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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-07-22 · 30 (22.7.1892) · page 8

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
30 (22.7.1892)
Date
1892-07-22
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Sette 616 Vesterrrichisttzr Wochrnschrifl Nr. 30 hetzen. Die Arbeiter jedoch besaßen zu viel Takt und eine zu klare Auffassung der Situation, um den Herzenswunsch der Behörden zu erfüllen; so blieb diesen nichts übrig, als das Lumpenproletariat zu engagiren. In der Nähe der Stadt ist eine Verbrecherkolonie, Valuta, wo Diebe und andere Verbrecher nach Verbüßung chrer Strafe hindirigirt werden. Unter der Führung obrigkeitlicher Agents provocateurs zogen diese Verbrecher bandenweise durch die Straßen und verübten allerlei Schandthaten, die weder im Interesse noch im Plane der Strikenden liegen konnten. Das Gesindel verübte eine Menge Diebstähle und Plünderungen; weraber an dieser Arbeit von den Strikenden betroffen wurde, dem -wurde auf die Finger geklopft. Die polnische Arbeiterpartei sah diesen Vorgängen nicht müßig zu, sondern trat sofort mit einer geheim gedruckten Proklamation auf den Plan, die stark verbreitet wurde und deren Wortlaut wir hier mittheilen: „An die Arbeiter von Zgniersch, Lodz und Pobianitze. Arbeiter, Brüder! „Mit Freude und Enthusiasmus nehmen wir an Eurem Kampfe mit den Blutsaugem und Unterdrückern Theil. Wir, die Arbeiter Polens, und die Arbeiter der ganzen Welt bewundern Euern Muth und Eure solidarische Haltung. Elend, Hunger und die Folter unaufhörlicher Arbeit haben Euch dazu getrieben, kürzere Arbeitszeit und mehr Lohn zu verlangen. Eure Forderungen sind berechtigt und billig. „Ein kürzerer Arbeitstag bedeutet Gesundheit unseres Körpers und Geistes; ein kürzerer Arbeitstag wird unseren unbeschäftigten Brüdern Arbeit geben .... Die Fabrikseigenthümer, eingeschüchtert durch Euren Muth und Eure Solidarität, waren bereit, nachzugeben; aber die Regierung verbot es ihnen. „Die russische Regierung glaubt, mit ihren Regimentern die Arbetter in unterwürfigem Stillschweigen darniederhalten zu können; sie gestattet nicht, daß wir uns wehren gegen unser Loos, das Armuth und Erniedrigung ist. Brüder, Arbeiter! Die Regierung will alle unsere Bestrebungen für die Freiheit Niederschlagen. „Anstatt des großen Mottos: „Kämpft für die heilige Sache der Arbeit" läßt sie die Parole austheilen: „Nieder mit den Juden". „Die Regierung hat eine Diebsbande losgelassen, um ein (Gemetzel anstellen zu können. Wir erklären hiemit als Arbeiter ausdrücklich und feierlich, daß wir mit den Schandthaten ihrer Helfershelfer nichts gemein haben, daß unsere Hände rein sind, und daß die Regierung die, ganze Verantwortlichkeit für das Thun und Treiben dieser Bande ttägt. „Wir kämpfen nicht gegm Juden oder Deutsche. „Hoch die Sache der Arbeit! Hoch der 1. Mai! Die polnischen Arbeiter." Ungefähr zwei Wochen vor dem 1. Mai war in Warschau und in anderen polnischen Fabriksstädten bereits eine Proklamation verbreitet worden. Nach Hervorhebung der Bedeutung des 1. Mai, als des Tages der Anerkennung der Arbeiter aller Länder und mtt der Mahnung, daß dieser Tag schon zweimal gefeiert worden, fährt diese Proklamation fort. „Sollen wir polnische Arbetter Zurückbleiben? Nein! Dieses Jahr, wie am 1. Mai 1891, werden wir fordern, was unser Recht ist: Das Recht, Mensch zu sein und das Recht auf ein menschenwürdiges Dasein!" Dann folgen nach einer Ermahnung, die Maifeier würdig und feierlich zu begehen, die Forderungen, welchem die Demonstration Nachdruck geben soll; dieselben lauten wie folgt: „Wir verlangen, daß der Arbeitstag nur acht Stunden betrage, damtt wir vor Ueberarbeit geschützt sind, damit wir Zeit haben zur Bildung, zum Genuß und zur Ruhe, und damit die Arbeitslosen beschäftigt werden können. „Wir verlangen eine Erhöhung unserer Löhne, damit wir vor Elend, sicher sind, damit unsere Kinder nicht .ihre Gesundheit und Kraft, ehe sie erstarkt sind, dem Verderben preiszugeben gezwungen werden, und damit unsere Töchter nicht vor der schrecklichen Wahl stehen, ihren Körper verkaufen oder Hungers sterben zu müssen. „Wir verlangen politische Freiheit. Nieder mit dem grausamen und despotischen Zaren, der unsere treuesten und edelsten Vorkämpfer hinrichten läßt. Wir wollen durch uns selbst regiert sein. Wir verlangen die Freiheit der Vereine und der Versammlungen, damit wir über die Wege und Mittel uns berathen können, wie wir unsere Lage zu verbessern vermögen. Wir wollen die Freiheit der Rede und der Presse, damit die Männer, die das Wohl des Landes zu fördern bestrebt sind, nicht länger vor die Beamten des Zaren geschleppt, eingekerkert oder zur Verbannung nach Sibirien verurtheilt werden. „Wir verlangen das Recht, in unserer Muttersprache denken und reden zu dürfen; die polnische Sprache soll in den Schulen wie vor den Gerichten als Landessprache gelten. Die polnischen Socialisten." Fürst Bismarck und diq Berliner Ankisemistlinge. In Berlin fand eine Versammlung der dortigen antisemitischen Vereine statt, in welcher dieselben Stellung gegen den Fürsten Bismarck — und gegen die Fruchtbörse nahmen. Fürst Bismarck wurde von den antisemitischen Rednern in der gewohnten Manikt verdächtigt und ihm insbesondere sein intimer Verkehr mit Bleich r öder zum Vorwurfe gemacht. Nachdem conftatirt wurde, daß Fürst Bismarck erst judenrein gewesen sei, beschlossen die Antisemiten Berlins judenreine Mehl-, Leder- und Eierbörsen zu gründen. Wir geben im Nachfolgenden den Bericht dieser merkwürdigen Versammlung. Zu Beginn der Versammlung hielt der „Schriftsteller" B r a u m a n n einen Vortrag, welcher aus einer Anhäufung von Anklagen gegen den Fürsten Bismarck, mit dessen Staatsleitung die „I u d e n n o t h" über Preußen und Deutschland gekommen sei. Es sei daher auf's schärfste zu verurtheilen, daß die Antisemiten^ Wiens, Dresdens, Münchens und anderer deutscher Städte dem Ex-Reichskanzler so begeistert zugejubelt haben. Bismarck sei nur das gefügige Werkzeug Bleichrüde r's g e w e s en. In nicht mißzuverstehender Absichtlichkeit stellte niit diesen Angaben der Redner die „Thatsache" zusammen, daß Bleichröder mit dem Welfenfonds zugleich das damals noch recht kleine Vermögen Bismarck's in Verwaltung genommen hätte. Bleichröder habe sich durch Operation mit den 48 Millionen des Welfenfonds ein Vermögen von 700 Millionen verschafft, Bismarck habe es von einem armen Deichgrafen zu vierzig Millionen gebracht. (Aha!) Bleichröder sei zur Festsetzung der Kriegsentschädigung von Bismarck nach Versailles gerufen worden. Warum hat man da nicht einen deutschen Mann aus einem der alten, angesehenen Handelsgeschlechter zu Rathe gezogen? Die „Preußische Zentral-Bodenkredit-Aktiengesellschaft" die vor dem Kriege gegründet, sei nach Ankunft der Milliarden plötzlich emporgeblüht. Bismarck sei freilich mit vielen Millionen Aktien al pari bedacht gewesen. Jnvalidenfonds, Provinzialfo^ds und andere schwindelhafte Unternehmungen seien in's Leben gerufen worden. Alles das auf directe Veranlassung Bleichröder's. Um ihre Beziehungen zur jüdischen Finanzwelt zu verdecken, sei Ine Re- -gierung genöthigt gewesen, alle nur erdenklichen, Fehler zu begehen. So habe Bismarck beispielsweise den Kulturkampf fallengelas-

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