Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 28 (8.7.1892)
- Date
- 1892-07-08
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3020846-3020900-3020928--01503-3025547- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Sette 478 Orstrrrrtchychr WochrnfchrM. Nr. 38 sagte Franz Deack — „Alles zum Opfer bringen, nur nicht meine Überzeugung." Aber indem Dr. Kronawetter eben nicht anders konnte hat er sich in die Reihe der Guten und Besten gestellt. Dr. Lueger und Genossen, die können anders und das ist der Unterschied zwischen Dr. Kronawetter und sein« chemaligen Kameraden. Das war ein verhängnißschwerer Wahllag als Dr. Kronawetter die Unabhängigkeit seiner Ueberzeugung mit dem Verluste seines Mandats bezahlen mußte. Die Wähler kannten dm Dr. Kronawetter, sie wußten, was sie an ihm besaßen; aber dem Professor Schlesinger wurde doch der Vorzug gegeben, nicht well die Wähler geglaubt hätten, er sei klüger, uneigennütziger und tüchtiger als Dr. Kronawetter, sondern einzig und ausschließlich aus dem Grunde, weil Schlesinger zum Antisemitismus sich bekannte und Kronawetter den Antisemitismus ablehnte. In der Josefstadt und in vielen anderen Wiener- Bezirken wurde damals durch das Volksvotum ausgesprochen, daß man den Tüchtigsten verstoßen müsse, wenn er nicht zum Antisemitismus sich bekenne, und daß man auf die sonstigen Eigenschaften und Handlungen eines Kandidaten gar nicht Rücksicht zu nehmen brauche, sobald er nur dem Antisemitismus sich anschlicße. Nicht die Juden als Judm, nicht die Liberalen als Liberale hatten am meistm über jenen Tag zu klagen, sondern Alle, die mit chrcm Herzen an Wien hingen. Wien hatte sich selber eine furchtbare Niederlage bereitet, hatte sich selber das Zeugnis; politischen Verfalls ausgestellt. Nicht vom Standpunkte des Judenthums aus treten wir ein für den Dr. Kronawetter, sondern vom Wiener Standpunkte aus, weil dem politischen Verfalle unserer Stadt Einhatt gethan werden muß. Und wenn wir die Wähler, welche dem. Judenthum angehören, auffordern für den Dr. Kronawetter zu stimmen, so geschieht es in erster Reche mit Rücksicht auf den Umstand, daß der Jude so gut wie jeder andere Bürger berufen und verpflichtet ist, für die Ehre und das Anschen der Stadt einzutreten. Die Wähler haben sich die Frage vorzulegen, ob Gesinnungstüchtigkeit, Ueberzeugungstreue und Wahrheitsliebe in Oesterreich mit dem Mandatsverlust bestraft werden sollen. Das ist das ausschlaggebende Moment. Die Erinnerungen an den Umstand, daß Dr. Kronawetter nicht strenge zur liberalen Partei, zum Club der Vereinigten Linken gehörte, daß seine demokratischen Principien und seine sozialistischen Nuancen ihm eine Sonderstellung geben, kann nicht in's Gewicht-fallen, denn in Bezug auf die socialen Reformen hat auch die liberale Partei ihren Standpunkt geändert. Niemals aber hat Dr. Kronawetter gegen die Principien des Rechts und der Freiheit gesündigt. Eine Schuld ist zu bezahlen, ein Unrecht ist gut zu machen und kleinliche Bedenken dürfen hier nicht als ein Hemmniß erscheinen. Mit dem Mandate eines Volksvertreters ist es ein eigenes Ding. Nicht Alle die gewählt werden, sind auch berufen. Die Sümmen der Wähler bilden die Vorbedingung; das wahre Mittel empfängt ein Abgeordneter aus seiner individuellen Kraft, aus der Anerkennung der öffentlichen Meinung und aus der Anerkennung der parlamentarischen Körperschaft, in deren Mitte er seinen Sitz hat. Dieses Recht auf ein Mandat kann nicht durch den Parteiterrorismus und durch Wahlintriguen zerstört werden. Was würde man in einer Armee dazu sagen, wenn man einen wehrhaften Mann durch einen Invaliden ersetzen wollte? Dr. Kronawetter wird im Parlamente vermißt, er hatte eine Lücke zurückgelassen. Er hat ein natürüches Recht auf ein Mandat und die Vorgänge in den Kreisen, welche Dr. Kronawetter einstens beherrschte, haben dieses Recht noch verstärkt. Die Vorzüge Dr. Kronawetters sind ausreichend, um Üjn als würdigen Vertreter der City, des ersten Bezirkes der Stadt und des Reiches erscheinen zu lasten. Dr. Kronawetter hat die Mannesehre höher gestellt als die Popularität, aber noch immer besitzt er die in der Zusammensetzung unseres Abgeordnetenhauses settene und doppelt wünschenswerthe Gabe, die Berührungspunkte zwischen dem Parlamente und dem Volke zu vermehren. Das ist wichtig für den allgemeinen Fortschritt, wichtig auch für das Ansehen des Parlamentes. _ Das große Sterben. Furchtbare Nachrichten kommen aus Rußland. Weit, weit im Osten, in Turkestan und am Caspisee hat ein großes Sterben begonnen. Mit unheimlicher Raschheit und Sicherheit schreitet die Seuche vorwärts; sie zieht die Wolga hinauf, sie schwimmt das Schwarze Meer entlang, sie fährt auf der Eisenbahn in die reichen und blühenden Städte des Landes bis in die üppige Residenz des Herrschers. Die Cholera! Ein einziger Ruf des Schreckens geht durch das russische Reich. Als im Vorjahre der Hunger Hunderte und Tausende dahin mähte, da lachten und jubelten sie weiter, die lebenslustigen Herren und die frivolen Damen des Hofes. Mißwachs und Hunger, wen focht das an? Das trifft ja nur die dummen Bauern und den klugen Staat, der sich schon zu helfen wissen wird. Und sie praßten fort, indeß im Innern des Reiches Männer, Weiber und Kinder wimmernd dahinsanken und dem Hungertyphus zum Opfer fielen. Die Judenverfolgungen nahmen ihren ungestörten Fortgang und die Stimme.der Vorsehung wurde nicht erhört! Aber jetzt ist das anders! Die Cholera macht vor der Thüre der Reichen und Vornehmen nicht Halt, sie fordert ihre Opfer auch dort, wo man den Hunger mit Pasteten und den Durst mit Champagner stillt. Und das wissen die feinen Herren und Damen des Hofes. Sie wissen, daß in jenen weiten Gebieten, wo im Vorjahre der Mißwachs und der Hunger herrschten, die Menschen schwach und hinfällig sind und den Angriff der Seuche nicht widerstehen können. Schneller wie der Wind wird sie sich über das ganze ungeheure Rußland verbreiten, eine furchtbare Gottesgeißel für himmelschreiende Frevel. Ganz und voll erfüllt sich an dem Beherrscher Rußlands das Schicksal Pharao's. Zu Hnngersnoth und Pest gesellen sich noch andere Plagen. Die russischen Blätter berichten über eine furchtbare Dürre, welche auch Heuer wieder in ganzen Provinzen die Winter- und Frühjahrssaaten vernichtet hat. Sie berichten ferner, daß in anderen Landstrichen Heuschrecken, Feldgrillen, Feldwanzen und anderes Ungeziefer die künftige Ernte bedrohe. Die beunruhigenden Nachrichten hierüber treffen aus den verschiedensten Theilen des Reiches ein, aus dem Kaukasus und aus Nischni-Nowgorod, aus Beßarabien und aus Perm. In manchen Gegenden der von dieser Plage heimgesuchten Gouvernements waren die Ernteaussichten im Allgemeinen nicht schlecht und erscheinen jetzt durch das Ungeziefer geradezu ttostlos. Der alte Gott Israels lebt, er lebt trotz Eures fürwitzigen Rationalisnms, Eurer eingebildeten Weisheit. Hnngersnoth, Pest und Ungeziefer! Die egyptischen Plagen kommen wieder und wie vor Jahrtausenden, zeigt sich wieder der Finger Gottes in den gewaltigen Strafen der Natur. Ein Schauer der Furcht zuckt durch das russische Reich und die Machthaber scheinen zu ahnen, daß ein tiefer innerer Zusammenhang zwischen diesen schrecklichen Uebeln und den Schrecken ihrer Herrschaft besteht. Das System, welches zur Bedrückung und Austreibung der Juden geführt hat, dasselbe System hat auch den russischen Bauernstand, den russischen Handel, den russischen Staatscredit vernichtet. Die nothwendigen Folgen dieses Systems hat Graf Leo Tolstoi schon vor einem Jahre vorausgesagt: Abbruch zahlreicher geschäftlicher Beziehungen mit dem übrigen ^Europa, außerordentliche Schwächung des Wohlstandes und der "Steuerkraft der Bevölkerung. Anschwellung des Staatsdefizits zu Summen von verzweifelter Höhe, Verminderung der indirecten Staatseinnahmen bei rapider Vermehrung der Unterstützungswerber. Das heißt mit anderen Worten: die Bevölkerung ist dem Bettel, der Staat ist dem Bankerott verfallen. Vom Staatsbankerott wußten die egyptischen Pharaonen noch nichts, aber sie erwachsen wohl dem wirtschaftlichen Vortheile, welche ihnen die an dem jüdischen Volke geübten Erpressungen erbrachten. Und es scheint, daß auch unsere modernen Antisemiten ebenso gute Rechner sind wie die Antisemiten des alten Theben und Memphis. Die wüthend judenfeindliche „Kreuzzeitung" selbst ist es, welche sich in Wahrscheinlichkeitsrechnungen darüber vertieft, ob nicht Rußland in seiner Noth zu dem Auskunftsmittel der bürgerlichen Gleichberechtigung der Juden schreiten werde, um auf den europäischen Geldmärkten Erfolg zu haben. Die „Kreuzzeitung" ist ein ftommesBlatt und sie mag noch die biblische Erinnerung vor Augen haben, indem sie diesen Vorschlag macht. Aber diese Erinnerung ist nicht vollständig. Sie hat nicht bedacht, daß der egyptische Pharao erst durch das Hinsterben der Erstgeborenen weich gestimmt wurde; das große Sterben in Rußland aber hat erst begonnen und ist noch auf die Ufer des Kaspisee's