Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 32 (5.8.1892)
- Date
- 1892-08-05
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 690 Orftrrrrichtschr Wochenschrift. Nr. 32 kat zusammm, die man eine „Kapazität" nennen könnte, wenn für diese Bezeichnung nur die Quantität, nicht aber die Qualität des Geschriebenen maßgebend wäre. Die Menge der von diesem Herm veröffentlichten Bände hat zum mindesten die Zahl 100 schon erreicht, wenn nicht weit überschritten. Darunter gibt es einige ziemlich umfangreiche Werke, die, «am fie gewissenhaft ausgearbeitet sind, für sich allein die Arbeit einS Einzelnen» für mehrere Jahre in Anspruch nehmen. Freilich, die größte Zahl der Veröffentlichungen dieses Herm besteht in Übersetzungen französischer Sudellitteratur, sogenannter „Herrenlektüre", theilweise wirke er auch als „Herausgeber" solcher Zoten in der Ursprache. Wie aber bereits erwähnt, ist die Quantttät des von diesem Manne als Verfaffer und Uebersctzer- Geleisteten geradezu enorm, obwohl er jetzt erst 44 Jahre alt ist. Als ich seinerzeit diesen Herrn zufällig traf, war ich noch ziemlich grün in der litterarischen „Mache". Ich hatte damals nur zwei buchhändlerische Fachschriften und eine kleine Broschüre auf dem Gewissen, während die von diesem „Autor" verbrochene Makulatur gewiß schon Waggonladungen allsmachte. Ich sah deshalb mit einer gewisien Ehrfurcht zu ihm empor, und im Laufe des Gespräches erwähnte ich, daß ich mehrere Jahre in Paris gewesen sei die französische Sprache beherrsche und ihn deshalb bäte, mich für französische Uebersetzungen zu empfehlen, da es ja Vorkommen dürste, daß er mit solchen Arbeiten überhäuft sei. „Wo dmken Sie hin?" meinte er erhaben lächelnd. „So billig können Sie ja gar nicht arbeiten wie ich. Ich habe stets zwei oder drei junge Mädchen sitzen, denen ich das Übersetzen eingedrillt habe, und diese arbeiten mir für ein Butterbrod. Auf diese Weise bin ich der billigste Mann, und verdiene dabei ein schönes Geld. Ich bin ja in der Lage, täglich 3 Bogen Uebersetzungen zu liefern, was mir gewiß Memand nachmacht. Nun im abgelaufenen Jahre habe ich auch bei 8000 Mark verdient."!?-!!?? Diese Interpunktionszeichen mögen eine annähemde Vorstellung von dem verdutzten Gesichte geben, das ich bei diesen Eröffnungen machte. „Ja", fuhr der berühmte Mann fort, „wo denken Sie dmn hin? Wie wäre es denn möglich, alle diese Sachen, die unter meinem Namen erscheinen, selbst zu schreiben? Sie ahnen ja gar nicht, wie viel ich veröffentliche; die meisten meiner Schriften tragen nicht einmal meinen Namen, weil es sonst für die Oeffentlichkeit zu viel würde. Im Laufe des Gesprächs kamen wir auch, ich weiß nicht mchr wie, auf die Confession der Verleger zu sprechen. Da schien dieser berühmte Maim aber seine Meinung fest gefaßt zu haben. „Ich habe hundertmal lieber mit jüdischen Verlegern zu chun, als mit christlichen," sagte er. „Christliche Verleger find Leine Geschäftsleute. Wenn ich einem Christen ein Manuskript anbiete, legt er es sich erst eine Wette hin und bestellt mich ein Dutzendmal in sein Kontor; bei den Unterhandlungen weiß er nicht, was er will, rückt auf seinem Stuhl hin und her und schließlich, nachdem er mich ein viertel Jahr oder länger hingezogen hat, wird vielleicht aus der Geschichte nicht einmal n>aä. Da ist der Jude anders. Wenn ich dem ein Manuskript anbiete, mld ich komme zu ihm, sagt er mir klipp und klar, was er will, ob er ablehnt oder annimmt, mck im letzteren Falle, welche Bedingungen er stellt." „Aber es heißt ja, daß der Jude schlecht bezahlt," wandte ich ein. „Lächerlich. Ich habe von Christen auch keine höheren Honorare erhallen, als Juden bezahlen. Uebrigens drückt sich itv Jude klar aus, «o§ er bietet. Wem es zu wenig ist, der ist ja nicht gezwungen, sein Manuskript dafür zu laffen. Er möge weiter gehen. Für größere Abschlüffe ziehe ich den Juden stets vor. So hat mir erst kürzlich ein jüdischer Verleger in Berlin zwanzig Bände Romane, Uebersetzungen ans dem Französischen, abgekauft. Einem Christen zwanzig Bände auf einmal auszuschwatzen, wäre mir nie gelungen. Aber der Jude ist ein kühnerer Geschäftsmann. Ich habe die zwanzig Bände nicht nur verkauft, sondern auch gleich bezahlt erhalten."*) Bemerken will ich noch, daß dieser Herr nicht nur aus dem Französischen, sondern auch aus dem Englischen und Italienischen übersetzt. Nach dem, wie er selbst mir seine Uebersetzerthätigkeit schilderte, stiegen mir einige Zweifel bezüglich seiner Sprachkenntniffe auf. Vielleicht sind aber diese Zweifel unberechtigt. Daß er nicht darauf einging, die Unterhaltung mit mir französisch zu führen, das kann ja auf — Patriotismus beruhen. Etwa ein Jahr nach diesem Zusammentteffen (es war das Einzige, das ich mit diesem Herrn hatte), war der bermhmte Mann aus seinem damaligen Wohnsitze (Konnewitz bei Leipzig) verschwunden, trotzdem man sich sehr lebhaft für seinen Aufenthalt interessirte. Er hatte nämlich der Verlagsfirma Philipp Reclam in Leipzig die Uebersetzung eines englischen Romans verkauft, und nach dessen ^scheinen stellte es sich heraus, daß die Uebersetzung gestohlen war. Der damalige Redacteur der Schriftsteller-Zeitung Dr. Lange, war der erste Uebersctzer, und diese Uebersetzung hatte der große Bücherfabrikant wörtlich abgeschrieben (oder abschreiben lassen) und als sein Geistesproduct verkauft. Seit dieser Heldenthat scheint dem Biedem kein Glücksstern mehr geleuchtet zu haben, denn er wurde, wie so viele Existenzen, die jed?r anständige Mensch gern von sich fern hält, — Antisemit. Er gründete eine Verlagshandlung in Berlin, deren Aufgabe in letzter Zeit es zu sein scheint, speziell gegen das Judenthum im Buchhandel zu kämpfen. Er greift in Flugschriften, die bei chm erscheinen und von ihm wohl auch geschrieben sind, nur die jüdische Buchhändler- und Schriftstellerwelt an. Kürzlich erschien in seinem Verlage, von ihur redigirt und auch geschrieben, die erste Nummer eines Fachblattes für Buchhandlungsgehilfen, deffen Tendenz es ist, den Antisemitismus in diesen Kreisen zu verbreiten. Dieser literarische Tausendkünstler, der als der größte Importeur französischer Zoten gelten kann, der am liebsten mit Juden „Geschäfte" machte, dessen Initiative überall dort zu erblicken ist, wo eir.e gewisse Sudelliteratur erscheint, der hetzt nun in besonderen Broschüren besonders gegen Persönlichkeiten, deren Brod er jahrelang aß, die sich aber wahrscheinlich von ihm nicht mehr „hineinlegen" lassen wollen! Der übernimmt es nun in einem besonderen Hetzblatts den deutschen Buchhandlungsgehilfcn „deutsche" Art und „deutsche" Sitte predigen zu wollen! Dieser Mann wagt es, in seinem Blatte gegen schlechte Literatur, die er selbst erst großgezogen hat, zu eifern! Der Mann besitzt die Unverfrorenheit, seinem Hetzblatte das Motto: „Durch Reinheit zur Einheit" vorzusetzen, und von der „ethische Seite" des Benifes zu salbadern. Gott bewahre die deutsche Nation vor Männern, um deren „ethische Seite" es so bestellt ist, wie bei diesem Ehrenmanne, Namens Paul Heichen, Schriftsteller, Schriftstehler und Verlagsbnchhändler in Berlin. („Schmach des Jahrhunderts.") Aus Prag wird uns gemeldet; Ueber Einschreiten der hiesigen israelitischen Cultusgemeinde - Repräsentanz confiscirte die Staatsanwaltschaft die Broschüre „Juden-Bordelle" und wurde die Confiscatiou vom Gerichte bestättgt. Zur Abwehr. IndemArtttel: „Ein Wort züd Stellung unserer Religionslehrer" in der „Oesterreichischen Wochenschrift" Nr. 35 heißt es: „Die Schüler, welche, ohne die öffentliche Schule zu besuchen, privaten Unterricht genießen, müssen sich zum Schluffe jedes Schuljahres über die Erreichung des gesetzlichen Lehrzieles durch eine Prüfung ausweisen. Dieselbe wird von den Lehrern *) Selbstverständlich nehme ich an, daß der große Mann nicht lügen kann, wenn er auch, wie aus den folgenden Zeilen ersichtlich ist. stiehlt. Zwanzig Bände habe ich von diesem Manne im betreffenden Verlage nicht gefunden, aber vielleicht hat er eine Anzahl unter Pseudonym oder Anonym übeyetzt.