Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 31 (29.7.1892)
- Date
- 1892-07-29
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 31 Orstrrrrichischr Wochenschrift. Sette 571 In unserer letzten Nummer haben wir den Leitartikel des »Vaterland" vom 17. Juli beleuchtet, in welchem behauptet worden, daß die Kirchengeschichte „unbezweifelbare Facta aufweist, deren Opfer als Heilige verehrt werden, und die ein so nüchterner und besonnener Mann wie Papst Benedict XV. in seinem großen Werke äs beatiüeations servorum Dei rc. als erwiesen annimmt. Dem gegenüber wäre es von uns fast Vermessenheit, diese (hagiologischen) Facta zu leugnen." Die „Oesterreichische Wochenschrift" bemerkte dazu: »Die citirte Bulle ist uns nicht zur Hand, und sind wir darum nicht in der Lage, die Mittheilungen des „Vaterland" zu controliren." Wir haben uns Mühe gegeben, die Bulle Benedict XV. herauszusuchen und gefunden. daß ein Benedict -XV. gar nicht existirt hat. Benedict XIV. war der letzte Papst dieses Namens und dieser hat bekanntlich wiederholt die Juden gegen die willkürlichen Hetzen der Cleriker in Schutz genommen nnd in seinem Aufträge hat Ganganelli jenes Gutachten für das Cardinals-Collegium abgefaßt, welches die glänzendste Bertheidigung der Juden gegen die Mordanklage bildet. Die „Germania" citirt, nach den „Acta Sanctouun“ der Bollandisten, drei heilige Knaben, deren Ermordung sie den Juden zuschreibt: Es sind „Der heilige Simon (1475), der heilige Werner (1287) und der selige Andreas (1426). An den ersten und dritten dieser Knaben erinnern Kapellen in Trient und in Ries in Tirol, an den zweiten die Wernerkirche in Bacharach a. Rh." Unter dem Titel: „Eine Pflanzstätte des Aberglaubens" brachte die „Kölnische Zeitung", „zum Beweise wie schon int Gemüthe der Kinder jener entsetzliche Aberglaube großgezogen wird, deffen Folgen in dem Bnschhoff'schen Processe an das grelle Tageslicht getreten sind, den Auszug aus einem im Herder'schen Berlage zu Freiburg i. B. erschienenen Buche „Kathol. Kindergarten oder Legende für Kinder" von Fr. Ser. Hattler, Priester der Gesellschaft Jesu. Mit Genehmigung des hochwürd. Capitel-Bicariats Freiburg." In diesem für die katholische Jugend bestimmten Buche finden sich folgende drei Erzählungen: Die eine mit Seite 223 beginnend, führt den Titel „Der Knabe Werner" und behandelt die Erzählung von dem „jugendlichen Blutzeugen", deffen Andenken in den Ruinen der Wernerkirche bei Bacharach fortlebt. Die zweite Erzählung, mit Seite 387 beginnend, handelt von dem seligen Andreas von Rinn. Die dritte Erzählung, auf Seite 178 beginnend, berichtet von dem heiligen Simon von Trient und hebt mit folgender Betrachtung an: „Wie der gerechte Gott große Sünden eines Volkes auf Jahrhunderte hin schon aus Erden straft, davon sind die Juden seit achtzehnhundert Jahren die lebendigen Zeugen. Aber wie die Sttafe, die sie wegen des Kreuztodes Christr leiden, fortdauert, so dauert auch bei vielen Juden der Haß gegen Christus und gegen die Christen immer noch fort und zeigt sich oft in recht greller Weise. So haben sie, wie ganz zuverlässige Zeugnisse beweisen, in früheren Zeiten mehrfach kleine Christenkinder gestohlen oder gekauft, sie dann grausam gemartert und von ihrem Blute getrunken, und zwar fast jedesmal am Charfteitage, wo ihre Väter Christum ermordet haben. Eines von diesen Kindern war Simon von Trient, einer Stadt in Südttrol; er wurde gemartert im Jahre 1475." Auch diese Schrift gehörte zu den vielen Vorbereitungen, die man für den Xantener Proceß getroffen hat, die öffentliche Meinung und die Sttmmung der Geschworenen zu beeinflussen. Es fällt uns nun nicht ein, den Heiligencultus einer Krittk zu unterwerfen. Das ist eine Glaubenssache der Kirche, worüber wir uns kein Urtheil anmaßen. Die historische Begründung indessen verfällt der wissenschaftlichen Krittk. Der canonische Charakter wird nicht im Geringsten angetastet, wenn die Wissenschaft die Thatsache feststellt, daß diese Heiligen nicht von Juden ermordet worden sind. Diesen Beweis hat die Geschichte nicht nur längst erbracht, sie hat die Thaffachen auch festgestellt, daß man die Ermordung den Juden in feindseliger Absicht zugeschoben. Was den Knaben Werner anbelangt, so soll dieser im Jahre 1287 zu Oberwesel von einigen Juden bei den Füßen aufgehangen worden sein, „damit er die heilige Hosti> wieder von sich gebe". Da dies nicht gelang, geißelten sie ihn, öffneten ihm die Adern und preßten ihm das Blut aus. Werner litt geduldig und starb." Wir erwähnen blos die einzige Thatsache: Das Chronicon Colmariense bei Böhmer, Fontes reram Germanicanun zum Jahre 1288 (p. 72), also eine gut katholische Quelle, theilt nämlich mit, „daß Kaiser Rudolf den Erzbischof von Mainz zu einer feierlichen Verkündigung auf der Kanzel verhalten habe, daß die Christen den Juden das größte Unrecht thäten, und daß der gute Werner, welcher gemeiniglich als von den Juden ermordet ausgegeben, und von einigen einfältigen Christen als göttlich verehrt werde, in Feuer verbrannt und dessen Asche in den Wind gestreut und ins Nichts aufgelöst werde." Somit ist bewiesen, daß Kaiser Rudolf gegen die Anklage, die Juden hätten den Knaben Werner einer Hostie wegen umgebracht, aufgetreten ist und es ist nicht anzunehmen, daß der mönchische Chronist geschrieben haben würde, Werner werde nur von einigen einfältigen Christen für göttlich verehrt, wenn sich die Sache nicht so verhalten hätte. Womit die Thatsache, daß Werner heute von der Kirche als Heiliger anerkannt und daß zu seinem Grabe gewallfahrtet wird, durchaus nicht in Widerspruch steht. In Bezug auf Andreas von Rin« betont Ganganelli, der spätere Papst: „Ich bemerke jedoch, daß die Diöcese von Bressanone vom Jahre 1462 bis zum 15. December 1753 hat warten müssen, um vom heil. Stuhl die Ermächtigung des Officiums und der Messt zu erlangen, und erst am 14. Januar 1754 ein vollständiger Ablaß jedem bewilligt wurde, der am 12. Juli die Kirche zu Rimente, in welcher die Reliquien des erwähnten heil. Andreas ruhen, besucht. Somit hat die Diöcese von Bressanone fast 300 Jahre warten müssen, bevor die Verehrung des Knaben Andreas von der heiligen römischen Kirche erlaubt wurde. Es genügt auf Steub „Altbayerische Culturbilder" (Leipzig 1869) hinzuweisen, welcher S. 83 kurz sagt: „Ins Jahr 1462 wird der Martertod des kleinen Andreas von Rinn, des Heiligen vom Judenstein bei Hall, verlegt, eine Erfindung, deren Ruhm nach jetziger Meinung dem Haller Damenarzte Hyppolit Guarinoni, einem 1654 verstorbenen Italiener gebührt." Grund der Canonifirung waren auch in diesem Falle nicht die Erdichtungen Guarinoni's oder Kembter's, sondern die — „Wunder", die der todte Andreas gethan haben soll. Die historische Wahrheit über den Knaben Simon auÄ Trient ist bereits von unbefangenen, einwandsfteien und keineswegs judenfteundlichen Historikern klargelegt worden. Anfangs der Siebziger-Jahre des füntzehnten Jahrhunderts durchzog der Franziskaner Bernardinus von Feltre die Städte Ober-Italiens, in seinen Predigten zur Verfolgung und Austteibung der Juden auffordernd. Im klassischen Lande der Renaiffance, wo Bildung und Gesittung Gemeingut des Volkes war, fielen seine Agitationen auf äußerst unfruchtbaren Boden, nur daß ihm etliche Male das kleine Unglück arrivirte, von den Machthabern, denen seine aufteizende Thätigkeit nicht gleichgiltig sein konnte, ihrer Länder verwiesen zu werden. Er ging deswegen nach Trient. Die Berhältniffe, welche er daselbst vorfand, waren so gar nicht nach seinem Geschmacke. Christen und Juden lebten dort miteinander in gutem Einvernehmen und viele der letzteren erfreuten sich nicht nur der Achtung ihrer Glaubensgenossen, sondern auch der ausgezeichneten Wertschätzung aller ihrer Mttbürger, auch jener christlicher Confeffion. Namentlich war es ein jüdischer Arzt Tobias, der ob seiner wunderbaren Geschicklichkeit als Operateur, nicht minder aber seiner Herzensgüte wegen, als Consularius weit und breit gesucht war. Diese Verhältnisse waren nicht nach dem Geichmacke des Bernardinus und er eröffnete von der Kanzel aus eine» Feldzug wider die Juden, wobei er von Mttgliedern des Dominicanerordens willig unterstützt wurde. Die ihren Dienst nie versagende Blutbeschuldigung sollte auch hier ihre gewohnte Wirkung üben. In der Osterwoche des Jahres 1475 fand ein Jude in Trient, deffen Name nicht überliefert wurde, an dem «fernen Rechen, mit welchem sein am Ufer der Etsch gelegenes Haus versehen war, den angeschwemmten Leichnam des zweieinhalbjährigen christlichen Knaben Simon, Sohn des Gerbers Andreas und seiner Gattin Maria. Wohl wissend, wie oft derarttge Ereignisse vom Pöbel zum willkommenen Anlasse von bluttgen Judenverfolgungen genommen wurden, erregt und beunruhigt durch die aufstachelnden Predigten des Bernardinus, der ziemlich unverblümt für die Osterzeit ein „Ereigniß" vorhersagte, hielt es der Jude für das Klügste, dem Bischöfe von Trient, als der höchsten Stadtobrigkeit, den Vorfall anznzeigen. Diese Erfüllung einer einfachen Bürgerpflicht führte den Untergang der ganzen Trienttner jüdischen Gemeinde herbei.