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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-07-22 · 30 (22.7.1892) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
30 (22.7.1892)
Date
1892-07-22
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. SO Orftrrrrichischr Wochenschrift. Gette 513 Das „Vaterland" meint, es wäre Vermessenheit Angesichts der Bulle Benedict XV. „diese hagiologischen Facta zu leugnen." Nun denn, auch Jnnocenz ViLL. war ein Papst rrnd seine Bulle von 5. Dezember 1484, Stimmis desiderantes affectibus muß demnach dieselbe Autorität genießen. In dieser Bulle heißt es: „Nicht ohne übergroße Kümmerniß kam uns neulich zu Ohren, daß in einigen Theilen von Oberdeutschland und nicht minder in den Provinzen, Bezirken und Diözesen von Mainz, Cöln, Trier, Salzburg und Bremen, eine große Anzahl Personen beiderlei Geschlechts, des eigenen Heiles uneingedenk und vom katholischen Glauben abfallend, mit den Dämonen Buhlschaft treiben und mit Hülfe ihrer Zauberformeln, Sprüche und Beschwörungen und anderem unheilvollem Aberglauben und Wahrsagerkünsten, durch ihre Ausschreitungen, Verbrechen und Frevel, die Geburten der Frauen, das Junge der Thiere, die Saaten der Felder, die Trauben der Weinberge, die Früchte der Bäume, ja Männer, Frauen, Schafe, Vieh und verschiedene andere Thiere, auch die Weinberge und Obstpflanzungen, Wiesen, Weiden, Saatfelder und Gemüsepflanzungen aller Art zu Grunde richten und gänzlich zerstören; ferner, daß sie die Männer und Frauen selbst, sowie aller Art Vieh, mit entsetzlichen inneren und äußeren Schmerzen und Qualen peinigen »nd das eheliche Zusammensein der Männer und 'Frauen, sowie die Elnpfänguiß verhindern. Außerdem scheuen sie sich nicht, den Glauben selbst, den sie in der Feier der Taufe empfangen haben, mit gotteslästerlichem Munde (vre sacrilego) abzuleugnen und soviel sie können, noch andere unheilvolle Verbrechen und Ausschreilungen zu v.lls.ihren und auszuführen — zum großen Nachtheile ihrer Seelen, zur Beleidigung der göttlichen Majestät und zum verderbenbringenden Beispiel und Aergeniiß vieler Menschen." Es sind entsetzliche Anklagen und Verbrechen, bereu der Oberhirte der Christenheit die Frauen gerade der gesegnetsten Thelle Germeins beschuldigt. Mit dieser Bulle ist in Deutschland der Hexenproceß eingeleitet worden. Sie enthielt eine Bestätigung der Thalsächlichkeit der Teufelskünste und eine klare Zeichnung ihrer Wirkungen und wurde vorher dem Hexenhammer vorgedruckt. Die Anzahl der wegen Hexerei verbrannten Person?« schätzt man nach Millionen. Im Bisthum Straßburg wurden im Laufe von 30 Jahren 5000 Hexen hingerichtet. In Braunschweig hatte man zwischen 1590 und 1600 so viele Hexen verbrannt, daß die Brandpfähle vor dem Thore „dicht wie ein Wald" standen. Zu Lindheim, welches 540 Einwohner zählte, wurden von 1661—64 dreißig Personen verbrannt. Der Hexenrichter von Fulda, Balthasar Boß, that groß damit, daß er allein 700 Personen beiderlei Geschlechts habe verbrennen lassen und daß er das Tausend vollzumachen hoffe. In der Grafschaft Neisse mögen von 1640—1651 an tausend Hexen verbrannt worden sein, denn über 342 Brände liegen Urkunden vor und waren Kinder von einem bis zu sechs Jahren darunter. In Osnabrück äscherte man im Jahre 1640 achtzig Hexen ein. Ein Herr von Ranzow ließ auf einem seiner Güter in Holstein an einem Tage 18 Hexen verbrennen. Was die Juristenfacultäten betrifft, so erklärte der gelehrte Jurist Carpzow, der im Jahre 1667 seine „Criminalpraxis" herausgab, er habe bei der Ueberführung von 30.000 Angeklagten mitgewirkt! Wenn die Tübinger Juristenfacultät 1713 eine alte Frau zum Feuer verdammte, weil sie einen Knaben durch Zauber krank gemacht, so starb 1749 — in Goethe's Geburtsjahr — die Subpriorin des Klosters Unterzelle bei Würzburg desselben Todes, weil sie vom Teufel besessen, was sie selbst — freilich auf der Folter — bekannte. Der Hexenglaube war eine geistige Epidemie oder Endemie, eine Jahrhunderte lang andauernde Krankheit der christlichen Menschheit, eine Wahnvorstellung, die sich nur sehr schwer aus dem Horizonte des allgemeinen Bewußtseins vertreiben lüß, und hatte viel Verwandtes mit dem heutigen Antisemitismus. Alle von einsichttgen und scharfblickenden Männern ergangenen Mahnungen und Warnungen — die grundsätzlichen am meisten — schwammen gegen den Strom. Die öffentliche Meinung bei Protestanten wie bei Katholiken war für die Hexerei, viele Opfer glaubten selbst daran. Dazu kam das sociale Elend, die Massenverarmung; die Verzweifelung des armen und niederigen Volkes an seiner ökonomischen Lage steigerte sich bis zur kranken Extase. Der Hexenwahn wurde ein pachologischer Zustand, gegen welchen die Opposition der Vernunft wchrlos war. Ein ftommer Katholik, F. Baumgartner, in seiner apologetischen Schrift: „Die deutschen Hexenproceffe" (Frankfurter zeitgemäße Brochüren) bemerkt: „Ich wage es sogar auszujprechen, daß die größte Mehrzahl der Richter die Geständnisse der Hexen zu selbstsüchtigen Zwecken benutzten, daß sie, um ihrer Habsucht und Rachsucht, ihrem Ehrgeiz und ihren sonstiaen Leidenschaften fröhuen zu können. Geständnisse bestimmter Art über bestimmte Personen oder Zustände durch die Folter erzwangen. Diese Behauptung wird nicht nur durch dem Umstand unterstützt, daß die Hexenrichter von den Hingerichteten eine bestimmte Quote erhielten, sondern auch noch besonders durch die wirklich ganz bedeutenden Gebühren, welche die Inquisitoren für die Ausübung ihres entsetzlichen Handwerkes erhielten." „Unbequeme oder übelberufene Politiker wurden im Einverständnisse mit den Hexenrichtern als Zauberer angesehen und verbrannt." „Wer könnte leugnen, daß nur die Habsucht es war. welche Philipp den Schönen von Frankreich bewog, die Tempelherren der Zauberei anzuklagen und im Jahre 1314 hinrichten zu lassen?" In einigen Gegenden hatten die Inquisitoren keinen anderen Gehalt, als auf jeden Kopf eine Taxe von 4 bis 5 Thalern. Da war nun nicht lange zu spaßen, wenn man ehrlich leben wollte und man darauf bedacht sein mußte, sich in seiner Jugend ein Vermögen zu erbrennen, daß man im Alter davon leben konnte. Allein auch die späteren Päpste griffen nach Erscheinen der Bulle von 1584 wiederholt durch Bullen und Zuschriften aller Art zur Anfachung der Scheiterhaufen ein. So schärfte Alexander VI. dem Inquisitor der Lombardei ein, kräftig seines Amtes zu walten, gegen die zauberischen Menschen, welche mit Hülfe des Teufels Felder verwüsten. Leo X. klagte in einem 1531 erschienenen, an die Bischöfe Venedigs gerichteten Breve darüber, daß der Senat der Republik den Hauptleuten des Landes verboten habe, die Urtheile der Inquisitoren gegen die der Zauberei Angeklagten zu vollziehen und sich herausnehme, die Proceßacten zu prüfen. Die Bischöfe sollten den Senat mtt kirchlichen Censuren gefügig machen. Schon vorher halte Julius II. an den Inquisitor Georg de Casali zu Eomo eine Breve erlassen, worin er klagt, daß die Inquisitoren in der Ausübung ihres Amtes durch vorwitzige Geistliche und Laien gehindert werden. Es sollen deshalb alle die, welche die Inquisitoren unterstützen, Ablässe erhalten, von demselben Werth, wie sie den Kreuzfahrern zugesichert seien, und 1534 ersucht Clemens VI I. den Gouverneur von Bologna, in einem Breve, den Inquisitoren in der Bekämpfung der Zauberei allen Vorschub zu leisten. Dazu kam noch die Bulle Hadrians VI. vom^ 30. Juli 1523, mit der er das Breve Julius II. für Como' und Umgebung wiederholte und verschärfte. Die Bulle Hadrians drückt sich ganz ähnlich aus, wie die Jnnocenz VIII. „Viele Leute beiderlei Geschlechtes, die, des eigenen Heiles uneingedenk und von katholischen Glauben abfallend, eine besondereSekte bilden, den in der h. Taufe empfangenen Glauben abschworen, das h. Kreuz mit Füßen tteten und beschimpfen, die kirchlichen Sakramente mißbrauchen, den Teufel als ihren Herrn und Beschützer anerkennen und mit ihren Zaubereien das Vieh und die Feldfrüchte verderben und sehr viele andere verruchte Verbrechen auf des Teufels Geheiß anstellen". (Bei Binz, Joh. Weyer, S. 5) Man darf sich darüber nicht wundern, noch weniger über jene Männer, welche im Gedankenkreise ihrer Zeit standen, leichtferttg aburtheilten. Jahrhunderte der Eivilisation und der wissenschaftlichen Arbeit, die unermeßlichen Fortschritte der Naturwissenschaft haben die Menschheit vorwärts gebracht. Und wenn wir von den Vorurtheilen uns emancipirt haben, so ist das nicht unser Verdienst. Ein Maimonides freilich hat bereits im 12. Jahrhundert es gewagt, dem Zauber- und Hexenwahn entgegenzutreten. Es fehlte aber auch nicht an Gegnern der Hexenproceffe und Hexenverfolgung innerhalb der Kirche. Männer, wie Conrad Rinüer (1486), Ulrich Molttor (1469), Agrippa von Nettesheim (1519) erhoben ihre warnende Stimme. Unsterbliche

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