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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-07-22 · 30 (22.7.1892) · page 14

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
30 (22.7.1892)
Date
1892-07-22
Page
– (sequence 14)
Language
German
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7 Jt. M ■t fl & Seite 522 Orstervetchychr Wochrnfchrkst. Skr. so „Wenn Sie, gnädige Frau, mit dem, was unser einfaches Haus bieten kann, fürlieb nehmen, so sind Sie uns bestens willkommen." Ihre angebotene Hand wurde herzlich gedr ückt. Während Frau Werner die' Fremde mit ihrem Knaben in die „gute Stube" führte, besorgte Herr Werner, daß die zwei schweren Reisekoffer vom Postwagen herbeiaeholt und ins Haus geschafft wurden. Die Dame.fühlte sich sofort heimisch, und wollte fich's nicht nehmen lasten der Frau in der Küche zu Helsen, wo das Abendmahl bereitet wurde. Der Knabe machte sich mit den Kindern des Herrn Werner vertraut, die nicht gewohnt mit anderen Kindern umzugehen, anfangs bei seinen Annäherungsversuchen etwas schüchtern waren, bald aber die kindliche Natürlichkeit gewannen und ihn wie ihresgleichen behandelten. Ehe man sich zu Tische setzte, wuschen sich Herr und Frau Werner die Hände, die Dame that dasselbe. Die Werner's sahen sich dabei verwundert an, über ihr Erstaunen wuchs, als der Knabe laut den Segensspruch über die ihm wie yen Kindern des Hauses dargereichte Brotkrume sprach. Während des Mahles, bei dem die Dame durch ihre frohe Laune chre Gastgeber aufheiterte, sagte sie. „Mir gefällt es bei Ihnen so gut, daß ich wohl Lust hätte, längere Zeit hierzu bleiben, wenn Sie mich behalten wollten." „Wenn es nur auf uns ankommt", entgegnete Herr Werner, „so können Sie uns keine größere Freude machen, als wenn sie bleiben, gnädige Frau." ,Hand darauf, Herr Werner. Aber Sie dürfen mich nicht mehr mit „gnädige Frau" anreden, sondern kurzweg „Anna", so heiß ich, oder Aennchen", wie mich mein Mann heißt, oder „meine Liehe", kurz wie sie eine gute Freundin bezeichnen wollen. „Schade, daß ich Sie nicht als Schwesür betrachten kann", sagte Frau Werner lächelnd, „denn unsere Namen sind fast gleich, ich heiße Hanna." „Ihr jüdischer und mein deutscherName sind dieselben, ich heiße jedoch auf jüdisch Huldach, und wir könnten auch Schwestern sein, liebe Hanna", sagte die Düme in der heitersten Weise. „Doch Sie wissen ja noch gar nicht, wer ich bin, ich falle Ihnen in's Haus, wie eine feindliche Einquartierung. Ich bin eine Amerikanerin. Mein Mann, Herr Waagmann, hatte drüben jenseits des großen Wassers ein Bankhaus und hat sich einige Dollars geschafft. Dieser Knabe hier, Harry, ist unser einziges Kind. Wir wollen uns in dieser Gegend, für die mein Mann schwärmt, ankaufen und von dem hiesigen Orte aus möchten wir die Ausflüge in die Umgegend machen, die Herrschaftsgüter zu besichtigen und auf dasjenige einen Anbot zu machen, welches uns gefallen wird. Mein Mann hat diesen Ort darum zum Mittelpunkte unserer Umschau gewählt, weil hier eine jüdische Gemeinde ist und wir streng rituell leben. Bor der Hand wissen Sie also genug, über das Nähere plaudern wir ein andersmal oder warten wir bis mein Mann kommt, der in geschäftlichen Angelegenheiten noch in Wien weilt und in acht bis zehn Tagen Hiersein wird. Wie wir der sich freuen, daß ich so gut hier geborgen war, meinem Hause, wo die Liebe und die Zusiiedenheit wohnen." „Die Liebe ja," sagte Herr Werner darauf, „aber die Zufriedenheit leider nicht." „Wie? Sie haben einen Kummer?" fragte sie theilnehmend, „ümn Ihnen Niemand helfen?" — „Niemand, als Gott." „Ich bitte, machen Sie niich zur Vertrauten Ihres Kummers, vielleicht sendet uns Gott zu Ihrer Hilfe." „Es ist nicht so bald erzählt. Bringen wir erst die Kinder zur Ruhe; es ist ihre Schlafftunde." Die Kinder wurden in ihr Schlafzimmer gebracht. Harry von seiner Mutter dahingeführt. Und nachdem er wie die anderen das Nachtgebet verrichtet hatte, gingen Frau Werner und ihr Gast wieder in das Speisezimmer zurück und Herr Werner begann mit der Geschichte des Unglückes seines Hauses. Am nächsten Tage war die Dame schon ganz wie zu Hause und Harry so befreundet mtt den Kindern, besonders mit dem in gleichem Aller wie er stehenden Töchterchen Ella, daß sie sich gar nicht mehr trennen konnten. Er sprang mtt ihnen im Hofe herum, als wäre er mit ihnen hier geboren und erzogen. Als sie ««mal bei ihrem Treiben in die Nabe der Wohnung des alten Wemer kamen, fragte Harry, was denn da drinnen sei? Ella sagte, sie wisse es selbst nicht, aber es sei ihnen verboten, darnach zu solchen, es müsse ein Geist da hausen. ,Sch bin ein Amerikaner, ich habe Much", erwiederte Harry, „ich will den Geist sehen!" Und indem er laut ein Lied sang, um sich doch die Angst zu vertreten, trippelte er hart bis an die verschlossenen Fensterläden. Diese wurden von innen ein Wenig geöffnet, daß die Kinder deutlich einen Kopf bemerken konnten, der auf den Gesang lauschte und zufrieden nickte. Die Kinder liefen mit der Meldung von dieser gemachten Entdeckung schnell nach Hause und der Vater, die Mutter und die Dame schienen ganz glücklich von dem erzählten Kopfnicken. Es wurde den Kindern keine Rüge ertheilt, daß ihre Neugierde sie bis an die geheimnißvolle Hütte trieb und ihnen auch nicht ausdrücklich verwehrt, diese Neugierde weiter zu befriedigen. Richtig rückten die Kinder am nächsten Tage gegen Abend wieder zu der Wohnung des Geistes, wie Ella meinte, und Harry exekutirte wieder ein Kinderliedchen, von dem er glaubte, die Erscheinung des Geistes noch besser als gestern hervorzaubern zu könnnen; aber sie sahen von ihm heute nicht mehr als gestern und erzählten es wieder zu Hause, und es bereitete Freude bei Allen. Es war ein Freitagabend und die Sabbatbraut wurde seit langen Jahren nicht in solch' gehobener Stimmung empfangen und gefeiert wie diesmal. Den folgenden Tag regnete es, es wurden jedoch die Kinder selbst in ihren sabbathlichen Kleidern nicht abgehalten, dem Geiste ihre Fensterpromenade zu machen. Es war bereits dunkel, und Harry sagte ans dem Wege zu Ella: „Diesmal muß er uns ganz erscheinen, ich werde ein jüdisches Lied singen, das die Macht hat, selbst den Propheten Elias zu bringen, wie mein Papa sagt. Weißt Du wer der Prophet Elias ist? den schickt der liebe Gott, wenn Verdruß in einem Hause ist, um alle wie der lieb und gut zu machen." Bei der Hütte angekommen, begann Harry im höchsten Discant das für den Sabbathausgang bestimmte Lied; ,LUabn H'nobi* zu singen. Bei der letzten Strophe hörten die Kinder die Thürriegel klirren. Sie erschrocken, auch der Amerikaner, bei all' seinem Muth. Beide Thürflügel gingen auf und es stand der „Geist" vor ihnen, von dem Scheine einer Lampe beleuchtet, die er in der Hand trug — eine ehrwürdige Gestalt mit einem schwermüthigen Gesichte und einem langen weißen Barte.. „Guten Abend, Kinder!" begrüßte er seine jungen Freunde! Ihr könntet Euch bei diesen Wetter hier verkühlen, tretet zu mir ein, wenn Ihr euch vor mir nicht fürchtet." „O, wir fürchten uns nicht vor Dir" antwortete Harry. „Du bist gewiß der Lila H’nabi." Wie der Knabe so sprach, leuchtete ihm der Alte in's Gesicht und erschrocken trat er einen Schrttt zurück. „Bin ich denn ein böses Kind?" fragte Harry traurig. „Nein, nein", sagte der Alte wehmüthig, „aber ... ich bin nicht Eiiah H’nabi, sondern wünschte selbst, daß er zu mir komme, denn ich bin ein kummervoller Mann." Bei diesen Worten faßte er Harry und Ella an der Hand uud führte sie in die Stube. Es war ein unheimliches Gemach, daß die Kinder beim Betteten desselben schauderten; aber die Freundlichkeit des Alten verwischte bald den ersten Eindruck. „Wer von Euch war der Sänger?" fragte der Alte. „Harry war's, sagte Ella. „Ja ich, ich war's", sagteHarry. „Sing' mir den Elias noch einmal, Harry. Du weißt gar nicht, wie wohl Du damit meiner Seele thust." „Harry sang noch einmal, daß es von den dumpfen Wänden wiederhallte. Die Hände vor den Augen hörte der Alte zu. „Bon wem hast du dieses Lied gelernt?" fragte er den Knaben, nachdem er ausgesungen hatte. „Bon meinem Vater", antwortete Harry. „Wie heißt dein Vater?" „Josef." - „Josef!" wiederholte der Alte gespannt, „und wie noch?" „Josef Waagmann." Der Alte ging in . Gedanken versunken mit langen Schritten gus und ab; dann wandte er sich zu dem Mädchen: „Und wie heißt du?" „Ella Werner," sagte das Mädchen schüchtern. Wie verklärt blickte der Alte empor, dann legte er die Hände auf die Köpfe der Kinder und murmelte ein Gebet, und als er geendet, sagte er: „Kinder, jetzt geht nach Hause und kommt morgen, übermorgen, alle Tage wieder." Damit leuchtete er seinen Gästen hinaus und schloß die Thür hinter ihnen. „Gute Nachricht zu der „Füllewöch'", rief Herr Werner, als die Kinder mit fröhlichen Gesichtern in die Stube stürmten. Und sie erzählten nun haarklein von ihrem Besuch bei dem Alten, von seiner Güte und Herzlichkeit, aber auch von seiner tiefen Schwermuth und seinem beständigem Seufzen, (Fortsetzung folgt.)

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