste: Anni Hoffmann, Suse Beyer, Minnchen Walther, Doris Schreier, Evchen Müller, Else Strauch — Kommt denn das Rebekkchen auch?" „Juden lad' ich niemals ein. Gabst Du in der Schul' nicht Acht, gj Daß sie Jesum tobt gemacht?" „Unser Lehrer meint das ja, Doch es sagt mir die Mama (Und die weiß doch vielerlei): Silbersteins war'n nicht dabei!" Schlichte Kinderseele Du, All' mein Herz, es lacht Dir zu. * Besser wär's um sie bestellt, Zöge siegreich durch die Welt Deine Friedensmelodei: .Silberstein's war'n nicht dabei!" Unter den übrigen von Herrn Mundt vorgelescnen Beiträgen befanden sich solche von Georg Ebers, Professor Nothnagel, Richard Schmidt-Cabanis u. Ä. Rom, 25. Juli. Vor einigen Tagen wurde dem Papste die Meldung gemacht, daß man in einer Nische der Umfassungsmauer des vaticanischen Gartens einen Stein entdeckt habe, der mit einer sonderbaren Inschrift bedeckt sei. Der Papst ließ nun diesen Stein vor sich bringen und er erkannte sogleich, daß die Inschrift auf demselben eine hebräische oder vielmehr eine phönicische sei (Leo XIII. hat in seiner Jugend auch Hebräisch gettieben.) Es wurde nun schleunigst der Conservator des Vaticans, der bekannte Orientalist De Rossi herbeigeholt, der bald herausfand, daß dies ein jüdischer Grabstein aus den Zeiten der jüdischen Könige sei, der später mit anderen jüdischen Alterthümern aus Jerusalem hierhergebracht worden war. Genannter Orientalist wird nun nächstens eine Uebersetzung dieser sonderbaren Inschrift veröffentlichen. Auch eine lithographirte Ausgabe dieser Inschrift soll ehestens erscheinen. London. Der Rücktritt des Mr. Nathan S. Joseph von dem hochbedeutenden Posten eines Ehrensecretärs des Russo Jewish Comitö ist eilt von jedermann tief bedauertes Ereigniß, der die Arbeiten dieses Instituts kennt. Durch zehn Jahre hat Mr. Joseph die Pflichten eines Ehrensecretärs mit der größten Tüchtigkeit ansgeübt. Es kommt selten vor, daß ein so schwieriges und complicirtes Amt freiwillig übernommen wird. Daher ist es nur recht und billig, wenn wir hier bekennen, daß Mr. Joseph während der ereignißreichen 10 Jahre russischer Verfolgung eine Summe von Arbeit zugestillen ist, die beinahe die Kräfte eines einzelnen übersteigt. Die Schwierigkeit, ihm einen würdigen Nachfolger^zu finden, ist daherbeinahe unüberwindlich. Athen. Die Juden in Corfu werden demnächst ihren Ober-Rabbiner, Signor da Fano, der einstimmig zum Ober- Rabbiner von Mailand gewählt wurde, verlieren. Gleich seinem Vorgänger, Signor G. E. Levy, ist auch Signor da Fano Italiener und die weit größere Zahl der Juden auf der Insel Corfu sind entweder durch Geburt oder directe Abstammung Italiener. Während der kritischen Zeit zu Beginn des vorigen Jahres, als die Juden verdächtigt wurden, ein Christenmädchen zu rituellen Zwecken ermordet zu haben, entfaltete Signor da Fano so viel Energie und Takt, daß er dadurch nicht einen geringen Einfluß auf die Behörden übte und seiner verzweifelnden Gemeinde neuen Muth einflößte. Paris. Aus der Liste jener Juden, die aus Anlaß des am 14. Juli gefeierten Nationalfestes in der Ehrenlegion befördert wurden, ist zu ersehen, wie mannigfache öffentliche Stellungen unsere Glaubensgenossen in Frankreich bekleiden. In dieser Liste finden wir einen Generalschatzmeister, M. Margfoy in Bordeaux, einen dem Kriegsministerium zugetheilten Oberst der Artillerie, M. Samuel Paul Naquet, einen Berichterstatter im Staatsrathe, M. Camille Leon, einen Generalinspector für Brücken- und Straßenbau, M. Samuel Wolf, einen Ober- Jnspector der Museen, M. Roger MatD einen Forstdirector M. Dreyfuß in Bar-La-Duc. Unter den Decorirten befindet sich M. Schiller, Secretär des bedeutenden Pariser Blattes Re Dewxs. Durch speciellen Beschluß wurde die Ritterschaft der