Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-07-22 · 30 (22.7.1892) · page 47

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
30 (22.7.1892)
Date
1892-07-22
Page
– (sequence 47)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3020846-3020900-3020930--01582-3025628
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 30 Orstrrrrichifchr Wochenschrift. Seite 555 wesen ist. Der Knabe antwortete: „ Ja ja!" Auf mich machte das Kind den Eindruck, daß es noch nicht selbstständig denken kann, daß es nur wiedergibt, was ihm vorgesagt ist. Ich hatte eine Gelegenheit, als die Mutter im Rathhause war, benützt, sie vorläufig zu hören. Es fiel mir gleich auf, daß sie sagte: „Der Junge richtete sich im Bette auf und ich fragte ihn: „Na, was ist denn, rede nur, du brauchst Dich nicht zu fürchten, der Buschhoff sitzt auf dem Thurm." (Buschhoff war damals noch nicht verhaftet.) Ich ftagte sie: „Ja, wie kommen Sie dazu, dem Jungen etwas vorzulügen? Frau Kernder entgegnen: „Es ist bei der Laiche kein Blut gewesen. Deshalb muß es Buschhoff gethan haben." Diese Ansicht war der Frau Kernder Motiv zur Lüge, Frau Kernder hielt jedes Mittel erlaubt, um irgend eine Aussage, irgend ein Argument herauszubekommen. Frau Kernder bekundet auch (Brixius verliest hier die Stellen des Protokolls), ihr Söhnchen Stephan habe sich schon lange bange gezeigt, besonders aber seit dem Verschwinden des Knaben Hegmann. Stephan habe ihr auch öfter erzählt, daß Buschhoff ihm gedroht: „Kerlchen, wenn ich dich bekomme, schneide ich dir den Hals ab." Bei einer ftmheren Vernehmung hatte Frau Kernder gesagt, daß Buschhoff ihrem Jungen nur gedroht mit „in den Thurm kommen". Frau Kernder sagte weiter: An diese Worte dachte ich, als Stephan aufwachte; ich sagte ihm: „Erzähle nur, der Buschhoff sitzt im Thurm und liegt an der Kette." Die Frau Kernder bettachtetete alles als etwas ganz Natürliches, was ihre Ansicht bestätigte, die ganz fest war, daß Buschhoff die That begangen. Frau Kernder machte ans mich den Eindruck leidenschaftlicher Erregung, aber auch voller Ueberzeugung, daß alles was sie sagte richtig sei. Die Leute haben sich ein Bild zusammengestellt, worin einzelne Bruchstücke von Selbsterlebtem und Gehörtem zusammengefügt find. Durch die Phantafie wird das Bild ein immer klareres. Immer wird es deutlicher, jemehr die Leute, vernommen werden, desto bestimmter werden die Aussagen. Die Leute denken sich in eine Idee hinein und schaffen sich ein Bild. Da habe ich die Ueberzeugung gewonnen, daß viele Zengen sich einen thatsächlichen Verlauf eingebildet, dann fich in dieses Bild hineingelebt und infolge deffen mit Hilfe ihrer Phantasie stets kleine Thatsachen neu hinzufügen, alleroings ohne dies zu beabsichtigen. Ich nehme drei Phasen an, erstens was sie selbst gesehen und wahrgenommen, zweitens, was sie gehört, und drittens, was ihre Phantasie ergänzt hat. Die Zeugen vermischten, was sie gesehen und was andere erzählt, und machten mit ihrer Phantasie ein eigenes Bild von der Sache. VieleZeugen glaubten daran, was sie sagten. Ich habe die Ueberzeugung, daß sie selbst an die Richtigkeit des von ihnen Bekundeten glaubten, ich bin aber auch überzeugt, daß ihre Angaben nicht vollständig, vielleicht gar nicht mit der Wahrheit übereinstimmten. Mallmanu war schon vereidet; ich hätte ihn nicht vereidigt, wenn er nicht schon vereidigt gewesen wäre. Ich wollte es nicht den Zeugen ermöglichen, daß sie einen falschen Eid leisteten. In Beziehung auf die Aussagen der Frau Kernder hebe ich folgendes hervor. Nach ihren Aussagen ist ihr Söhnchen Stephan nach seiner Erzählung mit Venhoff und Hegmann an Buschhoff's Haus vorbeigekommen; Frau Bnschhoff habe den Hegmann hineingezogen und dann zu den beiden andern „in frecher Weise" gesagt: Ihr könnt gehen Da dachte ich mir: Das ist eine so subjektive Auffassung, das kann ein solcherJunge nicht in dieser Weise wahrnehmen. Auffallenderweise hat Vater Kernder dasselbe in den nämlichen Worten vorgetragen: „Frau Buschhoff sagte „in frechem Tone": So könnt ihr gehen," Ich fragte den Vater Kernder, ob sein Junge so gesagt habe. Da sagte er: Ich weiß nicht, ob der Junge so gesagt und nahm den Ausdruck zurück. Wenn Frau Kernder glauben sollte, daß der Junge die Wahrnehmungen gemacht hat, so habe ich die Ueberzeugung, das sie gegen Buschhoff voreingenommen war und die Aussage ihres Sohnes darnach zusammengebildet hat. Was die Vernehmung des Mölders (der gesehen haben will, wie Frau B. den Knaben Hegmann ins Haus zog) betrifft, so kann ich nur bestättgen, daß Mölders bei den spätem Vernehmungen viel genauere Aussagen gemacht hat als früher. Im Ganzen machte Mölders den Eindruck eines schwerfälligen, sehr langsam denkenden Mannes, dem ich keine direkten Beobachtungen wie die von ihm behaupteten zutraue, namentlich nicht die Fähigkeit, das von ihm selbst Beobachtete zu unterscheiden von dem, was er von andern gehört hat. Ich bin überzeugt, daß er sich diese Sache allmählich zurechtgelegt und damach bekundet hat. Mir erscheint objectiv das Urtheil des Mölders absolut unglaubwürdig. Mölders versuchte mir wiederholt darzustelleu, was er gesehen haben will, die Art des Hineinziehens. Ich gelangte schließlich zur Ueberzeugung, daß die Thatsachen, wie er sie dargethan hat, objectiv nicht wahr find. (Landgerichtsrath Brixius zeigt an einer Thür des Saales, daß eS -er der Beschaffenheit der Thür z» Buschhoffs Hand nicht möglich war, daß ein Arm sich herausstreckte und ein Kind ins Haus zog in der Weise, wie Mölders es beschrieben und eidlich bekundet hat). So gewaltsam verzerrt machte Mölders die Sache, daß ich ihm sagte, es wäre nach meiner Ansicht viel richtiger gewesm, er hätte viel mehr Zeit gehabt, wenn er mit dem Arm allmählich nahe gekommen wäre, das wäre viel sicherer gewesen. Aber nein, er sagte: Es ist so! Senkrecht kam der Arm zur Thüre heraus, unmittelbar neben der Thüre. Es ist das eine sehr gezwungene Lage und bemerkte ich ihm daher: Das müssen Sie sehr geübt haben, mir gelingt es nicht. Ja, sagte er, ich habe es den Herren sehr oft vorgemacht. Kriminalcommiffar Wolfs gab die Aussagen des Ullenboom (Entlastungszeuge für B.), die ihm nicht zu passen schienen, als unglaubwürdig an. Ich nahm deshalb Anlaß, Ullenboom aufmerffam zu beobachten. Bei den Aussagen war er durchaus nicht bestimmt, eher zurückhaltend. Wenn Ullenboom etwas nicht genau wuße, sagte er: Ich weiß es nicht, es ist schon lange. Ich glaube, es war dies äußerste Vorsicht. Ich fragte ihn auch, ob er vielleicht ein Berhältniß zu Hermine Buschhoff habe. Er sagte, in bezeichnender Weise: „Ich bin doch ein Christ und die iit eine Jüdin." Dies sprach er so wegwerfend; der Eindruck war, man solle so etwas nicht denken. Der Präsident läßt diese, sowie auch die meisten bisherigen Zeugenaussagen protokolliren und bemertt, daß die Protokollirung aus Anlaß einer Ministerialverfngnng geschehe. Bürgermeister Schieß bekundet auf Befragen, daß Frau Beckmann vor Jahren als Kindermädchen bei ihm gedient und damals ihm wenig glaubhaft schien, auch naschhaft gewesen sei. Den Ehemann Beckmann kenne er weniger, er habe nur gehört, daß dieser zweimal aus Stellungen ganz plötzlich entlassen worden sei. Den Ullenboom kenne er auch nicht, es werde aber im Allgemeinen über dessen Zeugniß die Achseln gezuckt, da dasselbe so sehr zu Gunsten Buschhoff's war. Lehrer an der hiesigen Landwirthschaftsschnle, Dr. Kögel, bekundet: Die Kaff (Spreu), die in dem Sack vorgesun den wurde, sei wesentlich verschieden von der in der Hand des Ermordeten Vorgefundenen. Es seien ganz charakteristische Unterschiede zwischen den beiden Spreuarten vorhanden, die schon mit dem bloßen Auge, ja ohne Mikroskop und ohne Lupe zu erkennen seien. Bürgermeister Schleß schließt fich diesem Gutachten vollinhaltlich an. Referendar Farnour, der alsdann als Zeuge erscheint, bestätigt die Bekundungen des Landgerichtsraths Brixius. Mölders habe sich zweifellos mit andere« Leuten besprochen, denn er sprach so geschloffen und abgerundet, wie es ihm keineswegs eigen sei. Ullenboom habe ans ihn einen durchaus glaubwürdigen Eindruck gemacht. Frau Kernder halte er nicht für unbedingt glaubwürdig. Diese sagte: „Das kann kein Anderer gethan haben als Buschhoff, denn es ist doch bei der Leiche kein Blut geftmden worden." Mallmann habe zuerst den Eindruck eines sicheren, bei seinen weiteren Bernehnlungen aber den eines heftigen und aufgeregten Mannes gemacht. Der Zeuge bekundet im Weiteren, gleich dem Landesgerichtsrath Brixius: Es habe an der Thür des Buschhoff'schen Hauses, in die das Kind durch einen herausgelangten Arm hiueingezogen worden sein solle, ein Ladenttsch gestanden. Angestellte Versuche haben ergeben, daß aus diesem 'Anlaß der von Mölders beschriebene Vorgang nicht stattgesunden haben könne. Stadt-Seeretär Devers: Ullenboom sei unbestraft; er (Zeuge) habe keinen Grund, an deffen Glaubwürdigkeit zu zweifeln und er habe auch niemals etwas Nachtheiliges über Ullenboom gehört. Bürgermeister Kaiser (Goch): Ihm sei über die Frau Beckmann nichts Nachtheiliges bekannt geworden; dieselbe habe in Goch eine Nähschule.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.