Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 30 (22.7.1892)
- Date
- 1892-07-22
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Scke 518 Vestrrrrichifchr Wochenschrift. Nr. 30 HsrresplmäenLen. Wie«. Die vor drei Monaten von Frau Dr. Grünfeld ins Leben gerufene Zerien-Colvnie für israelitische Kinder hat letzten Montag, den 18. vom Staatsbahnhofe aus die Reise nach ihrem Bestimmungsorte Schattmannsdorf nächst Preßburg angetreten, nachdem die Kinder, 39 an der Zahl, worunter 25 Kimben und 14 Mädchen, vorher von dem rührigen Damencomite mit den nöthigen Schuhen, Kleider, Wäschestücken, Reisekördeu und sonstigen Utensilien nach Maßgabe der vorhandenen Mittel ausgestattet worden waren. Für den Kinderfreund war es ein wahrhaft rührender Anbück, diese einfach aber nett gekleidete Kinderschaar mit den freudig erregten Gesichtern zu sehen, wie sie hoffnungsfroh und doch auch wehmüthig von den sie bis auf den Perron begleitenden Ettern und Angehörigen Abschied nahmen, und als der Zug aus der Halle dampfte, wollte das Tücher- und Hüteschwenken schier kein Ende nehmen. Ein Lehrer für die Knaben, ein Fräulein für die Mädchen begleitet die Colonie nach Schattmannsdorf, wo der Oekonomiebesitzer, Herr Steiner, zur Aufnahme der Knaben einen eigenen Schlafsaal. erbauen ließ, da nur für die Mädchen ein solcher vorhanden war. Die Präsidenttn der Prager jüdischen Ferieu-Colo^ie, Frau Betti Lasch, hat die obenerwähnte Neuqründung einer Wiener Ferien-Colonie für israelitische Kinder schon in den ersten Stadien mit warmem Interesse begrüßt und dasselbe neuerdings durch eine reichhaltige Spende an Gebet- und Lesebüchern, vorgedruckten Handarbeiten zum Schlingen und Sticken, verschiedenen Wollen, Strick- und Häckelnadeln, Fingerhüten, Handschuhen u. dgl. in werkthätigster Werse bekundet. Berlin, 16. Juli. Ein bemerkenswerthes Nachspiel zum Processe Buschhoff wird der Barmer Zeitung aus Kirchberg im Kreise Simmern berichtet. Der seit einigen Jahren dort practicirende Arzt Dr. Junkermann sei plötzlich abgereist und habe seinen Freunden erklärt, daß er nicht zurückkehren werde. Die Abreise des Dr. Junkermann, welcher der Sohn des Hauptzeugen im Proceffe Buschhoff ist und bekanntlich von seinem Vater als Gewährsmann für das Blutmärchen bezeichnet wurde, errege in Kirchberg Auffehen. — In Bremen bildete sich ein nur aus chrislliche» Großkaufleuten bestehendes Comite zu Geldsammlnngen für Buschhoff, um dadurch die Freude über das Scheitern unhellvoller Bestrebungen auszudrücken. — Herr Adolph v. Liebermann in Berlin erklärterer werde Buschhoff bis an dessen Lebensende 200 Mark jährlich zahlen und die Verfügung treffen, daß dieser Beschluß auch von seinen Erben ausgeführt werde. Ueberraschende Enthüllungen gegen Ahlwardt bringt eine soeben im Verlage von van Groningen u. Co. in Berlin erschienene Broschüre „Ahlwardt's Ende". In derselben werden von den Hauptzeugen Ahlwardt's, den entlassenen Arbeitern aus der Loewe'schen Fabrik Krähhahn und Bretschueider, Erklärungen veröffentlicht des Inhalts, daß die Ahlwardt'schen Enthüllungen fast durchweg eigene Erfindungen Ahlwardt's und nicht die Aussagen dieser Zeugen gewesen sind, resp. daß Ahüvardt deren Bekundungen durch eigene Zusätze stark entstellt habe. Krähhahn, der jetzt Droschkenkutscher ist, erklärt, Ahlwardt habe ihm einen leeren, unbeschriebenen Briefbogen gegeben, den er (Krähhahn) nach seiner Erzählung, aber vor Niederschrift derselben, unterzeichnet habe, und Ahlwardt habe in seiner Abwesenheit den Text vor seinen Namen gesetzt. Krähhichn erklärt zugleich im einzelnen, daß Ahlwardt zu der angebliche» Aussage Kräbhahn's eigenmächtig Zusätze gemacht hat, die der Wahrheit widersprechen. Ahlwardt habe ihm 2300 Mark zur Gründung eines Geschäftes versprochen, die von Herrn v. Wackerbarth, Frhrn. v. Langen, Regierungsassessor Baron v. Hülsen und Schriftsteller Paasch hergegeben würden. Auch dem Zeugen Bretschneider sollen diese Herren die Vergütung aller Mühen und Kosten zugesagt haben. Zugleich wird Ahlwardt vorbeworfen, Bestechungsversuche gemacht zu haben, um Gewehrthelle aus der Loewe'schen Fabrik zu erhalten. Bei dem Architekt Borrmann in der Grünauerstraße liege auch ein Gewehr, das aus der Loewe'schen Fabrik stamme. Der Zeuge Krähhahn erklärte weiterhin, daß er von Anbeginn Ahlwardt gesagt habe, daß Löwe unmöglich von den Vorkommnissen in der Fabrik habe wissen können, ebenso wenig Kühne. Nur die Meister hätten ein Interesse an den Manipulationen gehabt. Und was bei Loewe vorgekommen sei, komme auch in den Staatsanstalten ebenso vor. Die Broschüre ist verfaßt von einem früheren Antisemiten, der früher selbst an den antisemitischen Treibereien theilgenommen hat. Ahlwardt, dem das Erscheinen der Broschüre schon in der jüngsten Antisemitenversammlung, in welcher er sprach bekannt war, hatte die darin aufgestellten Bekundungen von vornherein als erlogen zu kennzeichnen gesucht. Da indeß schon von Anbeginn an festgestellt worden, daß die Behauptungen Ahlwardts in allen ihren wesentlichen Theilen erfunden waren, dürften die jetzigen Aussagen seiner früheren Zeugen doch einen ziemlich erheblichen Anspruch auf Wahrscheinlichkeit machen. Dieselben beschäftigen bereits das Gericht, das, wie der „Freisinnigen Zeitung" mitgetheilt wird, schon Untersuchungen nach der Richtung angestellt hat, daß Ahlwardt einen Soldaten durch das Angebot von 30.000 M. verlettet habe, in Frankfurt a. O. einen Gewehrdiebstahl zu begehen. Dieserhalb haben vor dem Untersuchungsrichter Pochhammer schon am Freitag Vernehmungen stattgefunden, die acht Stunden dauerten. Magdeburg, 12. Juli. Die heutige „Magd.-Zeit." bringt an ihrer Spitze einen Leitartikel: „Werglaube und Gerichtszeugniß", dem wir Folgendes entnehmen: Eine interessante Erscheinung in dem Buschhoff'schen Prozesse ist die Tbatsache, daß Zeugen im besten Glauben Sachen und Dinge behaupten, die sie nicht gesehen haben, weil das nach natürlichen Gesetzen einfach unmöglich ist. Wir machen eine solche Erfahrung in. diesem Proceß nicht zum ersten Male, dem Criminalisten sind diese Einbildungen bei Zeugen wohl bekannt. Worauf sie zurückzuführen sind, kann nicht zweifelhaft sein. Wenn Tag für Tag der dümmste Aberglaube gelehrt wird, wenn die verwerflichste Agitation jahraus, jahrein an die wüstesten Leidenschaften appellirt und unbewiesene Behauptungen als über allen Zweifel erhabene Thatsachen hin stellt, so muß es schließlich dahin kommen, daß der eine und der andere Zeuge fest davon überzeugt ist, eine Wahrnehmung gemacht zu haben, die er gar nicht gemacht haben kann. Die geistige Jnfection der Massen erzeugt eben Hallucinationen und die Criminalisten, welche die Proceßacten studirt haben, wissen hierfür ein reichhaltiges Belegmaterial beizubringen. Selbstverständlich wird durch diese Erscheinung die Aufgabe der Justiz recht schwer; es bedarf des Aufgebotes aller Kräfte und psychologischen Scharfblickes, um festzustellen, in wie weit der Zeuge die von ihm behaupteten Wahrnehmungen wirklich gemacht hat und in wie weit er unter dem Banne einer Hallucination steht. Der verstorbene Professor v. Holtzendorff hat schon zu Beginn der antisemitischen Agitation auf die Gefahr aufmerksam gemacht, welche der Ermittelung der Wahrheit aus ihr erwachsen könnte und Befürchtungen geäußert, die sich als vollständig begründet erwiesen haben." , Köln, 20. Juli 1892. (Antisemitische Heldenthnten.) Auf dem jüdischen Friedhofe zu Grevenbroich (Rheinland) wurden in den letzten Tagen verschiedene neue Grabsteine zertrümmert und die einzelnen Stücke umhergeschleudert. In der Nacht von Samstag auf Sonntag wurden im Hause eines jüdischen Kaufmannes mit einem großen Pflasterstein die Spiegelscheiben eingeworfen; in der Synagoge wurden zwei Fenster zertrümmert. In dem eine halbe Stunde entfernten Orte Gindorf wurden in der verflossenen Nacht um 2 Uhr am Hause der jüdischen Witwe Behr eiserne, mit Sprengstoff gefüllte Röhren entzündet, wodurch das Eingangsthor zertrümmert wurde. Die Thäter sollen erkannt sein. Die jüdische Bevölkerung sieht sorgenvoll den kommenden Tagen entgegen, umsomehr als Sonntag eine antisemitische Versammlung stattfinden soll. Freiburg i. Bad., 10. Juli. Von den „Generalpächtern deutscher Sitte" hat wieder einmal einer Gelegenheit gehabt, ein öffentliches Anerkenntniß seiner Moral zu erhalten. Der durch seine antisemitische Wirksamkett bekannte Bürgermeister Franz Josef Müller aus Rheinweiler wurde vom Geschworenengerichte zu Freiburg in Baden nach dreitägiger Verhandlung, die unter ungeheurem Andrang des Publikums stattfand, des mehrfachen Betrugs, der Fälschung von Urkunden, der Wechsel fälschungen, des Meineids und der Brandstiftung für schuldig erkannt und zu einer Gesammtzuchthausstrafe von 11 Jahren, sowie 10 Jahren Ehrverlust verurtheilt. Der Berurtheilte war seiner Zeit Kronzeuge gegen den jüdischen Handelsmann Raphael Unger, der auf Müllers Zeugniß hin zu ll/2 Jahren Zuchthaus verurtheilt wurde. Einen anderen jüdischen Handelsmann Max