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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-08-05 · 32 (5.8.1892) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
32 (5.8.1892)
Date
1892-08-05
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Scke 586 Orstrrrrdtzlfchr Wochrnsrtzrifi.__Nr. 32 Zierden, in der geistigen Atmosphäre dieses Parlamentes kann die feiugestdnmte Seele eines Mannes, wie Carneri sich kaum zurechtfinden. Seine Reden find Meisterstücke tiefer Gedankenarbeit und abgcklärten Denkens und den Höchstgebildeten war es immer eine Lust, sie zu hören und zu leien. Und eben darum wäre es ein verfehlt und vergebliches Unterfangen an dem menschlichen Geiste, wen« man Earneri zumuthen wollte, den Kampf gegen die Rohheit und Gemeinheit des Antisemitismus aufzunehmen. Dazu gehört eine Persönlichkeit von ehernem Gefüge, ein Mann von volksthümlicher Beredsamkeit, der nicht auf eine kleine andächtige Gemeinde, sondern auf die großen Mafien wirkt. Ein solcher Mann aber ist Dr. Ferdinand Kronawetter. In seiner Candidatur gelangt thatsächlich der kritische Charakter der Situation zum Ausdruck, seine Wahl wäre einerseits die entschlossene Kriegserklärung an die Antiliberalcn und anderseits die entschiedene Willensmanifestation der fortschrittlichen Parteien, alle inneren Gegensätze auszugleichen und allen Zwist und Zank zu behüben, um die Wiedereroberung Wiens mit vereinten Kräften in Angckff zu nehmen. Ferdinand Kronawetter steht auf der äußerstm Borwacht der Freiheit. Sein machtvolles Wort dringt in die Mafien. Es begeistert sie, seine Rede gleicht einem gewaltigen Schlachtschwert, das tödtliche Hiebe führt. Seine urwüchsige Beredsamkeit, die sich der Ausdrucksweise der großen Menge bedient, hat eine elementare, hinreißende Kraft, er spricht zum Verstände und zum Herzen zugleich. Er ist ein Wiener in jeder Faser und er kennt die Wiener und weiß sie zu packen. Kein Anderer wie er hätte dreitausend Hervalser Wähler um die Fahne des Fortschrittes sammeln können, kein Anderer wie er vermag die Brücke zu schlagen von der Höhe der liberalen Partei zu jenen Niederungen des politischen Lebens, wo die autiliberale Agitation ihre Triumphe feiert. Es ist nicht wahr, dich er ein Gegner der Liberalen ist, wer dies behauptet, lügt mit Bewußtsein. Wäre er es, er hätte nicht siegreich den Berlockungen derer widerstanden, die einstmals an seiner Seite gekämpft, und die Volkskunst durch Preisgebung ihrer Ueberzeugungen, durch dm Berrath an der Freiheit erkauft haben. Es ist auch nicht wahr, daß er ein Feind des Capirals ist, er ist nur der allezeit bereite Helfer der Schwachen und Bedrückten, er ist nur der Bannerträger der Humanität. Seine socialen Anschauungen sind nur der Ausfluß der Menschenliebe, und seine Sympathien für die Arbeiter entsprechen demselben Gefühle wie seine Theilnahme für die verfolgten Juden. Wo immm sie ihm entgegentxetm, haßt er das Unrecht, die Willkür, die Bedrückung. Ihn wählen, heißt in dem Widerstreit egoistischer Jntereffm dem Principe der Humanität zum Siege verhelfen, heißt mtt Ernst und Verstand den Versuch unternehmen, die bethörten Mafien von der Fahne des Haffes zurückführen zu dem Banner der Menschenliebe, aus Finsterniß des Geistes emporführen zu den lichten Höhen der Freiheit. Wmn das liberale Centtal-Wahlcomite auf die Empfindungen und auf die Gefolgschaft unserer Glaubensgenoffen nur einigen Werth legt, wmn es ihm thatsächlich ernst ist um die Zusammmfaffuug aller Kräfte zur Abwehr der Anttliberalen, wenn es Wien der Sache des Fortschritts und der Humanität wieder erobem, wmn es endlich die Stellung der eigenen Partei stärkm will, dann wird und muß es Ferdinand Kronawetter zum officiellm Candidatm der fteisinnigen Wählerschaft der Znnem Stadt nominirm, ohne Rücksicht auf Einzelintereffm, ohne Rücksicht auf Stimmungen und Verstimmungen aus früheren Tagm, ohne Rücksicht auf kleinliche Nergeleien und Bedenken, durch welche die liberale Sache bis heute nur allzu schwer geschädigt wurde. Dr. Ferdinand K r o n a w e t t e r rst der Mann der Situation — man muß nur den Muth und die Aufrichtigkit haben, sich dies selbst einzugestehen. Seine Wahl wäre eine poliüsche That, seine Nichtwahl ein unverbesserlicher politischer Fchler. _ Die Iudenhehe in amerikanischer Beleuchtung. In der N. A. Staatszeitung lesen wir einen Artikel „Tie Judenhetze in Deutschland", welche diesem Organ „von einem Deutschamerikaner" aus Berlin eingesandt ist und manche be- .herzigenswerthe Betrachtung enthält. Die Correspondenz lautet: Deutschland hat eine ganz besondere Clafie des Proletariats, dessen Gefährlichkeit zuerst von Bismarck klargestellt wurde: das Proletariat der Gebildeten. Im letzten Sommersemester besuchten 12.695 Studenten die Preußischen Universitäten, dazu kommen noch 2897 Hörer, so daß sich eine Gesammtzahl von 15.592 Studirendm für Preußen allein ergibt. Bei der letzten Steuererhebung in Berlin hat sich herausgestellt, daß über die Hälfte der doü wohnenden Aerzte weniger als 3000 Mark (700 Dollars) Jahreseinnahme haben. Diese beiden Thatsachen neben einander gestellt liefem eine treffende Illustration des socialen Elends in Dmtschland. Der Arzt, welcher 3000 Mark im Jahr verdient, ist in seinem Stande ein ebensolcher Proletarier und Pauper, wie der schlesische Weber, der 75 Pfennig per Tag verdient. Er muß eine halbwegs anständige Wohnung haben, die ihn mindestens 1000 Mark kostet, muß anständig gekleidet sein. Geld für Bücher und Instrumente ausgeben und noch eine Masse anderer Standesausgaben bestreiten, wenn er nicht ganz untergehen will. Aber 3534 junge Leute bereiten sich augenblicklich in Preußen allein auf diese Laufbahn vor, dazu kommen 2609 Juristen, die, wenn sie nicht die ebenfalls überfüllte Rechtsanwalt-Earriere einschlagen, jetzt ungefähr 12 Jahre warten müffen, bis sie als besoldeter Beisitzer fest angestellt werden, und dann beginnen sie mit Gehältern, wie die Aerzte in Berlin. 2252 waren Willens, drei Jahre zu studiren und dann vielleicht ein halbes Lebensalter sich in allerhand elenden Stellungen als Hauslehrer, Vicare rc. hemmzudrücken, bis sie endlich eine Dorfpfarre ergattern, wo sie noch viel schlechter stehen, als die andern studirten Leute. Doch wozu die Beispiele unnütz vermehren? Kein Land der Welt hat eine solche Masse von gebildeten „zu etwas Besserem" erzogenen Nichtproducenten aufzuweisen, wie Deutschland. Wenn ein Sohn der „besseren Stände" nur bis zu seinem 25. Jahre von seinen Eltern erhalten werden muß, können sie von Glück sagen, wie lange es aber dauert, bis dieser junge Mann selbst so viel verdient, daß er „standesgemäß" leben kann, das ist eine andere Frage. Ueberall wimmelt es von Referendaren, Forstcandidaten, Officieren, Baueleven, jungen Aerzten, Post- und Steuerbeamten und sonstigen Aspiranten der höheren Carrieren, die alle dem Staat umsonst oder für so gut wie umsonst dienen. Während sehr oft ein Mangel an Beamten, die anständig bezahlt werden müssen, z. B, an Richtern, sich merklich macht, ist überall eine Fülle von Unter- und Hilfsbeamten, die wenig oder nichts verdienen und dafür wenig oder nichts leisten. Dabei empfängt diese „höhere" Classe stetigen Zuwachs von unten. Dem biederen Schuster hat unglücklicherweise ein halbverhungerter Lehrer in Anerkennung eines umsonst besohlten Paares Stiefel gesagt, daß sein Sohn Talent hätte, welches ausgebildet werden sollte. Der Junge hat in Folge dessen Theologie studirt, weil das um billigsten ist. Aber der Schusterjunge im Talar würde es als eine Schmach bettachten, wenn sein Junge nun wieder Schuster werden sollte, und so opfert er seine letzte Kuh, damit der Sprößling sich auch wieder auf die Hungerleiderei eines „höheren Berufes" vorbereiten kann. In dieser Weise fordert das kodiere adlige der „höheren Stände",namentlich bei der großen Kinderzahl immer größere Opfer und schafft immer größere Unzufriedenheit, denn das Nachhelfen mittelst reicher Heiraten hat auch seine Grenzen. So deÄ ein Titelchen, ein Orden, ein wenig gepumpter Tand sehr oft einen knurrenden Magen, und wenn die Frau Wirkliche Geheime Ober-Finanz- Räthin, die zu Hause jeden Pfennig zweimal herumdreht, damit sie „standesgemäß" leben kann, während ihr Mann mit Millionen rechnet, dann der Frau Bankier Jtzig in ihrer Equipage begegnet, hat sie wenigstens die Genugthuung, sich zu sagen, daß jene „doch nur eine Jüdin" ist, und vielleicht tritt nun wieder Frau Bankier Jtzig etwas arrogant auf, weil sie weiß, womit die Frau Geheime Rath sich ttöstet. So ist der unversöhnliche Unterschied zwischen äußerer Stellung und Einnahmen der erste Grund zu dem Kampf, welcher gegen Diejenigen geführt wttd, die durch ihre Einnahmen sich eine Stellung zu erringen suchen, und das ttifft, aus Gründen, auf die hier nicht weiter einzugehen ist, in erster Linie die Juden. Dazu kommt aber noch, daß, obgleich noch immer in ganz unsinniger Weise den Juden eine Masse öffentlicher Laufbahnen, z. B. die Post, die Steuercarriere, die Officierslaufbahn, die Richtercarriere rc. verschlossen sind, die jungen Leute, die von allen Seiten bedrängt werden, weil in allen „höheren" Fächern Ueberfüllung herrscht, in den freien Fächern auf talentvolle Juden stoßen, die als Aerzte, Rechtsanwälte u. s. w. rasch Carriere machen und viele christliche Concurrenten weit hinter sich lassen. Daher die Klagen über die Verjudung der Fächer. Nun könnte ja daraus eine gewisse Eifersucht, eine Aengstlichkeit und Antipathie erklärt werden, um so mehr, als zwei-

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