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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-08-12 · 33 (12.8.1892) · page 1

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
33 (12.8.1892)
Date
1892-08-12
Page
– (sequence 1)
Language
German
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fte. 33 Wie«, IS. A«g«st 1892, Centralorgan für die gesammten Interessen des Iudrnthmns. -^- EigenLhümer: Reichsraths-Avgeordneter Dr. Kloch. -- Erscheint jeden Freitag. Inhalt: Leitartikel: Aus der Bildergallerie des Teufels. — Rohling uud kein Ende. — Juden und Russen. — Die rumänische Inden- und Fremdenfrage. — „Der Absturz des großen Propheten." — Lesefrüchte. — Correspandenzen: Wien, Brünn, Ung.-Hradisch, Berlin, Rom, London, Athen, Paris, Algier, Chicago.— Vermischtes: Wien, Baden, Teplitz, Boskowitz, Postelberg, Prag, Mähr.- Weißkirchen, Tarnopol, Berlin, Paris, Kopenhagen, Petersburg, Baltimore. — Feuilleton: Darlehen. — Wochenkalender. — Briefkasten. — Inserate. PogsnstsUrn dr» In- »nd Jtaalanbxs. Bezugspreis: Halbjährig 4 fl. Einzelexemplare 25 kr. Anzeigen: Die <mal gespaltete Petttzeile 12 Ir. * M. ft. Postspsrrssstnaml DlrariNAverlirhr Nr. 810.976. Nrdecctton u. Administration: »irn 1. Lothrnthurmstraflr 39. Nus der Bildergallerie des Teufels. Die Elegien in den Tempeln unserer Gemeinden sind verklungen und die Worte des Trostes sind bereits gesprochen. Wo finden diese Stimmen einer fernen Zeit, wo diese Lieder von unerreichter Macht der Poesie noch einen Widerhall? Der Urtext wird von den Wenigsten verstanden,. in der Uebersctzung geht das Beste verloren. In fremder Sprache, auch vom Volke nicht verstanden, werden diese Lieder in fremden Kirchen recitirt und auch da sind sie von mächtigster Wirkung. Merkwürdig, von den Lippen der PriesM tönten die Gesänge Zions und in d.en Straßen und Gassen oft genug die wildeste Judenhetze, in derselben Woche, im Rahmen derselben Festzeit. Die Blätter der Geschichte sind voll von den Blutthaten, die an Juden verübt wurden; den Juden aber wird jedes nicht ganz sanfte Wort schon als schwere Sünde angerechnet. Hat man nicht die jüdischen Gebetbücher durchstöbert mit der Spürnase des Bluthundes, der sein Opfer sucht, um irgend eine bedenkliche Stelle herauszufinden? Was würde man von uns sagen, wenn unsere Tempel die Begebenheiten des Mittelalters bildlich wiedergeben würden, von den Metzelein der Kreuzzüge angefangen, bis zu den Autos in Spanien und bis zu den namenlosen Grausamkeiten des Kosakenhetmanns Chmielnicky? Und das wäre noch immer die Wahrheit, die unzweifelhafte historischeWahrheit.DerJudeaber,derfindetkeinen Schutz gegen den Haß, welchen das Bild predigt. Unsere Correspondenz aus Wielicz ka in der letzten Ausgabe unserer Wochenschrift lenkt die Aufmerksamkeit auf ein solches Bild. Die Klosterkirche eines galizischen Wallfahrtsortes ist mit diesem Bilde geschmückt. Auf dem Bilde befinden sich die vorschriftsmäßigen zehn Juden, die damit beschäftigt sind, ein Christenkind zu schlachten. Unter dem Bilde steht in polnischer Sprache: „Das Martern eines Kindes, Sohn des Adam und Eva Studzinski, vierthalb Jahre alt, am Charfreitag von den Juden aufgefangen und am Samstag nach dem Schabbes in schrecklicher und unerhörter Weise im Wirthshause Makowa nächst Zytomierz in der Nacht von Juden ermordet, im Jahre des Herrn 1675 am 25. Mai." Unser Correspondenz macht darauf aufmerksam, daß Ostern nie später als auf den 25. April fallen kann. Allein die 500.000 Wallfahrer, die jährlich die Kirche auffuchen, die kümmern sich nicht um solche Kleinigkeiten. Sie sehen das Bild am heiligen Orte, erfahren den Namen des Wirthshauses und den Namen der Eltern und sie müssen die Lüge glauben, die ihnen in Lebensgröße in grellen Farben, 272 Meter hoch und l1/, Meter breit entgegengebracht wird. Und doch haben wir in Oesterreich gesetzlich die Gleichberechtigung der Bekenner aller Religionen. Es wird auch strenge darauf geachtet, die religiösen Empfindungen gegen jeden verletzenden Eingriff zu schützen. Ist aber das Bild in dem Wallfahrtsorte nicht eine brutale Verletzung der religiösen Empfindungen der Juden, ist es nicht ein brutaler Angriff auf ihre Religion? Ist ferner dieses Bild nicht geeignet, oder vielmehr darauf berechnet, zum Haffe gegen die Juden aufzureizen? Das polnische Volk ist von Natur.»us tolerant und religiöse Duldsamkeit zählt zu seinen besten n»d herrlichsten Traditionen. Bon gewissen Seiten aber wirk/ der Versuch immer wieder erneuert, den Religionshaß in seines Herzen zu entzünden, die schlummernden Leidenschaften anzufachen. Ueberdies läßt sich historisch der Nachweis erbringen, daß die Darstellung des Bildes eine reine Erdichtung ist. Man denke blos daran, daß das Geschehniß unmittelbar nach der Chmielnicky'schen Verfolgung sich zugetragen haben soll. Welche Gräuelthaten wurden damals gegen Juden und Katholiken begangen! Dennoch wird das Bild bwiben; auch von Seiten der Vorgesetzten des Klosters wird dagegen nichts geschehen. Das ist nun einmal die Praxis am Ende des neunzehnten Jahrhunderts. Solche Bilder haben eine Lebenszähigkeit wie vieles, was nicht gut ist. Das von uns erwähnte Bild überdauerte die polnische Republik. Versetzen wir uns zurück in jene Zeit, welche der ersten Theilung Polens voranging. Diese Periode ist von polnischen Schriftstellern oft genug geschildert, ohne daß siejedoch auf die grassirende Blutlüge die gebührende Rücksicht genommen Hütten. Damals aber wurde die Blutbeschuldigung — angestachelt von russischen Agenten — mit solchem Eifer und so regelmäßig wiederholt, als ob die von Parteien zeriffene edle Nation davon die Rettung des Staates erhofft hätte. Um die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts konnte in Polen keine Leiche mehr aufgefunden werden, ohne daß man gegen die Juden der Umgebung die schwersten Anklagen erhoben hätte. Deuten solche krankhafte Aeußerungen auf den Zerfall der Staaten oder auf den Zerfall der Gesellschaft? Mögen Diejenigen, welche Staat und Religion bewachen, an das Schicksal Polens denken. Die Verhältnisse waren in dem Maße unerträglich, daß im Jahre 1758 ein Jude polnischer Nationalität, Namens Jakob Se.le k, sich an den Papst Benedict XIV. um Schutz wandte. Diesem Schritte verdanken wir das Gutachten des Cardinals Ganganelli, als Papst Clemens XIV., über die Blutbeschuldigung, welches auf Anordnung des Papstes an die Consultoren erstattet wurde. Diese Abhandlung hat einen classischen Charakter, sie zählt zu jenen literarischen Arbeiten, welche das Gepräge ihres Meisters tragen und niemals erreicht und niemals übertroffen werden. Was Formvollendung und reiche Belesenheit betrifft, erinnert diese Abhandlung an die Schriften Macchianelli's. Das achtzehnte Jabrhundert war überaus fruchtbar an genialen, geistig hochragenden Persönlichkeiten. Darin unterscheidet sich jedoch Ganganelli, daß bei ihm das Herz ebenso kräftig mitgesprochen hat wie der Geist. Papst Clemens XIV., wenn er auch nicht als Heiliger im Kalender steht, so mögen ihn doch alle verehren, zu welcher Religion sie sich auch bekennen. Unmittelbar nachdem er die Cardinalswürde erlangt hatte, schrieb Ganganelli die Worte: „Ich betrachte alle Menschen als Brüder; meine Wonne ist, wenn die Unglücklichen sich an mich wenden." Das war das Bekenntniß seines Lebens. Die Abhandlung über die Blutbeschuldigung aber trägt das Motto: „Man darf nicht den Anklägern allein glauben."

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