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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-07-29 · 31 (29.7.1892) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
31 (29.7.1892)
Date
1892-07-29
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 572 Oestrrretchifchr WorhenschrM. Nr. 31 Auf dem Bsschofsthrmie von Trient saß damals Jacobns Hinderbach, über den unbefangene Geschichtschreiber ein Urtheil sprechen, welches wir zu wiederholen Anstand nehmen. Der Geschichtschreiber Werunsky erzählt: „Die geistlichen Herren, z. B. der Erzbischof von Cöln, der doch gewußt hatte, was kirchlich gestattet ist, oder der Erzbischof von Mainz, borgten bei den Juden darauf los, und wenn sie große Summen geborgt hatten, meinten sie, jetzt könnte wieder einmal em Judenbrennen kommen. Sie waren ganz unschuldig daran, aber sie hatten einen ganz merkwürdigen Instinkt, das ein Jahr vorher zu kennen. Da kamen die Herren und sagten dem Kaiser: „Wenn wied er einmal sollten Jude n gebrannt werden, dann erbitten wir uns dieses oder jenes Haus." Diese Bertheilungen haben tatsächlich stattgefunden. Wir haben Urkunden in Händen, die schon im Vorhinein den geistlichen Kirchenfürsten die Häuser gaben, die möglicherweise im Laufe der nächsten Jahre verbrannt werden könnten." Wenn aber der erwartete Volksaufftand längere Zeit ausblieb, so wurde ein wenig von der Kanzel nachgeholfen. Der damalige Bischof von Trient war, wie wir später sehen werden, nicht besser als die anderen Amlscollegen. Sämmtliche Juden wurden in den Kerker geworfen und auf die Folter gebracht und nach namenlosen Peinigungen gestanden sie Alles ein, was die alten Christen im Römerreiche, nachdem man sie gefoltert hat, und was die gefolterten Christen in China im Jahre 1870 „freiwillig einbekannt", nämlich, was die Henker wünschten, daß sie aussagten, entsprechend dem „die quid me velis dicere“. Nach diesem Geständnisse wurden die Juden von Trient dem Flammentode übergeben und damit endete das „Trauerspiel in Tirol". Damit der Tragödie auch das Satyrspiel nicht fehlt, hat ein gewisser Arzt, Namens Tiberinu s, ein „Programms" über das angebliche Martyrium des Kindes an den Rath und die Gemeinde von Brixen verfaßt, dessen verblüffende Widersprüche und offenkundige Verlogenheit kein Geringerer als Johann Christoph Wagenseil, der bekannte gelehrte Professor, gezeichnet hat. Wagenseil war ein eifervoller, fanatischer Gegner der Juden, der gegen sie mehrere gehässige Schriften publicirt hat; allein die offenkundige Verlogenheit war ihm widerwärtig und er hat dem Märchen von dem Knaben Simon ein eigenes Buch gewidmet, in welchem er den Bericht des genannten Arztes einer ebenso zersetzenden als heiteren Kritik unterzieht. Sixtus IV. wurde als Cardinal unter Paul II. für das gelehrteste Mitglied des heiligen Collegiums gehalten. Als er angegangen wurde, den Knaben Simon zu canonisiren, lehnte er diese Zumuthung entschieden ab und verbot vielmehr, denselben als Heiligen zu verehren, derselbe sei kein Märtyrer. Hiemit war über die Simon-Affaire von Seite der Curie gerichtet. In demselben eben citirten Breve befiehlt der Papst den Gläubigen in Italien, sich aller Angriffe wider die am Tode Simons unschuldigen Juden zu enthalten. So dachte, so schrieb über Simon von Trient der Papst, unter dessen Pontificat sich dieses tragische Capitel jüdischer Geschichte abspielte. Dieses Breve ist citirt bei Mansi und in dem „Gutachten Ganganelli's — Clemens XIV." S. 24. „Man mutz sich jedoch merken, daß Sixtus IV. ein leuchtender Planet meiner Religion,.unter dessen Pontificat dieses traurige Ereigniß im Trento vorkam, ein apostolisches Breve erließ mit welchem der Cultus Verbote« wurde, welcher dem erwähnten B. Simon von feinen Mitbürgern gezollt wurde." In drastischer Wesse gibt der Doge von Venedig, Herzog Pietro Mocenigo, seine Ansicht über den Kindesmord in Trient dmd, nicht als Privatmann, sondern in seiner officiellen Stellung, im Einverständnisse mit dem Großen Rathe, indem er einem hochgestellten Beamten Instructionen ertheilt. Hervorgerufen wurde das Edict dadurch, daß in Folge von Hchereien fanatischer Mönche, welche auf den von dm Juden zu Trient begangenen Mord Hinweisen, auch in Oberitalien der Pöbel denselben gegenüber eine drohmde Haltung anzunehmen begann. Der Doge theilt dem Podesta in Kürze die gegen die Juden in Trient ausgeheckten Verleumdungen mit und gibt, als Resultat der angestellten Nachforschungen, seiner Ansicht folgendm prägnanten Ausdruck: „Credimus certe, mmorem ipsum, de pnero necato commentttm esse et artem: ad quem finem, viderint •t interpretentnr alii-1. (Wir sind fest überzeugt, daß dieses Gerücht, von der Ermordung des Knaben — Simon — eine Lüge und ein Kniff seizu welchem Zwecke, das werden Andere einseben und erklären.) Dazu bemerkt Wagenseil treffend: „Es braucht aber keines Nachsinnens / die Sach ligt am Hellen Tag. Außer / daß man die reichen Juden ihres Gelds und Guts berauben wollen / war damals / als dieses fürgieng / eine Zeit. da Mönche und Pfaffen /.mit allerley lügenhaften Kräften und Zeichen / und Wundern und mit allerley Verführung / die Gemüther der Menschen einzunehmen / sie um das Geld zu bringen / und einen Zulauf zu erwecken .. Es kam immer was neues herfür / die Leute an sich zu locken / und mußte jedes Orth ein besonders großes Heiligthum / mu-aculoses Bild wunderthätiger Heiligen / oder andere dergleichen devotion haben / damit sich die Leute nicht anderstwohin verlieffen / und das Geld abtrügen / sondern vielmehr noch andere von fernen angelocket würden. Nachdem es nun zu Trident an einem solchen Lock-Vogel und illicio mangelte / hat man mit dem aus der Essch gezogenen Kindeskörper seine heilige Gauckeley angefangen / und weilen er eben nach der Juden Ostern gefunden worden / öffentlich ausgeruffen / wie das Kind von den Juden / um mit dessen Blut den Teig zu den ungesäuerten Oster-Kuchen anzukneten / sey ermordet worden/ und ward der todte Leib so zugerichtet (von Tiberinus?) damit er dessen einige Zeichen qt sich hätte. Es ist auch die Sach nach allem Wunsch und Verlangen angegangen". Was immer man diesen Worten des Altdorfer Professors und gelehrten Judenfeindes hmzufügen wollte, es wäre ihren Eindruck nur abzuschwächen geeignet. Zum Lcmkener Knsbrnmordr. Bon Geheimer Medizinal-Rath Professor Dr. P e l m a n (Bonn). Es gibt eine ganze Reihe allgemeiner Redensarten, die man gewohnt ist, gedankenlos uachzusprechen, ohne sich weiter um ihre innere Wahrheit zu kümmern. Wir wenden sie an, wenn wir mit dem Brusttöne der Ueberzeugung etwas behaupten wollen, dessen Schwäche uns dunkel ins Bewußtsein tritt, und unser Gegner beugt sich willig einem Beweismittel, dessen überzeugende Kraft bei ihm längst zu einer Art Evangelium geworden ist. Und doch wie falsch, wie erbärmlich falsch erweisen sie sich der Gewalt der Thatsachen gegenüber und wie wenig bleibt von ihnen übrig, wenn man es wagt, sie auf ihre Berechtigung zu prüfen. Eine solche Redensart ist die von der christlichen Liebe, vielleicht die bitterste Ironie, die es gibt, und eine solche ist die von der Aufklärung des 19. Jahrhunderts. Was sollte nicht heutzutage alles undenkbar, unmöglich sein, wenn man diesen Redensarten vertrauen dürfte, und welche Thatsache, welche Nichtswürdigkeit gibt es in Wirklichkeit nicht, die trotzdem recht wohl denkbar, recht wohl möglich ist. Wie gern man an die Vervollkommnung des menschlichen Geschlechtes glauben möchte, wer sollte nicht daran irre werden angesichts des wüsten Treibens, womit Claffenhaß und Claffenneid planmäßig verbreitet werden, wenn man sieht, zu welch' niedrigen Verrichtungen der Name der christlichen Religion herhalten muß, und was für erbärmliche Größen es sind, welche die Frage der Civilisation und der Religiosität auf ihren Schild geschrieben haben und auf jeden Andersdenkenden die Rache des Himmels und ihres Gottes herabrufen. Ginge es nach dem Herzen dieser Jünger der christlichen Liebe, dann würden wieder wie vor längst entschwundenen Zeiten Brand und Raub und Mord ihren Einzug halten, das Angstgeschrei der mißhandelten Juden würde wieder den Rhein hinauf und hinab tönen, und wenn dann bei dieser Gelegenheit einige andere Freigeister und Zweifler an der Wahrheit des Wortes und der Erhabenheit'seiner Propheten mit zu Schaden kämen, nun, dann hätten sie es nicht anders gewollt. Wer hieß sie, die Partei der Verfolgten und dem Untergange Geweihten ergreifen und was fiel ihnen ein, am Ende des 19. Jahrhunderts an Aufklärung und einen Forsschritt des Menschengeschlechtes zu glauben! Gehört doch in der That eine Art Vermessenheit dazu, denn zu den Judenhetzen des finstersten Mittelalters gesellen sich Beseffenheit und Teufelswahn, und wer kann heute voraus sagen, ob nicht schon morgen neben dem Trichinenschauer der Teufelsbanner sitzt und zur Ausrüstung der Schlachthallen dös 20. Jahrhunderts gehört?) Ob es dann noch eine Lust ist, zu *) Anm. der Redaction: Wir erinnern unsere Leser an den Artikel gegen das „Vaterland" in der vorigen Nummer der „Oesierr. Wochenschrift," wo wir wörtlich über den Zusammenhang zwischen „Blutprocessen" und „Hexenprocessen" dasselbe sagten.

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