Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 29 (15.7.1892)
- Date
- 1892-07-15
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 506 Orstrrrrichischr Wochenschrift. Nr. 2§ Feuilleton. Eine jüdische Dorfgeschichte. Man nannte die Werner's nur „die Geiwenitz," weil sie ihre Kinder nicht mit den anderen Kindern der Gasse verkehren ließen und sie so zärtlich behandelten, als wären es Fürstenkinder. Mer ihre ganze Lebensweise beruhte auf einem tiefen Kummer, deffen Ursache doch Jedem in der Gaste bekannt war. Hinten im Hofe ihres schönen Hauses wohnte der Vater des Herrn Nastalie Werner in einem niedrigen, ehemals vielleicht als Pferdestall dienenden Gelaffe, an dem das Dach von Nesteln und Unkraut aller Art überwuchert war. In dieser morschen Hütte, deren Ausbesserung er sich hartnäckig widersetzte, lebte er mutterseelenallein, ohne je ein menschliches Wesen über seine Schwelle zu lasten und schien hier auf den Augenblick zu hoffen, in welchem er unter dem Schutte und den Trümmern würde begraben werden. Von den Kindern der Gaste kannte ihn niemand, denn seit mehr als fünfzehn Jahren war er bei Tag nie aus diesem Baue herausgekomruen. Tagtäglich ging Frau Hanna Werner mit einem Korbe voll Lebensmitteln, die aber nur ans Begetabilien bestehen und genau nur den Bedarf eines Tages decken durften, zu ihm an eines der mit Läden geschloffenen Fenster, woran sie schüchtern klopfte. Dann öffneten sich von innen die Bretter, doch nur so weit, als es nöthig war, um eine Hand mit einem leeren Korbe, welcher mit dem gefüllten vertauscht wurde, hindurchzulaffen. Nie wurde der freundliche Morgengruß der Schwiegertochter erwiedert, sondern die Lädrn wurden um so heftiger zugeworsen, je liebevoller sie eine Anftage oder eine Bitte aussprach. Der Alte war ein Büßer. Er hielt sich für den Mörder eines seiner beiden Söhne und seiner Frau und auch die Welt hielt ihn dafür! ' Josef, der ältere dieser beiden Söhne, war als Knabe hochbegabt. Die Ettern sahen in ihm schon den großen zukünftigen und berühmten Talmudgelehrten, den Gipfel ihres Ehrgeizes und ihrer Wünsche. Obwohl nicht besonders reich, scheuten sie keine Geldopfer, ihn diesem Ziele zuzuführen. Nach vollendetem dreizehnten Lebensjahre, zu deffen Feier er eine scharfsinnige talmudische Dissertation in der Synagoge gehalten, daß Alles staunte und ihn als Wunderkind bezeichnet^ wurde er auf die Preßburger Jeschiwa geschickt und die Eltern sparten nicht mit . Geldsendungen von Monat zu Monat. j Bei seinem ersten Besuche im Eltcrnhause nach drei Jahren wurde er mit allen Ehren im Gotteshause ausgezeichnet und die Ettern schwammen in Glückseligkeit. Bald nach seiner Rückkehr auf die Jeschiwah ging jedoch eine Wandlung in ihm vor. Er neigte prostlnem Wissen zu. Anfangs heimlich, und als er es nicht mehr verbergen konnte, warf er die Maske ab und trat öffentlich ins evangelische Lyceum ein. Allein die Eltern wußten noch immer nichts von dieser Wandlung und setzten ihre Unter-! stützungen fort. Spater sprach man sogar schon in seiner heimatlichen Gaffe davon, und die guten Freundinnen kamen zuerst zu der Mutter und bedauerten sie, solche Schande an ihrem , Sohne zu erleben. Sie erwiederte Jeder, daß sie es nicht glaube daß es nicht wahr sein könne, und beschwor sie, ja es ihrem , Manne nicht zu hinterbringen. Aber endlich erfuhr es auch dieser, j Auch er wollte es nicht glauben, und um die Leute Lüge sttafen j zu können, ließ er den Sohn nach Hause kommen. Doch die j äußere Erscheinung des jungen Mannes zeigte, daß das Gerede nur zu wahr war. Er sah gar nicht mehr wie ein Bachur aus — er war ein vollendeter — Student. Um ihre Schande wie möglich noch zu verbergen, mußte Josef am Sabbath zum „Schulgange" seine Frisur ändern, seinen Hals in die Schlinge eines schwarzseidenen Halstuches fügen, „um nicht dem Galgen entlaufen" zu scheinen, anstatt des niederen Hutes einen Filz auffetzen, den sein Vater vielleicht als Bräutigam getragen haben mochte, und ein großes Gebetbuch in die Tasche stecken, daß die Nähte dabei springen mußten. Mer die Leute steckten bei seinem Vorübergehen doch die Köpfe zusammen und machten höhnische Bemerkungen, und im Gotteshause wurde er ganz ignorirt. Das brach den Ettern das Herz; ihr Stolz war gedemüthigt. Josef hörte von seinem Vater nichts als harte Reden, auf i der Gaffe mied ihn Alles. Aus Verzweiflung flüchtete er gegen? Abend auf einen einsamen Spaziergang außerhalb des Ortes. Da begegnete er zufällig dem Pfarrer, der in ihm einen Fremden vermuthete und ihn fteundlich ansprach. Daraus entwickelte sich ein längerer Diseurs, bei dem Josef den Pfarrer bis zum Pfarrhof begleitete. Aber es wurde ihm überall aufgelauert; sofort wußte die ganze Gaffe: Josef spaziere so vertraut mit dem Pfarrer, und wie immer wurde noch ein Bischen dazu gelogen und verbreitet, er sei in der Wohnung des Pfarrers gewesen. „Was kann er vom Pfarrer wollen?" — „Was hat er beim Pfarrer zu thun?" — „Der schlechte Mensch wird noch Schmach und Schande über die ganze Gemeinde bringen!" Das wurde in den verschiedensten Bariattonen und in den verschiedensten Tönen von Alt und Jung, von Männern wie Frauen den ganzen Abend in den Rädeln der Gaffe gesprochen. Als Josef nach Hause kam, fand erin der Stube Niemanden als den Vater, welcher den Kopf in die Hand gestützt, am Tische saß, und die Mutter, welche in einer Fensternische Platz genommen hatte und sich ein Taschentuch vor die Augen hielt. Die „gute Woch'", die er bot, blieb ohne Gegengruß. Er stellte sich zum Tische hin; Niemand redete. Endlich begann der Vater: „Hast Du schon die „Elias" gesungen?" Josef hatte dieses Lied zum Ausgange des Sabbaths von Kindsauf besonders schön gesungen, aber kommandiren zum Singen ließ er sich nicht. Er schwieg, und der Vater fuhr fort: „Meinetwegen sing' nicht, aber thu nur nicht etwas Aergeres. Was hast Du beim Pfarrer gemacht?" „Ich war gar nicht beim Pfarrer, sondern habe ihn nur begegnet und auf dem Wege gesprochen." „Und worüber?" schrie der Vater. „Worüber ich wollte, ich bin kein Kind mehr." Der Vater erhob sich. „Schekey, solange Du von mir lebst, darfst Du das nicht sagen. Worüber sprachst Du mit dem Pfarrer? Rede!" „Wissenschaftliches, ich habe lateinisch mit ihm gesprochen", und im Glauben den Stolz des Vaters zu heben, setzte er hinzu: „Der Pfarrer lobte mein Wissen." „Nun, das freut uns, das fteut uns wirklich. Sieh' nur wie dort Deine Mutter sich fteut." Die Mutter saß weinend. Als sie genannt wurde, schluchzte sie hefttg. „Ich hätte lieber gehört", setzte der Vater fort, „daß Du auf deinem Spaziergange erschlagen worden seiest, als daß Du auf diese Art Schande über uns Alle bringst". „Schande? welche Schande?" „Verstumme! Du Meschumed!" Jetzt erst schien dem jungen Mann ein Licht aufzugehen, was der Vater eigentlich meinte, und er sagte schmerzlich: „Vater, Du thust mir schweres Unrecht mit einem solchen Schimpfe". „Ei, hört doch! Jetzt Hab' am Ende ich um Verzeihung zu bitten. Nun wird mir der studirte Sohn beweisen wollen, daß ich mich für die Ehre zu bedanken habe, daß es mein Sohn ist, der mit Pfarrern verkehrt und auf dem Wege zur. . ." Er sprach das Wort nicht aus, sondern schlug die Hände verzweiflungsvoll zusammen und ächzte: „Das Hab' ich von aller Mühe und Arbeit. Ich gönnte mir nie Ruhe und nie eine Freude, die Geld kostete. Alles was ich im Schweiße des Angesichts perdiente, verwandte ich auf ihn; ich hoffte, er werde ein gelehrter, frommer Mann werden, an dem wir uns im Grabe noch fteuen werden können — und jetzt . . ." „Vater, ich Hab' nichts verbrochen, ich bin nicht schlecht!" „Das zeigt ja eben die Schlechtigkeit, daß Du nicht einsehen willst, wie schlecht Du bist. Anstatt um Verzeihung zu j bitten und den Eltern, denen er das Herz zerfleischt, ein Wort der Reue zu sagen, trotzt er noch und — geh' mir aus den j Augen, Du undankbarer Sohn, und da Du kein Kind mehr bist, i so hilf Dir selber fort". Josef war im Tiefften erschüttert; doch stählte ihn das Gefühl des Unrechts, das ihm geschah, daß er keine Thräne vergoß. Während der Vater sich von ihm abgewandt und zum Fenster in die finstere Nacht hinausstarrte, ging der Sohn. An der Thür jedoch kehrte er sich um, ergriff die Hand der Mutter und drückte sie an seine Lippen. tFortsctzung folgt.)