Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 32 (5.8.1892)
- Date
- 1892-08-05
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Ur. 32 ' Mte», 5. August »892. tt. Kutzrguug Centralorgan für die gesammten Interessen des Indrnthnms. Eigenthumer: Keichsraths-Abgeordneler Dp. Ktoch. -HUH- Erscheint jeden Freitag. Inhalt: Leitartikel: Drei Candidaten. — Die Judenhetze in amerikanischer Beleuchtung. — Jüdischer Antheil an der Entdeckung Amerikas. Zur Entdeckung Amerikas. — Aus Buschhofs's Briefmappe. — Die Adresse an den König von Rumänien. — Der Verleger der „Judenbordelle". —Zur Abwehr. — Lesefrüchte. — Correspondenzen: Wien, Znaim, Wieliczka, Szenicz, Innsbruck. Horazdiowitz, Berlin, Aur.ch. — Vermischtes: Wien, Tarnopol, Chrudim, Darmstadt, München, Frankfurt a. M, Petersburg. — Feuilleton: Darlehen. — Das Gebet Musfaph. — Literatur. — Wochenkalender. — Briefkasten. — Inserate. Man atumnirt bri »Urn Woskutfislke» dr» In- »nd Jtaslantea. Bezugspreis: Halbjährig 4 fl. Einzelexemplare 25 kr. Anzeigen: Die 4ma1 gespaltete PetitzeUe 19 kr. X— - -- M K. h. Postsx artajpenamt Clearingverkrlrr Lr. 810.976. LrdnrNon «. MLntinistrutton: »irn 1. »othrnthurmstrafle 89. *=- -- )kk Drei Candidaten. Die Wahlbewegung in der Innern Stadt Wien schlägt bereits hohe Wogen, obgleich die Ersatzwahl für das durch den Tod Dr. Herbst's erledigte Mandat noch gar nicht ausgeschrieben ist. Die fortschrittliche Partei hat sich diesmal in eine Reihe von Einzelgruppen aufgelöst, deren jede ihren besonderen Candidaten empfiehlt und begünstigt. Während demnach auf liberaler Seite nicht weniger als fünf ernsthafte und auch einige minder ernsthafte Candidaten genannt werden, hüllt sich die antiliberale Partei in tiefstes Stillschweigen, aber sie wird im richtigen Moment mit einem einzigen Namen hervortreten, um den sich ihre sämmtlichen 1700 Anhänger schaaren werden. In dieser vorläufigen Zersplitterung der fortschrittlichen Kräfte liegt eine große Gefahr, welcher das liberale Central-Wahlcomite nicht früh genug Vorbeugen kann. Jede einzelne Gruppe kämpft heute auf eigene Faust und zwar nicht nur gegen den unbekannten antisemitischen Candidaten, sandern auch gegen die Rivalen im eigenen Lager. Aus solchen Rivalitäten aber können tiefgehende Verbitterungen entstehen und es ist leicht möglich, daß sich diejenigen als Gegner bekämpfen, die als Freunde einig zusammenstehen sollten gegen den gemeinsamen Feind. Wir möchten deshalb an das liberale Central-Wahlcomire die dringende Mahnung richten, den Strömungen und Bewegungen im fortschrittlichen Lager so rasch als möglich eine bestimmte Richtung zu geben und unter den diversen Eandidaturen endgiltig eine Entscheidung zu treffen. Die letztere kann ja nicht schwer fallen, wenn man dabei nicht einseitige und persönliche Jntereffen, sondern das Gesammtinteresse der fortschrittlichen Partei und die Zukunft der liberalen Partei im Auge hat. Bon den Männern, welche bisher um das erledigte Mandat werben, kommen in erster Reihe drei in Betracht: Die Herren Dr. Emil Anspitzer, Ritter v. C a r n e r i und Dr. Ferdinand Kronawetter. Wir glauben nicht fehlzugehen, wenn wir voraussetzen, daß die liberale Bürgerschaft der City schließlich unter diesen drei Männern, von denen jeder auf eine verdienstvolle Wirksamkeit im öffentlichen Leben hinzuweisen vermag, zu wählen haben wird. Carneri und Kronawetter sind wetterfeste Parlamentarier und Heerrufer im Kampfe, während Dr. Anspitzer vorerst nur im engeren Kreise seine unleugbare Begabung durch viele werthvolle Verdienste zu documentiren vermochte. So mannigfach nun auch dlc Neigungen und Jntereffen der einzelnen Wählergruppen der City bei der gegenwärtigen Wahlbewegung auseinandergehen, in Einem Punkte treffen doch die Ansichten Tausender zusammen, in der klarbewußten Empfindung, daß das Mandat, welches ein Dr. Herbst bekleidet hat, nicht nach der Schablone vergeben werden dürfe, vielmehr daß die Wähler diesmal berufen seien, durch ihre Abstimmung ihren ernsten Entschluß zu energischer Abwehr der antisemi Aschen Hetze zu manifestiren. Die Wahl soll ein Prüfstein sein der Kraft und Macht des liberalen Gedankens und der Einigungsfähigkeit aller fortschrittlichen Elemente; die Wahl soll der erste entschiedene Anlauf zu jener Wiedereroberung Wiens sein, welche auf dem jüngsten Parteitag in Hietzing als die nächste und dringendste Aufgabe der liberalen Partei bezeichnet wurde. Es kann nicht nachdrücklich genug betont werden, , daß es sich bei der bevorstehenden Wahl nicht um die Sonderintereffen einzelner Wählerschichten wie beispielsweise des Gewerbestandes, der Großindustrie oder des Großkapitals und auch nicht um die Verstärkung der parlamentarischen Position der liberalen Partei, sondern um die siegreiche Fortentwicklung der liberalen Ideen und um die Zurückdrä-gung einer Agitation handelt, welche unser gesammtes öffentliches Leben vergiftet, Mißtrauen zwischen die Bürgerschaft säet und die Quecke aller wirthschaftlichen Beschwernisse luldet. Prüft man von diesem Gesichtspunkte aus die Eandidaturen der Herren Dr Anspitzer, Carneri, Dr. Kronawetter, dann kann die Wahl nicht schwer fallen. —. Herr Dr. Emll Anspitzer ist ein vielversprechendes Talent. Er hat sich als Secretär des niederösterreichischen Gewerbevereines Verdienste um die Organisirung der gewerblichen Arbeit erworben und seine eminente Arbeitskraft wäre zweifellos ein Gewinn für das Parlament. Allein seine Candidatur ist nicht der Ausdruck der oben geschilderten eigenartigen Situation und seine Persönlichkeit könnte dieser Situation auch gar nicht gerecht werden. An die Stelle des Dr. Herbst muß ein Mann treten von großer, allgemein anerkannter Autorität, von schlagender Beredtsamkeit. von Verdiensten, die weiter reichen, als von einer Wählerschichte zur andern. Der Nachfolger des Dr. Herbst muß eine überragende politische Persönlichkett sein, der die Herzen zufliegen, die mit fortzureißen vermag und die endlich gefürchtet ist von den Gegnern. Das Alles ist Dr. Anspitzer nicht. Gewiß wird er es mit der Zeit — wir wollen es abwarten und auch er kann noch warten. Ja er soll noch warten. Früher oder spät«: ist ihm ein Mandat sicher, und wenn er seinen Borthell versteht, wird er dm Augenblick opfern, um desto mehr für die Zukunft zu gewinnen. Auch die Nominirung des ehemaligm Abgeordneten R. v. Carneri, mit so glänzmdm Lettern auch der Name dieses Mannes in die Geschichte unseres Parlamentes und der liberalen Partei eingeschriebm ist, wäre unseres Dafürhatteus tu diesem Momente und bei dieser Gelegenhett ein schwerer Fehler. Wir stimmen nicht ein in die banale Phrase, daß die Innere Stadt kein Asyl für Obdachlose sei. Im Gegentheil! Wmn irgend wo der politische Unverstand einen verdimstvollm Mann von seinem Platze verdrängt hat, so erscheint vielleicht gerade der intelligenteste Wahlbezirk der Monarchie berufen, solchm Frevel zu sühnen. Herr von Carneri nun ist ein Mann von großm Berdimsten. Er zählt zu den edelsten Geistern der Monarchie, er ist ein begabter Dichter und ein Philosoph von autoritärer Bedrückung, und wäre das österreichische Parlament, was es sein sollte, die Auslese der geistigen Blitthe der Monarchie, dann dürste Carneri darin nicht fehlen und er wäre eine Zierde desselbm. Dieses Parlament aber braucht keine