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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-07-29 · 31 (29.7.1892) · page 7

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
31 (29.7.1892)
Date
1892-07-29
Page
– (sequence 7)
Language
German
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MWMSMWLMSML»« Nr. 31 publiciren. Berichte des Profeffors Dr. Wilhelm Loewenthal, welche die Fruchtbarkeit gewisser Gegenden Argentiniens hervorhoben und nachdrücklich auf die Bortheile hinwiesen, die die finanzielle Lage der argentinischen Regierung biete, brachten den Baron Hirsch zu dem Entschluß, große Landankäufe in Argentinien zu machen und in der südamerikanischen Pampa den in Rußland verfolgten Juden eine neue Heimat zu bieten. Die Nachricht hiervon verbreitete sich in Rußland sehr schnell, und zahllose Bittgesuche um sofortige Expatriirung liefen ein. Schon war eine fachkundige Landstudien-Commiffion nach Buenos Aires abgesandt, die unter Leitung des Herrn Dr. Loewenthal die argentinischen Ländereien zu prüfen und endgiltig die Gegend festzustellen hatte, in der die Ansiedlung vorgenommen werden sollte. Der Norden Argentiniens wurde daraufhin untersucht und für geeignet befunden. Inzwischen wuchs in Rußland die Ungeduld der Auswanderer. Die Ungeduldigsten warteten das Ergebniß der Mission Wr. White's, der von Baron Hirsch nach Petersburg abgesandt war, um von der russischen Regierung den freien Austritt der Juden zu erwirken, nicht ab; ließen ihre wenige Habe im Stich, stahlen sich über die Grenze und langten, vom jüdischen Wohlthätigkeits-Comite unterstützt, in Hamburg an, wo sie durch das locale jüdische Hilfscomite eingeschifft wurden. Die Verhandlungen mit der argentinischen Regierung waren noch nicht zum Abschluß gelangt, sie mußten voraussichtlich auch noch Monate währen, da die Regierung den Landverkauf den Kammern und dem Senat zur Gutheißung vorzulegen hatte. Anfang August 1891 jedoch kam von dem Centralcomite in Paris die telegraphische Anzeige, daß vierhundertrussische Juden, die bereits seit mehr als zwanzig Tagen unterwegs seien, in kürzester Frist in Buenos Aires eintreffen würden. Für die Unterbringung dieser vierhundert Immigranten sollte nun eiligst gesorgt werden. Sie fanden in dem von der argentinischen Regierung zur provisorischen Unterbringung neuer Einwanderer eingerichteten Immigrations-Hotel Aufnahme. Diese Aufnahme ist für fünf Tage unentgeltlich. Nach dieser Frist muß pro Kopf und Tag ein halber Dollar bezalt werden. Die vierhundert Einwanderer blieben achtzehn Tage, nämlich bis zum 24. August in jenem Hotel. Achtzehn Tage lang lebten die armen Leute von Brot und Thee, da sie jede andere Nahrung als nicht rituell zurückwiesen. Daß üach einer dreißigtägigen Uebersahrt auf Zwischendeck dieses achtzehntägige Halbfasten nicht erholend wirkte, braucht kaum gesagt zu werden. Erst am 24. August gelang es Dr. Loewenthal, der mittlerweile telegraphische Nachrichten von weiteren unterwegs befindlichen Transporten erhalten hatte, 25.000 Hektar Land in der Provinz Buenos Aires fest anzukaufen. Dieser Kauf war ein sehr glücklicher, da das Land sich in bester Lage befindet (neun Stunden Eisenbahn westlich von Buenos Aires), da der Boden äußerst fruchtbar (60 bis 80 Centimeter Humus), und das Klima ein gemäßigtes ist. Ein Zehntel des angekauften Landes, also 2500 Hektar, war bereits von dreiundzwanzig daselbst seit Jahren ansäßigen christlichen Familien beackert. Bon 1500 Hektar Weizen- und etwa 1000 Hektar Mais-Acker gehörte laut Kaufcontract die Hälfte des Ernte-Ertrages der levisb colouisation association. Der für das ganze Gut, einschließlich der halben Ernte, zehntausend Kühe, zwölftausend Schafe, fünfzehnhundert Pferde, einige zur Verbesserung der Zucht importirte Raffe-Hengste und Stiere bezahlte Preis belief sich auf 625,000 Dollar Papier. In diesen Preis sind auch die Drahtumzäumungen, welche mit 40.000Dollar abgeschätzt wurden, und etwa fünfzig Hektar Waldanlage einbegriffen. Diese erste Colonie wurde nach dem Baron Hirsch Mauricio genannt. Ihre Einrichtung wurde mir am 1. August übertragen. Obwohl selbst in der Gegend unbekannt, mußte ich am 25. August gleich den ganzen ersten Transport mit hinausnehmen. Zelte und Kochgeschirre sollten schon am 24. als Eilgut hinausgeschafft sein. Am 25. langten wir um 4 Uhr Nachmittags in Casares an. Bon der Bahnstation Casares sind noch fünfzehn Kilometer Weges bis Mauricio. In Casares aber waren nur sechs große Wagen aufzutreiben. In ihnen wurden die Frauen und die kleinen Kinder untergebracht, die Männer, alte und junge und halberwachsene, mußten zu Fuß gehen. Es regnete in Strömen. Erst nach Mitternacht war der Zug in Mauricio beisammen. Frauen und Kinder, die einige Stunden früher angelangt waren, brachen in Wehklagen aus, als sie bemerkten, daß das gelobte Land Mauricio nur eine große, nasse GraSwüste sei. — Es sei Sette 575 nebenbei bemerkt, daß die Monate Juli bis September in Argentinien Wintermonate sind. — Die Zelte waren noch nicht eingetroffen. Aus einer Scheune mit durchsichtigem Strohdach mußten landwirthschaftliche Geräthe und Schweine entfernt werden, damit die bis auf die Haut durchnäßten, schlecht gekleideten Frauen und Kinder wenigstens einigermaßen Schutz fänden. Die Männer schliefen unter freiem Himmel. Diese überaus peinliche Lage währte drei Tage. Erst am vierten Tage langten die Zette an, nur 29 an der Zahl. Gleichzeitig aber kam ein frischer Transport von 350 Einwanderern! Unter ungefähr gleichen Berhättnissen langten noch weitere Transporte an, so daß schließlich 611 Familien mit etwa 2200 Seelen beisammen waren. Epidemische Krankheiten brachen aus, Masern und Diphteritis decimirten das kleine Bott. Ein aus einem benachbarten Städtchen herbeigeholter Arzt konnte kaum mehr thun, als den kläglichen Stand der Dinge constatiren. Hier muß erwähnt werden, daß das Hamburger Hilfscomite. welches die Leute einschiffte, gleichzeitig die Sorge übernahm, das Gepäck der Auswanderer durch Frachtdampfer nachzusenden. Fünzehnhundert Gepäckstücke, das einzige Gut der armen Auswanderer, befand sich am 25. Llpril d. I. noch in Hamburg, und die dringendsten Reclamationen blieben unbeachtet. Wahrscheinlich liegt das Gepäck noch heute in Hamburg, denn vor sechs Wochen traf ein Brief des Centralbureaus aus Paris ein, welches anordnete, daß die Einwanderer befragt werden sollten, ob sie nicht zufrieden sein würden, wenn ihre Gepäckstücke in Hamburg verkauft und ihnen der Gegenwerth ausbezahlt würde. Solche Berhältniffe konnten nicht ermuthigend wirken, und es darf nicht Wunder nehmen, daß die Leute schließlich ungeduldig und zu Exceffen geneigt wurden. Die erste Aufgabe sollte darin bestehen, die Vertheilung des Ackerlandes sofort vorzunehmen. Ingenieur Augusto Terrasini, ein ehemaliger italienischer Artillerie-Capitän, dem die Leitung der technischen Arbeiten der Colonie übertragen war, constatirte, daß infolge früher gemachter Fehler die Erdmeffungsarbeiten neu ausgeführt werden mußten. Mitte October kam Dr. Loewenthal zum ersten Male in die Colonie. Die Arbeiten waren inzwischen etwas vorgerückt, mehrere Galyons waren errichtet, in denen die verschiedenen Zweige der Kleinindustrie Unterkunft gefunden hatten: Schuster, Tischler, Schneider, Schlosser, Klempner, Drechsler, Gerber, Lichtgießer deckten den Bedarf der Colonie. Gelegentlich der Anwesenheit des Dr. Loewenthal verlangten die Colonisteu, die Bedingungen zu erfahren, unter denen ihnen das Land überlaffen werde. Diese Bedingungen waren folgende: Jede Familie erhält entsprechend der Anzahl der Familienmitglieder 25 bis 50 Hektar Landes, der Preis eines Hettars wurde auf 100 Francs Gold festgestellt, in fünf jährlichen Raten zahlbar. Jede Familie erhält überdies, je nach der Größe des Erdlots, ein oder zwei Pflüge, eine Egge, v er bis acht Ochsen, eine Kuh und ein Pferd und die nöthigsten Hausgeräthschaften. Der Preis hiefür wird dem Landpreis zugeschlagen und ist gleichfalls in fünf Jahresraten zahlbar. Bis zur ersten Ernte erhält jeder Colonist als Vorschuß Lebensmittel, nämlich pro Tag und Kopf 7, Kilo Zwieback, % Kilo Fleisch, 100 Gramm Hülsenfrüchte, 15 Gramm Zucker, 5 Gramm Thee, Männer erhalten auch Tabak. Gleich zu Anfang erhielt jede Familie ein Büchelchen, in das die Rechnung über die aus den Magazinen entnommenen Lebensmittel einzutragen war. Die Colonisten waren weder mit dem Preis noch mit den Zahlungsbedingungen einverstanden. Da für den Hettar Landes nur 100 Francs Papier gezahlt sei und das Goldagio auf 300 stehe, so wäre, Uleinten sie, der ihnen gemachte Preis um zwei Drittel zu hoch. Dr. Loewenthal versprach den fleißigen Arbeitern den Erlaß der fünften Jahresrate. Auch damit waren jene nicht zuftieden. Dr. Loewenthal wollte dem Baron Hirsch berichten und einen weiteren Preisnachlaß nachsuchen, der einzig von dem Baron Hirsch abhängig fei. Die Lage in Mauricio wurde jetzt recht schlimm. Die Colonisten hatten das Verttauen zu der Verwaltung verloren, vermutheten überall Uebervortheilungen und stellten schließlich ganz und gar in Abrede, daß das Unternehmen ein philanthropisches sei. Es wurden Strikes organifirt, alle Arbeiten eingestellt, und als die Verwaltung, wie ihr vorgeschrieben war, mit Nahrungsmittelentziehung vorging, wurden die Beamten gefährlich bedroht. Baron Hirsch, durch Dr. Loewenthal über die Vorgänge in Mauricio unterrichtet, gab telegraphisch nachstehende Ordre: Vrstrrrrdtzischr Wochenschrift.

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