Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 29 (15.7.1892)
- Date
- 1892-07-15
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 494 Vrstrrrrlchlschr WochrnschrM. Nr. 29 Blut in kleinen Fläschchen auf der Post versenden sollen und wäre man dann nicht schnell hinter das Geheimniß gekommen? Man muß Geistesschwäche als Milderungsgrund annehmen, wenn von der Tnbune des preußischen Abgeordnetenhauses die Märchen einer gedankenlosen Menge verbreitet werden. Im Volke glaubt man ja auch noch an Gespenster und an Hexen und wurden Beweise dafür erbracht, daß Gespenster und Hexen existiren. In Tirol wurde im vorigen Jahrhundert noch ein junger Mensch, ein Tiroler Alpenhirte, also kein Jude und kein Ketzer, hingerichtet, weil die Zeugen beschworen, daß er während eines verheerenden Hagelwetters auf der Gewitterwolke den Berg herabgeritten sei. Folglich war er ein Hexenmeister und hatte das Unwetter herbeigezaubert. Genau auf derselben Geisteshöhe steht Herr von Wackerbarth; gewiß er ist kein Hexenmeister. Und weil der ganze Prozeß zu einer Schmach für den Antisemitismus geworden, kennt die Wulh der Antisemitengemeinde keine Grenzen. Die Art und Weise wie die antisemitischen Blätter sich geberden, hat etwas Belustigendes. Allein dieses AusbLumen gegen die Wahrheit, dieser Kampf gegen deutlich redende Thatsachen ist eben auf die antisemitischen Pöbelhausen berechnet. Die Schreiber der antisemitischen Blätter wiffen recht wohl, daß sie im Unrechte sind, daß sie ein Verbrechen begehen, indem sie falsche Anklagen ausrecht erhalten. Allein dieses gewiffen- und sittenlose Gesindel scheut vor keiner Lüge zurück, weil das antisemitische Publikum es so verlangt, weil aus dieser saubem Gesellschaft jede Achtung vor Wahrheit und Recht verschwunden ist. Unter dem Titel: „Sonderbare Dinge" veröffentlicht das „Volk," das C rgan des Dr. Stöcker einen Artikel über den Proceß, in welchem jede Zeile Zeugniß von der „sonderbaren" Sittlichkeit des ehemaligen Hofpredigers ablegt. Die Staatsanwälte, die Richter, die Sachverständigen, sie Alle finden keine Gnade in den Augen des Dr. Stöcker. Sie werden angegriffen, weil sie von Ritualmorden nichts wissen wollen. Es wäre Sache der Anklagbchörde gewesen, dem Profeffor Nöldeke aus Straßburg einen Sachverständigen gegenüber zu stellen, der die Frage des „Blutmordes" von einem andern Standpunkte aus beleuchtet hatte. Aber der Profeffor Nöldeke aus Straßburg hat eben in Uebereinstimmung mit seinem im Proceffe Bloch- Rohling abgegebenen Gutachten erklärt, daß der andere Standpunkt der Standpunkt der Lüge ist, daß in der ganzen Literatur des Judenchums, in der talmudischen wie in der kabbalistischen nicht einmal eine Andeutung des Ritualmordes existirt und daß durch den Proceß Bloch-Rohling das ganze Märchen für immer vernichtet ist. Das eben ist die schwere Sünde der Richter und der Staatsanwätte, daß sie nicht an dm Ritualmord glauben wollen. „Die Frage des Blutmordes — schreibt Dr. Stöcker — ist mindestens eine offene." In diesem Satze offenbart sich die ganze Verlogenheit des ehemaligen Hospredigers. Er kann sich ja darüber belehren, daß die Frage keine offene ist und das Gutachten des Dr. Nöldeke müßte mich für Dr. Stöcker in's Gewicht fallen, wenn die Wcchrhett für ihn irgendwelchen Werth hätte. Dabei benimmt sich Dr. Stöcker wie ein böser Bube, der, nachdem er den Frevel begangm, rasch irgmd ein Versteck aufsucht. Er spielt mtt dem Worte „Scheinen", um ohne allzugroßer Verantwortlichkeit seine Verdächtigungen anbringen zu können. „Die Staatsanwaltschaft, der Landgerichtsdirector, die Sachverständigen scheinen nur darauf bedacht zu sein, die für den Angeüagten günsttgen Momente in den Vordergrund zu stellen." Und gleich daran schließt sich die heuchlerische Ausrede: „Scheinen, sagen wir ausdrücklich. Selbstverständlich thun alle jene Herren ihre Schuldigkeit nach bestem Wissen und Gewiffen." Auf die verschiedmm Methoden, wie man die Wahrheit verwendet, versichert sich die Antisemiten mit wahrhafter Meisterschaft; das ist ganz sicher und nicht im Mindesten zweifelhaft. Die Melodie Stöckers wird auch von der „Staatsbürger- Zeitung" und der „Kreuzzeitung" gesungen. Auch sie geben chrem Verdruß darüber Ausdruck, daß der Ritualmord fehlt, daß chnen nichts übrig geblieben als der Schächter Buschhoff aus Lanten. Das Leipziger Antisemitenblatt, die „Neue Deutsche Zeitung" weiß wmigstens, wie man sich in solchen Dingen hilft. Das Wort „Jude" reicht aus; man braucht nicht mehr. Der Proceß ist eine Judenkomödie. Die Fachmänner sind Juden. Der Staatsanwalt Baumgart hat „ein auffallend jüdisches Gesicht." Der Vertheidiger Rechtsanwalt Fleischhauer ist „ungemein rabbinerhast dretnschauend." Der Professor Nöldeke hat ein „waschechtes Rabbinergesicht." Also in dem Proceffe sind nur Inden, Halbjudm, wirkliche Juden und verjudete Christen in Function. Die Bevölkerung Cleves ist ruhig, liebenswürdig, „leider allzu schüchtern." Gewiß in Leipzig würde man den Proceß anders führen; dort wäre alles antisemitisch bis hinab zum Gerichtsdiener. Schade, daß die bekanntesten Leipziger Buchhändlerfamilien trotz ihres Antisemitismus so stark von jüdischem Blute durchtränkt sind. Und es ist nicht gerade das edelste jüdische Blut, das in ihren Adern fließt und nicht die schönsten Frauen haben sie von den Töchtern Zions ausgewählt. Sie schauten mehr auf's Geld als auf körperliche Vorzüge und daran erkennt man den Sachsen und den Leipziger. Aber sie konnten sich wenigstens bei ihren Verwandten — es sind echt orthodoxe Juden darunter — beispielsweise in Ungarn, bei ihren jüdischen Vettern erkundigen, ob sie wirklich zu Ostern Blut brauchen. Ja der Prozeß ist eine Komödie, aber eine scheußliche Höllenkomödie des Antisemitismus. Die Ermordung des Knaben mag vielleicht ein Geheimnis; bleiben; aber eine Reihe von offenkundigen Verbrechen sind begangen worden, die nicht verfolgt und nicht bestraft werden. Die Verbrecher sind die antisemitischen Agitatoren, die Zeugen, welche vor dem Gerichte erschienen, endlich die Herausgeber und Schreiber der antisemitischen Zeitungen. Ist es nicht ein Verbrechen, so scheußlich wie der Mord, wenn man eine schuldlose Familie in den Kerker bringt, wenn man mit den Mitteln der bewußten Lüge einen schuldlosen Mann auf das Schaffst schleppen will,? Man kennt ja das Leben einer kleinen deutschen Stadt. Die Leute wissen, daß sie unter der Controle ihrer Nachbarn stehen. Wenn Einer einen neuen Rock tragt ist's ein Stadtereigniß. In der endlosen Langeweile ist es ein willkommener Zwischenfall, wenn ein Berauschter nach Hanse wankt, wenn er durch einen häuslichen Zwist die Ruhe der Nachbarn stört, oder wenn gar ein Naufhandel plötzlich Leben in die Stille bringt. In einer solchen stillen Stadt lebte der Schächter Buschhoff geachtet und beliebt als redlicher Mann auch bei seinen christlichen Nachbarn. Da kam die antisemitische Agitation und um den Frieden der Stadt war es geschehen. Es wurde der Leichnam eines erinordeten Knaben in einer Scheune gesunden, die einem Christen gehörte; der Verdacht konnte sich auf verschiedene Personen lenken, nur nicht auf einen Juden und nur nicht auf den Schächter Buschhoff. Aber der Antisemitismus wollte eine Anklage gegen die Juden haben und das Blutmärchen brauchte eine Auffrischung; Buschhoff war ein Schächter und das genügte, um ihn als den Schuldigen hinzustellen. Es ist nicht ausgeschlossen, ja es gewinnt immer mehr an Wahrscheinlichkeit, daß der Mord selbst von der antisemitischen Bande zum Zwecke der Agitatton vollbracht worden, um den armen Juden zu verderben. Ein Abgrund von Lüge und Gewissenlosigkeit; sonst ist nichts sichtbar in diesem Prozesse. Cs fehlt jeder Beweis; im Gegentheil, Buschhoff kann positive Beweise erbringen, daß er den Mord nicht begangen haben kann; aber man versucht es eben doch Beweise zu schaffen. Die Hermine Buschhoff hat einen Sack gettagen und so die Leiche in die Scheune befördert. Ein weißer Arm hat den Knaben in das Buschhoff'sche Haus gezogen. Ein Jude war sichtbar irr einem fremden Garten. Jedes Wort aus dem Munde Buschhosis wird aufgehascht und werden daran Vrrdachtsgründe geknüpft. Die ganze Stadt vereinigt sich, um Lügen zu erfinden und Lügen zu verbreiten. Neuer Aberglaube gesellt sich zum alten Aberglauben. Die Zeugen männlichen und weiblichen Geschlechts scheinen gar nicht zu wissen, was eine Zeugenschaft vor (Bericht bedeutet. .Unten, das ist die Lügenstadt am Rheine und Buschhoff mochte sich von einer Horde von Wölfen