Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 33 (12.8.1892)
- Date
- 1892-08-12
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Sette 608 Vrstrrrrichifchr Wochrnschrist. Nr. 33 Leidenschaft Verdacht, da man ihn nur für einen Knaben ansah. Es traf sich nun, daß bei einer musikalischen Soiree ein junger Holländer, Vetter der Leah, Borttäge auf d:m Clavier gab. Trotzdem er nichts anderes als technische Ferttgkeit besaß, wurde sein Bortrag mit Beifall überschüttet. Dies erregte Wagner's Eifersucht und er warf um sich mit „Zerstreutheit, Mangel an Gefühl u. s. w." Als man ihn dieserhalb laut auslachte, schoß er noch einige grobe Bemerkungen ab und verließ das Haus. Am folgenden Morgen erhielt er einen Brief von der jungen Jüdin, in welchem diese ihm ihre Verlobung mit seinem Rivalen anzeigte. Ein phnrnonischer Liebesbrief. In der orientalischen Abtheilung des brittschen Museums ist ein kleines, 8 Zoll langes und 4 Zoll breites Täfelchen mit ungefähr 98 Zeilen in sehr feiner Keilschrift entziffert worden. Das Täfelchen ist aus Nilschlamm hergestellt. Die Inschrift enthält den Heiratsantrag, welchen ein Pharao der Tochter eines Königs von Babylon gemacht hat. Ohne Zweifel bildet sie das Dublikat eines etwa um 1530 vor der üblichen Zeittechnung geschriebenen Briefes. Zauberftöte und Nathan der Weife. Berthold Auerbach zieht folgende sehr interessante Paralelle zwischen den beiden genannten Kunstwerken: Mozarts Zauberflöte — das ist eine jener Schöpfungen, die im reinen Aether, im Jenseits aller Leidenschaft und alles Menschenkampfes steht. Ich habe es oft gehört, wie kindisch dieser Text sei, aber auf dieser Höhe kann alle Handlung, alles Geschehen, alle Menschenerscheinung, alle Umgebung nur noch allegorisch sein. Die Schwere und Begrenztheit ist abgestreift, der Mensch wird zum Vogel, zum reinen Naturleben, er wird zur Liebe, wird zur Weisheit. Das Kindliche, ja das Kindische des Textes ist einzig naturgemäß! Nur übet-reizte Menschen können das langweilig und geschmacklos finden. Das ist das letzte dramatische Werk Mozarts, und er erneut sein höchstes Wesen, all' die Klangfülle in ihm wie in der Verklärung. Seine Einzelgestalten ziehen an ihm vorüber, werden neu, minder fest und charakteristisch, aber um so reiner und ätherischer. Es ist da im besten Sinne etwas Ueberirdisches, wie es in den Menschen und Dingen zerstreut waltet und klingt, aber hier gesammelt und gebunden ist. Der Einzugschor der Priester ist der Marsch der Humanität und der Chor „O Isis" die sonnenhaste Friedensseeligkeit. Hier ist das volle Paradiesesmärchen, ein Leben über der Welt, wohin nur die Musik emportragen kann, im freien, über allen Stürmen und Wettern erhabenen Aether. Ich habe stundenlang darin geschwebt, ich weiß nicht, wie ich wieder hernieder kam, und zahllose Gedanken umschwirren mich. In dieser Musik ist erhabene Ruhe, selbstbewußte, nichts von gedrückter Demuth; da ist unverwelklich blühendes Leben, nein, der Duft der reifen Frucht. Mozarts letztes Werk hat einen Genoffen in Lessings letztem Werk, in „Nathan der Weise". Weit weg über die zerrissene kämpfende Welt schwingt sich da die Seele und lebt im reinen Jenseits, in der positiv gewordenen Frömmigkeit und Friedsamkeit, wo es nur noch ein Lächeln gibt für die Abquälungen der Menschen in ihrer Beschränktheit und Endlichkeit. Der große Hort des Menschenthums ist nicht in eine Vergangenheit begraben, er muß erst aus der Zukunft geschürft, gebildet und geschaffen werden. Ja, „Nathan" und „Zauberflöte" sind glänzende Stücke des Geschmeides; sie beweisen daß die Seeligkeit nicht ein Wahn, und wer in der wirklichen Welt die Ueberweltlichkeit nicht ahnend in sich trägt, der faßt das nicht. Solche Stunden gelebt zu haben, ist ewiges Leben. Die drei Knaben singen gottesvolle Seeligkeit. Wenn die Engel auf Rafaels Sixtina sängen — das wären ihre Weisen, in dieser Tonregion bewegten sich ihre Stimmen. Das sind Klänge, die ich hören möchte in meiner Sterbestunde, so wonnig auflösend. Wenn man nur die ungebrochene Fortsetzung solcher höchsten Wonnen der Empfindung haben könnte! O ihr ewigen Geister, wer mit euch sein uud aus seinem Leben auch nur einen einzigen Klang, ein Wort hineinsprechen könnte in die Unendlichkett! Dort in der Galerie schauen Augen, ewig offen, 'auf die kommenden und gehenden Geschlechter, und hier klingen Harmonien und tönen nie verhallende Worte ... O ihr gebenedeiten Geister, die ihr aus der Kunst die zweite Welt schafft! Die Welt, wie sie ist, verwirrt uns. Ihr durchklärt sie. Ihr seid die seligen Genien, die der Menschheit fort und fort im goldenen Kelch den Wein des Lebens bieten, und er erschöpft sich nie, so viele Millionen auch daraus ttinken. (horreHonäenrm. Wien. (Einen Preis für Entdeckung des wirkliche «Mörders in kanten.) Die eingehenden Gelder (bis jetzt 38.000 M.) sollen zunächst zur Unterstützung der Familie Buschhoff und in zweiter Linie zur Unterstützung anderer durch die antisemitische Hetze geschädigten ist. Bewohner zur Verwendung kommen. Dagegen läßt sich, so meint selbst die „Kölnische Tolkszeitung", nichts einwenden, „aber", so fährt das klerikale Blatt fort, zu beachten ist doch, daß in dem Augenblick, wo die Aufforderung ergeht, die „Voss. Ztg" allein schon über 6227 M., der „Berl. Börs.-Courier" über 2234 M., das „Berliner Tageblatt" über mehr als 1300 M. quittirt. Rechnet man dazu die an anderen Orten und die schon vorher von den reichen Berliner Juden zusammengeschossenen Gelder so erhält man eine Summe, die wohl ausreichen dürfte, den israelitischen Gewerbetreibenden Kantens für den erlittenen materiellen Schaden Ersatz zu leisten. Wie wäre es, wenn das Comite, welches für Buschhoff sammelt, diejenigen Summen, welche ihm nach der Entschädigung der Xantener Juden noch übrig bleiben, als Belohnung für die Ermittelung des wirklichen Mörders des kleinen Hegmann aussetzte? Dieser Gedanke geht nicht von uns, sondern von einem judenfteundlichen Blatte aus, das es sogar für eine Ehrenpflicht der Juden erklärte, nun 30.000 oder 50.000 M. zur Entdeckung des Thäters zur Verfügung zu stellen, um auch den letzten Rest von Verdacht gegen Buschhoff zu zerstreuen. Mit diesem Vorschlag könnre alle Welt einverstanden sein, Philo-Semiten, Anti-Semiten, Unabhängige und nicht zum wenigsten Buschhoff selbst." Das ist ein Vorschlag, der in der That die volle Beachtung verdient. Wien. Ueber die ländliche Colonie in Santa-Fe in Südamerika, die Baron Hirsch für die verfolgten russischen Juden gegründet hat, veröffentlicht das socialistische Organ von Buenos-Äyres, der „Obrero", einen Brief, der folgende Schilderung enthält: „ . . . Die jüdische Colonie, welche Hirsch in den Ebenen von Chaco (Staat Santa-Fe) gründen ließ, führt den Namen Moisavilla. Es leben dort ca. 18.000 Menschen im surchtbaren Elend, schrecklich zugerichtet durch Regen, Musquitos und alle Arten Ungeziefer. Sie sind in Baracken untergebracht, die durch verschiedene schmutzige Straßen getrennt sind, denen jene Unglücklichen characteristische Bezeichnungen gegeben baben. Die Hauptstraßen heißen: Blutstraße, Tbränenstraße, Trauekstraße und Sclavenstraße. Jede Familie hat zwei Stücke Banmwollcnzeug und einen Strohsack erhalten, auf denen die Kinder schlafen, feiner cine Holzkiste, welche gleichzeitig als Sitz, Schrank und Tisch dient. Damit die Colonisten nicht entweichen können, unterhält die Verwaltung der Eolonie eine Truppe Soldaten aus Santa-Fe. Ost ereignen sich Kämpfe zwischen diesen und den Colonisten, und mehrere Male gab es Tobte und Verwundete auf beiden Seiten. Der Verwalter ist gleichzeitig Bezirksrichter und geht niemals ohne militärische Begleitung aus. Die Wächter sind mit Revolvern und Dolchen bewaffnet und die geringste Uebertretung des sehr strengen Reglements wird sehr hart bestraft. Oft bitten die unglücklichen Colonisten, nach Rußland zurückkehre u zu dürfen, trotz der Verfolgungen, denen sie dort ausgesetzt sind. Viele glaubten, wenn sie in die argentinische Republik kämen, würde man ihnen — wie die Agenten es ihnen versprochen hatten — landwirthschaftliche Geräthe, Getreide und einen Flecken Erde zur Bewirthschaftung übergeben; nichts davon geschah. Von ihrem Vaterlande getrennt, der Landessprache unkundig und unter einem Klima, welches von dem rnssischen sehr verschieden ist, haben sich die Colonisten schließlich an die Localpresse gewandt, allein die Zeitungen, wie z. B. die „Nacion", schreiben: „Die Colonisten von Moisavilla sind Faullenzer, mit denen man sich nicht zu beschäftigen braucht." Baron Hirsch läßt durch seinen Vertreter, Colonel Goldsmith, weitere Terrains am Chaco und Sorogay koncessioniren, auf denen ebenfalls.Colonien angelegt werden sollen; vielleicht läßt er auch die oben mitgetheilten Thatsachen dnrch seinen Bertteter untersuchen und Abhilfe schaffen.