Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 30 (22.7.1892)
- Date
- 1892-07-22
- Page
- – (sequence 44)
- Language
- German
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Sette m > VeDerrrichrfche WpchrvfchM^ Nr. 30 Siebenter Verhsndlungstag. , Cleve, 11. Juli ’ Der Präsidmt, Landgerichts-Director Kluth, eröffnet gegen 97* Uhr Vormittags die Sitzung mit etwa folgenden Worten: Ehe toir in die Verhandlung eintreten, habe ich zunächst zu bemerken, daß dem Berichternatter Herrn Gustav Meyer, nachdem die leidige Angelegenheit auf gütlichem Wege beigelegt, der Zutritt zu den Verhandlungen wieder gestattet ist, Alsdann habe ich zu bemerken, daß ein gutes vielgelesenes Blatt, deffen Name ich hier nicht nennen will, sich ein sehr absprechendes Urtheil über die hiesige Bevölkerung gestattet hat. Es wird der hiesigen Bevölkerung Aberglauben, Fanatismus und Mangel an Bildung vorgeworfen. Es ist mir nahe gelegt worden, dem Berichterstatter dieser Zeitung die Eintrittskarte zu entziehen, da es unschicNich ist, daß Jemand, der als Gast hier zugelaffen ist, das ihm gewährte Vorrecht in dieser Weise mißbraucht. Ich habe diese» Vorschlag abgelehnt, da ich der Ansicht bin, daß Jeder das Recht hat, seine Meinung zum Ausdruck zu bringen. Ich bemerke aber, daß das Urtheil des betreffenden Hern: Correspondenten durchaus unzutreffend ist. Ich bin seit etwa drei Jahren hier und kann versichern, daß ich die hiesige Bevölvölkerung achten und schätzen gelernt habe. Ich bedauere daher umsomehr, daß ein solches Urtheil in die Welt geht. Ich hatte feit meiner hiesigen Thätigkeit die Ehre, sowohl in der Strafkammer, als auch vielfach bei den Schwurgerichtsverhandlungen den Vorsitz zu führen und ich kann bekunden, daß ich in der Stadt und im Kreise Cleve ebensoviel Intelligenz und Bildung gefunden habe, als in anderen, selbst sehr großen Städten. Den Fanaüsmus will der Herr Correspondent entnommen haben aus dem Umstande, daß, als der kleine Sigmund Buschhoff als Zeuge dm Saal betrat und Vater und Sohn weinten, in den Augen des Publikums keinerlei Mitleid, sondern nur fanatischer Haß gegen die Juden zu erblickm war. Ich habe kein so scharfes Auge, um dm Leuten anzuseheu, ob sich in ihrm Augen Mitleid oder Judenhaß tundgibt. Allein angenommm, es wäre der Fall gewesen, dann ist zu erwägen, daß der Zuhörerraum für ettva 100 Personen bemessen ist uud daß 100 Leute noch zu keinerlei Schlußfolgerung auf eine Bevölkerung von.20—30.000 Seelen, die zu Cleve und einstündigem Umkreise gehören dürsten, gestatten. Ich kann aber die Versicherung abgebm, daß der Bevölkerung von Cleve und Umgegend jeder Fanatismus fernliegt. Ich mache mich anheischig, mit Buschhoff in dem ganzen Clever Kreise von Haus zu Haus bis in die kleinste Hütte zu gehen und ich würde die Garantie übernehmen, daß dem Buschhoff auch kein Haar gekrümmt werden würde. Ich ersuche alsdann den Berichterstatter Herrn Hugo Friedländer, wieder einmal vorzutreten. Sie erinnern sich meine Herren, daß ich Beraulaffung genommen habe, Herrn Friedländer aus einen in seinem Bericht.vorgekommenen Jrrthum oufmettksam zu machen. Herr Friedländer versicherte, daß dieser Jrrthum durch die Schuld, eines Setzers vorgekommen ist. Ich habe mich nachträglich überzeugt, daß der Jrrthum in der That nicht durch die Schuld des Herrn Friedländer in den Bericht gekommen ist. Ich fühle mich verpflichtet , das hier öffentlich mttzutheilen. Ich bemerke Ihnen, Herr Friedländer, daß ich Ihre Berichte inr Clever Kreisblatt sehr aufmerksam lese und muß Ihnen wiederholt das Zeugniß ausstelleir, daß Ihre Berichte rütt großer Ausführlichkeit und eben solcher Sorgfalt geschrieben ist. Sie stenographiren wohl, Herr Friedländer? Friedländer: Nein, Herr Präsident, ich kann nicht stenographiren? Präsident: Dann schreiben Sie allerdings schneller, als ich es im Stande wäre. Nun ist es ja gar nicht zu verwunden! , daß bei so schneller Berichterstattung kleine Jrrthümer oder vielleicht auch Druckfehler unterlaufen. Es wäre aber gut, wenn alle die Fehler berichtigt würden. So ließen Sie den Caplan Breffer sagen: Er habe sich den heiligen Werner zum Vorbild genommen, während er in Wirklichkeit gesagt hat: Er habe sich, indem er die Bevölkemng Xantens vor den Gewaltthattgkeite», die gegen die Juden verübt wurden, abmahnt, den heiligen Bernhard von Clairvaux zum Vorbild genommen. Ich ersuche Sie, diesen Jrrthum, der ja vielleicht auch durch einen Druckfehler enfftanden ist, richtig zu stellen. friedländer: Ich bin Ihnen sehr dankbar, Herr Präsident, daß Sie mich auf diesen Jrrthum aufmerksam machen, ich werde sofort die erforderliche Berichtigung vornehmen. Präsident: Nun muß ich bemerken, daß in anderen Berichten arge Unrichtigkeiten enthalten sind. Ich muß die Herren Berichterstatter sämmtlich ersucherr, auf ihre Berichte, angesichts der großen Wichtigkeit der Sache, doch die größtmöglichste Sorgfalt zu verwenden. Zwei Jrrthümer, die die Sache geradezu auf deu Kopf stellen, muß ich hier erwähnen, da dieselben geeignet sind, das Urtheil der Herren Geschworenen zu beeinflussen und in weiten Kreisen eine falsche Vorstellung hervorzurufen. Es steht in der Kölnischen Zeitung: Der Oberstaats - anwalt stellte fest, daß die Spreu, die in dem beschlagnahmte» Sacke des Buschhoff vorgefunden, mit der Spreu, die, sich in den Händchen des ermordeten Knaben befand, übereinstimme. Es ist das ein arger Jrrthum und ich ersuche den Oberstaatsanwalt, sich hierüber zu äußern. Oberstaatsanwalt Hamm: Ich habe jedenfalls keine derarttge Aeußerung gethan. Präsident: Die Spreu hat bei den Herren Geschworenen circulirt, vielleicht kann Herr Bürgermeister Schleß, der auch Landwirth ist, sich darüber äußern. Bürgermeister Schleß: Ich habe gar keinen Anhalt für die Identität der Spreu. Erster Staatsanwalt Baumgard: Ich bemerke, daß ich für heute Nachmittag einen Lehrer der hiesigen landwirthschaftlichen Schule als Sachverständigen bezüglich der Spreu laden werde. Präsident: In der Niederrheinischen Bolkszeituug zu Krefeld befindet sich ein Telegramm, in dem es heißt: drei Metzgermeister, die gutachtlich vernommen wurden, haben bekundet, daß die Flecken in dem Buschhoff'schen Sacke nicht Rauch, sondern Butflecken seien. Sie werden wissen, meine Herren, daß die drei Metzgermeister gerade das Gegentheil bekundet haben. Ist der Berichterstatter der Niederrheinischen Bolkszeitung hier? Letzterer bemerkt, daß das Telegramm verstümmelt worden und der Fehler bereits richtig gestellt worden sei. Geschworener Kaufmann Spickschen: Ich fühle mich veranlaßt, dem Herrn Präsidenten mttzutheilen, daß an jeden Geschworenen ein Exemplar der in Witten erscheinenden Westfälischen Reform geschickt worden ist. In dieser Zeitung wird der Gerichtshof, der Oberstaatsanwalt und der erste Staatsanwalt, die Vertheidigec uud auch die medizinischen Sachverständigen in arger Weise angegriffen. Ich überreiche dem Herrn Präsidenten ein solches Exemplar. Präsident: Es ist sehr gut, daß alle derartigen Vorgänge zur Kenntniß des Gerichtshofes gebracht werden, ich nehme aber als selbstverständlich an, daß sich die Herren Geschworenen durch nichts beeinflussen laffm, sondern nur das im Auge behalten werden, was der Gang der Verhandlungen ergeben hat. Vertheidiger Rechtsanwalt Stapper: Ich beantrage, zu Protokoll zu nehmen, daß durch Bertheilen einer Zeitung eine Beeinflussung der Herren Geschworenen versucht worden ist. Der Gerichtshof gibt diesem Anträge statt. Präs.: Gestern Abend habe ich ein Telegramm, unterzeichnet von „fünf Xantener Bürgern", erhalten. Das Telegramm lautet: Mehrere Xantener Bürger, beseelt von der Absicht, der Wahrheit auf den Grund zu kommen, bitten über das Vorleben der Frau Beekmann, geb. Overhagen, Erhebungen anzustellen und den Stadtsekretär Devecs darüber zu befragen. Das Bekanntwerden des Vorlebens der Frau Beekmann dürste für den Werth ihres Zeugnisses von durchschlagender Wirkung sein. Meine Herren, .Sie wissen, daß das Beekmann'sche Ehepaar bekundet hat, Ullenboom habe ihnen erzählt, daß er am Vormittage des Peter- Paulstage gegen 10 Uhr mit seinem 2'^jährigen Pflegekinds zu -Buschhoff gegangen sei, daß das Kind vielfach aus dem Hause gelaufen sei. In einem wetteren anonymen Telegramm wird dem Gerichtshof mitgetheilt, daß FrauBeekmann vor ihrer Vernehmung auf dem Bahnhöfe in Goch lange Zeit mit einem Juden gesprochen habe. Der Präsident fragt, ob Anträge aus Ladung von Zeugen zu stellen sein. Oberstaatsanwalt: Ich bin der Meinung, daß wir zunächst den Klempner Ullenboom vernehmen. In einem weiteren Schreiben aus Xanten wird mitgetheilt, daß Dr. van Housen noch vor dem Dr. Steiner in der Scheune gewesen und erklärt habe, daß sehr wenig Blut in der Scheune war. — •' Präs.: Herr Bürgermeister Schleß, können Sie uns darüber Auskunft geben? Bürgermeister Schleß; Ob Dr. v. Housen die mitgetheilte Aeußerung gethan, weiß ich nicht, er ist jedenfalls aber nicht vor, sondern nach Dr. Steiner in die Scheune gekommen