Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 32 (5.8.1892)
- Date
- 1892-08-05
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 3S Orsterrrichisrhr Wochenschrift. Seite 587 tausendjährige Verfolgung und kütrstliche Unterdrückung in den ungebildeten Juden, wie bei den Negern in Amerika, Eigenschaften entwickelt haben, welche ja selbst unter den eigenen Glaubensgenossen Antipathie erregen; aber dies erklärt noch lange nicht die Wuth und die Roheit, mit der die Judenhetze gegenwärtig betrieben wird. Diese kann nur aus einer in immer weiteren Schichten um sich greifenden Unzufriedenheit gesucht werden. Ob man nun'„Hoch die Anarchie!" oder „Nieder mit den Juden!" ruft, es bleibt derselbe Wuthschrei des — oft nur nach seiner eigenen Meinung — Darbenden, der Andere berauben will, um sich selbst mehr Wohlleben ohne Arbeit zu sichern. Die Hebung der materiellen Lage des Arbeiters hat in den anderen Schichten der Bevölkerung, schon weil man doch die Unterschiede aufrecht erhalten muß, auch den Wunsch nach größerem Wohlleben erzeugt, ohne daß, gerade weil der Arbeiter sich einen größeren Antheil an den Arbeitsprodukten sicherte, die Mittel zur Befriedigung im Berhältniß größer werden. Der Mann, der früher zufrieden war, nachdem er über Pellkartoffeln und Häring sich einen Geheimrathsftack angezogen hatte, ftagt sich heute, warum er nicht auch, wie sein jüdischer Nachbar, Rehbraten soupiren soll. Der Junker, dem höhere Löhne, kürzere Arbeitszeit, auswärtige Concurrenz, erzwungene bessere Fürsorge für die Arbeiter, Mißernten und Mißwirthschast einen Theil seiner Einkünfte geraubt haben, der aber mehr Aufwand als früher macht, macht den Juden, der ihm Geld geborgt, jetzt für seine mißliche Lage verantwortlich. Der Handwerksmeister, der einsieht, daß der goldene Boden des Jnnungswesens zu seinen Füßen schmilzt und er zurücksiukt in den Arbeiterstand, wenn er nicht Kraft genug hat, sich zum Fabrikanten aufzuschwingen, macht den „jüdischen Liberalismus" dafür verantwortlich, daß man ihn nicht künstlich in einer Stellung erhält, nachdem Dampf und Elektricität und Arbeitstheilung ihn längst unmöglich und überflüssig gemacht haben. Alle diese Leute übersehen, daß der Jude von ihnen und ihren Vorfahren selbst in eine Lage gebracht wurde, welche ihn viel besser als alle andern Leute befähigt, die socialen Umwälzungen der Gegenwart zu überstehen und zu seinem Bortheil auszunützen. Ausgeschlossen von Laufbahnen, in denenJnnungswesen, Famitteneinfluß, Adelsvorrechte und sonstige ungerechte Claffengesetzgebung die Anstrengungen des Einzelnen unterdrückten und oft ganz unmöglich machten, war er stets auf seine eigenen Hilfsmittel angewiesen und mußte nur mit eigener Kraft den ihm überall mtgentretenden Widerstand überwinden. Er war der erste selfinade man, und als solcher hat er sich um so mehr Erfolge sichern können, je freier das Feld wurde, auf welchem er sich bewegen konnte, während die halbe andere Welt in Deutschland noch den Krücken tappt, welche sie früher gehabt, oder sie krampfhaft unter den Armen hält, obgleich sie ohne sie besser fortkommen würde. Jüdische!; Antheil an der Entdeckung Amerikas. Die 400jährige Gedenkfeier des Tages, an dem die Flottille Christoph Columbus' zu Palos in die See stach, um eine der folgenreichsten und kühnsten Unternehmungen menschlichen Denkens und Wollend in's Werk zu setzen, ist ein Fest des g?sammten Menschengeschlechts. Denn das Ergebniß jener bedeutungsvollen Seefahrt hat zu politischen, socialen, wissenschaftlichen und ökonomischen Umwälzungen geführt, welche das gesammte Bölkerleben von Grund auf reformirt, den geistigen Horizont der Menschheit in bis dahin nie geahntem Maße ausgedehnt, der historischen Entwicklung und dem civilisatorischen Fortschritt unseres Geschlechtes eine unerschöpfliche Fülle neuer Richtungen und neuer Triebkräfte zugeführt haben. Die Entdeckung Amerikas ist ohne Zweifel die gewalttgste menschliche That, von der die Weltgeschichte Zeugniß gibt, eine That, mit welcher selbst diejenigen Berthold Schwarz' und Gutenberg's sich an Bedeutung kaum messen können. Unter dem Titel „Neues von der Entdeckung Amerikas" veröffentlicht das „Neue Wiener Tagblatt" ein Feuilleton, in welchem der Verfasser, Wilhelm Lauser, an der Hand von Aktenmaterial interessante Nachweise darüber fiihrt, welches hohe Verdienst einigen Männern jüdischer Abkunft für die werkthätige Unterstützung des Amerika-Entdeckers gebührt. Da war es zunächst Luis Santangel, der nach dem Aus- ° spruche »Las Casas“ das Meiste durch seinen Einfluß und seine Thätigkeit beitrug, daß am Ende das Unternehmen des Columbus beschlossen wurde. In der Zeitschrift »Lt Centenario“ finden sich einige Ausschlüsse über diese Persönlichkeit, die so wirksam in das Leben des Columbus eingriff. Wie so viele mächtige und einflußreiche Familien der damaligen Zeit war diejenige Santangels jüdischen Ursprungs. Ursprünglich in Catalayud ansässig, hatte sich dieselbe über Zaragoza, Barbastro, Teruel, Alcanniz und andere Städte Aragons und Valencias ausgebreitet. Ihre Mitglieder waren im Stande der Richter und Anwälte, im Gemeinderathe von Zaragoza vertreten, aber auch am Hofe nahmen sie geachtete Stellungen ein. Was unseren Luis Santangel betrifft, so ist in der Stadtchronik von Catalayud berichtet, daß König Ferdinand, der sich gar häufig in Geldverlegenheit befand, einmal in großer Eile mit geringem Gefolge in der Stadt ankam, unmittelbar auf das Hans Santangels zuging und von diesem den gewünschten Betrag erhielt. Der Verfasser dieses Artikels zeigt bestimmt, daß dieser Santangel es war, der die Entdeckung Amerikas finanzierte. Er war es, der bei Königin Jsabella zu Gunsten des Columbus vorsprach und dessen Rückberufung durch sein Versprechen durchsetzte, das nöthige Geld zur Ausrüstung der Schiffe vorzustrecken. Und zwar that er dies ohne irgend eine andere Bürgschaft als das Wort seines Königs. In den Archiven von Simancas aber find heute noch die Quittungen zu sehen, in denen Santangel bestätigt, 1,140.000 Maravedis zurückerstattet erhalten zu haben, „die er hergeliehen hatte, um die Karabelen zu bezahlen, welche Ihre Hoheiten nach Indien gehen ließen, und um Christo! Columbus zu zahlen, der mit dieser Flotte ging." Luis Santangel hat allerdings auch noch als Zins hiefür 17.100 Maravedis erhalten, und einige Spanier wollten bemerken, damit hätte er doch seinen jüdischen Ursprung verrathen. Aber anderthalb Perzent ist doch ohne Zweifel ein sehr mäßiger Zins, und Miguel Mir sagt mit Fug und Recht, es habe damals Hunderte von Finanzleuten und Adeligen gegeben, die reicher als Santangel gewesen und denen es doch nicht eingefallen sei, mit oder ohne Zinsen ihr Geld zu dem Unternehmen vorzustrecken. „Noch weniger aber darf man in unserer Zeit Santangel tadeln; heute nimmt der Staat von seinm Gläubigern Geld zu zwanzig Perzent und betrachtet sie noch als um das Vaterland verdiente Männer und gibt ihnen Adels- und Exzellmztitet und errichtet ihnen am Ende gar noch Standbilder." Columbus selbst wußte jedenfalls dem Manne größten Dank, der ihm die Mittel zu seinem Unternehmen geboten hatte. Er hat denn auch, als er auf der RüÄehr von seiner ersten Fahrt nach Amerika sich Europas Küsten wieder näherte, auf der Höhe der Azoreninfeln es für seine Pflicht gehalten, Luis Santangel als Erstem die frohe Kunde in einem langen Briefe mitzutheilen, der firr alle Zeiten eines der merkwürdigsten Denkmale aus der Geschichte der Entdeckung Amerikas bleiben wird. Auch König Ferdinand bezeigte Luis Santangel seinen Dank, so lang er lebte; er stattete die Töchter, die derselbe von seiner Frau, einer geborenen de los Caballeria, gleichfalls jüdischen Ursprungs, hatte, glanzend aus und ernannte einen seiner Schwiegersöhne zum Bizekönig von Sardinien. Nach Ferdinand's Tod aber entsetzten die Statthalter während der Abwesenheit Kaiser Karl's Santangel seiner Aemter, eine Maßregel, gegen welche derselbe umsonst den Rechtsweg betreten zu haben scheint. „So ist er wohl ein lebendiges Beispiel des Unglücks gewesen, welches in Spanien meist diejenigen traf, die, beseelt von den edelsten Gefühlen, ihre Ruhe, ihr Vermögen und ihr bestes Wissen dem öffentlichen Dienst, der Ehre und _ Größe des Vaterlandes opferten." Unter dm Männern, die Columbus in seinm kühnen Plänen unterstützten, ragte noch besonders ein anderer Aragonese hervor, Gabriel Sanchez, Schatzmeister König Ferdinand's und ein ergebmer Freund Luis Santangel's. Wie dieser war auch Sanchez von jüdischer Abkunft und wie dieser genoß er des Königs Verträum und bekleidete er wichttge Aemter. Daß auch er Columbus förderte und dieser ihm für seine Dienste dankbar war, geht aus dm Büchern und Schriften jener Zeü hervor, insbesondere aber aus dem Briefe, dm Columbus gleich nach seiner Landung in Lissabon an ihn schrieb und in dem er fast mit denselben Wortm den Bericht seiner Entdeckung wiederholte, den er an Luis Santangel geschickt hatte. Es ist denn doch, wie uns wenigstens scheint, eine merkwürdige Thatsache in der Geschichte der Entdeckung Amerikas, daß die beiden ersten Briefe, die Columbus feinem Schreiben an die katholischen Könige Nachfolgen ließ, bezeugten, was er der Förderung durch aragonische Persönlichkeiten von jüdischer Herkunft verdankte. __