Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 28 (8.7.1892)
- Date
- 1892-07-08
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 28 Orstrrrrichifchr Wochenschrift. beschränkt. Man wird es erst kommen sehen, das Strafgericht des Geschickes, unsichtbar und unfaßbar, auf beflügelten Sohlen, wie es seine gräßliche Sense schwingt von Mittag gegen Mitternacht und die Menschen dahinmäht wie die Garben auf dem Felde. Und ohnmächtig wird der allgewaltige Czar in seinem Schlosse, das ihm zum Gefängniß wurde, und das Schicksal derer preisen, die sein schrankenloser Wille von Haus und Hof gejagt, denen er nichts gelassen als das nackte Leben, und die nun dieses Lebens sicherer sind als er. Wer vermißt die Gefühle Pharaos in jener grauenhaften Nacht, da über die Erstgeborenen seines Landes die Flügel des Todes rauschten? Und wer weiß es, was in seinen Gemächern zu Gatschina der arme Czar aller Reussen sinnt? Die Gleichberechtigung der Juden! Es gibt in Rußland keinerlei Recht und es kann dieses auch kein gleiches Recht für die Juden geben. Alles, was ihnen gewährt werden könnte, wäre Duldung und ein menschenwürdiges Loos. Wird sich Alexander III. eines Tages erinnern, daß auch die Juden Menschen sind, und daß Jahrhunderte lange Gewährung sie zu Vermittlern des Handels und Verkehres in Rußland gemacht hat? Der Egoismus mag vielleicht einmal die Stimme der Barbarei übertönen, dann aber wird zwischen dem nordischen Pharao und dem ausgetriebenen Volke ein anderes rothes Meer seine Wellen aufthürmen, ein Meer von Blut und Thränen, welches über Rußland Hereinbrechen wird. Die schwarzen Fittige rauschen — von Süden her naht die Vergeltung — das große Sterben beginnt.... Bismarck, Schönerer und Ahlwardt. In der jüngsten Nummer der „U.-D.-W." speit Her* Schönerer Gift und Galle gegen die jüdischen Bewohner Wien's, weil sie Bismarck nicht gebührend gefeiert haben. Gegen den großen Fürsten Bismark conzentrirt sich der gesammte Judenhaß. „Die wuthverzerr-te Fratze des Semitenthums grinste aus der gesummten Wiener Presse. Dies ist der beste Beweis dafür, daß wir dem größten Deutschen gegenüber eine echt deutsche, seiner Größe würdige Kundgebung veranlaßt haben." Dagegen nach der Ueberzeugung der „Conservativen Correspondenz" in Berlin „ist dem Fürsten Bismarck in Wien von der dem Deutschfreisinn befreundeten Wiener Judenpresse eine Falle gestellt worden, um den alten Kanzler zu vernichten". Ein Zufall wollte es, daß soeben von antisemitischer Seite ein Machwerk veröffentlicht ist, das eine solche Vernichtung des Fürsten anstrebt. „Die Wahrheit über Bismarck" heißt dieses Schundbuch, es ist in dem antisemitischen Berlage von Carl Minde in Leipzig erschienen, und auf dem Umschläge ist Ahlwardt's Schrift: „Der Eid eines Juden" empfohlen. Wir sind nie unbedingte Anhänger des Fürsten Bismarck gewesen, aber eine derartig gemeine Kampfesweise, wie sie in diesem Buch zu Tage tritt, kann dem Fürsten nur Anhänger zuführen. In jedem Fall möchten wir mit dem Herrn Balder, der als Autor genannt ist, keine Kampfesgenoffenschaft Pflegen. Die Broschüre beschäftigt sich zunächst mit der Genealogie des Fürsten Bismarck. Indem Verfasser zunächst, behaglich wie ein Mistkäfer, angebliche Missethaten der Familie Bismarck aus den letzten fünf Jahrhunderten aufstört, kommt er zu dem Schluß: „Die Bismarcke .... haben ebensowenig ihren Traditionen noch ihrer Art nach zum Herrschen eine Befähigung jemals nachzuweisen vermocht, sondern sind von Haus aus ein Krämergeschlecht." (S. 10.) Der Apfel fällt natürlich nicht weit vom Stamm. Fürst Bismarck war daher, nach dein Autor, auch nur ein unfähiger Politiker, der nur Sackgaffenpolitik trieb und durch die Tapferkeit unseres Heeres aus seinen Verlegenheiten gerissen wurde. Umso bedeutender aber sind seine finanziellen Evolutionen. Der Verfasser deutet (S. 19) an, daß seine Mutter — eine geborene Menken — jüdischer Herkunft gewesen sei ( merkst Du was!). Als Nachkomme von Juden und Krämern tritt Fürst Bismark in die Erscheinung — seine Thaten sind auch danach. Ueber den Welfenfonds findet sich folgende zarte Andeutung: „Wir sind überzeugt, Herr von Bismarck, der ja ein so vortrefflicher Rechner und Haushalter in eigenen Angelegenheiten ist, daß derselbe, der einst sein politisches Geschäft ohne Vermögen anfing, jetzt ein Vermögen von gegen 40 Millionen Mark besitzt, wohl in der Lage ist, über diese hingeschwundenen Millionen auf Heller und Pfennig Rechnung zu legen." (S. 70.) Seite 478 Die Verstaatlichung der Eisenbahnen erfolgte, weil die Discontogesellschaft den Jnvalidenfonds mit zum Theil unsicheren, zum Theil werthlosen Prioritäten belegt hatte. (S. 93.) „Der Reichskanzler fing plötzlich an, Reichseisenbahn-Politik zu treiben! — Das Reich sollte alle Bahnen, also auch die» deren faule Papiere jenen Staatsfonds aufgeschwindelt waren, kaufen, dann würden diese Prioritäten Staatspapiere und also „fein", auf diese Weise ließ sich der begangene höllische Schwindel verdecken." Der Friede mit Rom — Geldangelegenheit, denn Windthorst drohte mit Enthüllungen (S. 94/95.) Fürst Bismarck wird konservativ — Geldangelegenheit — jetzt drohten die Konservativen mit Enthüllungen (S. 97/98.) Bismarck war natürlich persönlich feige, mit den Duellen, die er angeblich gehabt hat, ist das auch so eine Sache (S. 22/23). Der ganze Bismarck ist überhaupt nur durch jüdische Reklame zu einem großen Manne aufgebauscht worden. Der Verfasser sagt wörtlich: „Jndeß die unter Leitung der Raffengenossen Bleichroders stehenden Presse fortwährend angepeitscht ward, es hinauszuposauneu in alle Welt: „Wie grauß die Daitscheu dastehen unter ihrem grausten Bismarck!" Ein erschütternd komischer Gedanke! Man sollte vielleicht meinen, das wäre der höchste Punkt, den die Phantasie des Verfaffers erreicht hat. Aber es kommt noch schöner. Bismarck als Borgia! Verfasser schreibt: „Doktor Haller, ein Sohn des ehemaligen Oberbürgermeister von Hamburg, war Regierungsrath im Reichsamte und mit vielen Vorgängen in demselben vertraut. Als vermögender Mann und Mann von Ehre und Charakter zog Haller es vor, seine Stellung dort aufzugeben. Bald darauf verschwand Haller auf eine unaufgeklärte Weise; seine Leiche ward nie gefunden." (6. 99). Es wird den Verfasser schmerzen, zu erfahren, daß besagter Haller Semit war. Bismarck wagte sich aber höher hinauf mit seinen dunklen Thaten. Verfasser schreibt: „Es ist im hohen Grade auffallend, daß gerade diese beiden Geburtshelfer des neuen deutschen Reiches und die vornehmsten Zeugen und Zeugen desselben: König Ludwig und Kronprinz Friedrich zur Zeit, als nachmals Bismarck alle Gewalt mrd allen Glanz des Reiches an sich zu ziehen in der Lage war, ein so unatürliches rüthselhaftes Ende finden mußten." (S. 78). Es ist das dieselbe Hintertreppenphantasie, die in den Ahlwardt'schen Schriften eine so große Rolle spielt. Kolportage- Roman. Als Spekulation auf die Dummheit gar nicht schlecht, und deshalb vom Standpunkte des Geschäfts-Antisemiten durchaus logisch. Diese Geschäfts-Antisemiten wiffen, daß mit dem Fürsten Bismarck nur noch als Romanfigur etwas zu verdienen ist; Doktor Haller, Kaiser Friedrich rc., spielen eine ähnliche Rolle wie in anderen Ahlwardt'schen Schriften Dr. Kalckstein, die Bleichröder'schen Portiers rc. Der Verfaffer kennt schließlich auch die letzten Absichten Bismarcks: „Wahrscheinlich ging das Plänchen noch in ein weites ungemeffenes Dunkel hinein, an dessen Ende, nach den bekannten Mustern und Vorgängen von Konsulat und Hausmeierthum, ein Macbethscher Traum von einer Dynastie Bismarck rc. rc. umherirrlichterirte." Die Uebereinsümmung mit Ahlwardt'scher Mache ist nicht zufällig. Nach Angabe verschiedener Blätter find Verfaffer der Schrift die Herren Ahlwardt und Schriftsteller Müller. Der Rektor aller Deutschen belehrt seine Mitbürger über den Alt- Reichskanzler — das ist der Humor der Schrift. Clrrirale Blätter in der Rolle Bileams. Während Ungarn sich einer großen Zahl human gefilmter Priester erfteut, welche auch auf die jungen Geistlichen einen wohlthätigen Einfluß ausüben, sind wir in Böhmen vom Geschick minder begünstigt. Die älteren von Profeffor Bolzano herangebildeten, der Humanitären Richtung zuneigenden Geistlichen sind im Absterben, und wir gehen immer mehr der Periode der Hetzcapläne entgegen. Diese Rolle wird der Geistlichkeit in Böhmen von dem in Prag erscheinenden unter der Patronanz des Eanonicus Karlach stehenden clericalen Blatte „Eech" aufgenöthigt. Es wird freilich an Fanatismus und Judenhaß von dem ebenfalls clerrcalen „Vecerni Listi" überboten. Aber auch die Zeitschrift „Eech bekennt sich ftank und ftei zum Antisemitismus.