Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 30 (22.7.1892)
- Date
- 1892-07-22
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Sk. 36 Orstrrrrlchischr WochrnfchE Seite 531 Vater vertrat ihm den Weg und sprach einen gräßlichen Fluch über ihn aus. Während der jüngere Sohn, Naftali, und der Vater sich mit der Mutter beschäftigten, sie wieder zum Leben zu bringen, verschwand Josef. Die zum Bewußtsein wieder erwachte Mutter suchte ihn mit den Augen, wagte aber nicht, nach ihm zu fragen. Der Vater ging gebrochenen Herzens zu seinen Geschäften, die Mutter saß weinend in ihrem Bette. Es wurde Abend, Josef kehrte nicht wieder. Eine unheimliche Stille herrschte im Hause. Niemand sprach ein Wort. In der Nacht hob sich die Mutter aus dem Bette, und von unsäglicher Angst getrieben, irrte sie im ganzen Hause umher. In ihrer Herzensqual rannte sie in die finstere Nacht hinaus, hinunter zur Waag. Da begegnete ihr eine Bäuerin aus dem Orte mit einem Bündel Reisig auf den Rücken. „Anncsa! Hast Du nicht meinen Sohn, den Studenten, gesehen?" „Ja, schon gegen Abend. Er ging am Ufer und starrte in die Wellen, als ob ihn etwas lockte." „Mein Sohn, er hat den Tod gesucht und gefunden!" schrie markerschütternd die Mutter und sank ohnmächtig zu Boden. Während die Bäuerin sich um die Ohnmächtige bemühte, kamen schon der Vater und sein jüngerer Sohn herangerannt, welche die Spuren der Mutter bei ihrem Verlassen des Hauses verfolgten. Sie vernahmen von der Bäuerin, was vorgefallen. Wie verzweifelt hob der Vater die Hände zum Himmel und rief: „Du Gott da droben, auch das noch! — Deine Hand ruht schwer auf mir, womit habe ich so gesündigt? Ich habe gehandelt nach meinem Gewissen, du kannst mir nicht Schuld geben den Tod des Verlorenen!" Vater und Sohn trugen die Mutter, die mehr einer Todten als einer Lebendigen glich, nach Hause. Alle Sorge concentrirte sich jetzt nur um die kranke Mutter. Der Vater und der jüngere Sohn wichen nicht von ihrem Bette. Des unglücklichen Josef wurde scheinbar gar nicht mehr gedacht. Aus Zartgefühl wollte der Eine, daß der Andere an den Vorfall vergesse und so hütete sich jeder Theil vor der leisesten Erwähnung desselben. Einem Selbstmörder wird das Seelenlicht nicht angezündet und für ihn kein Kadisch gesagt; es war also nichts da, was an den Unglücklichen erinnerte. Nichtsdestoweniger war er der einzige Gegenstand des Denkens von Vater, Mutter und Bruder. So fromm die Mutter auch war, empörte sie sich gegen die talmudische Härte der Ausschließung der Selbstmörder vom ewigen Leben. „Ist nicht die Barmherzigkeit Gottes unendlich," sagte sie sich, „und ich selbst will nicht selig werden, wenn es mein Josef nicht wird!" Gegen alle Vorschrift hat sie, von dem Tage an, da man ihr den Sidur ins Bett reichen konnte, still das Kadischgebet dreimal des Tages für ihren Sohn gebetet. Sie mußte ihn erlösen, selbst den himmlischen Mächten zum Trotz. Um das Andenken des Verlorenen ganz zu vernichten, ließ der Vater Alles verbrennen, was von dem Sohne da blieb. Aber er vergaß an die Briefe, die dieser noch aus seiner Preßburger Zeit nach Hause geschrieben. Diese Briefe waren zur Hälfte hebräisch an den Vater und zur Hälfte deutsch an die Mutter. Ihre glücklichsten, seligsten Stunden bildete einst das Lesen dieser Briefe, und sie hatte dieselben zusammengebunden und in ihrem Wäschekasten bewahrt. Beim ersten Herabsteigen vom Bette bemächtigte sie sich dieses Schatzes und sie wühlte darin, so oft sie eine Stunde allein war, sie wühlte mit Wollust in ihrem Schmerze, sie las diese von kindlicher Liebe überquellenden Briefe wieder und wieder und wie eine Todtenbeschwörerin zauberte sie sich das Bild des Verlorenen vor, sein Bild in seiner ganzen Schönheit und Hoffnungsfülle. Und wenn si» von ihrer Verzückung wieder erwachte und das Bild verschwunden war, sagte sie sich: „Nein, was noch so lebhaft vorgestellt werden kann, konnte nicht vernichtet worden sein. Die Weisen, Gott verzeih mir die Sünde, sind nicht in die Geheimniffe der andern Welt eingedrungen. Mein Sohn lebt fort!" Auch der Vater, obwohl er sich alle Mühe gab, den Verlorenen zu vergessen und sich in den Strudel der Geschäfte, wie niemals früher, stürzte, um nur die Gedanken an ihn los zn werden, vermochte es nicht. Ebensowenig der Bruder. So verging das Jahr und es rückte die erste Wende des Unglückstages heran. Am Vorabende desselben zündete die Mutter das „Jahrzeitlicht" an. Als der Vater nach Hause kam und es bemerkte, ging er hin und blies es aus. Die Arme sagte kein Wort, zog sich zurück und weinte. Aber von dieser Stunde an wurde sie recidiv und nahm von Tag zu Tag mehr ab. Die Sorgfalt, die ihr Mann ihr zuwandte, nahm sie gleichgiltig hin, ohne mit einem Worte oder Blicke ihm zu danken. So nahte der Tod. Erst im letzten Augenblicke, nachdem sie das Schema- Israel gelispelt, wandte sie die fast schon gebrochenen Augen flehend zu ihrem Manne und sprach mit allem Aufwand ihrer letzten Kraft: „Verzeihung!" und mit diesem Worte hauchte sie die Seele aus. Mit dem Tode der Frau wurde es noch trauriger in diesem Hause. Der Alte zog sich von aller Welt zurück, vernachlässigte das Geschäft, das jetzt ganz aus Naftali lag, der keinen Rath wußte, weil er bis nun immer bevormundet wurde rrnd keinen selbstständigen Gedanken haben durfte. Auf die Thränen dieses Sohnes sagte ihm der Vater einmal: „Denk dir, ich sei schon gestorben. Alles, was da ist, gehört dir. Nimm dir ein Weib. Ich werde im ehemaligen Stalle hinten im Hofe meine Wohnung auffchlagen und euch nicht belästigen; nur so viel wirst dn mir verabreichen laffen. daß ich nicht verhungere. Aber das sag ich dir, fromm muß dieses Weib sein, daß ich nicht ganz um meine Seligkeit, komme. Ich werde auch dich und deine Kinder verfluchen, wenn auch ihr von Gott abweichet, wie.. .." Er sprach den Namen nicht aus. Aber er hob die Hände znm Himmel empor und sagte wie flehend: „Sarah, Sarah! ich' verzeih' ihm, doch was nützt cs, wenn ihm Gott nicht verzeiht." Dieses Drängen an den Sohn, zu heiraten, war jetzt die einzige weltliche Angelegenheit, von der er noch sprach. Und Naftali folgte endlich. Seine Wahl fiel auf ein armes, braves Mädchen.' Es war eine traurige Hochzeit. Und gleich am Tage nach derselben bezog der Vater die elende Hütte, die er sich bestimmte und begann sein Büßerleben. Naftali's Wahl war eine glückliche. Hanna war klug und wirthschaftlich. Sie brachte Segen in das Haus. Die Geschäfte gingen gut und Naftali Werner wurde der reichste Mann in der Gasse, und auch der wohlthätigste. Eine Schaar blühender Kinder vervollständigte den Segen der Schrift. Und doch war dieses Haus freudenlos. Der Kummer, daß der alte Vater an diesem Glück und Segen nicht theilnimmt, daß er bei all' ihrer Liebe für ihn sich von ihnen ganz abschloß, daß die Schmach der früheren Vorfälle dieses Hauses auf ihnen laste und sie stets das Gerede der Leute seien, wich nicht von Naftali und seiner Frau, und sie waren bei all' ihrer Güte etwas menschenscheu und zurückgezogen. Sie ließen ihre Kinder nicht mit anderen Kindern zusammenkommen, daß sie von diesen nichts erfahren, was man sich über ihr Haus erzählt, und die besondere Zärtlichkeit, mit der sie ihre Kinder behandelten, war das absichtliche Extrem von der Härte des Vaters um deren traurigen Folgen vorzubeugen. Die „Geiwehnicks" waren die Gedemüthigtsten in der Gaffe. Mehr als fünfzehn Jahre schon ist dieses Haus gezeichnet: ruht die Hand Gottes auf demselben, schlagend und segnend. Mehr als fünfzehn Jahre hat sich keine materielle Sorge über die Schwelle dieses Hauses geschlichen, ist aber auch der Frohsinn ihm fern geblieben. Es gab genug fromme Leute in der Gaffe, die da wünschten, wenn sie vor diesem Hause vorübergingen, es mögen doch einmal die Engel des Friedens in demselben einkehren. Ist dieser Wunsch erfüllt worden? Eines Tages wurde im Orte der Schall eines Posthorns gehört, was so selten war, daß er im Nu der Gegenstand allgemeiner Aufmerksamkeit wurde und Fenster und Thüren sich mit Köpfen füllten. In der That kam bald eine Postkutsche angefahren, die vor dem Dorfwirthshause stehen blieb. Eine Dame im Schleier sprang flink aus dem Wagen in die Schänke, kehrte jedoch nach einigen Minuten wieder zurück und half einem etwa sieben- bis achtjährigen Knaben aussteigen. Anstatt aber in der Schänke einzukehren, gingen Beide des Weges weiter und lenkten ihre Schritte in die Gaffe. Bor dem Werner fchen Hause, das beinahe in der Mitte derselben stand und durch Größe und äußeren Schmuck von allen übrigen Häusern hervorstach, blieben sie einen Augenblick stehen und traten dann direct in die Hausflur. Herr Naftali Werner ging ihnen entgegen, lüftete seine Hauskappe und grüßte. In bittendem Tone begann die Dame: „Wollten Sie uns nicht für diese Nacht eine Herberge geben? Im Wirthshause da drüben haben sie nicht einmal ein Fremdenzimmer." Werner sah seine Frau an und sagte: