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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-07-15 · 29 (15.7.1892) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
29 (15.7.1892)
Date
1892-07-15
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 39 Orftrrreichischr Wochenschrift. Sette 497 der erzbischöflichen Hauptkasse. Zum Entgelt für diese rücksichtslose Inanspruchnahme gestattet der Erzbischof beit Juden vollste Einsicht in seine Finanzgebahrung, indem er einen der Ihrigen zum Finanz- Miuister macht. In dieser Eigenschaft scheinen sich die hervorragendsten jüdischen Bankiers ohne bestimmte Periodisirung nach freier Vereinbarung mit dem Erzbischof abgelöst zu haben. Ein ras-finirt durchgedachtes System, den Juden das Odium des Wuchertreibens zu überlassen, den Bortheil der Wucherfrüchte aber selbst nach Belieben einzuheimsen!" Wie eine (vom Autor allerdings unbeabsichtigte) Ironie auf die neuesten Bestrebungen der Antisemiten, die jüdischen Bürger des deutschen Reiches zu „Fremden" zu stempeln, lieff es sich, wenn Lamprecht am Schluffe dieses Kapitel sagt: „Allein wenn sich auch auf dem Gebiete der Finanzverwaltnng die Spuren einstiger jüdischer Einwirkung verwischen ließen, so blieb diese Einwirkung doch jedenfalls in der Gesammtgeschichte der Territv ialbildung nicht ohne tief eingreifende Ergebnisse. Wohl schwerlich wird sich in' anderen deutschen Territorien die Bedeutung des jüdischen Einflusses bis zur Mitte des' 14. Jahrhunderts in ebenso sicherer Weise veranschaulichen lassen wie in Trier — wo wird uns denn überhaupt ein gleich übersichtliches Bild einer Landesfinanzverwaltung gezeigt — indeß wird es doch möglich ein, in den meisten Territorien einzelne Spuren einer in analoger Weise ausgebildeteu Einwirkung aufzuweisen. Ist dies aber der Fall, so kann den Juden ein bemerkenslverther, wenn auch erzwungener Antheil an der Entwickelung des deutschen Territoriums, und damit des modernen deutschen Staates nicht abgesprochen werden. Antisemitische Niedertracht. Bel allem Phantasiereichthume der mittelalterlichen Judenfeinde im Erfinden jüdischer Verbrechen, sind ihre Epigonen, die modernen Antisemiten, doch noch weit größer in diesem Genre. Haben schon die Alten für Pestilenz und Seuchen, für Mißwachs und Theuerung, für jedes Elementarunglück, wie Ueberschwemmungen, Brände rc. die Juden verantwortlich gemacht, so verdienen unfere Antisemiten ein Patent auf die Kui'st, den Juden auch die Urheberschaft aller politischen Ealamitäten, wie der Kriege und der nationalen und social n Kämpfe anzudichten, und nicht nur die gegemvärtigen, sondern von Adam und Eva angefangen haben die Juden alle Kriege gemacht, sonst märe schon längst der ewige Friede gewesen; haben sie stets die Nationalitäten gegen einander gehetzt, sonst hätte es gar keinen nationalen Zwist gegeben; und haben immer die Massen aufgestachelt, sonst wäre es den Armen niemals eingefallen, ihr Los zu verbessern. Zu einer noch nie dagewesenen und unerreichbaren Meisterschaft haben es unsere Antisemiten aber in der Geschicklichkeit zu schematisiren gebracht; wen sie nur wollen, machen sie zu einem Juden, nicht der frömmste Christ ist mehr vor dieser ihrer Operationswuth sicher. Und nicht blos zu einem gewöhnlichen Juden, sondern in Einem graduiren sie ihn zugleich zu einem Rabbiner. Das Großartigste in dieser Geschicklichkeit hat ein gewisser Dr. Banneil aus Bielefeld zuwege gebracht. Es liegt uns ein Schreiben zur Einsichtnahme vor, welches ein geachteter Bürger aus Aurich in Ostfriesland an eine autoritative Persönlichkeit in Wien richtet. In diesem Schreiben, datirt vom 5. Juli 1892 heißt es: „-Heute war eine antisemitische Versammlung hier, bei welcher der Redner, ein gewisser Dr. Danneil aus Bielefeld unter Anderem sagte: „Der Rabbiner Dr. Adler in Wien ist das Oberhaupt der Anarchisten in Oesterreich." Ich bitte Se. Hochwürden dem Herrn Dr. Adler Mittheilung davon zu machen und ihn zu veranlassen, gerichtlich gegen diesen Antisemiten einzuschreiten, denn es ist eine Schmach, daß die Ersten im Judenthume derartig öffentlich verunglimpft werden dürfen. . ." Wenn nun der Schreiber dieses Briefes, ein Jude, sich von dem antisemitischen Redner aufbinden ließ, daß der Rabbiner von Wien ein Dr. Adler ist, so ist es nicht zu verwundern, daß das antisemitische Auditorium es gläubig hinnahm und den Zusatz, daß dieser „Rabbiner Dr. Adler in Wien" das Oberhaupt der österreichischen Anarchisten ist, wogegen sich das Gefühl des jüdischen Zuhörers sträubte, wie eine evangelische Wahrhett empfing und in sittliche Entrüstung über dieses verworfene Judenthum gerieth. Der Schreiber dieses Briefes dürfte schon von seinem hiesigen Adressaten privatim über seine Leichtgläubigkett aufgeklärt worden sein. Uns erübrigt nur die schurkische Verlogenheit dieses Dr. Danneil für weitere Kreise anzunageln. Er hat in einem Athem drei Lügen gesagt. Einen Rabbiner Dr. Adler gibt es in Wien nicht. Der Dr. Adler, den er eigentlich meinte, ist ein getaufter Christ und ist kein Oberhaupt der Anarchisten in Oesterreich, sondern ein Führer der Sozialdemokraten, wie es Bebel und Liebknecht in Deutschland sind. Dr. Danneil hat bewußt gelogen, denn er kennt doch den Dr. Adler nur aus dessen Blatt „Die Arbeiter-Zeitung" und muß daraus alle diese Umstände wissen, weil sie aus jeder Zeile zu entnehmm sind. Dr. Danneil hat bewußt mit Namen changirt. Seinen antisemitischen Zuhörern dürste der Name eines Rabbiners Dr. Adler geläufig gewesen sein, denn so hieß der einstige Landesrabbiner von Hannover, zu dem früher Oftfriedland gehörte. Daß aber dieser Dr. Adler Rabbiner in London war, was liegt daran? Dr. Dann eil läßt ihn in Wien sein und den als sozialdemokratischen Führer bekannten Dr. Adler als den Rabbiner Dr. Adler gelten. Die Niedertracht, welche die Antisemiten mit dem Namenspiel treiben, ist unermeßlich. Unverfroren und schamlos lügen, ist ihr Metier. Auf die Gleichhett oder auch nur Aehnlichkeit der Namen bauen sie Lüge auf Lüge auf, aus der Gleichheit oder auch nur Aehnlichkeit der Namen combiniren sie, daß ein Netz jüdischer Jntriguen die ganze Welt unispanne, wie sie es mit dem Namen „Hirsch" machen, weil zufällig Baron Hirsch und der letzte nordamerikanische Gesandte in Constantinopel den gleichen Namen tragen; an die Gleichheit oder auch nur Aehnlichkeit der Namen knüpfen sie ihre Verdächtigungen gegen die besten und edelsten Männer des Judenthums — eine Niedertracht, deren sich Keiner versehen kann, weil die Gleichheit oder Aehnlichkett der Namen doch nicht zu verhüten ist, und so wurde aus einer Gleichhett der Namen ein „Rabbiner Dr. Adler in Wim" zum Oberhaupte der Anarchistm in Oesterreich gemacht. Das ist die allerneueste Schurkerei der Antisemiten! Cholera und Judenverfolgung. Die russischen Behörden, welche die Austreibung der Juden zu besorgen haben, verfallen auf immer neue Handhaben. So hat der Petersburger Stadthauptmann verfügt, daß alle Juden, welche sich mit der Herstellung von Tinte befaßen, auszuweisen seien, weil die Fabrikatton von Tinte kein Handwerk sei. Die Betroffenen sind bei dem dirigirenden Senat vorstellig geworden. Nur die Juden, die irgend ein Handwerk tteiben, dürfen nämlich ihren Wohnsitz nach eigener Wahl nehmen. Die Bermuthung liegt nahe, daß das ehrwürdige Petersburger Stadthaupt in Tinten-Angelegenheiten ein fachmännisches Urtheil besitzt; denn eine solche Verordnung kann nur Einer erlaffen, der selbst Tinte ge—trunken hat. Aus Petersburg, 2. d., schreibt man der „Köln. Ztg.": „Es ist also wirklich wahr, was anfänglich schier unglaublich klang: Verschiedene Aerzte in Baku haben sich einfach geweigert, Cholerakranke zu behandeln und find feige ausgeriffen! „Welche Benennung" — fragt der, beiläufig bemerkt, unter obrigkeitlicher Prävenüv-Censur erscheinende .Kaspi" — „soll man derartigen, im Dienste der Gemeinde befindlichen Männern geben, die nur ihre Gehalte zu empfangen verstehen?" Als die Aerzte Bakus am 10. Juni aufgefordert wurdm, den Dienst im Choleraspital zu übernehmen, fanden sich nur vier freiwillig hiezu bereit; einige wenige hielt der Gouverneur durch Drohungen zurück, der Rest aber — gab Fersengeld. Den Dr. Gastiurin veranlaßte der Polizeipristav, mit ihm gemeinsam zu einer kranken, der Cholera verdächtigen Frau zu gehen. Kaum hatte der Arzt einen Blick auf die in Zuckungen liegende Kranke geworfen, so — verschwand er, ohne ein Wort zu sagen, auf Nimmerwiedersehen. Gleich scandalös und verächtlich wie das Bettagen dieser Aerzte war das der Duma von Battr, welche die Stadt, wie wir bereits telegraphisch meldeten, ohne jede wirkliche sanitäre

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