Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 29 (15.7.1892)
- Date
- 1892-07-15
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 29 Orstrrrrichisrtzr WochrnfchrM Seite 499 Dich beweinen, und mit reinem und bewegten Herzen wollen wir zu Gott beten, daß er Dir, in seiner ewigen Gerechtigkeit Dein kurzes Leben und Deine so schön erfüllte Laufbahn zum Guten anrechnet. Lebe wohl! Ruhe in Frieden! Moritz Gottlieb. Es war eine That inniger Pietät, daß einige thatkräftige Männer aus der Mitte des jüdischen Volkes sich zusammenthaten, auf daß dem im Jahre 1879 so jäh verstorbenen jüdischen Maler Moritz Gottlieb ein Grabdenkmal gesetzt werde. Am 29. Juni dieses Jahres ist es den Bemühungen der Herren Feldmann, Spitzer, Balaban re. gelungen, ihr Werk zu Stande zu bringen. Anläßlich dieser weihevollen Feier fand im hiesigen Tempel eine Trauerandacht statt, der auch christliche Persönlichkeiten anlvohnten. Alsdann begaben sich die Verehrer dieses unsterblichen Malers auf den israelitischen Friedhof, wo der bereits erwähnte polnische Schriftsteller, Herr Wilhelm Feldmann in ergreifenden Worten die Enthüllungsrede hielt. Dieselbe war voll Schwung und Erhabenheit, so daß ich mich veranlaßt sehe, deren größten Therl in deutscher Sprache wiederzugeben. Der junge jüdische -Schriftsteller sprach wie folgt: „Sieh! Dornen sind ans Deinen Lebenspfad gestreut, doch nimm sie als ein unabwendbares Geschick, denn auch die Rose blühet zwischen Dornen auf!" - In diesen schlichten, jedoch glaubensstarken Worten verkörperte der entschlafene Moritz Gottlieb seine Empfindung, seine Hoffnungsseligkeit und seine Anhänglichkeit an's Vaterland Polen. Dieselben Worte finden aber auch in seiner Liebe zu seinem zweiten Vaterlande Ausdruck — jenem Vaterlands, dem er mit aller Macht seiner reichen Seele treu anhing, jenem Vaterlande, das er mit den Strahlen seines großen Talentes erhellte — seinem Vaterlande Israel! Allein das Leben von Moritz Gottlieb selbst spiegelt sich in jenen wenigen, jedoch so beredten Worten wieder. Dornen sind auf Deinen Lebenspfad gestreut, aber welch' schöne Rose erblühte aus ihrer Mitte! Voll Stacheln und Unkraut ist die Erdscholle, wo Moritz Gottlieb seine Jugendjahre verlebte. Düstere Erdscholle von düsteren Arbeitern bebaut! Im armen Judenhaus, im kleinen Städtchen lullen keine von vergangenen Schlachten und berühmten Helden erzählenden Lieder das Kind in den Schlaf. Seine Phantasie wird nicht durch Erzählungen von Kämpfen aus der Zauberwelt angeregt, ebensowenig durch Erzählungen von Kämpfen aus dem eigenen thränenden und sturmerfüllten Baterlande. Traurig und hart ist das Los eines solchen Kindes, hinwelkend, aller Poesie beraubt wächst der Knabe heran. Keine leitende Hand berührte die erwachende Seele von Moritz Gottlieb, noch wies sie der aufgehenden Intelligenz die Richtung, ihr bedeutend: „Da ist das Ziel, hier der richtige Lebensweg!" Der Knabe war in sich gekehrt, frühzeitig in.Gedanken vertieft, mit Mühe und Schmerz suchte er sich einen Weg. Und als Moritz Gottlieb zum Jüngling herangereift war, da nahm er wahr, daß das Ziel seines Lebens ins Land der Kunst führe. Nun breitete der Jüngling seine Fittiche zum freien, mächtigen Fluge aus — und sieh, wiederum Dornen! Dornen des Mangels und Hasses, Dornen der Blicke jener bösen Menschen, die den Menschen nicht nach den Früchten seines Geistes, sondern nach seiner Gesichtsfarbe beurtheilen. Kieseln verwundeten auch seinen Fuß auf den Pilgerfahrten, die er unternehmen mußte — doch welch' schöne Rose erblühte aus dem Schooße dieser Dornen! Die Blättchen dieser Rose, das sind die Bilder,, die in der Gallerie polnischer Kunst für und für verbleiben werden — wie beredt, wie reichhaltig ist die polnische Kunst! Wenn der Mensch geknechtet, unterdrückt wird, wenn die Feindeshand ihm den Mund zuhält, um dem Gefühlsausbruche den freien Lauf zu wehren, so legt noch sein Gesichtsausdruck Zeugniß ab vom verzweifelten Schmerz oder von tiefer Ergebung, vom Gebete oder Hasse, von der Ecinuerung an vergangene Herrlichkeit oder der Hoffnung an die Znkunft. Dieser Gesichtsausdruck, diese reiche Scala der Gefühle und Gedanken war noch bis vor kurzer Zeit das Kennzeichen polnischer Kunst. Die Krakauer Akademie, vom Geiste des großen Meisters beseelt, trägt den Stempel jener durchdringenden und herrlichen Ausdrücke. Moritz Gottlicb nahm sie in sich auf, fühlte sie durch und verstand sie! Seine ersten Bilder sind den Blättern aus der polnischen Geschichte entnommen, allein wie unterscheiden sie sich von den späteren! Ein Jude war er auch, Moritz Gottlieb, ein Hebräer in der edlen und stolzen Bedeutung dieses Ausdruckes. Er fühlte sich als Nachkomme jener Poeten, die die Hohenlieder sangen, jener Propheten, die mit donnernden Worten das Volk erhoben und zur Einkehr bewogen, er fühlte sich auch als Nachkomme jener Helden, die für ihr Vaterland kämpften, jener Märtyrer, die im Kampfe um ihre volksthümlichen Ideale auf dem Scheiterhaufen starben. All' diese Elemente verherrlichte Moritz Gottlieb auf seinen Bildern. Es befindet, sich darauf auck Christus voll heiligen apostolischen Feuers, voll Entsetzens des Martyriums — ein hebräischer Prophet! Auch Akosta und Shylock fanden auf seiner Leinwand ein Plätzchen, auch die Brüder des nazarenischen Meisters kamen unter seinem Pinsel hervor — unsere betenden Juden. Bom höchsten Ideale der Menschheit bis zur realistischen Wiedergabe eines Bethauses, von der Süßigkeit eines Liebeswahnes bis zur gewaltigen Größe von welterschütternden Ideen, allen diesen Gedanken, allen diesen Stufenleitern der Gefühle verlieh Moritz Gottlieb Leben, allein in welch' schöner Form! Und darin eben manifestirt sich die Größe Gottliebs und seine Bedeutung für die Kunst. Die Elemente einer edlen, einer reichen Race übertrng er in die polnische Malerei, damit eröffuete er ihr einen neuen Horizont. Er liebte und verstand das Laub, aus welchem er so viele Typen auf die Leinwand brachte; er liebte und verstand die Geschichte, aus welcher er noch in der letzten Zeit seines Lebens jenes Bild stizzirte, welches Casimir den Großen, den Juden Privilegien gebend, darftellt. Er liebte und verstand die Meister, welche den Kuß der Brüderlichkeit auf seine Lippen drückten, aber er liebte und verstand noch mehr sein jüdisches Volk. Er umgab seine erhabenen Momente mit einer Aureole, ja er war der Erste, der es in's Heiligthum der Kunst einführte. In seinem dreiundzwanzigsten Lebensjahre vermochte er sich bereits auf jene Höhen des Geistes zu schwingen, auf welchen nur sehr wenige Sterbliche standen. Er war ein guter Sohn seines Vaterlandes, ein treues Kind seines Volkes und ein großer — ein sehr großer Künstler! —" Der Trauerflor wurde gelüftet und Herr Feldmann sprach das Schlußwort Die meisterhafte Rede übte einen ttefen Eindruck auf die Umstehenden. Hierauf sprachen noch Prof. Luszczkiewicz, ehemaliger Lehrer des todten Künstlers und Drd. Ignatz Süsser. Angesichts der bereits angeführten Rede läßt sich nur wenig nachtragen, es sei denn, daß Moritz Gottlieb im Jahre 1856 in Drohobycz als Kind armer Eltern geboren wurde. Sind es auch schon 13 Jahre, daß der jüdische Maler das Auge für ewig geschlossen, so ist sein Verlust für ine gesummte Judenheit noch immer ein schmerzlicher, denn er war „ein treues Kind seines Volkes und ein großer, — ein sehr großer Künstler!" Friede ferner Asche! 1. Von den Religionsdienern mit Ausnahme des Rabbiners, sowie von den sonstigen Funktionären der Cultusgemrinde. Brünn, 10. Juli 1892. Vorbemerkung: Wie bekannt hat die mähr. k. k. Statthalterei über Ermächtigung des Cultusministers ein Muster-Statut für die israel. Cliltusgemeinden in Mähren veröffentlicht, das aus einem Entwürfe des Curatoriums des mähr. jüd. Cultus- Massafondes hervorging, der von einer Enquete in Berathung gezogen wurde. Die Regierung hat diesen Entwurf mehrfach modificirt und vervollständigt und stellt das nunmehrige Elaborat den Gemeinden als Muster-Borlage bei der Ausarbeitung ihrer Local-Statuten mit der Maßgabe zur Verfügung, daß die Gemeinden an die einzelnen Bestimmungen desselben wohl nicht gebunden seien, insoweit die Gesetze und besonders das Gesetz vom 20. März 1890 in den Statuten nicht überschritten wurden, daß jedoch anderseits die thunlichste Anlehnung an das Muster- Statut in Hinblick auf die anzusttebende einheitliche Organisation der Cultusgemeinden wünschenswerth sei. Nur in zwei Punkten blieb das Muster-Statut offen, in der Begrenzung der Rechte und Pflichten der Religionsdiener und sonstigen Gemeinde- Functionäre außer dem Rabbiner (Abschnitt VH): „Da die Feststellung der verschiedenen Categorien der Religions-