Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 29 (15.7.1892)
- Date
- 1892-07-15
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 29 Vrstrrrrichische Wochenschrift. Seite 503 werden sollten, der allen Staatsbürgern zustehende Schutz seitens der Gerichte und der Verwaltungsbehörden in vollem Umfange werde zu Theil werden. Ein Verbot der Abhaltung antisemitischer Versammlungen sei nach dem Vereinsgesetz vom 11. März 1850 nicht zulässig; die Frage, ob eine solche Versammlung aufzulösen sei, hänge von der Beurtheilung des beaufsichtigenden Polizeibeamten darüber ab, in wie weit die erörterten Vorschläge und Anträge eine Aufforderung oder Anreizung zu strafbaren Handlungen, namentlich zu Gewaltthätigkeiten, enthielten. Für die Zulässigkeit, Flugschriften zu verbreiten, seien allein die Bestimmungen des Preßgesetzes, bezw. die Beschlüsse der Gerichte maßgebend. Dagegen sei die Regierung stets (?) bestrebt gewesen , grobem Unfug, namentlich durch Ausrufen und Aufdrängen widerwärtiger Preßerzeugnisse, zu steuern — ohne Ansehen der Confession oder der Personen, gegen welche dieselben gerichtet seien — und werde auch in Zukunft mit allen gesetzlichen Mitteln derartigen Ausschreitungen entgegentreten. Bereits vor dem Erscheinen der Schmähschrift „Inden-Bordelle" seien zu Anfang v. M. die Organe der hiesigen Polizei angewiesen worden, das Ausbieten und Ausrufen derselben zu verhüten, die Verkäufer verantwortlich aus § 360 Nr. 11 des Strafgesetzbuches und über ihre Bezugsquellen zu vernehmen und die in ihrem Besitze Vorgefundenen Exemplare wegzunehmen. Auch nachdem die am 8. Juni veranlaßte vorläufige Beschlagnahme durch gerichtlichen Beschluß vom 9. Juni wieder aufgehoben worden, seien die Polizeibeamten wiederholt unter Hinweisung auf § 360 des Strafgesetzbuches zum energischen Einschreiten gegen das Ausrufen jener Broschüre, sobald es in lauter, das Publikum belästigender Weise geschehen sollte, angewiesen worden. Ueber die in verschiedenen Zeitungen enthaltenen Angaben, daß dessenungeachtet dieses aufdringliche, als grober Unfug sich charakterisirende Ausrufen der „Inden-Bordelle" fortdauere und einzelne Schutzmänner sogar die Aufforderung zum Einschreiten ausdrücklich abgelehnt hätten, seien Erörterungen veranlaßt worden, welche jedoch noch nicht zum Abschluß gelangt seien." Hoffentlich läßt der Abschluß dieser „erneuten Erörterungen", sowie das durch das Ergebniß derselben gebotene weitere Verfahren nicht allzu lange auf sich warten. Berlin. (Deutschnationale Buben.) Die Mittheilung über die forffchreitende Genesung des Geheimen Justizrathes Professor Goldschmidt hat einem sogenannten „gebildeten Jüngling" Veranlassung zu recht bezeichnenden Randbemerkungen gegeben. Wie man weiß, ist Herr Professor Goldschmidt die erste Autorität für das Fach des Handelsrechtes. Geheimer Rath Berner nannte ihn neulich ein „wissenschaftliches Unicum", und ebenso weiß man, daß er an deutscher Vaterlandsliebe hinter Niemandem zurücksteht. In der akademischen Lesehalle hat sich nun ein würdiger Ahlwardt-Zögling die Ungezogenheit erlaubt, in jener Zeitungsnotiz hinter dem Worte „der Gelehrte" ein Fragezeichen einznfügen, und in dem letzten Satze, wo es heißt: „Hoffentlich wird Professor Goldschmidt in absehbarer Zeit seinem Lehrberuf zurückgegeben werden," hat der Herr Studiosus die Glosse gemacht: „Hoffentlich nicht!" Ein Mensch, der einer solchen unglaublichen brutalen Rohheit gegenüber einem erkrankten, hochverdienten Professor fähig ist, verdient wohl, als elender Bube gebrandmarkt zu werden, der einer Hochschule zu Schimpf und Schande gereicht. Berlin. (Bismarck und die Antisemiten.). Die „Staatsbürgerzeitung" erklärt die Behauptung, daß Herr Ahlwardt an der Herstellung der Schmähschrift: „Die Wahrheit über Bismarck" hervorragend betheiligt sei, für eine Verleumdung. Damit ist indirect also die Betheiligung überhaupt — wenn auch uicht im hervorragenden Maße — zugegeben. Daß Herr Ahlwardt sich auch anderweitig in gleichem Sinne geäußert, ist leicht nachzuweisen. Am deutlichsten kommt sein Standpunkt zum Ausdruck in einem Urtheil über die bismarckfeindliche Broschüre „Großpreußen oder die verfehlte Neugestaltung Deutschlands", welches auf dem Umschlag der gleichfalls bismarckfeindlichen Schrift: „Die Antisemiten und Bismarck" abgedruckt ist. Ahlwardt sagt da: „Selbstverständlich ist die Schrift, weil gegen Bismarck, kräftig antisemitisch". — Das genügt! Jena. Carl Vogt, der berühmte Gelehrte hielt dieser Tage auf einem Bankett, das ihm zu Ehren in seiner Vaterstadt Gießen gegeben wurde, eine Rede, worin er u. A. sagte: „Ich habe in allen Ländern, die ich besucht, erkennen müssen, daß die Gefühle für Deutschland im Ausland leider nicht der Art sind, wie ich es häufig gewünscht hätte. Machen Sie sich wohl vertraut mit dem Gedanken, meine Herren, daß Deutschland im Auslande nicht geliebt ist, daß Sie im Ausland nicht als Freunde geliebt werden." Warum? Carl Bogt gibt die Antwort dahin, daß nichts so sehr im Auslande verachtet ist, als der deutsche Antisemitismus! Man kann es nicht begreifen, daß ein so civilisirtes Volk, wie das deutsche, ein Volk, das einen Goethe, einen Schiller, einen Lessing besitzt, einen solchen Schandfleck auf seiner Ehre duldet. In England wird der Antisemitismus als ein Niedergang der deutschen Civilisation betrachtet!" Posen. Im Selbstverläge des Verfassers ist dieser Tage in Posen eine Broschüre „Der Jude — zei t gem ä ß e Betrach t u n g von einem katholischen Geistlichen d er ErzdiöceseGnesen-Posen" erschienen. Ueber den AntisemitiAmns äußert sich der Verfasser der lesenswerthen Schrift folgendermaßen: „Wir bezeichnen diese Hetze, denn anders können wirs nicht nennen, als unchristlich, unpolitisch und unklug. Der Antisemitismus ist vor allem unchristlich; er verstößt gegen das erste, fundamentale Gebot, das Gebot der christlichen Liebe. Es ist uns geradezu unbegreiflich, wie sich ein christlicher Geistlicher an die Spitze oder in die Reihe der Antisemiten stellen kann. „Liebet einander," so tönt es von der Kanzel herab, „verfolget die Juden" von der Rednerbühne — und das aus einem und demselben Munde. Der Antisemitismus ist unpolitisch. Es ist eine geschichtliche Thatsache, daß die Bildung einer Liga gegen die Mitbürger in einem Staate stets für beide Parteien verderblich gewesen. Der Bürgerkrieg, mag er blutig oder unblutig verlaufen-, ist stets eine Kalamität für das Land. Meint ihr Antisemiten, von den Juden in den Schatten gestellt zu sein, so besieget sie durch den Glanz eurer Tugenden. Der Antisemitismus ist unklug. Wenn die Juden wirklich solche gewaltige Macht besäßen, über so gewaltige Mittel verfügten, so wäre es klüger, mit ihnen Hand in Hand zu gehen, da sie nun einmal niit uns Zusammenleben, als in unnützem Kampfe die Kräfte zu vergeuden. Was hat Spanien, Portugal, Rußland gewonnen, als es die Juden verbannte? Anstatt zu jammern, daß die höheren Lehranstalter von Juden überfüllt seien, fteuet euch darüber, daß die jüdische Jugend in edlem Wettstreit mit unseren Jünglingen zur Bereicherung der vaterländischen Wissenschaft beizutragen sich bemüht." Und an anderer Stelle sagt der Verfasser: „Neuerdings haben die Juden in Posen einen Beweis edlen Sinnes und interconfeffioneller Friedensliebe gegeben. Als der jetzige Erzbischof von Gnescn und Posen Dr. Stableivski den erzbischöflichen Stuhl bestiegen, hat der Rabbiner der Synagogen-Gemeinde zu Posen im priesterlichen Schmucke mit seinen Assessoren dem Kirchenfürsten seine Aufwartung gemacht, wie dies schon vorher der Rabbiner zu Gnesen gethan hatte. Herrliche Worte des Friedens wurden dort gewechselt. Hoffentlich gehen sie in Erfüllung. Dabei erwähnen wir, daß kurz vorher in einem polnischen Blatte eine Reihe judenfeindlicher Artikel veröffentlicht wurde, die eine gewisse Erbitterung unter den Posener Israeliten zeitweilig hervorgerufen haben." So spricht ein wirklicher Priester der „Religion der Liebe" — aber ach! er hat so manche Kollegen, die den Lehren dieser Religion durch ihr Verhalten brutal ins Gesicht schlagen. VmmMes. Wien. (T r a u u n g e n.) Sonntag, den 10. Juli 1892 wurden getraut: Herr Angela G oldenberg mit Frl. Eugenie Ludmer. Herr Wolf Bardach Edler von Ehlnmberg, k. k. Rittmeister, mit Frl. Levntine Rappaport.Herr Professor Dr. Moritz Kan i tz, beeideter Dolmetsch der hebräischen Sprache mit Frl. Ella Müller. Wien. (Wiener medizinische F a c u l i t ä t.) Fum Vertreter der Privatso;enten im medizinischen Doktorcollegium für das Studienjahr 1892,93 wurde unter andern auch Dozent Herr Dr. Heinrich P a s ch k i s gewählt. Wien, 12. Juli. (Eingesendet.) Geehrter Herr Rehacteur! Anläßlich der von Frau Dr. Grünfeld in's Leben gerufenen jüngsten Feriencolonie ist dem Comite ein bedauerlicher Umstand aufgefallen, zu dessen Beseitigung diese Zeilen die Anregung geben mögen. Dank der unermüdlichen Rührigkeit der genannten Dame und dem erhebenden Wohlthätigkeitssinne edler, warmherziger