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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-07-22 · 30 (22.7.1892) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
30 (22.7.1892)
Date
1892-07-22
Page
– (sequence 6)
Language
German
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EM 514 Vrsterreichische WvrhenfchrM Nr. 30 Verdienste erwarb sich der kathol. Arzt Johannes Weyer durch sein spater auf den römischen Index gesetztes Werk gegen den Hexenwcchn, welche ein Bischof von Basel mit einem semitisch verdächtigen Namen Simon Sulzer in's Deutsche übersetzen ließ, um dem Wüchen der Hexenprocesse in Deutschland Eüchalt zu thun. Gleicher Ruhm gebührt dem Jesuiten Friedrich von S p e, welcher seine Streitschrift gegen die Hexenwuth anonym publiciren ließ — ohne Genehmigung des 'Ordens. Das wären allerdings keine Papste, aber fromme glaubenstreue Katholiken und der strahlende Ruhm ihrer unsterblichen Verdienste verleiht der Kirche einen blendenden Glanz. Wir erlauben uns die bescheidene Anfrage, ob das „Vaterland" geneigt wäre, vielleicht die Autorität des Papstes Jnnocenz VIII. höher zu bewerthen, als die des Friedrich von S p e? und es als „Vermessenheit" erachte trotz Hexenbulle die Gerechtigkeit der Hexenprpceffe nicht anzuerkennen? Wer die Zeitereignisse genau beobachtet, dem werden die Versuche nicht entgangen sein, welche in den verschiedensten Theilen Europas unternommen werden, eine Renaissance des Hexenwahns und der Teufelsaustreibung herbeizuführen. Den Blutmordprozessen folgten in der Geschichte noch immer die Hexenprozesse. ' ______ Dritter Schreibebrief des antifemifchen Studiosus Teutobold an feinen Freund in Berlin. (Brief I und II vergl. „Oest.-W." Nr. 2 6 und Nr. 27.) Wien, am 777 1692. Liebenswerthester Cumpane Pumpo! Eigentlich sollte ich Dir diesen meinen heutigen Brief aus Papier mit fingerbreitem schwarzem Rande schreiben, aber der Marqueur meines Stammcafes, der mir immer die Briefpapiere borgt — ich besorge meine Corresspvndenzen stets im Kaffeehause — hat kein derartiges auf Lager. Also theile ich Dir ohne Trauerrand die düsterste Kunde der Welt mit. Wir sind sämmtlich gestorben, ohne Ausnahme! Es kann nichts Betrübenderes für ein honoriges Mitglied der wohllöblichen Specie bipedes geben, als wenn dasselbe seine eigene Auflösung-erlebt. Diesen Erlaß — den hätten sie uns erlassen, oder vielmehr nicht erlassen sollen, wie du willst. — Ich bin in namenlosem Jammer, ganz a u f g e l ö st, daher verzeihe diesmal, wenn mein Schreiben nicht die gewohnte sorgfältige stylistische Toilette gemacht hat. Dafür ich selbst desto mehr! Ich habe zwar nicht wie meine Commilitonen meine Bücher verkitscht, um die erste Rate für einen schwarzen Anzug aufzubringen, das nicht und deshalb nicht, weil meine Bibliothek auf zwei altere Jahrgänge Postbüchel und ein Exemplar „Judenspiegel" von Ehren-Brimanus reducirt ist. Letzteren niurmt kein Antiquar mehr, nicht einmal ein antisemitischer nmg in den Spiegel hineinsehen. So ein Spiegel ist arrogant genug, dem hineinschauenden Arier sein eigen Bild zurückzuwerfen. Also ich mußte mir erst ein Paar Bände Pandekten ausborgen, um dieselben zu verschachern und jetzt bin ich in schwarzer Wichs, wie aus dem Schachterl — dem Wichsschachterl nämlich. Auf zwanzig Schritt sieht mir ein Blinder den Leidtragenden an. Wir trinken den Stoff nur mehr aus Gläsern mit schwarzer Einfassung, — Tarockkarten mit Trauerrand sind schon bestellt — wir haben unser Billardbrett mit schwarzem, anstatt grünen Tuche überziehen lassen — und ich selbst habe eigenhändig zum Zeichen des allergrößten Schmerzes bereits drei Löcher ä fl. 5.—- hineingestoßen. Die Semiten zerreißen als Symbol der Trauer ihre Kleider, wir raffenreinen Arier jedoch die Billardtücher. Wir sind inwendig zerriffen, einige behaupten gar boshafterweise — geflickt. Jammer herrscht bei uns, eitel Jammer! Wir sind todt Bruder, todt und begraben! In Frieden ruhten wir zwar schon lange, aber nun ist es ganz aus mit uns. Nach dem lauten Suff ergeben wir uns dem stillen. Früh trinke ich nur etliche Schwarze — keine Schale Braun mit oder ohne Haut benetzt mehr meine Lippen und dann Bier aus obig bemeldeten Gläsern vom Morgen bis zum — Morgen. Es ist noch ein Glück, daß die Hochwelsen und Wohlmögenden nicht für gut befunden haben, uns den Trunk des Stoffes zu wehren nnd zu verfügen, wir Müßten eitel saure Milch in unsere Cadaver flößen. Das ist noch Trost! — Denke dir, die schöne Mila, die Sitzcassierin des Cafes, wo ich eben an dich schreibe, nebenbei bemerkt, der Abgott meiner Seele, das Ideal meiner Träume u. s. f. hat gar leine Bücher mehr aufzubewahren. Gar keine mehr! Wir haben alle Gelehrsamkeit hinter die Binde gleiten lassen. Ja wir beherrschen unseren — Stoff. Unsere Valuta ist bereits regulirt; Ich frage dich, was ist jeder einzelne von uns, wenn er keiner antisemitischen, keiner deutsch-nationalen Verbindung angehört? Ich will dir die Antwort auch gleich — verrathen: Minus null sind wir, eine Ohrfeige von vorgestern, ein Landesverrath von übermorgen, eine ungehaltene Brandrede, ein wandelndes Nichtgenügend, ein aus der Wählerversammlung hinausgeworfener Krakehler, das Spundloch eines bodenlosen Bierfasses, eine nicht verlesene Interpellation und eine geräumte Galerie,-- ich glaube, die Verzweiflung wird uns noch dem Studium in die Arme treiben. Das verhüte Teut! Es fahre Tonar mit seinem Keil dazwischen und bereite dem ganzen Elend ein schleuniges, zermalmendes Ende! Unsere Recurse werden nur die Papierkörbe stopfen. Schade um die Stempel und um die Tinte. Die sechzehn Burschenschaften werden Dir nicht mehr lebendig, die sind zu ernstlich todtgeschlagen worden, als daß sie je wieder aufstehen und „Heil Bismarck" und „Hoch Schönerer" und „Juden 'raus" rufen könnten. Und doch! Man möge uns Verräther schelten. Eines haben wir nie verrathen, keiner von uns, wie wir da liegen, nämlich: Kenntniffe. Schade für die schönen Prüfungstaxen. Die habe ich immer für den größten Luxus gehalten.... Zeit habe ich nun allerdings noch weit mehr, als früher. Ich glaube, mein Tag hat mehr als 24 Stunden, der reine lange Tag, da sah ich mir denn dieser langen Tage von der Galerie aus eine Vorstellung im Valuta-Circus an, wo jeder auf seinem Steckenpferd die hohe Schule reitet. Ich glaube, jeder redet da für sich und keiner versteht vom Andern ein Wort. Wie der alte Präsident sich erhob, um ein Schriftstück zu verlesen — wegen eines antisemitischeu Provinzblättchens, das ganz im Geheimen wo erscheint und — ha entsetzlich! gar confiscirt wurde — ja so was war's! — da mußte ich plötzlich hinaus, wie sehr mich auch die Sache interessirte. Aber alles, was einer Vorlesung ähnlich sieht, macht auf mich einen entsetzlichen, deprimirendeN Eindruck. Das halte ich nicht aus! Auch wie der Sueß loslegte, ergriff ich die Flucht — ich kann keinen Professor reden hören! Das macht mich nervös. Aber Lueger und Liechtenstein, die hörte ich mir an und ich wäre bald geräumt worden, so entzückt war ich. Der Beuschel-Doctor -sprach diesmal über Knödel. Das versteht er, denn Beuschel ohne Knödel'wäre ja die personisicirte Unvollständigkeit. Wem ein Argument vom Gewicht eines Knödels nicht einleuchtet, der ist überhaupt nicht zu überzeugen. Man sollte dem „schönen Koarl" einen Ehrenknödel überreichen auf einem rothen Sammetpolster. Daß Niemand Anderem der passende Vergleich eingefallen ist, der doch so nahe liegt! Ist diese Valuta-Verhandlung nicht so unverdaulich wie ein Knödel? Liegt sie uns nicht allen im Magen, wie ein solcher? Man wird künftig nie mehr das Ei des Columbus sagen, sondern nur immer von den „Knödeln Luegers" sprechen. Auch über Erdäpfel und Pomeranzen hat er sich verbreitet und dabei ganz neue Ideen entwickelt. Er vertritt mit Ueberzeugung die Ansicht, daß die Apfelsine eine Knollenfrucht ist, die aus der Erde gegraben wird, wohingegen die sich allgemeiner Beliebtheit erfreuenden Bramburi im dunkeln ' Laube glühen. An einigen Orten — vielleicht in Ober-Italien? — soll rs zwar anders bestellt sein — auch schütteln etliche vcr-

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