Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-07-08 · 28 (8.7.1892) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
28 (8.7.1892)
Date
1892-07-08
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3020846-3020900-3020928--01502-3025546
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

Ur. 28 Wien, 8. Juli 1892. IX. Jahrgang. W- Centralorgan für die gestimmten Interessen des Iudenthums. _ * A. ft. Pofispsrcassensmt Clraringverkelrr Nr. 810.976. Redariion u. Administration: Wien I, Aothenthurmstraßr 39. Eigenthümer: Rerchsraths-Avgeordneter Dr. KLoch. -- Erscheint jeden Freitag. W Man adormirt bei alle« Postanstaür« dr» In- und Anslsmdes. Bezugspreis: Halbjährig 1 fl. Einzelexemplare 25 kr. Anzeigen: Die 4mal gespaltete Petitzeile 12 kr. Inhalt: Leitartikel: Der Abgeordnete der City. — Das große Sterb.n. —Bismarck, Schönerer und Ahlwardt.— Clericale Blatter in der Rolle Bileams. — Der A'antener Knabenmord vor dem Schwurgericht in Cleve. — Aus der arischen Gesellschaft. — Correspondenzen: Wien, Brünn, Budapest, Berlin, Köln, Paris, London, Amsterdam. — Vermischtes: Wien, Carlsbad, Saaz, Hollescha«, Postelberg, E. B. Proßnitz, Gr.-Meseritsch, Berlin, Dresden, Nürnberg, Düsseldorf, Magdeburg, Paris, Amsterdam, Odessa. — Feuilleton: Das letzte Halseisen. — Wochenkalen der. — Inserate. Der Abgeordnete der City. Unsere Zeit hat, trotz ihrer romantischen, trotz ihrer Ehrfurcht vor den alten Ruinen, einen den aristokratischen Einrichtungen feindlichen Charakter. Das gilt auch für das Leben der Städte und das ist vielleicht nirgends so sichtbar wie in Wien. Die Vorstädte sind verschwunden und amtlich haben sogar die Vororte ihre Existenz aufgegeben. Der Bewohner von Baumgarten, Breitensee oder von sonst einem an der Grenze der Civilisation gelegenen Territorium kann sich als Wiener Bürger fühlen, so gut wie der nächst^ Nachbar des Stefansthurms. Die Innere Stadt Wien führt den Titel: „Erster Bezirk"; das heißt, man hat bereits vor ungefähr dreißig Jahren, am Anfänge der constitutionellen Aera es unternommen, die nach Außen gelegenen Districte, die alten Vorstädte, dem Centrum der Reichshauptstadt gleichzustellen. Die innere Stadt hat seitdem eine ganz neue Stadt mit glänzenden Palästen, mit unvergleichlichen Prachtbauten als Zubau erhalten, selbst in den ältesten Stadttheilen erheben sich neue Straßenzüge, welche ein blendendes Zeugniß sind des modernen Reichthums und der modernen Prachtliebe. Dennoch war das alte, von Mauern, Bastionen und Gräben eng umschlossene Wien aristokratischer als jetzt der „Erste Bezirk" mit seiner Ringstraße. Damals war die Innere Stadt strenge geschieden von den Vorstädten in den Lebensgewohnheiten, Lebensanschauungen und sogar im Dialekt. Ein Unterschied besteht auch heute noch und die Lastenstraße hat auch heute noch die Bedeutung einer Grenzstraße. Dennoch zögern wir nicht, in den nachfolgenden Zeilen den Gedanken zu entwickeln, daß der berufene Nachfolger des Dr. Herbst als Vertreter der Inneren Stadt der ehemalige Abgeordnete der Josefstadt Dr. Kronawetter wäre, und daß es in diesem Falle als Pflichtder Inneren Stadt erscheint, eine Schuld des Liberalismus einzulösen. Wir geben zu, es ist nicht immer Undank, wenn man bei Beurtheilung einer Persönlichkeit enthusiastische Gefühle zurückweist. Wenn der Umstand, daß Dr. Kronawetter sich vom Antisemitismus geschieden, uns zur Begeisterung fortreißen würde, dann wäre das zugleich eine bedenkliche Unterstützung des Antisemitismus. Ist es denn ein besonderes Verdienst, wenn man den Hexensabbath nicht mitmacht, nicht an den Tollheiten der Walpurgisnacht sich berauscht, nicht dem gesunden Menschenverstand entsagt, um mit einer schäm- und gewissenlosen Rotte ein Bündniß einzugehen? Die Frage liegt ja einfach: „Für oder gegen die Civilisation;" ist es da gar so schwer, sich für die Civilisation zu entscheiden? Diese Bemerkungen hätten ihre volle Berechtigung, wenn nicht auch Zeit und Umstände in Betracht gezogen sein wollten. Gewiß in den Zeiten, wo Diejenigen, welche Gelegenheit haben mit einem Buche Bekanntschaft zu machen, welche lesen und schreiben können, sich ihrer menschlichen Pflichten bewußt sind, in solchen Zeiten ist selbstverständlich, daß die obersten Grundsätze der Gerechtigkeit und Freiheit nicht verleugnet werden. Aber in unseren Tagen und namentlich auf dem Wiener Boden haben die Dinge eine eigenthümliche Gestalt angenommen. Unter unseren Verhältnissen, wo der Voltaire der Josefstadt sich Professor Schlesinger nennt, der Cato von Simmering als Mechaniker Schneider bekannt ist und der Cid von Margarethen als Dr. Lueger der Welt imponirt, da gehört doch einige Charakterfestigkeit dazu, gegenüber dem Wuthgeheul der Menge die eigene Ueberzeugung zu behaupten und zu vertreten. In regelrechten Zeiten, da kostet es gewiß keine besondere Anstrengung, um in den von dem gesunden Menschenverstände vorgezeichneten Bahnen zu bleiben; aber wenn die Erbsünden der menschlichen Natur, die Dummheit, Rohheit, Unwissenheit, der Haß und die Bosheit, die Verachtung des Schönen und Guten Macht gewinnen, wenn der Rückfall in die alle Barbarei mit der Gewalt einer Volkskrankheit erscheint, dann ist die Widerstandskraft, welche die einzelne Persönlichkeit manifestrrt, auch ein Maßstab für den inneren Gehalt und für die innere Gediegenheit. Zur Opposition im Parlamente, wie Dr. Lueger sie betreibt, gehört gar kein Muth, aber einer Wählerversammlung Opposition zu machen, das ist nicht Jedermanns Sache. Dr. Lueger muß übrigens Opposition machen und zwar schreiende, heftige Opposition, damit seine Wähler nicht lange zu studiren brauchen; wir verstehen das, er muß sich seine Lorbeerkränze im Schweiße seines Angesichts verdienen. Der Versucher stand auch neben dem Dr. Kronawetter und flüsterte: „Sprich ein einziges Wort nur gegen die Juden und Du bist der Mann des Volkes und Du wirst auf den Wogen der Begeisterung in das Abgeordnetenhaus hineingetragen." Wir geben es zu; ein gesunder Mensch schmeißt dem Versucher das Tintenfaß an den Kopf. Eine Versuchung war für Dr. Kronawetter nicht vorhanden, denn er hätte sich selbst aus das Tiefste verachten müssen, wenn er mit der Preisgebung seiner Ueberzeugung in die Parteigenossenschast des Dr. Lueger zurückgetreten wäre. Das Lutherische Wort: „Hier stehe ich, ich kann nicht anders" wird immer wiederholt, wenn die innere Ueberzeugung höher gestellt wird als der augenblickliche äußere Erfolg. „Ich kann meinem Land" —

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.