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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-07-15 · 29 (15.7.1892) · page 1

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
29 (15.7.1892)
Date
1892-07-15
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Kr. SS Wien, IS. Juli 1892. DL Inhegnug. Crntralorgan für dir gefammten Interessen des Indenthmn». Eigrnkhümer: Reichsraths-Abgeordnrtrr vr. ». k. KoMarrsystnaml Mrarinsvrrstrhr Nr. 81V.S7S. DrdwMon u. Administration: Wir« I, Dothenthurmstraße 39. Inhalt: Leitartikel: Die Lügenstadt am Rhein. — Einfluß der Inden auf den Handel und die Cultur im Mittelaller. — Antisemitische Niedertracht. — Cholera nnd^Judenverfolgung. — Rede des Oberrabbiners Zadoc-Kahn in Paris an der Bahr« des im Duell gefallenen Lieutenant Mayer. — Moritz Gottlieb. — Bon den Religionsdienern mit Ausnahme des Rabbiners, sowie von den sonstigen Functionären der Cultusgemeinde. — Correspo.ndenzen'. Wien, Brünn, Prag Budapest, Berlin, Jena, Posen. — Vermischtes: Wien, Hernals, Mödling, Lundenburg, Leitmeritz, Proßnitz, Prag, Teptitz, Jungbunzlau, Sniatyn, Budapest, Arad, Verbacz, Hamburg, Rom, Paris, London, Lissabon. — Feuilleton: Eine jüdische Dorfgeschichte. — Wochenkalender. — Briefkasten. — Inserate. Die Lügenstadt am Rhein. Die Augen sind wieder auf den Rhein gerichtet, wie in den Julitagen vor zweiundzwanzig Jahren als die Völker sich an seinen Ufern versammelten, um die alte Fehde von Neuem blutig auszufechten, wie damals bei der Bluttaufe des neuen deutschen Reichs. Und damals standen auch die Juden in Reih und Glied und es ist nicht zu lesen, daß sie bei der Mobilmachung ausgeblieben, oder daß sonst die deutschen Juden als Soldaten ihre Pflicht nicht im vollsten Maße erfüllt hätten. Der Jude Berthold .Auerbach schrieb damals über die Belagerung von Straßburg und war voll freudiger Begeisterung über die deutschen Siege. Heinrich Heine ist am Rheine geboren, Borne und Auerbach in der Nähe des deutschen Stroms. Soll man es für möglich halten, daß eine Religionsgenossenschaft, aus der solche Männer hervorgegangen, die in der deutschen Literatur Bestes geleistet, anregend und belebend auf den deutschen Geist gewirkt haben, als fremde Nace hingestellt wird? Ist es nicht eine unfaßbare, ungeheuere Schmach für Deutschland, daß man diese Rcligionsgenossenschaft, die Juden, zum Gegenstände des Blutmärchens macht? Auerbachs „Dorfgeschichten" und das Blutmärchen; inan bedenke doch, in welchen Unsinn man sich vergipfelt. Im Kriege thaten die Juden ihre Schuldigkeit; als aber das Reich gegründet war und Bestand hatte, da wuchs unter dem Schutze des Kanzlers, der jetzt in seinem Reichthum und im vollem Genußleben die tragische Rolle des Gefangenen von St. Helena zu spielen gesonnen ist, der Anüsemitismus empor, der heute noch fortwuchert. Am Rheine starben die Juden den Ehrentod für's Vaterland, am Rheine spielt der Prozeß von Xanten sich ab. Allerdings entspricht der Verlauf des Prozesses durchaus nicht der Absicht derjenigen, die ihn gewaltsam herbeigezwungen haben. Und wenn der wirkliche Mörder entdeckt wird, dann wird man erfahren, daß . die antisemitische Partei und die von chr propagirte Gesinnung an der blutigen Thal betheiligt war. Die Antisemiten glaubten, der Prozeß werde wenigstens die Dimensionen des Prozesses von Tißa-Eszlar annehmen und die Blutfrage werde von Neuem leidenschaftliche Aufregung erzeugen. Der Boden eignet sich jedoch nicht mehr für diese Art von Romantik und wenn die Ufer des Rheins auch oft genug der Schauplatz der blutigsten Judenverfolgungen waren, so gibt es ja auch Vulkane, die erlöschen, und gerade am Rheine haben die Stätten altvulkanischer Thätigkeit jetzt ein recht prosaisches Aussehen. Es ist mißlungen; der Antisemitismus hat sich gründlich in seinen Berechnungen getäuscht. Es bleibt nur der arme Schächter Buschhoff aus Xanten und der Anüsemitismus kann sich rühmen, einem redlichen, unbescholtenen und anspruchslosen deutschen Bürger ein allerbescheidenstes Glück gestört und schweres Leid zugefügt zu haben. Das ist eine stolze That, daß die Antisemiten in Deutschland und in Wien gegen einm jüdischen Schächter in der hochberühmten Stadt Xanten sich vereinigten. Man sollte doch glauben, daß in Deutschland die Organe der staatlichen Gewalt ausreichen, um die Verfolgung eines Verbrechens sicher zu stellen. Mer da dürfen die Antisemiten nicht fehlen; sie entwickelten eine fieberhafte Thätigkeit, um den Schächter von Xanten dem Urcheile des Gerichtes auszuliefern. Stolz kann der jüdische Schächter Buschhoff herabsehen auf diese Antisemiten, die ihres deutschen Stammes sich rühmen, stolz auf diese Vereinigung von Denunzianten und Persekutoren. So niedrig gemein hätte der Schächter Buschhoff nicht gehandelt, nicht einmal gegen seinen Todfeind; denn er ist ein Jude. Ein Edelmann des preußischen Mgeordnetenhauses, Herr v. W ackerbarth -Linderode hielt es nicht unter seiner Würde, noch am 19. März 1893 in öffentlicher Sitzung des preußischen Mgeordnetenhauses einige Steine auf den Schächter B u s ch h o f f zu werfen. Das gelehrte Material, welches Herr: von Wackerbarth-Linderode damals vor dem Abgeordnetenhause ausbreitete, ist in dem Buche: „Der Prozeß von Tißa-Eszlar" von Dr. Paul Nach an, auf seinen wahren Werth oder besser auf seinen Unwerch zurückgeführt worden. Hier mögen aus der Wackerbarth'schen Rede nur einige charakteristische Momente Erwähnung finden. Herr von Wackerbarch spricht die Vermuthung Ms, daß ein Schächter auch bei der Tödtung eines Menschen den streng rituellen Schnitt vornehmen müffe. Man weiß, daß die' Schächter in der Regel arme Leute sind und im Dienste einer Gemeinde stehen. Und diesen armen Leuten sollen Geheimnisse anverttMt seil,, welche die größte Gefahr in sich schließen würden. Ein noch größeres Wunder wäre es, daß seit vielen Jahrhunderten Keiner dieser armen Schächter das Geheimniß verrathen hätte, während der Verrath ihnen mit schwerem Geld ausgewogen worden wäre. Schämt man sich nicht solchen Unverstand auszukramen? Herr vonW ack er barth wollte ferner vom Minister erfahren, wohin das Blut des ermordeten Knaben gekommen ist. Es ist festgestellt, daß das Blut sich an dem Orte befand, wo man die Leiche des ermordeten Knaben entdeckte. Aber davon abgesehen möchten wir wissen, was der. Schächter Buschhoff mit dem Blute hätte machen sollen. Hätte er das

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