Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 30 (22.7.1892)
- Date
- 1892-07-22
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 30 Vestrrrrichifche Wochenfchrist Sette 515 zopfte Botaniker die Häupter — aber Lueger weiß, was — der Abgeordnete Dötz sagt und das Ganze hängt mit der Baluta-Regulmmg so enge zusammen, wie Schneider mit Liechtenstein. Auch der sprach! Aber schon wie, Bruderherz! Und doch beschlich mich während seiner, wie ich annehme überaus geistvollen Auseinandersetzungen wieder jenes geheimnißvolle, ahnungsreiche, quälende, und drückende Gefühl, das mich immer überkommt, wenn ich einen reden höre — der gebüffelt und geochfet hat. Ich kann Fleiß selbst bei anderen nicht vertragen. Da ich aber andererseits wieder spürte: der Mann da unten hat wohl gelernt, aber den unrechten Text eingepaukt, da ward mir leichter zu Muth und ich konnte — nach meiner liebgewordenen Gewohnheit — sitzen bleiben. Schade, daß Gregorig nicht im Reichsrathe sitzt, schade, daß wir dessen erleuchtete Ansichten über diese dunkle Frage entbehren müssen. Wie läßt doch Schiller den König Philipp zum Posa sagen: „Wenn solche Köpfe feiern, welch ein Verlust für meinen Staat." Armes Oesterreich! füge ich aus tiefstem antisemitischkn Herzensgnmde hinzu. Es sollte mich wundern, wenn nicht die ganze Action ein Loch bekäme, wenn nicht etwas Wichtiges vergessen würde. Ohne Gregorig kann so was nicht gemacht werden. Das wird immöglich glatt ablaufeu! Was sagst du zu Ernten? Sprechen die den Juden frei! Ist so was erhört? Weil er unschuldig ist! Ja eben deswegen hätten sie doch den Semiten nach jahrtausend altem Gewohnheitsrechte in Grund und Boden hinein vcrurtheilen müssen. Das ist mir eine saubere, weltliche Gerechtigkeit! Lassen die den seltenen Vogel laufen! Wann kriegen wirdenn wieder einen echten, wirklichen Schächter zu fassen? In diesem Jahrhundert vielleicht gar nicht mehr. Und wo sollen wir denn gleich wieder einen verschwundenen Knaben anftreiben? Die Leute sind doch gar zu rücksichtslos. Wenn sich noch einer von „unsere Leut'" für Geld und gute Worte rituell schachten ließe, aber die stellen gleich exorbitante Forderungen und sagen, sie könicken nicht billiger, es koste sie selber so viel. Ja, lieber Bruder, so eine Sache zu insceniren kostet unseren wackeren Regisseuren wahrlich ein blutiges Geld und das ist(—) geschächtetes Capital. Diesmal sind wir ihnen gar schön reingefallen. „Ein großer Aufwand ist umsonst verthan." So viel Moos, so viel Zeit, Mühe, Geduld — und Alles vergeblich! Die Zeugen haben uns die Suppe versalzen. Ich weiß nicht, hat man denen zu viel oder zu wenig zu trinken gegeben. Sie sagten — durch die Geschworenenbank — alle judenknechtisch aus. Sie hatten keine Ahnung von der Bedeutung des Falles ffu* uns. Und die Geschworenen dachten nur an Buschhoff und vergaßen an uns. Wir waren die Geschächteten zu guterletzt und werden, wenn die Geschichte in der Tonart foAgeht, bald genug die Geächteten sein. Wer wird uns noch einen Zwanziger pumpen wollen? wer wird uns mehr das Blutmärchen glauben wollen, mit dem wir dem dummen Pöbel so einen hübschen rothen Dunstvorzumachen verstanden haben? Die grusliche Stimmung, wenn so einer anhob vom Passah fest und die Schneider'sche Lithographie hervorholte aus der Brusttasche; die wurde mit gebührlichem, geheimen Schauder betrachtet; wie zitterten da die geballten Fäuste in allen Taschen, wie glotzten da die stieren Blicke aller Augen in das Leere und — wenn endlich das erlösende Wort fiel, ein Kraft- und Scheltwort gegen jene, uns so verhaßte Brut, die die Unverfrorenheit besitzt — zu existiren und auf der Erde zu wandeln. Ihr Dasein ist ihr Verbrechen. Die triumphiren jetzt und wir haben uns wieder schändlich blamirt. So schön war der Ort gewählt, geradezu meisterhaft: kanten. Das ist die rechte Localität. Am Rhein! Die schöne, mittelalterliche Scenerie, das düstere, gothische, engwinkelige Städtchen, wie zum Schächten geschaffen. In kanten durchzufallen! Wie schön sich nur das $ allein in dem Namen der Stadt machte. Es ist zum Zerbersten. Schmachvoll! (Ja wohl „schmachvoll!" Anm. d. Red.) Womit ich verbleibe mit unverfälscht deutschem Gruße Dein „ausgelöster" Teutobold. Das Massaker in Tod; („Frei Rußland" Nr. 6) Der blutige Ausgang der Maifeier Lodz war von ganz ander'» Leuten geplant und inszenirt als den Arbeitern. Ursprünglich hatten die Arbeiter beabsichtigt, den 1. Mai als den Weltferertag des Proletariats festlich zu begehen, um ihre Solidarität mit der internationalen Sache der Arbeit zu bekunden. Die Veranstaltrmg der Feier führte zu einer Menge von Versammlungen, in denen unter Berücksichtigung der lokalen Verhältnisse beschlossen wurde, am 2. Mai die Arbeit niederzulegen mit folgenden Forderungen: 1. Verkürzung des Arbeitstages auf 10 Stunden; 3. Lohnerhöhung. Am 3. Mai sing der Strike an; die zwei folgenden Tage legten große Massel: vor: Fabrikarbeitern die Arbeit nieder und schlossen sich den Strikern an; am 5. Mai war die ganze arbeitende Bevölkerung von Lodz — im Ganzen 100,000 Personen — im Russland. Nicht lange und die arbeitende Bevölkerung der Nachbarstädte Zgnirsch und Pobianitze war mit in die Bewegung gerissen. Trotz der überraschend schnellen Ausdehnung des Strikes blieben die Arbeiter am 1. Mai, sowie die nächsten zwei Tage vollkommen ruhig, abgesehen von einigen Zänkereien, die zivischen den Arbeitern, die zuerst und Denjenigen, die zuletzt in den Strike traten. Aber der Polizei paßte dieses ruhige Auftreten nicht in's Handwerk; sie mußte provozirt haben, und da r ab's dann Todte und Verwundete aus beiden Seiten. Es fielen mehrere Kosaken und auch der Chef der Polizei sank, von einem Stein getroffen, zusammen. Die Fabrikanten zeigten sich geneigt zu einer Verkürzung der Arbeitszeit um eine Stunde, sowie zu einer kleinen Lohnerhöhung die Hand zu bieten und erklärten, mit einer Abordnung der Arbeiter Verhandlungen anknüpfen zu wollen. Aber der Gouverneur der Provinz verbot ihnen, mit den Strikern in Verhandlungen zu treten oder aus deren Forderungen irgendwie einzugehen. Bald waren zwei Regimenter Kosaken und einige Schwadronen Kavallerie auf dem Platz und von Warschau drahtete Generalgouverneur Gurko: „Patronen nicht sparen, Stadt unter Kriegsgesetz stellen." Die Truppen machten sich daran, die Strikenden durch Verhaftungen und Auspeitschen zur Wiederaufnahme der Arbeit zu zwingen. Es kam zu Straßenkämpsen und Massenverhaftungen; aber die Arbeiter setzten sich zur Wehre und befteiten ihre gefangenen Kameraden. Wie immer bei solchen Ereignissen, warm auch hier außer den Kämpfenden Hausen von Zuschauern in die Straßen hinabgestiegen Weiber und Kinder, wovon viele dem brutalen Wüthen der Ordnungsretter zum Opfer fallen sollten. Im Ganzen sind 1*40 Personen, Striker und Zuschauer, verwundet oder getödtet worden und weitere 300 sitzen in Haft, um prozessirt zu werden. Eine große Menge der Verhafteten, gegen die nichts direkt Belastendes vorgebracht werden konnte, wurde auf administrativem Wege fortgeschickt, andere zwangsweise nach Ortschaften versetzt, woher man vermuthete, daß sie gekommen seien. Unter den Ausgewiesenen befanden sich 300 Ausländer, welche sammt und sonders über die Grmze spedirt wurden. Durch diese Maßregel hat die Regierung die Mehrzahl zur Wtederaufnahwe der Arbeit gezwungen, jedoch gelang iw dies nicht vor dem 9. Mai und nicht ohne milttärische Besetzung der Fabriken. Wie empört man aber auch über diese Brutalität sein mag, die Obrigkeit übertrumpfte sich selbst durch ihre Infamie. Von Anbeginn des Strikes hatten die Behörden versucht, durch Lockspitzel die erhitzte Mmge gegen die Juden zu