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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-07-29 · 31 (29.7.1892) · page 11

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
31 (29.7.1892)
Date
1892-07-29
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. Bl Drstrrrrichifche Wachenschrist Seite 579 bebaut worden sind. Jetzt ging der Spektakel los, jeder ehemalige Verkäufer oder dessen Nachfolger wollen ihre früheren Gründe, namentlich wenn ein Bau darauf steht, wieder haben und die Depossedirungen stehen auf der Tagesordnung. Eine der ersten traf den Rabbiner von Radziwilow, deffen Schritte und Recurse bei den Oberbehörden vergeblich waren. Vor der Rückgabe jedoch wollte er den lüsternen Bauern den Raub entziehen und von der ganzen Gemeinde eifrig unterstützt, wurde das hübsche Haus gänzlich demolirt und die Trümmer fortgetragen. So geschehen im Angesichte des zwanzigsten Jahrhunderts, in dem von allen Plagen heimgesuchten, durch und durch verfaulten und morschen Rußland! L. L. F. Berlin. Zur Geschichte der Entstehung der Fabel vom Ritualmord liefert Adolf Harnack, ord. Professor der evang. Theologie an der Universität Berlin, in einer jüngst erschienenen Schrift einen interesianten Beitrag (Texte und Untersuchungen zur Geschichte der altchristlichen Literatur. VHI. Bd. Heft 4: Medizinisches aus der ältesten Kirchengeschichte. Leipzig 1892, Heinrichs S. 30). Da die Arbeit ihres exquisit wissenschaftlichen Inhaltes wegen nur den engen Fachkreisen bekannt werden wird, dürfte es angemessen sein, die betreffende Notiz hier wiederzugeben, da sie eine Weiterverbreitung durchaus verdient. Harnack schreibt: „Während des ganzen 2. Jahrhunderts und noch über dasselbe hinaus wurde in Ost und West hartnäckig gegen die Christen (von den Heiden) der furchtbare Borwurf erhoben, sie schlachteten in ihren gottesdienstlichen Versammlungen „rituell" kleine Kinder, fräßen sie auf und tränken ihr Blut. Bereits aus dem Brief des Plinius an Trajan tritt dieser Vorwurf hervor; nicht nur das Volk, sondern gebildete Männer wie Fronto, der Freund und Lehrer Marc Aurels, und der Statthalter von Gallien glaubten ihn, und obgleich die christlichen Apologeten die Gemeinden unaufhörlich wider denselben vertheidigten. so schien er unausrottbar zu sein. Nur von Lucian und dem heidnischen Polemiker Celsus wissen wir, daß sie einsichtig und gerecht genug waren, um ihn zu unterdrücken. Wie er entstanden ist, wer kann es sagen? Durch den religiösen Fanatismus fällt der Mensch auf die primitivsten Stufen der Kultur zurück und läßt aus längst verlassenen Abgründen entsetzliche Schatten aufsteigen. Erleben wir es doch heute noch, daß den Juden die nämliche Anklage zugeschleudert wird, heute am Ende des 19. Jahrhunderts und von denselben Christen, deren Ahnen vor 1700 Jahren hingeschlachtet worden sind, weil sie für Menschenfresser galten! Wodurch der Vorwurf gegen die Christen genährt worden ist, das läßt sich angeben. Erstlich mag die dunkle Kunde von der geheimnißvöllen Abendmahlsfeier mit dem Blute Jesu Christi die schon entzündete Phantasie der-Heiden angefacht haben; sodann haben verworfene heidnische Sklaven christlicher Herren, angestachelt durch Belohnungen, lügenhafte Aussagen gemacht, endlich — und damit berühren wir ein trauriges Capitel — haben die christlichen Apologeten selbst aus Haß gegen die gnostisch-christlichen Sekten in ihren Schriften durchblicken lassen, daß sie diesen Menschenfresserei wohl Zutrauen. Trauten sie aber ihren Brüdern dergleichen zu, warum sollte der Staat, der zwischen Katholiken und Sektirern keinen Unterschied zu machen wußte, nicht unch jene für des Verbrechens fähig halten? Man kann zur Entschuldigung der Apologeten nur das Eine anführen, daß es unter Denen, welche sich auch „Christen" nannten, wirklich solche religiöse Gemeinschaften im 2. Jahrhundert gegeben hat, die von dem Christenthum kaum mehr als den Namen hatten und manchen christlichen Greuel trieben. Die große Kirche ist jedenfalls von ihm völlig frei geblzxben, und auf Grund der sittlichen Führung ihrer Glieder durste sie mit Recht in Bezug auf die sie anklagenden Heiden sagen: »kessiw! optimos!“ Berlin, 21. Juni. In seiner gestrigen Vorlesung über „Moralphilosophie" kam Professor v. Gizycki gelegentlich der Besprechung der Intoleranz auch auf den Antisemitismus zu sprechen und äußerte sich ungefähr folgendermaßen: Er könne das vorliegende Gebiet (Intoleranz) nicht verlassen, ohne auf eine Form derselben zu kommen, die gerade in neuerer Zeit in Deutschland sich gezeigt habe und wenig geeignet sei, dem Hamen Deutschlands im Auslände Ehre zu machen; er habe dabei den Antisemitismus im Auge. Nach einigen einleitenden Worten fuhr dann der Vortragende ungefähr wörtlich fort: „Jeder Menschenfreund müsse Philosemit sein. Jedem Menschen werde ein sittlicher Mensch mit Achtung und einem Gefühl rücksichtsvoller Theilnahme begegnen, es müßte denn sein daß jener durch sein eigenes persönliches Verhalten sich der Achtung unwürdig gezeigt habe." Daß manche Juden unliebenswürdige Eigenschaften besäßen, bezweifelten selbst die vernünftigen Juden nicht. Doch es wäre tatsächlich wunderbar, wenn die Jahrhunderte langen Verfolgungen solche Eigenschaften nicht hervorgebracht hätten. Aber ebenso sicher sei, daß durch neue Verfolgungen der Charakter der Juden nicht besser werden würde. Uebrigens seien die Eigenschaften, die man an den Juden tadle, an nur allzuvielen Nichtjuden zu finden. Ihm seien in dieser Hinsicht wahre Prachtexemplare von antisemitischen Germanen bekannt. Ungerecht sei es, allen Individuen einer bestimmten Classe zuzuschreiben, was von einigen Individuen gelte. Ungerecht sei es, einen Menschen nicht nach seinen persönlichen Eigenschaften zu behandeln, sondern nach solchen, welche man seiner Classe zuschreiöe. - Unsere Pflicht sei einfach die, die Unrechtschaffenheit zu bekämpfen, wo wir sie fänden, sei es bei Menschen germanischer oder nicht germanischer Abkunft und den Ehrenmann als solchen anzuerkennen, er sei Jude oder Nichtjude." Cleve. Wie die „Köln. Bolksztg." mittheilt, bereitet die Staatsanwaltschaft in Cleve Strafanträge wegen Meineids gegen mehrere Zeugen im Buschhoff-Processe vor. Die antisemitische „Westfäl. Ref.", welche heftige Angriffe und grobe Beleidigungen gegen das Schwurgericht in Cleve, bezw. dessen Vorsitzenden, Landgerichtsdirector Kluth und die Staatsanwälte veröffentlicht hatte, ist beschlagnahmt worden. Es handelt sich, der „Köln. Ztg." zufolge, um die Nummer, die den Geschworenen in Cleve übersandt worden war. Gegen den Redacteur, welcher erst vor einigen Tagen zu sechs Monaten Gefängniß verurtheilt worden ist (wegen Beleidigung des Oberlandgerichtes in Frankfurt a. M.), ist Anklage wegen Beleidigung erhoben worden. — Das tapfere Antisemitenblatt leistet jetzt öffentlich de- und wehmüthig Abbitte. Es hätte ihm fern gelegen, in irgend einer Weise Beleidigungen auszusprechen, da die „Verhandlungen selbst zu einer Verdächtigung nicht den geringsten Anlaß gaben." Ob diese muthige Haltung der „Reform" eine Zurücknahme des Straf-Antrages herbeiführen wird? Wir bezweifeln es. Süchteln, 20. Juli. Der Xantenev Knabenmord ruft hier das Gedächtniß wach an einen Kindermord, der vor mehr als hundert Jahren hier paffirt ist, und der damals auch den Juden zur Last gelegt wurde. Die Eltern des Kindes wohnten in Süchteln, der Vater war dort zu Hause, die Mutter aber aus der eben über dem Berge (dem Süchtelner Busch) auf Dülken gelegenen Bauernschaft Bistard. Mutter und Kind wollten einstens auf Besuch zu den Eltern der Mutter gehen. Bor dem Hohlwege, der damals nach Bistard führte, bat das Kind die Mutter, sie möge ihm erlauben, schon vorauszulaufen, um den Großeltern ihren Besuch anzumelden. Die Mutter erlaubte es, da sie wußte, daß das Mädchen den Weg gut kaunte und der Weg trotz des Strauchwerks nicht gefährlich war. Als sie aber auf dem Hofe der Eltern angelangt war und das Kind nicht fand, dasselbe sich auch nach einigem Verlaufe nicht einstellte, wurde man unruhig und ging auf die Suche. Nach längerem Durchstöbern des Busches fand man endlich die Leiche des Kindes, gräßlich verstümmelt und der Eingeweide fast gänzlich beraubt, auch fehlten einige Kleidungsstücke. Auch damals fiel der Verdacht des Mordes gleich auf die Juden, und diese hatten sowohl in Süchteln als in der ganzen Umgebung viel zu leiden. Die That blieb lange im Dunkeln, bis endlich in Anrath der Thäter ermittelt wurde. Es war aber kein Jude, sondern ein Maurer aus Anrath, der im Tagelohn arbeitete. Ein Lehrer daselbst fand eines Tages, daß ein Mädchen, welches sonst ärmlich gekleidet zur Schule kam, auf einmal bessere Kleidungsstücke anhatte. Auf sein Befragen erzählte das Mädchen ganz harmlos, der Vater habe die Sachen mit von seiner Arbeit gebracht, aber sie hätten erst gewaschen werden müssen, weil Blut daran gewesen sei. So kam die Sache aus Licht, und es stellte sich heraus, daß der Mann in dem Aberglauben gewesen, wenn man das Herz rc. eines nnschuldigen Kindes besäße, so könne man jeden Diebstahl ungesehen und ungehört ausführen. Ec war zur Zeit in Dülken auf Arbeit gewesen, da sei ihm das Kind allein im Busche begegnet, und er habe jetzt die Gelegenheit wahrgenommen, sich in den Besitz der kostbaren obengenannten Gegenstände zu setzen. Der Mörder wurde in Jülich hingerichtet und seine Leiche auf der Haide zwischen Dülken und Bistard auf's Rad geflochten. An der Mordstelle

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