Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 31 (29.7.1892)
- Date
- 1892-07-29
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Sette 582 Orstrrrrichifchr Wochrnschrifl. Nr. S1 Hausarzt hatte, der die erste» Symptome einer Krankheit ihres «nzigen Kmdes bemerkte, sie war also ganz unerfahren, was in dem Falle schon so vorgeschrtttener Gefahr zu thun sei. Harry's Stöhnen wurde immer heiserer, sein Zucken ängstlicher. Es herrschte Verzweiflung im ganzen Hause. Alles jammerte, rang die Hände, betete, die Kinder duften nicht in das Krankenzimmer kommen, aber sie hörten, was vorging. Ella weinte, und als einmal ein Wehruf von Harry's Mutter an ihr Ohr drang, lief sie baarfuß und nur im Hemd und Röckchen hinaus in den Hof, hin zu der Hütte des Alten und pochte an die Fensterläden: „Großvater! Großvater, Harry will sterben, komm schnell und hllf!" „Ich komm', ich komm'!" rief der Alte zu Tode erschrocken. Ella lief wieder zurück. Und ehe einige Minuten vergingen, überschritt der Vater die Schwelle der Wohnung seines Sohnes, die er seit mehr als fünfzehn Jahren nicht.betreten. Er öffnete die Thür des Krankenzimmers. Wie eine hehre Erscheinung schritt er ohne Gruß an das Bett des Kindes hin. Freudiges Äitsetzen machte einen Augenblick allen Jammer vergessen. „Harry, Harry, dein Großvater ist da!" Das Kind wendete sich zu ihm und in raffelndem Tone rief es: „Großvater!" und streckte die zuckenden Arme nach ihm aus. „Wo thut's weh, mein Sohn?" Das Kind zeigte auf den Hals. „Wart', ich werde den bösen Schmerz gleich herausziehen," und indem er seine Linke um den Knaben schloß, steckte er schnell den Mittelfinger seiner Rechten in deffen Mund. Unter Uebligketteu wälzte sich das Kind hin und her, aber bald stellte sich ein heftiges Gebrechen ein, und — die Gefahr war vorüber. Schwach und matt lag das Kind da, aber es athmete leichter, es raffelte nicht mehr und die Körperhitze hatte abgenommen. „Danket Gott, er ist gerettet!" sprach der Alte, und schickte sich wieder zum Gehen an. Aber die Dame vertrat ihm den Weg und rief unter Thränen jubelnd: „Vater, Sie rettäen mir mein Kind, darf ich Ihnen auch Ihren todt geglaubten Sohn geben?" „Er lebt, mein Josef, er lebt? Kinder, laßt mich, Ihr tödtet mich!" Und überwältigt vom Uebermaße des Gefühls sank er auf einen Stuhl und, wie von heftigem Fieber geschüttelt, warf er seine Glieder. Endlich nach langem Kampfe konnte er weinen und ein Strom schwerer Thränen rollte über seine Wangen. Es war vielleicht das erste Mal in seinem Leben, daß er weinte. Seiner selbst wieder mächtig und durch die Thränen erleichtert, betete er mtt hochgehobenen Händen: „Nun, Herr, läßt du deinen Diener in Frieden fahren, da er diese Stunde erlebt hat. Aber wo ist er, mein Sohn, mein Josef?" ftagte er dann, um sich blickend, „ist er hier?" „Nein, Vater, doch ich erwarte ihn von Stunde zu Stunde," erwiderte Anna. „Sie also, liebe Dame, sind seine Frau? Und Harry ist Euer Sohn? So hatte doch mein Ohr und mein erster Blick recht. Ganz wie Harry sang er in seiner Jugend und ganz wie Harry sah er aus. Sei gesegnet mein theurer Enkel", wandte er sich zu dem kranken Kinde, welches jetzt ruhig schlief. „Und du, Nastali, und du Hanna, meine Schwiegertochter — ich habe Euch recht weh gethan, aber glaubt mir, mir war auch nicht wohl. Böse war ich nicht, aber unglücklich, nur recht unglücklich. Nun wird Alles gut werden.-Und nun, Anna, erzählen Sie uns von Josef!" „Es ist eine lange Geschichte, Vater, laffen Sie sich sie von Josef selbst erzählen, er wird es beffer können, als . ich." „Nein, erzählen Sie, liebe Tochter, wenn Sie von ihm erzählen, wird mir sein, als hätte ich ihn schon da." Nochmals trat Anna an das Bett ihres Kindes hin, und freudig bewegt von deffen ruhigem Schlafe, küßte sie auf dem Rückwege zu ihrem Sitze ihrem Schwiegervater die Hand. Dann erzählte sie, wie folgt: „Nach jenem furchtbaren Austritte war Josef aus dem Elternhause gestürzt. Er hatte im Sinne, fein Leben wegzuwerfen und die Ausführung dieses Gedankens wäre ein Leichtes gewesen, denn die Waag lag vor ihm. Aber seine Religiosität siegte über die Verzweiflung. Er entrann den Lockungen des Todes und irrte die ganze Nacht krank im Gebirge umher. Matt und müde saick er des Morgens in einen thaubenetzten Grasflecken, der seine glühende Strrn kühlte, und suchte feiner Gedanken, die wild und ziellos durcheinander wogten, Meister zu werden, bis der Entschluß in ihm reifte, zu vergeffen und vergeffen sein zu wollen, als verschollen zu gelten. Dazu gehörte vor Allem, sich einen anderen Namen beizulegen, und indem er weit in der Runde um sich blickte, fiel seinem Auge die Waag zumeist auf, die sich in unzähligen Krümmungen dahinschlängelte. „Die Erinnerung an meine Heimat will ich wahren," sagte er sich „nach der Waag will ich mich nennen, Glück auf, Josef Waagmann." „Als Josef Waagmann trat er nun seine Wanderung an. Sein Ziel war vorderhand Mähren. Nach wenigen Stunden erreichte er ein Städtchen, wo er seine Uhr, sein einziges Hab und Gut, von dem er sich in Pest auch nicht in seiner größten Noth zu trennen vermochte, veräußerte, um seinen Hunger zu stillen, und sich ein paar Tefilin kaufen zu können, die in seinem Koffer zurückgeblieben waren. Nach achttägiger Wanderung kam er in Brünn an, wo gerade Marktzeit war. Er suchte einen Hauslehrerposten, und das Glück war ihm günstig. Er fand einen solchen bei einem reichen jüdischen Fabrikanten, der vereinzelnt in einer böhmischen Stadt wohnte. „Jetzt meine Lieben," fuhr die Erzählerin fort, „muß ich auch von mir sprechen, um die Geschichte meines Mannes fortsetzen zu können." „Ich bin die Tochter eines armen Hausierers in Pest. Der Jurist Josef Werner war bei uns im Quartier. Wir wollten das Möglichste thun, seine Nothlage zu mildern, aber es gelang uns nicht, ihn seinem Grundsätze untteu zu machen, keinem Menschen zu Dank verpflichtet sein zu müssen. Sein Selbständigkeitsgefühl, sein wahrhaft männlicher Stolz, sein Muth, den Kampf ums Dasein mit den redlichsten, menschenwürdigsten Waffen zu führen oder unterzugehen, vereitelte alle unsere Finessen, ihm auch nur die geringste Wohlthat zukommen zu laffen, um ihn vor Hunger zu schützen. Ich bewunderte seinen Charakter, ein anderes Geftihl kannte ich noch nicht, denn ich war erst siebenzehn Jahre alt. Erst als er in Folge seiner physischen Herabgekommenheit von Ihnen, lieber Vater, abgeholt wurde, empfand ich, wie theuer er meinem Herzen war. Ich erkrankte vor Sehnsucht und meine Eltern waren ernstlich um mein Leben besorgt." Anna verfiel nicht in den Fehler der meisten Frauen, daß sie breit und sentimental werden, wenn sie von ihrer Liebe erzählen. Sie sagte kein Wort mehr darüber, sondern fuhr fort: „Nach ungefähr einem Monate erhielten meine Eltern einen Brief mit dem Poststempel einer böhmischen Stadt. Der Brief war von dem Studenten Josef Werner und jüdisch geschrieben, da meine Eltern nicht deutsch lesen konnten. In dem Briefe erzählte der Schreiber sein Zerwürfniß mit feinen Eltern und daß er, um jede Spur, ihn wieder aufzusuchen, zu vernichten, sich den Namen Waagmann beigelegt habe, unter welchem er gegenwärtig in Condition als Hauslehrer sei, aber nur, um sich so viel Geld zu ersparen, daß er nach Amerika gehen kann. Er erklärte nun seine Liebe zu mir und falls sie erwidert werde, hoffe er, mich glücklich zu machen. „Die Antwort schrieb i ch, denn merkwürdigerweise", sagte sie lächelnd, „bin ich über Nacht so gesund geworden, die Feder zu einem vier Seiten langen Brief führen zu können, ohne zu ermüden, wenn auch viele Pausen darin verzeichnet waren, und ich hätte die Kraft besessen, nochmals so viel zu schreiben, wenn ich nicht befürchten mußte, das zweifache Porto zahlen zu müssen,, denn es war damals recht knapp in meinem Elternhause. Wir wechselten nun regelmäßig Briefe. Nach ungefähr einem Jahre erhielt ich einen Brief von Hamburg datirt, worin mir Josef anzeigte, daß er sich soeben zur Ueberfahrt nach der neuen Welt einschiffe und daß ich nun eine etwas längere Zeit nichts von ihm hören werde. Es verstrich nun ein volles Jahr, ehe der erste Brief aus Amerika kam. Josef erzählte darin, daß er nach seiner Ankunft in New-Iork Zeitungskolporteur war, dann zum Reporter avancirte und endlich Mitredacteur eines Blattes wurde, dabei aber fleißig studire und bald Advocat zu sein hoffe. „Um kurz zu sein, nach einem zweiten Jahre hatte Josef eine Advoeaturskanzlei in New-Aork und anfangs Consulent eines Bankhauses, wurde er dann öffentlicher Gesellschafter desselben. Bolle sechs Jahre dauerte die Prüfungszeit unserer Liebe und Treue. Da bekam ich endlich einen Brief mit fünftausend Dollars für meine Ausstattungs- und Ueberfahrtskosten, und drei Monate darauf war ich in New-Iork. Nach einer mehrtägigen Ruhe von meinen Reisestrapazen ließen wir uns trauen. Ich war aus einem armen Mädchen eine vornehme Dame geworden, umgeben von allem Luxus einer Großstadt, denn das Geschäft meines Mannes wuchs von Tag zu Tag.