Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 32 (5.8.1892)
- Date
- 1892-08-05
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Sk. 32 Vestrrrrdtztsttzr WochrnfchrM. Sette 593 niks, als denl Volke in hohem Grade verhaßt sind. Sobald nur einem Deutschen etwas am Zeuge geflickt werden kann, stürmen Alle auf ihn. Auch die Katholiken haben viel zu leiden. Wreliczka. Sonntag, den 24. v. M. unternahm ich einen Ausflug nach dem in anderthalb Stunden von hier über Krakau per Bahn zu erreichenden Wallfahrtsorte Kalwarya. Dieser Wallfahrtsort ist wegen der Größe der Ablässe berühmt, die hier ertheilt werden, und es kommen alljährlich unzählige, specicll vom 12. bis zum 15. August, dem Maria Himmelfahrtsfeste, allein nahezu dreimalhunderttausend Wallfahrer hieher, zumeist aus Galizien, der Bukowina, Schlesien und zum großen Theile auch aus Russisch-Polen. Ich war schon öfters in diesem Orte, kam aber niemals dazu, die Kirche, respective das Kloster, zu besuchen, die in riesiger Höhe gelegen,/nur mit vielen Beschwerden zu erreichen ist. Diesmal entschloß ich mich jedoch, diese Höhe zu erklimmen. Die Kirche ist in ihrer Bauart ähnlich der in Mariazell, die ich schon kenne, ich betrat daher sofort die Vorhalle der Kirche. An der Wand, linker Längeseite dieser Vorhalle hängen große grell gemalte Bilder und an der rechten Längeseite stehen Bänke für diejenigen, die von den Strapazen ausruhen wollen. Ihr Blick muß natürlich auf die ihnen gegenüber angebrachten Bilder fallen. Eines derselben stellt Scenen aus der Kreuzigung, ein zweites die Grablegung und das dritte — eine Halle dar, in welcher sich zehn Juden, in lange Gebetmäutel gehüllt, befinden, von denen neun um einen Tisch grnppirt stehen, auf welchem ein nackter Knabe liegt, dem einer mit furchtbar fanatischen Zügen die beiden Füßchen hält, während ein anderer ihm mit einem Schächtermesser die Kehle durchschneidet, und einer bei der Thür Postirt ist, und den Aufpasser macht. Unter dem Bilde steht in polnischer Sprache: „Das Martern eines Kindes, Sohn der Adam und Eva Studzinski, vürthalb Jahre alt, am Charfreitag von Juden aufgefangen und am Samstag nach dem Schabbes in schrecklicher und unerhörter Weise im Wirthshause Makowa nächst Zytomierz in der Nacht von Juden ermordet im Jahre des Herrn 1675 am 25. Mai. „Schon dieses Datum läßt erkennen, wie verlogen die ganze Geschichte ist, die das Bild vorstellen soll — am 25. Mai! und Ostern können doch nie nach dem 25. April fallen. Ist es da zu verwundern, daß das Blutmärchen nie aussterben will, wenn man es dem Volke in einem Bilde, wie daserwähnte, von 2\2 Meter Höhe und VJ.2 Meter Breite in der Vorhalle einer Kirche darstellt, welche jährlich von mindestens einer halben Million Menschen besucht und die für so seelig gehalten wird, daß die Wallfahrer die steinernen Stufen küssen, und nur auf den Knicen rutschend in das Innere derselben sich begeben. Ich hielt mich längere Zeit vor dem Bilde auf, um es genau zn betrachten und mir die Inschrift genau in's Gedächtniß einzuprägen. Hinter mir standen mehrere Bauern und die Aeußerungen, die ich von ihnen hörte, machten mir das Blut erstarren; einer sagte ziemlich laut, es wäre höchste Zeit, alle Inden umzubringen. Je ernster der Wunsch auf Erhaltung der religiösen Institutionen ist, desto dringlicher muß die Forderung auf Entfernung dieses Bildes sein, das nichts mit der Religion zu thun hat und welches nur mittelalterlicher blutiger Judenhaß hier aufgestellt haben kann, den es fort und fort erzeugen muß, so lange es diesen Platz einnimmt. Vielleicht dringt dieser Appell im Namen der Humanität zu dem Vorgesetzten dieses Klosters. J. M.*i Szeniez, 31. Juli. Obwohl alle Ritualmord-Anklagen gegen die Juden aä absurdum geführt wurden und dieselben eigentlich und erwiesenermaßen nur ein leider auf uns lastendes Erbstück der ersten Christen, der sogenannten Neujuden sind, dürfte bisher doch noch kein echter Antisemit von seinem Ritualwahne geheilt worden sein. Alles. Ankämpfen gegen diese Dummheit und besonders das wiederholte Borführen solcher blöden Anschuldigungen und deren gerichtliche Ausgänge scheint demnach hinsichtlich der Aufklärung verblendeter Bolksmaffen vergebliche Mühe zu sein. Da aber diese verdienstvollen Blätter einst, wenn das glückliche Zeitalter der allgemeinen Vorurtheilslosigkeit herangckommen sein wird, der culturelle Spiegel unseres fin de siede sein werden, so möge darin auch ein Vorfall reprodncirt werden, der sich vor genau 30 Jahren, merkwürdigerweise unweit Xanten zugetragen hat. Daß solch blöder Volkswahn sogar in Köln, der berühmten Bischofstadt, zu einer gefährlichen *) Schreiber dieses ist uns bekannt als einer der angesehensten- Bürger Wieliczka's. Die Redaction. Judenhetze — ausartete, beweist nur, daß auch damals darin stark und systematisch gemacht wurde. Der Bericht über die damals stattgefnndene Judenhetze in Köln ist ausführlich in der „Kölnischen Ztg." vom 5. April 1862 zu lesen. Ueber die diesbezügliche Gerichtsverhandlung lesen wir im Beiblatte zum Jeschurun 1. September 1862 (wahrscheinlich ebenfalls der „K. Z." entnommen): „Köln, 19. August. Bor Kurzem gelangte ein Prozeß am hiesigen Zuchtpolizeigericht zum Austrag, der als ein Rachklang aus den Aitschauungen des Mittelalters angesehen werden darf. Das Publikum drängte sich schaarenweise zu dem Gerichtssaal, um den Verhandlungen beizuwohnen, welche durch die bekannten „Judenhetzer" veranlaßt worden. Das Gerücht, die des Christenblutes bedürftigen Juden hätten in wenig Tagen viele Christenkinder aufgefangen, zog in der Stadt um und fand leider in den untern Schichten des Volkes Glauben, und man war bald erzürnt gegen die Israeliten. Als am 4. Zlpril d. I. ein eben erst genesener Mann mit einem Sack Rüben über die Friesenstraße seiner Wohnung zuschritt, trat eine Frau zu demselben, betastete den Sack und rief: „Ein Jude, der Kinder stiehlt, ich habe die Beinchen und den Kopf gefühlt." Der Mann, kein Jude, sondern ein Christ in bester Form, wurde von dem herbeieilenden Pöbel zu Boden gerissen und getreten und geschlagen, daß er einen Leistenbruch davontrug. Der als Jude abgefaßte Christ, der längere Zeit arbeitsunfähig war, ist zwar wieder hergestellt, aber leidend sieht er noch immer aus. Er war im Gerichtssaale anwesend und daher erregte es Sensation, daß einer der fünf Bertheidiger behauptete, der Mißhandelte sei im höchsten Grade schwindsüchtig. Trotzdem die Bertheidiger sich darauf stützten, daß die Angeklagten mit den Gerichten früher noch nicht in Berührung gekommen, verurtheilte der Gerichtshof, was im Publikum mit großer Befriedigung ausgenommen wurde, zwei Personen zn drei Monaten und sieben zu vier Wochen Gefängniß; sieben Angeklagte wurden freigesprochen." Innsbruck, 26 Juli. (Die Tiroler Clericalen gegen die Christlich-Socialen) Unter dem Schlagwort „Antisemitische Hetzereien" führen heute die' „Neuen Tiroler Stimmen" Klage gegen die Verunglimpfung, welche ihr Redakteur Dr. Jehly und der Bicepräsident des Abgeordnetenhauses Dr. Karhrein in einem Flugblatte des Innsbrucker Gürtlermeisters Unterberger, des Tiroler Agenten der Herren Lueger und Psenner, erfahren. Dieses Flugblatt enthält außer den Angriffen gegen die genannten Personen noch „die Rede des Herrn Psenner in Innsbruck und den Schwefel des Dr. Lueger in der Versammlung, beim „Bierwastl". worüber in Innsbruck sehr gelacht worden ist." „Wir würden diese Sache lächerlich stnden", sagt das erwähnte Hauptorgan der Tiroler Clericalen, „wenn nicht durch solche demagogische Hetzereien unsere Bevölkerung in Aufregung versetzt und dem Liberalismus muthwillig in die Arme getrieben würde. In dieser Erwägung werden wir genöthigt sein, gegen den Haupthetzer im Lande, das politische Chamäleon Stefan Unterberger, in anderer Weise vorzugehen. Wir werden, wenn dieser Meusch, der alle Ursache hat, sich ruhig zu verhalten, seine Hetzereien fortsetzen sollte, actenmäßig darthun, wie — sagen wir vorläufig — unreell er sich in Geldsachen gegen seine eigenen Gesinnungsgenossen benommen hat. Wir brauchen bloß den Namen Wiesinger zu nennen und zu sagen, daß die Briefe aus jener Zeit, wo Unterberger für die Reichspartei und die „Gemeinde-Zeitung" sammeln reiste, in unseren Händen sind. Auch könnte es uns beifallen, Geschichten über die sittliche Führung desselben Mannes zu erzählen, welche seinen Katholicismus in eigenartigem Lichte erscheinen lassen. Eine davon spielt in einem Theile von Unterinnthal. Wir deuten solche Sachen ungerne an. Aber bei gewissen Individuen Hilst sonst nichts. Bei den letzten Wahlen mußte sich dieser Mann seine Lebensgeschichte, soweit sie mit dem öffentlichen Leben zusammenhängt, ins Gesicht sagen lassen und die Wähler hatten genug von diesem Schnittlauch auf allen Suppen. Man hätte meinen mögen, er werde nun ruhig sein. Aber dieser politische Glücksritter versucht noch immer eine Rolle zu spielen auf Kosten der conservativen Partei Tirols. Er zwingt uns damit in muthwilliger Weise ihn öffentlich zu zeichnen als das, was er ist." — Wie man sieht, ist es überall dieselbe anständige Gesellschaft, die mit den Herren Liechtenstein und Dr. Lueger an einem Strange zieht. Horazdiowitz. In folgendem sei mir gestattet, gegen den 8 3 des in Ihrem geschätzten Blatte veröffentlichten Ent-