Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 28 (8.7.1892)
- Date
- 1892-07-08
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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490 Oesterrrichrschr Wochenschrift. Nr. 28 „Riekele, ich will Dich zu meiner Frau machen." Das Mädchen erschrack und war keiner Antwort fähig. Er war so klug, kein Wort von Liebe zu sagen, nur an ihre Vernunft appellirte er und fuhr fort: „Du bist ein armes Mädchen, hast höchstens einen Dorfgeher zu erwarten, bei dem Dir ein Leben voll Sorge um das tägliche Brot in Aussicht steht. Als meine Frau wirst Du eine Dame spielen. Ich glaube, es gibt kein Mädchen in der ganzen Gasie, daß Dich nicht beneiden wird. Willst Du?" „Nein!" sagte Riekele entschieden. Ueberrascht von dieser Antwort, mußte er erst sich fassen; daun fragte er in etwas ironischem Tone: „Und warum? wenn ich ftagen darf." „Ich weiß keinen Grund anzugeben; aber ich kann Ihre Dienerin, Ihre Magd sein, mir schauderts jedoch bei dem Gedanken, Ihr Weib zu sein. „Du stehst Deinem Glück im Wege, aber zwingen kann ich Dich nicht", sagte Schaffer scheinbar ruhig und verließ die Stube. Der erste Gedanke Riekele's nach dieser Szene war, das Haus des Vorstehers wieder zu verlaffen, aber aus Schonung der Ehre desselben gab sie ihn wieder auf. Was hätte sie den Leuten gegenüber als Ursache dieses Berlaffens angeben sollen? Was immer — Schaffer wäre getadelt worden. Schaffer seinerseits zitterte wieder davor, Riekele könnte sein Haus verlaffen, aber n-cht, weil er dadurch in's Gerede der Leute käme, sondem, weil er ohne Rickele nicht mehr leben konnte. Und daß sie blieb, gab ihm Hoffnung, daß sie ihren Sinn doch andern werde. Er blieb sich daher in seiner Behandlung Riekeles gleich, als ob gar nichts vorgefallen wäre, nur daß er sie heimlich genauer beobachtete, denn ein Etwas sagte ihm, daß ihn das Mädchen unmöglich so rundweg abgewiesen hätte, wenn nicht schon ihr Herz an irgend einen Jünger der Gaffe hinge. „Wer kann das sein?" Mit dieser Frage quälte er sich nun Tag und Nacht, und es war kein Wunder, daß er endlich ihre Lösung fand. Berele konnte das Mädchen seiner Liebe nur selten sehen, aber um wenigstens in ihrer Nähe zu sein und eine Spür von ihr zu erhaschen, ging er vor dem Hause des Vorstehers vorüber. Seit jener Szene schenkte Schaffer dieser Beobachtung mehr Aufmerksamkeit, und man brauchte sich nur in Gedanken die Gestalten Riekeles und Bereles nebeneinander zu stellen, um darauf zu kommen daß diese zwei sich lieben müssen. Die Eifersucht verzehrte den sechzigjährigen Mann. „Haben sie vielleicht gar Zusammenkünfte?" Aus diese Frage malte ihm .seine Phantasie Bilder, die ihn zum Wahnsinn trieben. „Wo und wann können diese Zusammenkünfte stattfindcn?" quälte er sich weiter und ein Satyr flüsterte ihm zu: „In Deiner eigenen Stube, und am Sabbath, während du in der Synagoge bist." Gleich am nächsten Sabbath wollte er sich darüber Gewißheit verschaffen, und wenn es sich so verhält, schreckliche Rache üben. Der Tag kam. Der Vorsteher ging in das Gotteshaus, wo schon die ganze Gemeinde, Alt und Jung versammelt war, nur Berele nicht. Er war kein besonderer Freund vom Synagvgeubesuch, diesmal hielt ihn aber eine wichtige Angelegenheit insbesondere davon zurück. Seit Wochen hatte er Riekele nicht gesprochen. Er mußte ihr die freudige Nachricht bringen, daß alle Aussicht auf die Möglichkeit ihrer baldigen Verehelichung vorhanden sei, denn einer der reichen Productenhändler der Gemeinde wolle chm einige Hundert Gulden zur Verfügung stellen, um auf dm umliegmden Dörfern im Kleinen einkaufen zu können, wie es so viele Andere thun und sich erhalten. Berele wartete nur, bis der Vorsteher aus dem Hause war. Kaum sah er diesm auf dem Wege nach der Synagoge, schlich er sich in das Haus und wollte in die Stube des Vorstehers selbst gelangen, von wo er Rickeles Stimme zu hörm glaubte. Vor Aufregung, sein geliebtes Mädchen zu sehen und zu sprechen, hörte er nicht, wie Jemand hinter chm herging. Schon drückte Berele die Schnalle an der Thür zu Schaffers Stube, um sie zu öffnen, als er von rückwärts gepackt wurde. Berele wendete sich erschrocken um und vor ihm stand der Hausherr. „DiÄ! Ewbrecher!" schrie dieser, daß es durchs ganze Haus hallte und das Dienschersonal zusammenlief. Auch Riekele erschien, war erstaunt, den Vorsteher und Berele beisammen zu treffen, aber sie erkannte die Situation nicht gleich. „Wo ist der Dieb, der Einbrecher?" fragte Alles auf einmal. „Da, da, der ist's der Lump!" schrie der Vorsteher, indem er auf Berele zeigte, der wie versteinert dastand. Riekele sprang bei diesen Worten empor, stellte sich in zürnender Haltung vor ihren Vetter und Brotherrn und sprach zu ihm mit einer vor Entrüstung und Verachtung bebenden Stimme: Was, mein Berele wäre ein Dieb, ein Einbrecher?" „Dein Berele?" rief der Vorsteher höhnisch. „Ja, sie ist meine Braut!" sprach nun Berele. „Ich kam hieher, um ihr ohne Zeugen zu sagen, daß ich die Vorbereitungen zu unserer Verheiratung zu treffen beginne. Jetzt ist es vor Zeugen geschehen, und vielleicht ist es so besser." Riekele sah mit einem Blicke freudigen Erstaunens zu ihm empor. Schaffer stand sprachlos vor Enttäuschung und Zorn, errang seine Fassung aber wieder, als Berele seinem Mädchen Adieu! sagte und gehen wollte. „Mit solchen Schwänken kommst Du mir nicht durch. Du gehst gutwillig mit mir, oder Du wirst mit den Trabanten vom Schlosse gehen." Berele ließ sich vom Vorsteher wegführen. Das Mädchen geberdete sich wie wahnsinnig und wollte ihn nicht gehen lassen. Er aber ergriff trotz des Wegstoßens des Vorstehers ihre Hand und sagte in fast heiterem Tone: „Sei ruhig, Riekele, Du weißt, daß ich keilt Dieb und kein Einbrecher bin, und vor diesen ungebetenen Zeugen erkläre ich Dir nochmals, daß unsere Herzen auf Erden nichts mehr trennen soll, als der Tod." Auf dem großen Platze in der Mitte der Gaffe stand das „Wachterhäusel." Es war dies die Kaserne für die Polizei, die aus einem Nachtwächter bestand, der in der Regel hier schlief. Außerdem diente das Wachterhäusel als Arrest, dann hatte aber den Schlüssel der Vorsteher. Anstatt, daß die Jugend sonst während des Borlesens des Wochenabschnittes ans der Bibel im Synagogenhof lärmte, trieb sie sich heut' um das Wachterhäusel herum, wo der arme Berele als Gefangener saß. Alle Welt war von seiner Unschuld überzeugt und rechnete darauf, daß er nach dem Gottesdienste wieder seine Freiheit erlangen werde. Aber die Aufregung des Vorstehers in der Synagoge ließ nichts Gutes ahnen. Er wurde der letzte zur Torah gerufen und redete droben etwas mit Harschel Liberer. Im Nu wußte man in der Synagoge, Harschel Liberer hat den Auftrag bekommen, Alles zur Execution des Halseisenstellen vorzubereiten, und wie ein Lauffeuer ging die Nachricht davon durch die ganze Gemeinde und drang auch zu Riekele, die zu Hause saß und weinte. Bei dieser Nachricht faßte sie einen verzweifelten Entschluß. Sie lief in das Schloß, wollte vom Verwalter als höhere Instanz die Verfügung des Vorstehers aufheben lassen. Sie wurde sofort vorgelassen. Mit wenig Worten trug sie ihm ihr Anliegen vor. Der Verwalter blickte mit lüsternen Augen auf das schöne Judenmädchen. „Wenn Du mir durch freundliches Entgegenkommen den Beweis geben wolltest, daß ich dir vertrauen kann, so könnte ich schon etwas für den Jungen thun", sagte er, und dabei war er immer näher gekommen, hatte ihre Hand gefaßt, dann ihre Wange gestreichelt und wollte sie nun in seine Arme schließen. Da fuhr es wie ein Blitzstrahl durch ihre Seele-Gewaltsam riß sie sich von ihm los, und vor Schamröthe glühend riß sie die Thür auf und stürzte davon. Sie hörte von Weitein schon das Gejohle der Gassenjungen. In einem Augenblicke war sie mitten in der Gaffe und sah, wie man Berele vom Wachterhäusel in die Synagoge führt. Mit aller Kraft ihrer Verzweiflung schrie sie: „Berele, laß dich nicht in's Halseisen stellen, Berele laß' dich nicht entehren!" Berele erkannte den Klang ihrer Stimme. Jetzt stand es in seinem Innern fest, daß er diese Schmach von sich abwehren müsse, wie es auch geschehen und was immer daraus erfolgen möge. Die Verzweiflung gab ihm Riesenstärke; mit unwiderstehlicher Kraft riß er sich los, schleuderte Herschel Liberer zu Boden und entfloh. Riekele stieß einen Freudenschrei aus. Und Keiner von den hunderten Zuschauern rührte sich, dem Fliehenden nachzueilen, sondern Alles klatschte in die Hände, daß dem Vorsteher ein Opfer entging und er zu Schanden gemacht ist.