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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-08-12 · 33 (12.8.1892) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
33 (12.8.1892)
Date
1892-08-12
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 33 Orskrrrrichischr Wochenschrift Seite 609 Wien. (Steinigt sie!) „Wie weit die Volksverrohung durch die Hetz- und Wühlpropaganda der antisemitischen „Volksführer" bereits gediehen, davon konnte man sich Freitag den 29. Juli bei einem Vorfälle in der Bechardgasse im dritten Bezirke überzeugen. Der Spenglerlehrling Valentin Sprndal, bei Herrn Ludwig Wostry beschäftigt, hatte nämlich im Hause Nr. 9 dieser Gaffe, und zwar bei dem Privatier Ferdinand Sprunz, eine Reparatur auszuführen, gerieth jedoch mit der Partei in Streit, und das Facit war eine Keilerei, bei welcher der arme Junge eine kleine Wunde davontrug, sei es durch einen Fall oder einen Schlag, was nicht constatirt ist, kurzum er blutete am Kopfe und kam so auf die Gasse gestürzt. Sofort fand sich eine Schaar Mitleidiger, die mit dem Jungen ein förmliches Verhör aufnahm und das Ergebniß desselben in etwa folgender Weise colportirte: „Dö Judenbagage hat den Buam derschlagen woll'n, mit'n Hammer ham's ihn am Kopf g'haut! Leid' ma so was nöt'!" Mittlerweile war die Menge beträchtlich angewachsen, der versuchte „Todtschlag" wurde in immer lebhafteren Farben ausgemalt, da erscholl aus der Mitte der Schaar der Ruf: „Steinigen soll't ma's, dös Judengsiudl!" „Steinigt sie!" antwortete ein Chorus sehr zweifelhafter Frauenzimmer, welche in einer Gruppe standen. Schon im nächsten Moment schien dies Ernst werden zn wollen. Mehrere halbwüchsige Burschen schrieen fort: „Steinigt sie!" Andere hatten inzwischen bereis Schottersteine in der Hand, und es war ein wahres Glück, daß sich einige besonnene Leute fanden, welche abmahnten, bis ein Wachmann kam, worauf die feige Menge Angriffe ohnehin nicht mehr wagte." Wien. Der jüdische Weberftreike in Kolomea. Wir lesen in der „Arbeiterz.": Die Arbeiterbewegung greift um sich, davon gibt jedes neue Ereigniß Zeugniß. Gänzlich fernstehende Arbeitsmenschen werden urplötzlich mitten in die Bewegung getrieben und sie gelangen zur Erkenntniß, .daß, nur durch eine gute Organisation die Lage der Arbeiter gebessert werden kann, sie lernen einsehen, daß der Arbeiter nicht vereinzelt den Kampf gegen Ausbeutung führen kann, sondern daß derselbe gemeinsam zm führen ist, soll ein Erfolg errungen werden. Ein regelrechter Classenkampf ist unter den Juden entbrannt. Die Weber führen ihn, die Talesweber von Kolomea. Diese ärmlichen Jammergestalten, in langen zerschliffenen Gewändern und den langen Locken, diese orthodox frommgläubigen Menschen, welche häufig geplagt sind von Scrophulose, Gicht und Lungentuberculose, wer hielt es für möglich — streiken. Ihre ebenfalls frommen jüdischen Ausbeuter haben sie allzusehr ausgepreßt. Bei löstündiger Arbeitszeit verdienten sie stimmt Familie 1—3 Gulden pro Woche. Diese Ausbeutung, dieses Elend, diese Versklavung stellt noch das berüchtigte Weberelend in Schlesien in den Schatten. Endlich rafften sie sich auf. Am 24. Juli füllten sie, 200 an der Zahl, das altersgraue Bethaus des dortigen Rabbi, um in dumpfer Verzweiflung den Allsstand zu beschließen. Um 5 Uhr bestieg Genoffe Zetterbaum einen Tisch, und in einstündiger Rede setzte er den Versammelten ihre Lage auseinander. Ochsen und Pferde sagte er, müssen besser gehalten werden, als die Arbeiter. Um sie arbeitskräfig zu erhalten, müssen sie wohlgenährt werden. Verendet ein Pferd, so bedeutet dies Capitalsverlust für den Eigenthümer. Der Verlust eines Arbeiters hat für den Unternehmer gar keine Bedeutung. Man spricht uns vor von Antisemiten. Die größten und echten Antisemiten sind wohl jene orthodoxen Ausbeuter. Er forderte die Solidarität der Arbeiter und wies auf die jüngsten Ereignisse in Amerika hin, worauf aus der Versammlung von alten schwachen Männern wilde Ausrufe ertönten, als: „Auch wir werden die Streikebrecher schlagen, und wenn wir Monate im Kerker sitzen sollten." Er wies ferner auf den Mangel an Mitteln, um den Streik zu führen, auf die Nothwendigkeit der Organisation, einer Gewerkschaft hin. Er besprach das Berhältniß zwischen den kleinen und großen Fabriken, in den kleinen sei der Lohn 1—2 fl. wöchentlich. In einem Zimmer von 5 Quadratmeterseien 7 Webstühle, Regen und Nässe und dumpfe Luft richten den Organismus zu Grunde. Die kleinen Fabriken seien ein lebendiges GrabderArbeiter. Redner stellte am Schluffe seiner langen Ausführungen folgende Anträge: 1. Der allgemeine Stteik sei für später aufzuschieben. 2. Den 25. Juli beginnt man nur in den kleinen Fabriken zu streiken, um dieselben zum Einstellen der Production zu zwingen, oder um Beistellung besserer Arbeitsräume und höherer Löhne zu erzielen. 3. Das Uebermaß von Lehrlingen sei zu verhüten. 4. Es sei ein Unterstützungsverein für Fälle der Arbeitslosigkeit zu gründen. 5. Der Herr Geiverbeinspector sei zur Jnspectton und strengen Durchführung der Gesetze einzuladen. In der darauf in jüdischer Spache geführten Discusfion betheiligten sich die Genossen Blechner, Rosenkranz, Bücher und viele Andere. Sämmtliche Anttäge wurden angenommen. Nun wollten die Arbeiter sich versichern, daß die Arbeiter der kleinen Fabriken so lange ausstehen werden, bis die Forderungen erfüllt feien, daß sie nicht nach einer Woche, von Hunger gepeinigt, die Arbeit wieder aufnehmen. Man griff zum letzten Mittel. E.ine Gebetrolle, die Tora, wurdevon den zwei Aeltesten aus der Bundeslade heransgenommen, einer der Aeltesten trat au den Tisch und sagte unter feierlicher Sülle die Eidesformel her, welche die für den Ausstand bestimmten Arbeiter der kleinen Fabriken, den Finger an der Rolle haltend, wiederholten. Die Eidesformel lautete: „Ich schwöre bei Gott dem Allmächtigen, so lange nicht zu arbeiten, bis die Preise mir nicht erhöht werden und die Genoffen mir mit Schutz und Unterstützung („Schütz und Stütz") beistehen werden. So helfe mir Gott, sonst falle sein Fluch auf mich." „Amen", sprachen Alle weihevoll. Ein Comitö wurde zur Durchführung der Beschlüffe gewählt und die Versammlung geschlossen. Von Montag an feierten die kleinen Fabriken. Montag früh gingen drei Arbeiter, die sich von dem Schwure absentirten, zur Arbeit. Sie wurden gewaltsam von den eindringenden feiernden Genossen hinter dem Webstuhl hervorgezogen. Die städtische Polizei richtete nichts aus und bis die Fabrikanten denunzirten und Gendarmerie vom Bezirkshauptmann erhielten, erklärten auch diese, feiern zu wollen. Die feiernden Genoffen sind dem Hunger preisgegeben, ohne Vorbereitung, in einer feindlichen Umgebung, rechnen sie auf die Hilfe der auswärtigen Genoffen, von denen eine ferne Kunde an sie drang. Mögen die Genossen die Jnternationalität auch hier beweisen und den von jüdischen Ausbeutern ausgebeuteten jüdischen Genoffen mit Hilfe beistehen. Die Zahl der Streikenden ist eine größere geworden, gegenwärtig stehen bei 400 Talesweber im Streik. Mögen die Genossen allerorts ihr Möglichstes thun, damit die jüdischen Arbeitsbrüder überzeugt werden, daß wir in ihnen ebensolche Leidensgenoffen erblicken, wie wir ihn in jedem der Arbeiter, er mag was immer für einer Nation, was immer für einer Coufession angehören, erblicken. Die Ausbeutung wird international, interconfessionell betrieben, und muß von diesem Standpunkte aus bekämpft werden. Die Redaction der „Arbeiter-Zeitung" spendete zur Unterstützung der Streikenden 20 fl., weitere Spenden werden entgegengenommen: von der Administration der „Arbeiter-Zeitung", Gumpendorferstraße 60, sowie von der Redaction des „Textilarbeiter" in Reichenberg und „Robotnik" in Lemberg. Brünn, 5. August. Auf die Bemerkungen des Herrn Cantor Friedmann in Horazdowitz in der letzen Nummer (32) Ihres geschätzten Blattes muß ich zur Aufklärung erwidern, daß die an den Cantor gestellte Anforderung der österr. Staatsbürgerschaft in dem Entwürfe des Statutenabschniltes von den Religionsdienern eine nothgedrung e ne ist, da die mähr. Statthalterei, beziehungsweise der Herr Cultusminister die Cantore zu den „Religiousdienern" zählt und für diese 8 10 des Jsrae- 9 liten-Gesetzes dieses Postulat aufstellt. Die Gründe, die Herr F. g eg en diese Anforderung stellt, sind leider nur zu triftige und das Curatorium des mühr.-jüd. Landesmassafondes hat eben in Erkenntniß des Gerichtes derselben — wiewohl mit Rücksicht auf die Standesehre der Cantore mit innerem Wiederstreben, jedoch der äußeren Noth gehorchend — sogar vorgeschlagen, nur die Rabbiner und die Cantore nicht als Religionsdiener zu bezeichnen; allein vergebens, will ja sogar das mähr. Muster- Statut die Schächter unter die Religionsdiener einreihen? Wenn man wenigstens in dem Gesetze eine Reciprocität zwischen Oesterreich und Ungarn betteffs der Religionsdiener normirt hätte — wäre der Zustand noch ein erträglicher gewesen, sonst wird es zu sehr störenden Zwischenfällen führen, da Naturalisationen Zeit und Geld kosten. Ung.-Hradisch. (E i n K n a b e als L e b e n s r e t t er.) Auf wahrhaft^ heldenmüthige Weise rettete dieser Tage ein kaum vierzehnjähriger Knabe das Leben eines ihm bis dahin gänzlich , unbekannt gewesenen Kindes, des achtjährigen Sohnes eines I Kreisgerichts-Adjuncten, Antonin Czermak. Der Kleine war - in der Nähe der Stadt Ung.-Hradisch durch eigene Unvorfichtig- \

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