Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 30 (22.7.1892)
- Date
- 1892-07-22
- Page
- – (sequence 37)
- Language
- German
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Nr. 30 Oestprreichprtzr Wochenschrift Seite 545 da der Herr Staatsanwalt'zweifellos bezüglich dieser Aussagen weitere Schritte thun werde. Es sei jetzt noch Zeit, Aenderungen vorzunehmen. Isaak erklärte, daß er bei seiner Aussage beharre. Mallmann berichtigt noch einige unwesentliche Stellen in dem Protokoll, hält aber im Allgemeinen ebenfalls seine Aussagen aufrecht. Beide Zeugen unterschreiben alsdann das Protokoll. Auf Antrag des Staatsanwaltes beschließt der Gerichtshof: Frau Windthuis, Frau Huiskens', Karl Alst, Fräulein Marie Küppers und Fräulein Lina Bräuer als Zeugten zu laden. Es wird hierauf der Zeitungs-Berichterftatter Gustav Meyer (Berlin) vorgerufen. Präs.: Herr Meyer, Sie haben sich einem Mitglied des hiesigen Landgerichts gegenüber ungebührlich benommen. Es ist selbstverständlich, daß Sie bei dem beschränkten Raume nur einen Stuhl beanspruchen können. Als gestern nun der Untersuchungs- Richter am hiesigen Landgericht, Herr Gerichts-Assessor Sieberger, den von Ihnen beschlagnahmten zweiten Stuhl einnehmen wollte, haben Sie dem Herrn das Besetzen des Stuhles mit groben Worten verweigert. Herr Assessor Sieberger hat sich Ihnen vorgestellt und Ihnen gesagt, daß er als Untersuchungsrichter wohl ein Anrecht habe, den Verhandlungen beizuwohnen. Darauf haben Sie erwidert: Es ist mir gleichgiltig, wer Sie sind. Der Gerichtshof hat aus Anlaß dieses Ihres ungebührlichen Benehmens beschlossen, Ihnen die Eintrittskarte zu entziehen. Berichterstatter Gustav Meyer: Ich muß bemerken, Herr Präsident, daß ich den Hern: Untersuchungsrichter nicht. gekannt habe. Präsident: Ich habe Ihnen ja bereits bemerkt, daß Herr Assessor Sieberger sich Ihnen vorgestrllt hat. Ich fordere Sie also auf, Ihre Eintrittskarte herauszugeben. ' Meyer: Ich habe eine Eintrittskarte gar nicht erhalten. Ich wiederhole aber, daß ich den Herrn Assessor Sieberger nicht gekannt habe. Präsident: Ein Mitglied des Landgerichts wird dem Gerichtshof nicht die Unwahrheit sagen. Gerichtsdiener! Dieser Herr hat nicht mehr das Recht, im Jnnenraum zu verweilen, sondern muß sich in den Zuschauerranm begeben. Es wird alsdann nochmals die Dienstmagd Dora Moll vernommen, die zuerst die Leiche bemerkt hat. Die Zeugin bekundet, daß sie am Peter-Paulstage Morgeus und Mittags die Scheune gereinigt, aber keinerlei Blutspuren wahrgenommen habe. Danach tritt eine längere Pause ein. * ch * Gegen 41/* Uhr Nachmittags eröffnet der Präsident, Landgerichts-Director Kluth, die Sitzung mit folgenden Worten: Ehe wir in die Verhandlung eintreten, habe ich zu bemerken, daß ich, wie innner, wenn ich nach Hause komme, so auch heute Mittag einen ganzen Stoß von Briefen vorgefunden habe. So schreibt mir unter Anderem eine „Frau aus dem Volke" aus Köln einen drei Seiten langen Brief, in dem mir allerlei Rathschläge bezüglich der Prozeßverhandlung gegeben werden. Dieser Brief veranlaßt mich aber n.cht, von den anonymen Briefen Mittheilung zu machen. Allein in einem anderen anonymen Schreiben wird gesagt: Man möge doch etwas schneller verhandeln und den Buschhoff nicht so liebevoll behandeln. Wenn ein Borwurf gegen die Leitung der Verhandlung erhoben wird, so trifft derselbe zunächst den Vorsitzenden, ich habe deshalb einige Worte zu bemerken, die an alle im Saale Anwesenden, auch an das Publikum gerichtet sind. Ich bemerke nun, daß ich, so lange ich die Ehre habe, Vorsitzender zu sein, jeden Angeklagten genau ebenso behandelt habe, wie den Buschhoff. Es dürfte mir dies von Allen, die mich kennen, bestätigt werden. Ich sehe eben in jedem Angeklagten den Menschen, der Anspruch darauf hat, als Mensch behandelt zu werden. Ich fühle mich nicht veranlaßt, dem Buschhoff gegenüber eine Ausnahme zu machen. Was das Verlangen anlangt, schneller zu verhandeln, so mag es ja sein, daß ein eingehendes langsames Verhandeln die Neugierde nicht befriedigt. Allein wir sind nicht dazu da, um die Neugierde zu befriedigen, sondern es ist unsere Aufgabe, zumal in einer so hochwichtigen Sache wie die vorliegende, durch eingehendste sorgfältige Verhandlung die Wahrheit zu ermitteln zu suchen. Wir können nach dem Grundsatz, der in Lessing's Nathan zum Ausdruck gelangt: „Thut nichts, der Jude wird verbrannt", nicht verfahren. Ich wiederhole also, wir werden streng sachlich und sorgfältig verhandeln, wie es unser Aller Pflicht ist, das ist mein erstes und mein letztes Wort in dieser Beziehung. (Lautes Bravo im Zuschauerraum). Präsident: Ich muß dem Publikum bemerken, daß Beisalls- oder Mißfallensbezeigungen im Gerichtssaale nicht gestattet sind. Geschworener Graf v. Loö: Im Namen der Geschworenen bemerke ich, daß auch dw Geschworenen es als ihre Aufgabe betrachten, daß die Sache in eingehendster und sorgfältigster Weise verhandelt wird, es kommt uns daher auch nicht darauf an, nöthigenfalls einen Tag länger zu verhandeln. — Ein anderer Geschworener wünscht zu wissen, ob die Mittheilung des Herrn Rechtsanwalts Fleischhauer, daß Herr Dr. Steiner sich dem Gutachten des Medicinalkollegiums angeschloffen habe, amtlich festgesteüt sei. — Präsident: Amtlich ist dies nicht festgestellt. — Bertheidiger Fleischhauer: Ich stelle anheim, Herrn Dr. Steiner und Herrn Geh. Regierungs- und Medizinalrath Dr. Kirchgäffer und Prof. Dr. Köster noch einmal vorzuladen. Der Gerichtshof beschließt, Kirchgäffer, Köster und Steiner nochmals vorzuladen. Der 35jährige irrsinnige Drechsler Clemens Kniypenberg in Kanten, ein Oheim des getödteten Knaben, stand gleich nach der That im Verdachte, den Mord begangen zu haben. Geheimrath Pelmanu war geladen, um über den Kn. sich gutachtlich zu äußern. Die hauptsächlichsten Fragen des Präsidenten und die Antworten des ledigen Knippenberg waren folgende: Kennt Ihr den Buschhoff. — Bon Haus aus nicht. — Woher seid Ihr gekommen? — Bon Kanten am Unterrhein. — Wart Ihr verheiratet? — Jetzt nicht mehr. — Wo ist Eure Frau? — Die ist umgebracht. — Womit? — Mit der Stang. — Habt Ihr Kinder gehabt? — Ja. — Wie sind sie gestorben? — Durch den Schlund. (Das heißt durch Halsabschneiden.) — Ist ihnen der Hals abgeschnitten worden? — Ja. — Eurer Frau auch? — Ja. — Wer hat das gethan? — Die sind überfallen worden. — Sind so schlechte Leute in Kanten? — Die Festung ist losgeriffen. — Wer ist der Herr? (Der Vorsitzende zeigt auf den Bürgermeister Schleß von Kanten.) — Ist keine Familie. — Habt Ihr ihn in Kanten nie gesehen? — Ne. —Habt Ihr nie etwas vom Bürgermeister in Kanten gehört? — War Verwandter von mich. — Wie hieß er? — Schleß. — Lebt er noch? — Ne. — Wie ist er gestorben?— Durch die Festung und die Leute. Ja, die ganze Gegend dort ist uns. Die Türken haben Musik gespielt. — Leben am Unterrhein auch Türken? — Nein, aber denen ich geschrieben. Die habe ich herausgebracht und habe sie auch wieder nach Haus gebracht. — Habt Ihr sie auch bezahlt? — Ja. in eigenen» Zuge habe ich sie fortgefahren. — Habt Ihr auch Verwandte in Kanten? Der Letzte ist auf dem Castell auch bei mir. — Habt Ihr auch ein Castell? — Ja, auf dem Berg, das ist mein Eigenthum. — Kennt Ihr einen Mann in Kanten, namens Hegemann? — Ja, das ist mein Schwager. — Lebt der Hegmann noch? — Der ist auch gestorben. — Der Hegmann hat ein Hans auf der Kirchstraße? — Ne. — Wem gehört das Haus? — Das Haus gehört mich. — Habt Ihr vor Peter und Paul Streit» gehabt und gesagt: das ist mein Haus? — Ne. — Hat Hegmann Kinder? — Ne. — Sind die Kinder vom Hegma»»n alle fort? — Die standen alle in Kanten, sie sind beim Militär. — Ist Schangchen auch beim Militär? — Ne. — Habt Ihr gehört, daß jemand dem Schängchen den Hals abgeschnitten? — Erzählt haben sie es wohl im Geschäft gegenüber. Geheimrath Pelmaun beantragte, in einem besonderen Zimmer den Knippenberg vernehmen zu dürfe»». Das Gericht entsprach dem Anträge. Als Geheimrath Pelmann mit dem Knippenberg wieder im Saal erschien, gab er sein Gutachten dahin ab: Knippenberg ist geisteskrank und feine Geisteskräfte sind in raschem Zerfall begriffen. Er litt an Verfolgungswahn. Die Rudera des alten Wahns leben noch in ihm. Durch diese hindurch geht eine Gutmüthigkeit. Er. hat gehört, daß das Kind umgebracht worden ist; er hat sich aber keine Gedanken darüber gemacht, wer es ist. Es ist ganz sicher: wenn er die That begangen hätte, würde er es auf Grund von Wahngebilden gethan und nach Art aller dieser Kranken dann in aller Form gesagt haben: Ich habe es gethan. Dies ist bei Knippenberg rricht der Fall. Er ist schon zu schwachsinnig, als daß er gefährlich würde. Es find bei ihm nur noch ganz vage Vorstellungen von -Festungen und von Leuten, die darin find. Ihm gehört ja alles. Ich halte den Knippenberg für einen gutmüthigen, ungefährlichen Kranken, allerdings unter Umständen kann er gereizt werden. Ich halte es im höchsten Grade für unwahrscheinlich, daß er den Knaben getödtxt hat. Sein ganzer Charakter, seine ganze geistige Richtung spricht dagegen.