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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-07-15 · 29 (15.7.1892) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
29 (15.7.1892)
Date
1892-07-15
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 498 Orstrrreichifche Wochrnfchrtst. . Nr. 39 Borkchnmgen gegen die furchtbare Seuche ließ. Selbst die allereinfachsten Diuge wurden versäumt; nur Eins vergaßen diese terren nicht, ihre eigenen Persönlichkeiten möglichst schnell in icherheit zu bringen. Das „Stadthaupt" war der Erste, der einen längeren Urlaub nachsuchte und auch erhielt. Möglich, daß man ihn schnell los sein wollte. Ms ihn seinerzeit der Polizeimeister fragte, auf welchen Wagen etwaige Cholerakranke befördert werden sollten, gab er diese Frage aus dem Instanzenweg an den Sanitatsarzt weiter, und ehe auf diesem Wege die Mäwort zurückkam, war die Seuche bereits da und griff schnell um sich, da man die Erkrankten in allgemein gebrauchten Miethdroschken heranführte, und die Herren Deputaten erklärten: „Was nützen überhaupt menschliche Vorkehrungen und Maßregeln? Was Gott will und bestimmt ist, geschieht doch!" Die Sanitäts- Comission stimmte dem bei und tröstete sich mit einem: „Jetzt ist's doch zu spät zu Gegenmaßregeln und es fehlen auch die nöchigen Mittel dazu." So blieb denn die Stadt wie sie war — stabend vor Schmutz — ein richtiger Seuchenherd und außer mit einem tatarischen Proletariat noch überfüllt mit persischen Arbeitern! Nach wie vor werden faulende Früchte und Gurken überall ganz öffentlich verkauft! Da kommt auf der Straße ein Tatar^daher, er ist gelb im Gesichte wie eine Citrone, die Augen sind eingefallen, sein ganzer Körper ist über und über mit Schmutz bedeckt, der schleppende wankende Gang verräth die größte Erschöpfung — das Bild eines richtigen Cholera-Candidaten, und dieser Unglückliche ißt mit gierigem Appetit eine faule, übelriechende Gurke.... Jeder, der nur irgend die Möglichkeit dazu hat, verläßt Baku und flüchtet nach Tiflis, Schuscha, Schemacha und anderen Orten. Die Eisenbahnzüge sind überfüllt, Mttter mit neugebornen Kindern auf dem Arm machen lieber, im Wagen stehend die Reise mit, als daß sie den nächsten Zug abwarten.... An tragikomischen Episoden fehlt es natürlich auch nicht. So erzählt der „Kaspi", daß dieser Tage in einer ApothÄe in Baku plötzlich ein Herr in der größten Aufregung erschien und inständigst bat, daß man ihn sofort von Kopf bis zu den Füßen desinficiere, er habe nämlich im Meere gebadet, als plötzlich in der nächsten Nähe mehrere Tataren am Ufer erschienen und zwei Leichen, die sie mitgebracht hatten, im Meere zu waschen begannen. Nach den neuesten Nachrichten haben nun auch die Kanzleien der Gouvernements-Verwaltungsbehörden Baku verlaffen und sind in das 165 Werst entfernte Kuffari übergesiedelt! Doch viel schlimmer als alle diese Nachrichten ist die aus Astrachan einlaufende Depesche, die nunmehr auch dort das Erscheinen des furchtbaren asiatischen Gastes feststellt. Es sollen dort umfassende Maßregeln vorgenommen sein, um nach Möglichkeit der Verbreitung der Seuche vorzubeugen, aber Niemand kann für eine solche russische Behauptung und russische Maßregel einstehen. Jedenfalls haben die russischen Blätter ganz recht, wenn sie nachdrücklich für Abbestellung der diesjährigen Messe von Nischni-Nowgorod eintreten, die ein wahrer Seuchenherd werden könnte, und desgleichen, wenn sie darauf aufmerksam machen, daß Briefe aus den bereits von der Cholera ergriffenen kaukasischen Orten noch immer undesinficirt in die Welt gehen." Neve desVLerrabbiners Zador-Kahn in Paris an der Bahre des im Duell gefallenen Lieutenant Mayer. Paris, 1. Juli. Ich übersende Ihnen nachfolgend den Wortlaut der Rede, welche Oberrabbiner Zadoc-Kahn am Grabe des Lieutenants Mayer gehalten hat: „Ein gewaltiger Schmerz ergreift uus angesichts dieses Sarges. Er schließt die sterblichen Ueberreste eines edlen jungen Mannes ein, der wohl würdig war, diesem bewunderungswerthen französischen Officiercorps anzugehören, welches so ausgezeichnet die Gradheit, die Loyalität, die Ehre, die Mißachtung der Gefahr und die Gewohnheit des Opfers repräsentirt. Wir kannten Armand Mayer als ein ausgezeichnetes Herz, in dem nur die edlen Gefühle Platz hatten, als einen lebhaften Geist, feinfühlend, von einer seltenen Zartheit, als einen liebenswürdigen und doch ernsten Charakter, sanft und doch männlich. Seine Eltom waren glücklich über seine Sohneszärtlichkeit, stolz, ihn von Allen geachtet und geliebt zu wissen und sie gründeten auf seine Laufbahn, deren Anfang so ehrenwerth gewesen war, die glänzendsten, die berechtigsten Hoffnungen. Sein Bruder war ihm zugethan durch die Bande einer rührenden Freundschaft. Seine Vorgesetzten schätzten ihn und zählten auf ihn; seine Kameraden bezeigten ihm jene Gefühle von Vertrauen und guter Brüderlichkeit, die aus unserem Heere eine wahre Familie machen, geeint durch die Achtung vor der Pflicht und die Liebe zum Vaterlande. Und alles dies ist untergegangen in einer beklagenswerthen Katastrophe! Dieser junge Mann von 34 Jahren, dieser brave Officier ist so früh in den Tod gegangen, in einem dieser Bruderkämpfe, den unglücklicher Weise der Brauch autorisirt, das Gesetz und die Religion aber verdammen. Ach! welche Trauer für dieses Haus, das so grausam in vollem Glück, in voller Sicherheit getroffen wurde! Welche Trauer für das Heer, welches in der Person des Capitän Mayer einen seiner unterrichtetsten, tapfersten und zukunftsreichsten Officiere verliert! Welche Trauer für Frankreich, welches einen seiner Söhne entschwinden sieht, der während langer Jahre ihm durch seinen Muth, sein Wissen und seine Aufopferung hätte dieneu wollen und müssen. Welche Trauer endlich für die französische Judenheit, für welches dieses kostbare Blut geflossen ist! Wie soll ich sie ausdrücken, die liefe Trauer, welche uns dieser Tod und die Gründe, die ihn herbeigeführt, verursachen? Da sieht nian, wohin Streitigkeiten der Feder, unüberlegte Angriffe und oft mehr gemachter als wirklicher Haß führt! Doch es bleibt uns ein Trost in unserem tiefen Kummer. Die grausame Lehre, die sich von einem von Allen beklagten Ereigniß herleitet, ist verstanden worden; das bezeugt die allgemeine Trostlosigkeit, die Gemeinsamkeit der Trauerbezeugung, welche sich von einem Ende unseres Landes zum anderen kund giebt. Die Seele Frankreichs hat sich hier gänzlich enthüllt in ihrem angeborenen Edelsinn, ihrer Gerechtigkeitsliebe, ihrem zärtlichen Mitleid für das Unglück und ihre glühende Liebe für die Mitglieder des Heeres, welches vus seinem Innern hervorgegangen und welches seine Stärke, seine Ehre und seine Hoffnung ist. Alle Herzen ohne Ausnahme haben vor Erregung gezittert, ein gleicher Schrei des Schmerzes ist aufgestiegen von allen Lippen. Niemals hat sich das nationale Gewissen mit mehr Kraft geäußert, niemals hat die heilige Einheit des Vaterlandes, das nur geliebte Kinder in denen anerkennt, die seine Fahne vertheidigen und sich an seinem Genie begeistern, sich mit mehr Gewalt offenbart. Dieses Leichenbegängniß selbst hat seine Beredsamkeit, denn es wird, um so zu sagen, von Frankreich selbst begangen. Und dann ertönt gleichsam ein feierlicher Ruf von diesem Sarge aus, gleichwie von allen den Gräbern, die uns hier umgeben. Auf diesem heiligen Orte der letzten Ruhe erlöschen alle Unterschiede, der Haß beruhigt sich, die Heftigkeit ist herabgestimmt und die ungesunden Erregungen klingen aus. Traget in die Welt der Thätigkeit, in Eure alltäglichen Beziehungen etwas von diesem Geiste der Toleranz, der gegenseitigen Achtung, des Mitgefühls, welches die große Belehrung ist, die der Tod dem Leben gibt. Ach, ich spreche nur einen Wunsch aus, und indem ich es thue bin ich sicher, der getreue Dolmetsch des Capitän Mayer selbst zu sein: es ist der, daß diese Rathschläge jenseits des Grabes ihre Früchte tragen; daß diejenigen, die die Ehre haben, eine Feder zu führen und auf die öffentliche Meinung zu wirken, es als ihre heilige Pflicht betrachten, zu einen und nicht zu trennen, und sich sagen, daß es ein Verbrechen gegen das Vaterland ist, Haß zu erregen und Mißtrauen unter die Bürger zu säen, welche es mit gleicher Liebe lieben; daß die Denker, die öffentlichen Männer und besonders die Diener der Religionen, geborene Diener von allen gerechten, guten und erhabenen Ideen, sich des Einflusses bedienen, den sie besitzen, um nach dem Beispiel von Frankreichs Armee aus allen Kindern Frankreichs eine einzige Familie zu gründen, die nur eine Leidenschaft im Herzen trägt: den Ruhm und die Größe des Vaterlandes zu sichern und über seinen guten Namen zu wachen. So werden wir das Gedächtniß dieses jungen Märtyrers ehren, der ftemd jedem engherzigen Gedanken, jedem Gefühl des Haffes war, und welcher wie alle diejenigen, die den Degen Frankreichs tragen, sich vollständig dem Dienste der Pflicht und der Ehre gewidmet hatte. Das Opfer, das er mit seinem Leben gebracht, wird gewiß nicht vergeblich gebracht worden sein, wenn es die Wirkung hat, traurige Mißverständnisse zu zerstreuen , und durch den Schleier der Trauer, der es heute verhüllt, aufs Neue das Banner Frankreichs erglänzen zu lassen, dieses ruhmreiche und unsterbliche Symbol der Gerechtigkeit, der Eintracht und der Brüderlichkeit. Lebe wohl, Armand Mayer! Wir wissen, wie Du gelebt und weshalb Du gestorben. Dein Andenken wird uns theuer sein, mit Achtung und Liebe werden wir die Eltern, den Bruder, die Freunde umgeben, die

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