Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 30 (22.7.1892)
- Date
- 1892-07-22
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 30 Wochenschrift. Gelle 517 sen, weil Wind Horst gedroht habe, vor ehrwähnte Sache zur Sprache zu bringen. Bismarck allein habe man zu verdanken daß die Juden zur herrschenden Classe geworden seien — und um diesen Mann schaart e n sich heute die Antisemiten als ihren besten Hort. Die Geschichte der letzten Jahrzehnte ergebe, daß das bisherige Verhalten der Antisemiten Bismarck gegenüber eine Unklugheit gewesen wäre, die schon eher Dummheit zu nennen sei. — (Oho! Vereinzelter Widerspruch.) Der Vorsitzende des antisemitischen Vereins „Süden", Pohl, erklärt: „Ich weist das; wir von Bismarck nichts zu erwarten haben, aber von unserem Kaiser haben wir auch nichts zu erwarten. (Oho!) Ich wiederhole es, von unserem Kaiser haben wir nichts zu erwarten." Lefefrüchte. (Ein „Ritualmord" in München vor fünfhundert Jahren.) Auch München ist schon einmal am Ende des vierzehnten Jahrhunderts der Schauplatz einer ähnlichen wüsten Hetze gewesen, wie jetzt am Schluffe des neunzehnten Jahrhunderts Lanteu. Aber der Wahnsinn, die Juden eines Ritualmordes zu beschuldigen, hatte damals furchtbarere Folgen als die, daß nur einem Unschuldigen sein Eigenthum verwüstet und er einige Zeit in Gefangenschaft gehalten worden wäre. Die „M. R. N." entnehmen. die nachstehende Geschichte einer Historie der Wallfahrtskirche Deggendorf, welche im Jahre 1604 von Joannes Sartorius, Pfarrer und Dechant dortselbst, veröffentlicht nmrde. Das Buch ist in einer unverkennbaren antisemitischen Tendenz geschrieben; es geht dies schon augenfällig aus dem Jnhaltsverzeichinß hervor: von den 14 Capiteln des Traktats sind allein zehn dem „großen außgeübten Mutwillen der Juden" gewidmet. Vergiftung der Brunnen, Schändung von Hostien aus alle erdenkliche Art, Entehrung von Heiligenbildern u. s. w. ist noch das Geringfügigste, was ihnen unterstellt wird: im fünften „Capitul", dem weitaus größten des ganzen Buches, betitelt: „Bon einem anderen überaus grossem gräuelichem Mutwillen / der Juden vielfeltigem Kindermord" wird ihnen die Schuld an nahezu 50 Ritualmorden in die Schuhe geschoben. Außer der unten im Wortlaut folgenden „Begebenheit" in München ist besonders intereffant der bis in die kleinste» Details geschilderte Mord an den 2'/., Jahre alten Simon Andree, Gerberssohn aus Trient, der seinerzeit großes Aussehen erregt haben mag, da Sartorius von ihm schreibt, daß er „aller Welt bekannt und von Viten namhafften Scriptoribus erzehlet" worden sei und daß man ihn gemeiniglich den „Mord des Kindleins von Trient" zu nennen pflege. Die in München spielende Geschichte erzählt der Verfasser, ohne auch nur ein Wort des Zweifels an der Richtigkeit der Thatsache zu äußern, wie folgt: „Wils kurtzlich vnd summariter erzehlen. Ein alt verzweiffelte Vettel , so vil gemeinschafft mit den Juden / hette denselben ein Christen Kind verkaufst / die dann daffelbige mit Nadeln gestochen / das Blut auffgefangen / vnd also gar ertödtet. Dise That het jhr vund jhneN so wohlgerathen / daß sie verschwigen vnnd nit lautruff wäre worden / wann sie nit darauff weiter noch eines ebenermassen zu stehlen vnnd auf die Fleischbanck zugeben sich vnderstanden / in dem sie dann von dem Batter daß Kinds ergriffen / für Obrigkeit gebracht / allda sie besprächet worden / vnnd in der Frag bekennet neben diesem jhrem Führhaben / jhr vorbegangne That. Darauff man jhrer Außsag nach das zuvor ertödte Kind gesucht vnnd gefunden / ihr auch wol verdienten Lohn durch den Scharpfrichter ertheilen lassen. Die Burgerschafft aber so das ermordte / vnnd vbel zermetzgte Kind vnder Augen sahen / wirbt schwürig / machet einen Aufflanff / wil kurtzumb / der Obrichkeit Erkandtnuß hin oder her / im schnipff vnd augenblick alle Juden in der Stadt München todt haben. Man hielte sie zwar ab mit Trowen vnd Streichen. Man fordert die Juden zur Audientz in jhr von Holtz erbavte Synagog / in Meinung das Bolck mit fürnam eines rechtlichen Prozeß zu stillen: Aber vmb sonst. Da sie der Juden ansichtig / entzündet sich ihr Hitz gar / wirbt der Aufflauff grösser als zuvor / tragen dahin / da die Juden / wie vermeldet / zur Verhöre gefordert vnnd erschienen / allerhand Sachen / mit welchem bald Fewr zu machen / als dürr Holtz / Schwefel / Kien x. rc. verbrennen an eim Freitag jhr gedachte Synagog m i t 180 Juden darin/ da kaum davon entrunnen die zu Erkandtnuß dahin / als deputierte/ vorhanden waren." Dieser grauenhafte Act der Wuth läßt aber den hochwürdigen Erzähler, einen berufsmäßigen Prediger der Nächsteltliebe, ziemlich kalt: denn er schließt mit den dürren Worten: „Wir wöllen zwar solche Prozeß deß Bolcks hiemir nit gut heiffen oder probiert haben ' mehr aber wöllen wir an Gottes Barmhertzigkeit gegen Visen verworffnen Hauffen gedenken weder sie mit jhrer geschwinden Weiß inn allem verdenken." (Tie Juden in der französischen Gesellschaft.) Alls Paris schreibt man dem „B u d a p e st e r Tagblatt"; Mali hat den französischen Juden aus Anlaß der jüngsten gegen sie gerichteten Drnmont'fchen „Liebenswürdigkeiten" u. A. auch den Vorwurf gemacht, dan ihre hervorragenden Männer nur auf dem Handels und Bankwesen zu finden sind. Wie sehr diese Anschuldigung allen Grundes entbehrt, beweist folgende Statistik, welche durchaus keinen Anspruch auf Vollzähligkeit machen will. In der Journatistlk und Literatur haben sich einen bedeutenden Namen erworben: Albert Millaud, Mitarbeiter des „Figaro“, dessen Vater Politore Millaud, der das „Petit Journal“, ^ie verbreitetste Zeitung in ganz Frankreich, gegründet hat; Jules Claretie, hervorragender Romanschriststeller. Mitglied der Akademie und Director der ersten französischen Bühne; Änatol, Mitarbeiter des „Temps1, dessen Begründer gleichfalls ein Elsäffer Jude namens Reffzer gewesen ist; Jules Simon, ehemaliger Minister uild Mitglied des Instituts, welcher ursprünglich Simon Suisse hieß. Bei der „Republique Franeaise“ arbeiten Ludwig Halevy, dessen „Abbe Constantin" auch in Ungarn sowohl als Roman wie als Theaterstück großen Erfolg hatte, Louis Bloch und Josef Rein ach: beim „Figaro* Adrien Marx und Rosen tha l (letzterer unter dem Pseudonym St. Circ), beim »Journal äes vedata“ der berühmte Rationalökonom Georg Michel, der bekannte Dramaturg Adolf D^Emery und der Lyriker und Romancier Catull Mendes. Ferner ist Arthur Meyer, Redacteur vom „Gaulois“, Eugen Meyer, Mitarbeiter der „Lanterae-*. undBlovi tz, Correspondent der „rimes“. Bedeutende Schriftsteller sind Abraham D reyfns, Louis Ratisb onne, Albin Balabregue und Ernest Blum. Zu den Koryphäen der Bühne gehören: Zelie Hadamart. Amalie Hirsch, Rosina Bloch, welche an der großen Oper wirken; Worms und Berr vom Theatre Franoais. Als Malerin genießt Rosa Bonheur eines Weltrufes. In der Armee haben sich ausgezeichnet die Generäle Lambert, B r iffa c, A l v ar i s, L e w Y, See und Salvador, ferner sind auch die Obersten Lyon, Fix und Hinstin jüdischer Confession. Auf dem Gebiete der Politik haben sich hervorgethan: Camill Dreyfus, Lockroy und Reinach, unter den Gelehrten zeichneten sich aus Leo Philippin und Loewy, welche hervorragende Astronomen sind. Lippmann. der Erfinder der farbigen Photographie, und der Schwiegersohn Dumas. Germain B e e, berühmter Arzt, Emil I a v a l und Michael B r e a 1, beide Mitglieder der französischen Akademie. Aus dieser Liste, welche, wie gesagt, durchaus nicht Anspruch auf Vollzähligkeit macht, ist zu ersehen, daß die Drumont sche Behauptung durchaus aus der Luft gegriffen ist. — Das „DeutscheBolksb l a t t" druckt diese Aufzählung nach und schließt daran die seiner Gefinnungsrohheit vollkommen entsprechende Bemerkung: „Wir ersehen aus derselben, worin der Grund zu suchen ist. daß das Glück des ftanzösischen Volkes zu der jetzigen enormen Höhe gestiegen ist: Anarchismus, Diebstähle, Aussaugung der niederen Volksclaffe. eine verwilderte Presse und Verlotterung an allen Enden!" Daß das Prototyp der Verlotterung und der verwilderten Presse in Paris Drumont und feine „Libre parole“ find, weiß alle Welt; daß unsere Wiener antisemitischen Preßjünglinge hinter ihrem Pariser Freunde nicht Zurückbleiben wollen, beweisen sie dadurch, daß sie in der Pariser Gesellschaft hochgeschätzte Namen mit Anarchie und Diebstahl zusammenbringen, ohne dafür auch nur den Schatten eines Beweises zu liefern. Jedenfalls würden sie diese Gemeinheitunterlassen haben, wenn sich die Redaction des „Deutschen Bolksblatt" nicht in der „Linken Bahngaffe", sondern in irgend einer Sttaße von Parts befände.