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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-07-15 · 29 (15.7.1892) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
29 (15.7.1892)
Date
1892-07-15
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 39 Orstrrrrichisrhe Wochrnschrist. Sette 495 verfolgt glauben, die grausam und blutdürstig ihn umheulten. Sämmtliche Belastungszeugen haben sich in Widersprüche verwickelt; sämmtliche Belastungszeugen sind meineidig. Welche Gestalten treten da auf, ein versoffener, liederlicher Steinmetzgeselle, der Halbschwager dieses Gesellen, der Fleischhauer Junkermann, ein Schwadroneur, der heute widerruft, was er gestern behauptet hat, der Kaplan Besser, der Redacteur des „Boten", der die von ihm gemachte Behauptung des 1 Schächterschnittes als einen Ausfluß persönlicher Erregung hinstellt, ein geisteskranker Onkel des ermordeten Knaben und alle Belastungszeugen sind Antisemiten und Alle wollten wie der erwähnte Steinmetzgehilfe dem Juden den Schabbes verderben. So wurde ein Prozeß eingeleitet und an diesen Prozeß klammerte sich der deutsche Antisemitismus. Dem Angeklagten Buschhoff aber wurden die besten Zeugnisse ausgestellt von Seiten achtbarer Bürger und sogar von einem Klosterbruder. Von großem Gewichte ist die Aussage des Landesgenchtsrathes Brixius, der die erste Untersuchung führte. Er habe vom Anfang an die Ueberzeugung gehabt, daß Buschhoff unschuldig sei und er habe Buschhoff und seine Frau und Tochter nur zu ihrer eigenen Sicherheit in der Untersuchungshaft behalten. Die Zeugen hätten bei jeder neuen Vernehmung neue Angaben gemacht. Es konnte nicht anders sein in der Lügenstadt am Rhein. Die Verfolgungen der Juden am Rhein, welche die ' Geschichte auf zahllose Blätter verzeichnet, ist in unseren Tagen mit einem neuen Fall bereichert worden. Aber diesmal ncchm die Sache einen anderen Verlauf. Die öffentliche Meinung hat schon jetzt ihr Urtheil über den Prozeß gesprochen. Vergeblich versuchte man noch im Laufe des Prozesses durch anonyme Zuschriften terroristisch auf die Richter einzuwirken. Wirklich unter Anklage steht nur der Antisemittsmus. Frivoler und ungerechter ist niemals die Verfolgung eines schuldlosen Menschen unternommen worden. Unsichtbare Geister sprechen das Verbiet. Gebrandmarkt in seinem innersten Drange, gebrandmarkt mit Verbrechen scheidet der Antisemitismus von diesem Prozesse. _ Einflutz der Juden auf den Handel und die Cultur im Mittelalter. Der Haß leiht sich die Maske der Gelehrsamkeit aus und die Lüge rüstet sich mit Scheinargumenten aus dem Arsenal der Geschichte, um einen Volksstamm anzuschwärzen, welcher seit Jahrtausenden jedem beginnenden Fortschritt, jeder keimenden Civilisation des Menschengeschlechtes seine besten Kräfte gewidmet hat. In einem Artikel der „U. D. W." wird erzählt: „Eingesponnen im Gedankenkreis einer finstern, menschenfeindlichen Casuistik, lebte das Judenthum im Mittelalter ausschließlich dem Wucher, war es ein volksschädliches Element, welches der Civilisation nie einen Nutzen gebracht!" Gegenüber diesen Declamationen wollen wir nicht etwa das Zeugniß eines jüdischen, sondern eines christlichen Historikers anrufen: Wir lassen in Folgendem W. Kiesselbach, dessen Buch „Der Gang des Welthandels und die Entwickelung des europäischen Völkerlebens im Mittelalter" im Jahre 1860 erschien, sprechen, obwohl der Verfasser kein besonderer Judenfreund ist: „.... So waren denn die Israeliten, wenn auch ohne gesammtstaatliche Form, nur durch ihre Religion noch als Nation bestehend, recht ei^entlid^ die Erben des phönizischen Handels geworden, indem sie nicht nur unter den Römern den mercantilen Zusammenhang der alten Welt ausrecht erhielten, sondern auch die ersten Verzweigungen des asiatischen Verkehrs in das beginnende Ackerbauleben des inneren Europa vermittelten.... Unwahrscheinliches liegt nichts in der Sage, daß bereits vor Christi Geburt Israeliten sich in einigen uralten Städten von Binnendeutschland z. B. in Mainz, Worms, Ulm und Regensburg aufgehalten haben. Wie einst die Phönizier an den Küsten Europas die jungen Völker den Gebrauch von Gold und Silber als Geld gelehrt hatten, so führten jetzt ihre jüdischen Nachfolger die Barbarenhorden in der Mitte unseres Erdtheils in den Kreis des allgemeinen Güterlebens ein. Die römischen Kaufleute, die sich unter den Markomannen in der Stadt Marbod's niederließen, sind sicher Juden." „Unter den Franken bildeten die Juden eine zahlreiche Classe der städttschen Bevölkerung; selbst die Könige bedienten sich derselben. So hielt sich Chilperich einm Hebräer, Namens Priskus, um den Einkauf von Spezereien zu besorgen. „In Spanien scheinen sie auch schon lange vor dem Christenthum ihre Berkehrsfäden angeknüpst zu haben." Und wenn später das westgothische Gesetz von „überseeischen Kaufleuten" spricht, „welche in uralter Jnnungsform unter eigenen Richtern" den Einheimischen „Gold, Silber, Kleider und sonstige Zierrathen verkaufen" so sind sicher darunter jüdische Geschäftsleute zu verstehen. In Frankreich hielten die Juden während des vierten und fünften Jahrhunderts die ganze Südküste besetzt; Papier, Oel, Seidenwaaren und Spezereien find die Hauptgegenstände ihrer Einfuhr. Welche Achtung dabei ihr Handelsleben in Europa genoß, erhellt aus der Thatsache, daß ein jüdischer Kaufmann, der das Christenthum angenommen hatte, sich 591 sogar das Bisthum von Paris verschaffte. Am Hofe des Königs Guntram von Burgund galt der Wein von Gaza in Palästina als das köstlichste Getränk, der Goldschmied des Königs Dagobert, der heilige Eloi, kleidete sich in Seide und egyptische Leinwand, in seinem Gürtel funketten die köstlichen Gesteine des Morgenlandes — nur jüdische Vermittlung vermochte damals in den weiten Binnenreichen, denen noch jeder Ansatz zu einem nationalen Handelsstande fehlte, solche orientalische Maaren zu beschaffen. „Wie die europäische Welt eine Menge aus Asien herübergeholter Fäden in ihre Cultur verwebt hat, welche noch in der Gegenwart eigenthümliche Gebilde Hervorrufen, so ist unserem Erdtheil in den Juden ein ökonomisch-soziales Element mit unverändertem Inhalte und unveränderter Form aus dem altasiatischen Dasein zu Theil geworden. Die große Wichtigkeit desselben fiir das neu beginnende Wirthschaftsleben des Mittelalters wird indessen erst dann mit voller Klarheit hervortreten, wenn man die gesellschaftlich-staatliche Rückwirkung des Geldumlaufes innerhalb der Ackerbauverhältniffe erkennt. Man kann mit Bestimmtheit behaupten, daß, falls nicht während des Zusammenbruches der römischen Herrschaft die jüdischen, im Welthandel beschäftigten Kaufleute die Verbindungsglieder zwischen Asien und Europa gebildet und somit als Träger des beweglichen Eigenthums den ersten sozialen Gährungsstoff in das agrikole Dasein von Mitteleuropa gebracht hätten, daselbst das Bürgerthum mit seinen Städten und der aus ihm sich losringenden Staatsentwicklung schwerlich auf dem Schauplatz erschienen wäre. Der neue binneneuropäische Vötterhaushalt bedurfte einer ökonomisch-socialen Beimischung, welche ihn mit der Außenwelt in Berührung setzte. Das ist am Ausgange des Atterthums und am Anfänge des Mittelalters die Aufgabe der beweglichen Juden. Die Weltgeschichte umfaßt manche geheimnißvoll waltenden Kräfte!" Und welches Moment die Juden aus dieser großarttgen Position verdrängte, und wie sie selbst dann noch ein wichtiges Mittelglied im Verkehre blieben, stellt Kieffelbach folgendermaßen dar. „Das deutsche Bürgerthum wurzelt in wirthschastlicher Hinsicht recht eigentlich an der Donau und hat erst von dort aus die Adelsgeschlechter in den Städten des Westens ökonomisch wie polittsch zu zersetzen begonnen. Aus demselben Boden entspringt aber auch der im X. Jahrhundert in der Mitte von Europa zuerst sich einstellende Gegensatz der einheimischen Bevölkerung zu den fremden Juden . . . Nachdem diese lauge in hohen Ehren gestanden waren, wurden sie von dem selbstständiger werdenden deutschen Bürgerthum allmählig bei Sette gedrängt. Je mehr die Städte des deutschen Kaiserreichs in die Höhe kamen, um so wilder wurde der Haß derselben gegen die Juden, welche sie eigentlich begründeten und in welchen sie bis dahin dieselben Rechte, wie die übrigen Bürger besessen hatten. Durch den Wettbewerb der zum Handel übergehenden Städter auf dem nattonalen Boden wurde der israelittsche „Fremdling" immer weiter aus dem Betriebe des großen zwischenländifchen Austausches verjagt und fortan einzig ans den Schacher hingewiesen. Das ist das ewige Schicffal des Juden: man läßt ihn bahnbrechen, und wenn das Terrain geebnet ist, verjagt man ihn davon. So erging es ihm mit der Religion, die er den Völkern gegeben, so dann mit dem Handel, und so neuestens mit den Verkehrsanstalten, die man die Juden schaffen läßt und dann nach ihrer Verstaatlichung schreit. - . „Verloren aber auch die Israeliten", sagt Kiesselbach, „dm Weltwaarenhandel an das Bürgerthum Europas, das sie doch

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