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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-07-22 · 30 (22.7.1892) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
30 (22.7.1892)
Date
1892-07-22
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 3ö Es gibt Bettler verschiedener Art, Bettler aus Armuth und Berufs-Schnorrer. Aber der Professor einer deutschen Universität als Meineid-Schnorrer: das ist eine rein beispiellose Erscheinung. So verlangte Rohling Zutritt zu dem Processe von Tisza-Eszlar und wurde zurückgewiesen. Damals wurde auf publicistischem Wege die Anklage gegen Rohling wegen angebotenen Meineids ausgesprochen, und das Gericht hielt ihn nicht mehr für einwandsfrei. In Krakau bat er, man möge ihn im Prozesse gegen die Eheleute Ritter zeugeneidlich einvernehmen und der Gerichtshof würdigte ihn nicht einmal einer Antwort. Wo nur irgend in einem verschollenen Winkel in Oesterreich oder im Auslande ein Jude als Angeklagter vor Gericht steht, da erscheint unfehlbar Herr Rohling mit seinem vielberufenen Eid und bittet vernommen zu werden. Er fleht die Richter geradezu an, sie mögen doch von seinem Eide Gebrauch machen. Allein die Herren vom hohen Gerichtshöfe gehen mit ihm erbarmungslos um und in Cleve erinnerte man sich obendrein der Thatsache, daß er in dem Processe Rohling-Bloch, wo er gegenüber der Anklage des angebotenen Meineids sich Genugthuung verschaffen wollte, den Rückzug anzutreten gezwungen war. Die schimpflichste Niederlage hat Rohling darum in Cleve erlitten, wo die Geschworenen und der Gerichtshof für Rohling und seine Bestrebungen jenes brandmarkende „Nein" hatten, das als Kainszeichen ewig haften bleibt. Die Zuschrift Rohlings an den Gerichtshof konnte als moralische Photographie des Einsenders dienen. Eine solche Selbstcomprimittirung erweckt Zweifel mancherlei Art und man fragt sich, was denn ein Lehrer der Jugend thun muß, um sich seines Amtes unwürdig zu erweisen. „Hilf uns aus unserer Roth" — so erging der Ruf der Antisemiten nach Prag und wir glauben nicht, daß die Antisemiten mit Befriedigung auf den Professor blicken, der an der Theiß, an der Donau und am Rhein sich so gründliche Blamagen geholt hat. Mag die „Germania" sich auf den Prof. Rohling stützen und der Rohling auf den berüchtigten Brimanus, also doch auf einen Juden, so purzelt einer über den Andern und Alle liegen in der Cloake. Rohling und seine Mitschuldigen, sie sind die Urheber des Processes, der dem Judenthum Schmach zufügen sollte, und der so schmachvoll für sie geendet hat. Das kleine, von römischen Völkern des Drusus gegründete Xanten, das Richard Wagner zur Residenz Sigfrieds erhebt, um dessen Besitz die Grafen von Cleve lange Zeit mit dem Erzstiste Köln in Fehde lagen, wurde zum Schauplatze der That auserkoren. Die Stadt hat eine gothische Kirche und ein wunderthätiges Heiligenbild und jetzt hat sie auch eine Ruine — das Haus des Buschhoffs. Wir aber glauben, das zerstörte kleine Haus ist das bedeutungsvollste Denkmal in Xanten, denn es erinnert an den großen Kampf unserer Zeit, an den Kampf um die Wahrheit. Wie hat der Fanatismus nicht gegen dieses kleine Haus gewüthet? Hätte man das für möglich halten sollen in Deutschland, in unfern Tagen. Welche Zeugen haben die Anstifter der Verschwörung ins Feld geschickt? Da ist zunächst der Steinmetz Wesendrup, der bei dem Juden arbeitet, einem Juden, dem die Xantener Mitbürger das Zeugniß der Ehrlichkeit einstimmig bekräftigen, dessen 40jähriges Leben keine Spur einer gewaltt thätigen oder schlechten Gesinnung ausfindig machen läßt, der den Sterbetag seiner Mutter in Gebet und Fasten begeht und mit seinem christlichen Nachbarn in dutzbrüderlicher Freundschaft verkehrt — diesem Manne will Wesendrup „den Schabbes verderben". Ein roher Geselle, mit dem übelsten Leumund, ein Trunkenbold, der seine arme Frau im Wochenbett mißhandelt, daß sie, wie glaubwürdig vor Gericht mitgetheilt worden, an den Folgen der Mißhandlung zu Grunde ging, ist Wesendrup der rechte Mann, seine Drohung in eine ruchlose That umzuwandeln. Drei Tage nach dieser Drohung, und nach seiner erfolgten Entlassung aus dem Dienste Buschhosfs findet man ein ermordetes Christenkind in der nächsten Nähe der Buschhost'schen Wohnung. "Nun erscheint Herr Junkermann auf dem Plane, der Anführer der antisemitischen Bande Seite 811 in Xanten, ein Schwager Wesendrup's, mit welchem er früher in Feindschaft lebte und nunmehr in Folge des „glücklichen Ereignisses" sich wieder ausgesöhnt; er hat einen Sohn, der Mcdiciner ist, der ihm schreibt, daß hier zweifellos ein ritueller Mord vorliegt. Dieser Schwager Wesendrup's sieht sich mit einem Male vor eine große Aufgabe gestellt; gelingt ihm der hohe Wurf, so zaubert ihm der Ehrgeiz einen Play vor neben Herrn Stöcker. Er ist unermüdlich. Er überhäuft das Gericht mit Eingaben, die er von seinem Sohne unterschreiben läßt, um die Autorschaft eventuell ableugnen zu können, er unterschreibt Gutachten über den Schächterschnitt, die er nicht gelesen haben will. Den Xantener Juden hat er bitterbös mitgespielt. Der süße germanische Pöbel hatte nicht übel Lust, sie zu lynchen. Sein würdiger Genosse ist der Kronzeuge Mall mann, welcher die Tochter Buschhoffs in einem Sack den ermordeten Knaben tragend gesehen haben will. Er wird des Meineides vor Gericht überführt und er tröstet sich wahrscheinlich damit, daß er dadurch sich würdig erwiesen einer Lehrkanzel an einer Prager theologischen Facultät. Da ist fermer der unvermeidliche Caplan, der famose Redacteur Bress er, welcher mit Eifer und Nachdruck in Volksverdummung arbeitet. Wie zeugeneidlich festgestellt ist, war er redlich bemüht, „nach dem Muster des heiligen Bernhard vor Ausschreitungen gegen die Juden zu warnen". Was that er nicht Alles! selbst den Spottnamen eines „Judencaplans" zog er durch seine Schutzmaßregeln sich zu. So veranlaßte er jenen Junkermann, welcher nicht nur der Vater eines im Judenritual bewanderten Mediciners, sondern auch ein ftüherer Metzgermeifter ist, ein Gutachten abzufassen, dahingehend, daß nach der Art des Halsschnittes ein jüdischer Schächter der muthmaßliche Mörder wäre. Und dieses Gutachten veröffentlichte er in dem Blatte, auf welches er einen großen Einfluß hat, und das in Xanten einen nicht mindergroßen Einfluß ausübte. Das ist doch Alles, was möglich ist. Er konnte doch nicht wissen, daß Junkermann die Leiche gar nicht gesehen hatte, und daß somit dieses Gutachten, so sachverständig es auch war, doch nur einen theoretischen Werth besaß. Die Juden sind eben so gottverflucht, daß nicht nur die feindlichen Angriffe, sondern auch die Schutzmaßregeln, welche man für sie trifft, zu ihrem Nachtheile ausfallen. Wohl warnte der Caplan Breffer und sagte: Haltet die Augen auf, aber hütet Euch vor Ausschreitungen. Jndeff.n, was nutzte das Alles? Inzwischen waren übrigens andere Leute auf dem Plan erschienen, denen es gar nicht einfiel, nach dem Muster des Caplan Breffer und des heil. Bernhard von Clairvaux die Juden „schützen" zu wollen. Das waren die Leiter und Förderer der „Neuen Deutschen Zeitung", der „Westphälischen Reform" und anderer Antisemitenblätter, welche ihre wackeren Hetzartikel, in großer Zahl in das erregte Städtchen schleuderten. Wer kann es ihnen auch übel nehmen, daß sie auf chrem Kreuzzuge gegen die Juden sich die schöne Beute von Xanten nicht entgehen lasten wollten? Der Caplan Breffer wenigstens konnte das nicht hindern. Und so geschaht. Die Antisemiten hatten Sorge getragen, daß nran sie kennen lerne, ihre Werkzeuge, ihre Bundesgenossen, ihre Taktik und ihre Sttategie. Sie haben viel des Häßlichen enthüllt, so daß selbst die" Geschworenen in Cleve sich von Entrüstung übermannt fühlten. Es war kein Jude unter ihnen, die Mehrzahl der Geschworenen bestand aus Katholiken, dazu kamen einige Protestanten. Die Ruinen am Rhein haben ihre Sagen, die kleine Ruine in Xanten hat ihre Geschichte. Diese Ruine verdient eine Inschrift: „Untergang der Lügenbrnt" Erngesrndet. Geehrter Herr Redaeteur! In dem Arttkel: „Die Lügenstadt am Rhein" in der letztwöchentlichen Nummer Ihres vielverbreiteten Journals wird den Wackerbart. Bester, Stöcker, Vergani, kurz allen denen, welche anläßlich des Xantner Prozesses das alte Märchen des Orstrrrrtchischr Wochenschrift.

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