Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 31 (29.7.1892)
- Date
- 1892-07-29
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 31 Orsterrrichischr Wochenschrift Seite 577 (horresMnäenLM. Wien. Das „Leipziger Tageblatt* enthält ein Eingesandt, welches wir unseren Lesern nicht vorenthalten wollen. Es lautet: „In Nr. 35 des „Leipziger Kirchenblattes" (22. Juli) S. 297 findet sich folgende Bemerkung von I. I. über den Proceß Buschhoff: „Die Unerschütterlichkeit des Verdachtes allein — vergl. Heines (!) Fragment „Der Rabbi von Bacharach" — ist ein tief bedeutsames Zeichen, daß es dem Volke in der Zerstreuung nicht gelungen ist, liebend den Haß zu überwinden." Also: die Juden hätten eigentlich immer uns lieben sollen und hätten unfern Haß durch Liebe überwinden sollen — trotz aller Verhöhnungen, troß all' der wahnsinnigen Verfolgungen des Mittelalters, trotz unserer Anklagen auf Kindermord und ritueller Blutabzapfung. Die bösen Juden! Sie lieben uns nur nicht genug! Sonst wäre Alles anders! Wir Christen freilich besitzen das Gebot „Liebet eure Feinde!" schon 1900 Jahre; das fällt aber einem Theologen von heute tlicht einmal ein, wenn er dabei ist, von den Juden das Aeußerste von Friedensliebe zu verlangen. Nein, die Juden sind schuld daran, daß unser Verdacht, daß sie unsere Kinder zu Ritualzwecken schlachten, unerschütterlich ist, trotzdem daß Sachkundige das Unsinnige dieses Verdachtes erwiesen! Die Juden sind schuld daran, daß in Folge dieses unerschütterlichen Verdachtes unschuldige Familien vor Gericht kommen und alle Leiden und Unehren mordverdächtiger Menschen durchleben müssen. Die Juden sind schuld, daß Christen des 19. Jahrhunderts auf Fahrrädern kommen und „nieder niit dem Mordhause!" rufen, — sind schuld, daß der unglücklichen Familie Buschhoff, während sie vor Gericht seufzt, das Haus demolirt wird. Wieso sind an Allem denn die Juden schuld? — Weil sie uns Christen nicht genug geliebt haben, trotz aller Unbilden, die sie von uns jemals erlitten; sie hätten unfern Haß in Liebe umwandeln sollen! Die bösen Juden! Da die Juden so bös sind, sind wir Christen nun erst recht bös und halten an unserem unerschütterlichen Verdachte fest und — werden es das nächste Mal wieder ebenso machen. Ihr Juden sollt „Friedensliebe" üben, — eher fangen wir Christen natürlich mit dieser schönen Tugend, die uns Christus lehrte, nicht an uns abzugeben. Damit man sich darüber trösten könne, daß Einsender ein solches Christenthum eines christlichen Theologen nur mit einer Empfindung aufzunehmen vermag, die zwisch-n Empörung und Ekel schwankt, will ich mich unterzeichnen. Einsender ist ja nur ein Protestantenvereinler! Prof. Dr. Rudolf Seydel." Ob diese Worte auf den christlichen Theologen im „Leipz. Kirchenblatt" Eindruck machen werden? Es ist kaum anzunehmen. — Wien. Es dürfte jetzt an der Zeit sein, eine Episode, die sich während des Aufstandes im Jahre 1848 in einem Dorfe in Ungarn ereignete, zur öffentlichen Kenntniß zu bringeu, damit sich die Herren Hetzcardinäle der Gegenwart an einem wahrhaft ' christlichen Priester ein Beispiel nähmen. In Ungarn, im Neutraer Comitate, liegt das Dorf Jablonitz. Der Aufstand wüthete in allen Nachbargemeinden, so in Szenitz, Bresova, Miava, und in Jablonitz war noch immer öffentlich Ruhe, weil der dortige katholische Dechant, sowohl von der Kanzel herab, als auch privatim, seine Gläubigen zur Ruhe mahnte. Aber das Volk, von auswärtigen Hetzern aufgestachelt, gährte in seinem Innern. Dies bewog den besorgten Priester, den dortigen Brauereibesitzer und zugleich Gastwirth, namens Braun, zu sich zu rufen, machte ihn auf seine Wahrnehmungen aufmerksam und ertheilte ihm den Rath, das Gasthaus am Abend wo möglich zeitlich zu schließen, nnd den Leuten nichts einzuschänken. Der Zufall wollte es, daß gerade an diesem Tage, es war ein Sonntag, das Volk massenhaft in das Wirthshaus kam. Als der Abend hereinbrach, wollte Herr Braun nichts mehr einschänken. Die Masse benützte diesen Anlaß, fing an zu johlen und zu schreien: „Die Juden umbringen, ausrauben, sie sind auch nicht mehr als die Juden in Bresova und Miava" und machten sich thatsächlich daran, das Local zu plündern. Herr Braun, rasch entschlossen, eilte zum Herrn Dechant und theilte ihm das Vorgefallene mit. Dieser wahrhafte Priester hatte nichts Eiligeres zu thun, kleidete sich in sein priesterliches Gewand, nahm das Crucifix und eine Blendlaterne und die Glocke mit, eilte in's Gasthaus, riß die Thüre auf und schrie mit lauter Stimme: „Im Namen Gottes des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes!" „In Ewigkeit, Amen", antwortete die vor Schreck erstarrte Menge. „Ich suche meine verlorenen Schafe", fing der edle Priester an, „wisset Ihr auch was ihr thut? Ihr wollet einen Juden plündern und vergesset, daß Christus der Herr ein Judenkind war, Ihr vergesset, daß uns unsere heilige katholische Religion Nächstenliebe befiehlt. Jetzt fordere ich Euch im Namen Gottes auf, sogleich das Local zu verlassen. Jeder gehe nach Hause und denke über seine That nach!" Die Menge gehorchte, der Dechant verließ nicht früher das Local, bis wieder Ruhe und Frieden eingetreten war. Nachdem dies in die Oeffentlichkeit gedrungen war, bekam der Herr Dechant von der Wiener israelitischen Cultusgemeinde mit der Unterschrift des gottseligen Rabbiners Mannheimer ein Dankschreiben, mit der Bitte, er möge irgend einen Wunsch äußern, die Cultusgemeinde würde sich sehr gerne für seine wahrhaft edle That erkenntlich zeigen, und ihm irgend ein Angedenken einsenden. .Der Priester dankte fiir die ihm überreichte Adresse und erklärte, daß er nur seine priesterliche Pflicht erfüllte, er daher auf das ihm angebotene Andenken verzichte, denn jede menschenfreundliche That sei für ihn ein Lohn. Schreiber dieser Zeilen hatte oft Gelegenheit, mit diesem edlen Menschen zu verkehren. Mit Stolz erzählte er mir diese Geschichte und zeigte mir auch einmal das Dankschreiben. Wien. Ueber die „Blutanschuldigungen", welche in China von den Chriftenhetzern gegen die europäischen Missionäre immerwieder vorgebracht werden, berichtet der „Ostafrikanische Lloyd" vom 10. Juni d. I. Folgendes: In Wusieh, einer Stadt, die etwa zwanzig deutsche Meilen von Shanghai liegt und der Mittelpunkt der Seidenkultur Kiangsus ist, sind unter dem Volke während der letzten Wochen wieder zahlreiche Gerüchte über vorzunehmende Ausschreitungen gegen die christlichen Missionen laut geworden. Bekanntlich wurden in Wusieh im Sommer v. I. die katholischen Missionsgebäude sowie Kirchen niedergebrannt. Zu der unruhigen Stimmung haben die Gerüchte Anlaß gegeben, daß die Missionäre einen großen Balken in der im Bau begriffenen Kirche anbringen werden, der zuerst mit dem Blute von 300 Kindern bemalt sein muß. Hört man irgendwo von einem Kinderdiebstahl, so heißt es sofort, daß dieselben an die Missionäre zu besagtem Zwecke verkauft worden sind. An den Straßenecken Wusieh's fand man Plakate angeschlagen, welche besagten, daß so und so viele Kinder für Misswnszwecke gestohlen worden seien. Eins dieser Plakate war folgenden Inhalts: „Es ist wahr, daß die Katholiken dieses Platzes ihre Häscher aussenden, um anderer Leute Kinder zu stehlen und aus ihnen die Essenz ihrer Lebenskraft zu ziehen. Falls Eltern nicht achtsam sind, wird es ihnen schlecht gehen. Gutes Volk, vervielfältigt diese Plakate und schlagt sie überall an. Eine Unzahl von Kindern ist bereits auf diese Art umgekommen. O Himmel, Nimm diese Höllenhunde, rotte diese Bestien aus! Die verfluchten Beamten dürfen es nicht wagen, die Fremden zu bestrafen". Die Beamten haben von ihren Vorgesetzten strengen Befehl bekommen, die Christen zu beschützen; Proklamationen gegen die Verbreitung dieser Plakate sind erlassen, und verschiedene Schuldige bereits eingefangen worden, die zur Strafe in Ketten die Straßen paradiren müssen, um den Hals, den Holzkragen tragend, auf dem geschrieben steht: „Für das Erfinden von grundlosen Gerüchten, um das Volk aufzuhetzen". Wien. (Eine Erklärung des Reichsraths-Abgeordneten Dr. Kopp.) Die „Germania" hatte vor Kurzem die Frage aufgeworfen, wie viel wohl Professor Dr. Nöldeke für sein Gutachten im Xantener Knabenmordprocesse „von den Juden" bekommen habe. Sie wies darauf hin, daß schon der Proceß Bloch-Rohling für ihn sehr einträglich gewesen sei. Reichsraths-Abgeordneter Dr. Josef Kopp habe, wie aus einer Verhandlung über eine Ehrenbeleidigungs-Klage vor einem Wiener Bezirksgerichte hervorgegangen sei, für die Bertheidignilg des Dr. Bloch ein Honorar von 100.000 fl. gefordert und ein solches von 60.000 fl. wirklich erhalten. Zur Verantwortung aufgefordert, habe sich Dr. Kopp damit gerechtfertigt, daß das von zwei deutschen Universitäts-Professoren verfaßte Gutachten ihn 20.000 fl. gleich 35.000 Mk. gekostet habe. Die treffliche Entgegnung des Dr. Nöldeke auf die eine perfide Verdächtigung involvirende Anfrage des Berliner Jesuitenblattes haben wir bereits reproducirt. Die Tendenzlügen der „Germania" wurden aber auch von österreichischen Antisemitenblättern wiedergegeben.