Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 33 (12.8.1892)
- Date
- 1892-08-12
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 602 Orstrrrrichischr Wochenschrift. Nr. 33 In der Einleitung sagt Ganganelli: „Sobald der Haß unter dem Mantel des Religionseifers sich birgt, dann kann man vom Richter alle Vorsicht verlangen, jede boshafte Ueberrumpelung zu vermeiden." Er erinnert an die Rolle, welche Betrug und Berleumdungssucht in der Geschichte gespielt haben. Was die Blutbeschuldigung betrifft, so spricht er zunächst von dem berüchtigten Mönche Rudolf, der eine furchtbare Judenverfolgung am Rhein anstiftete und der auch andere Länder zum Schauplatze seiner Agitation machte. Der heilige Bernhard hat diesen Mönch und sein Treiben verurtheilt und verdammt und er erklärte auch: „Die Juden sollen nicht verfolgt, nicht getödtet und nicht einmal in die Verbannung gejagt werden." Ganganelli citirt den Brief des Papstes Laurenz IV. zum Schutze der deutschen Juden, wo es heißt: „Die heilige Schrift sagt: Du sollst nicht tödten", und indem es den Juden verboten ist, irgend etwas Todtes zur Passafeier zu berühren, behauptet man in fälschlicher Weise, daß sie zu derselben Feier das Herz eines gemordeten Knaben gemeinschaftlich verzehren." „Wir aber." heißt es weiter, „verbieten durch diesen apostolischen Brief jede ungerechte Kränkung der Juden." Die Abhandlung fiihrt zwei Fälle aus Verona und Padua an, wo aber die Juden über die falsche Anklage den Sieg davontrugen. Unter den Autoritäten citirt Ganganelli auch Paul Burgos, Bischof von Burgos (Spanien), der die Blutlüge mit größter Entschiedenheit verurtheilte. Paulus de Santa Maria, Bischof von Burgos, als Jude Salomon Halevt, Rabbiner von Burgos, — später Kanzler von Kastilien — überbot an Judenhaß alle Amtsgenossen seiner Zeit; als Jnfantenerzieher und Testamentsvollstrecker Heinrich Ili. befahl er z. B. den Juden, Kleider von grobem Stoffe zu tragen, den Jüdinnen ihre Köpfe mit Kapuzen zu bedecken; auch das rothe Judenzeichen durste am Gewände nicht fehlen; dem Uebertreter wurden die Güter confiscirt; der gleichen Strafe verfielen die, welche auszuwandern versuchten (1412). Dennoch mahnte der haßerfüllte Mann davon ab, den Juden die Blutschuld anzudichten. Er sagte, wie Ganganelli citirt: „Deshalb ist dieser Jrrthum den Juden beizulegen für deren Bekehrung nicht nützlich. Denn sie glauben, daß wir Lügen gegen sie erfinden, was kein geringes Hinderniß ist, um uns selbst ihnen als glaubwürdig darzustellen". Ganganelli citirt noch einen zweiten Convertiten, den Wiener Universitätsprofeffor L. Sonnenfels, der 1753 von der Blutlüge erklärt, sie verursache in denen Gemüthern (der Juden) nebst der Verachtung und Verbitterung einen so schädlichen Eindruck, daß sie endlich von unserem heiligen Glauben gar nichts hören wollen, den höchst irrigen Schluß machend, als wenn selbiger auf eitler Falschheit und Betrug gegründet lväre." Ein Geistesgenoffe des genannten spanischen Bischofs war in Deutschland „Christianus Gerson von Recklichhansem, gebohrenen Jüden und getauften wiedergebohrencu Christen", wie er sich zu bezeichnen Pflegte, Verfasser zahlreicher antijüdischer Schriften, der zu den eifrigsten Proselytenmachern der Zeit gehörte. In der Einleitung zum Buche: „Des jüdischen Thalmud fürnehmster Inhalt und Widerlegung" sucht er die merkwürdige Erscheinung, daß die Juden trotz namenloser Jahrhunderte andauernder Verfolgungen so schwer für das Christenthum zu gewinnen sind, zu erklären, und steht nicht an, in der immer wiederkehrenden Blutlüge eine der Ursachen zu sehen. Er sagt dann wörtlich: „daß man sie überreden will, es stehe dieses oder jenes in ihren Büchern, oder daß sie diss oder jenes thun sollen, welches ihnen und ihren Büchern aufgedichtet wird, daraus sie dann den Gedanken schöpfen, unsere gantze Religion sey auff Lügen gegründet." Die merkwürdige, fast wörtliche Uebereinstimmung dreier Autoren, von denen Einer auf der iberischen Halbinsel, der zweite am Ufer der Donau, der dritte in den Ebenen des Rheins die gleiche Wahrnehmung constatirten, kann kaum auffallen. Die Blutanklage ist nun einmal gleich dem Hexenwahn ein Merkmal des Aberglaubens, der um allen Credit bringt und die Glaubwürdigkeit nach jeder Richtung discreditirt. Im Jahre 1705 war an der Rialtobrücke in Venedig ein Bild aufgestellt, auf dem man Juden erblickte, wie sie einen Knaben tödten. Und bald darauf, bereits im April 1705, erließ die Republik das Decret: Man befahl, daß dieses Bild ganz ausgelöscht und vernichtet werde," erzählt Ganganelli. „In Posen sieht man an der Fagade einer Kirche ein Bild, auf welchem ein Rabbiner der Synagoge mit einem Messer dargestellt ist, um einem Christen die Kehle zu durchschneiden, während andere Juden ein Becken in der Hand halten, um das Blut aufzufangen", erzählt Ganganelli, und sagt, daß dieses Bild ebenso behandelt zu werden verdiente, wie das Bild, das am Rialto ausgestellt war. Er errinnert an die Erzählung Tertullian's über ein in Carthago ausgestelltes Bild, das den Gott der Christen verspotten sollte, und daß die Christen selber über dieses monströse Bild und seine ungeheuerliche Inschrift gelacht haben. Ganganelli erzählt die Künstleranekdote, wo ein berühmter Maler, um sich an einem Fürsten für die Zurückweisung eines bei ihm bestellten Porträts zu rächen, dem Publicum das Bild ausgestellt habe, aber mit dem Zeichen ans dem Hute, welches die Juden tragen müssen. Darüber zur Rechenschaft gezogen, sagte der Maler: „Ich hätte niemals geglaubt, daß ein Bild, welches zuerst dem Original, dem Angesicht eines Christen, nicht ähnlich gehalten wurde, nachher mit dem eigenthümlichen Zeichen der Juden als ähnlich gehalten werden sollte". In der That bezieht sich das Bild in Posen auf die Kämpfe des Erzbischofs mit den heidnischen Pommern und erst später habe man es auf die Juden gedeutet. Ganganelli erwähnt, daß der Ordensgeneral der Dominicaner im Jahre 1668 die polnischen Ordensmitgliedern ermahnt hat, in den Predigten gegen die Judenverfolgungen zu sprechen. Er hebt hervor, daß einmal ein Vater seine eigene Tochter ermordete, um das Opfer in einem Wirthshause zuriickzulassen, das von einem Juden gehalten wurde. Das Kind war glücklicherweise noch am Leben und konnte die Wahrheit aussagen. Und doch hatte sich schon der Verdacht gegen die Juden gebildet, und doch wollte man gegen die Juden Vorgehen. Im Jahre 1759 wurde das Gutachten approbirt, welches das Einschreiten des Papstes zu Gunsten der polnischen Juden verlangt. Im Jahre 1705 wurde das Bild am Rialto gänzlich ausgelöscht und vernichtet, dasselbe geschah mit dem Bilde in Posen, welches seitdem nicht mehr zu sehen ist, und im Geiste Clemens XIV. müßte man dasselbe hinsichtlich des Bildes in der polnischen Wallfahrtskircheverlangen und erwarten. Allein der Fortschritt der Zeit ist nun einmal ein lückenhafter und wir müssen uns damit trösten, daß der öffentliche Geist in den Gesetzen seinen Ausdruck findet und nicht in den Dingen, welche den Gesetzen widersprechen. Der Fortschritt der Zeit bringt es auch mit sich, daß der Teufel, um sich als Kunstliebhaber zu zeigen, sich eine Gcmäldegallerie anlegte. An Stoff fehlt es nicht in Vergangenheit und Gegenwart und der Teufel hat eine leicht zu befriedigende Vorliebe für grelle Farben und brutale Scenen. Er machte Bestellungen bei den Spaniern, die das Schreckliche am schrecklichsten zu malen wissen. Mit den Antisemiten steht er in lebhaftem Austausche von verschiedenen Objecten, und wenn ein antisemitisches Bild erscheint, so darf man überzeugt sein, daß es aus der Gallcrie des Teufels stammt. Und er ist so stark, daß wir alle gegen ihn ohnmächtig sind. Rohling und kein Ende. In Wusieh, einer nicht weit von Shanghai entfernten chinesischen Kleinstadt, wurden die Hetzapostel, welche den Katholiken vorwarfen, daß sie Kinderblut zu rituellen Zwecken verwendeten, zur Strafe in Ketten durch die Straßen geführt, mit einem Holzkragen um den Hals, worauf zu lesen stand: „Für das Erfinden grundloser Gerüchte, die das Volk aufhetzen." Welch' eine barbarische Strafe! Und wie glücklich sind wir, fern von China unter einer Regierung zu leben, die so civilisirt ist, daß auch der heftigste Verleumder unbehelligt unter ihrem Schutze seinen heiligen Beruf erfüllen kann. Wir besitzen einen Professor der Theologie, er ist sogar Canonikus geworden, seine Specialität ist der Meineid, zu welchem . er ein ausgebildetes Talent besitzt, welches er wiederholt, wenn auch nicht mit großem Erfolge, erprobt hat. Seine Leistungen als Lügner sind einzig in ihrer Art, stehen unübertroffen da. Und ob er auch bereits vor Gericht als Lügner, Fälscher, literarischer Gauner und Betrüger gebrandmarkt worden, so genirt ihn das nicht im Geringsten, er bleibt unangefochten im Amte als Meineid-Canonikus, als Professor und Theologe des Meineides. Ueber sein neuestes Gaunerstückchen wird uns aus Leipzig, den 31. Juli, gemeldet: Die gestern hier zur Ausgabe gelangte neueste Nummer der „Deutsch-social. Blätter" bringt an ihrer Spitze einen Brief von Rohling an den Redacteur Th. Fritsch, in welchem er seine alten Blutlügen wiederholt, sich wieder auf Dr. Victor, Bickell und Dr. Ecker beruft und schließlich noch — bomblle äietn —