Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-07-01 · 27 (1.7.1892) · page 13

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
27 (1.7.1892)
Date
1892-07-01
Page
– (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3020846-3020900-3020927--01497-3025540
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Vrstrrrrktzisehr WochrnfrtzrM. Seite 473 Nr. 27 lich in seiner hohen Staatsstellung ein treuer Jude geblieben, der unentwegt zum Glauben seiner Väter hält. Der deutsche Botschafter Graf Solms hat ihm den Orden im Aufträge des deutschen Kaisers mit einer sehr schmeichelhaften Ansprache überreicht. Mailand. Der hervorragende Diplomat, Herr Giacomo Malv an o. Generaldirektor der auswärtigen Angelegenheiten, wurde mit der h ö ch st e n Auszeichnung, dem Großkordon der italienischen Krone dekorirt. Herr Rvmanin I a c u r, Mitglied derDeputirtenkammer, wurde zum Offizier desselben Ordens ernannt. Turin. Herr Professor Cesare Lambro so ist zum Bicepräsidenten an der hiesigen Königlichen Akademie der Medizin gewühlt worden. Feuilleton. Das letzte Halseisen. (Eine jüdische Dorfgeschichte.) .(Fortsetzung.) Aber wo gab cs denn jüdische Gerichte? Wo? In dem gottgesegneten Lande der Magyaren, wo der Jude unter dem Schutze des Adels lebte, der sonverain auf seinen Gütern war und dem Verfolgten nicht nur Sicherheit, der Person und des Eigenthums, sondern auch die vollste Freiheit gewährte, so daß die größeren Gemeinden, deren Schutzherren die Magnaten waren, die weiteste Autonomie besaßen und ihre Rabbiner nicht nur über zivilrechtliche Klagen entschieden, sondern ihre Vorsteher auch die erste Instanz in strafrechtlichen Fällen bildeten und daher „Richter" genannt wurden. Der „Leberer" war zugleich der Büttel und neben der Schlafflatt für durchreisende Arme befand sich der Kotter. ' Für Verheiratete bestanden die Strafen allerdings nur in Entziehung der synagegalen Rechte, jungen Leuten hingegen konnte es an die persönliche Freiheit auf einige Stunden oder gar Tage-gehen, und diediffamirendste Strafe war „in das Halseisen stellen". Das Halseisen hing immer an einer schweren, eisernen Kette in der Vorhalle der Synagoge zum Schrecken der Jugend. Die Execution, wenn eine solche stattfand, ging jedesmal am Sabbath nach dem Vormittags- oder Nachmittags-Gottesdienste vor sich, und es drängten sich zu derselben Jung und Alt beider Geschlechter als Zuschauer, wie bei jeder Execution zur Schande der menschlichen Natur, wie selbst noch heute in unserer aufgeklärten Zeit. Wer einmal „im Halseisen" stand, ivar gezeichnet für sein ganzes Leben und konnte es nie zu einer sozialen Stellung oder Würde in der Gemeinde bringen, obwohl kein Protokoll über diese Execution ausgenommen wurde, aber das Gedächtniß für solche Ereignisse war in der Gaffe besonders ausgebildet. Aus Scheu vor diesen schrecklichen Folgen wagte ein Vorsteher nur selten die Execution des „ins Halseisen stellen". Auch in der Gemeinde, von der wir hier erzählen, rastete das Halseisen schon lange Jahre in der„Polyschül", daß es fast nur noch als Symbol betrachtet wurde und als Antiquität galt, wie die Marterwertzeuge in den Museen, bis die Gewaltherrschaft und Rücksichtslosigkeit des Vorstehers Wolf Schaffer es wieder in die Praxis einführte und seit zehn Jahren schon zwei Mül zur Anwendung brachte. Im ersten Falle nahm der so Diffamirte aus Rache die Taufe; der zweite beging einen Selbstmord. Und darum. war Wolf Schaffer besonders der Schrecken der Jugend. Und als er heute zugleich mit der Jugend aus der Synagoge drängte, wich ihm Alles pach beiden Seiten aus, um ja nicht an ihn anzustoßen und ihm Ursache zum Aerger zu geben./ Einige Tage darauf starb seine Frau. Mit dem Tode dieser wurde der Charakter des Vorstehers womöglich noch härter. Sie war eine gute, aber schwache Frau gewesen, die deshalb auch nur äußerst selten entschieden auf ihn eingewirkt, in vielen Fällen aber doch mit dem den Frauen angeborenen Takte ihren vermittelnden Einfluß geltend machte, wenn er eine zu schreiende Ungerechtigkeit begehen wollte, und namentlich im Stillen manche Gabe der Nächstenliebe und des Mitleids gespendet hatte, die sie mit der Handlungsweise ihres Mannes wieder versöhnte. Jetzt stand Wolf Schaffer mitten in seinem ausgedehnten Geschäfte und seinem großen Reichthume allein und hatte daher für nichts anderes mehr Sinn, als seine Herrschaft zu befriedigen. Und doch sollte auch er erfahren, daß das Herz, das von einer Leidenschaft ganz beherrscht wird, nicht blos dieser dienstbar bleiben, sondern zugleich auch noch Sklave einer anderen Leidenschaft werden kann. Bald nach dem Tode seiner Frau starb in der Gemeinde auch eine arme Witwe, die entfernt mit ihm verwandt war und der er eine dürftige Unterstützung hatte zufließen lassen, von der sie nicht leben hätte können, wenn nicht ihre Tochter durch ihrer Hände Fleiß so viel verdient hätte, um die dringendsten Bedürfnisse bestreiten zu können. Rinkele war bei dem Tode ihrer Mutter siebzehn Jahre alt und galt als eines der schönsten Mädchen in der Gaffe. Alle Welt bedauerte das nun ganz verlassene Kind. Die öffentliche Meinung in der Gaffe wußte für die Waise feinen anderen Schutz als im Hause ihres einzigen Anverwandten, des so reichen und kinderlosen Vorstehers. Und Wolf Schaffer gab dem Drucke der öffentlichen Meinung nach und nahm das Mävchen zu sich. An das Anstößige dieses Verhältnisses dachte Niemand, denn erstens war Schaffer als ftommer, sittenstrenger Mann bekannt, dann waren die Anschauungen in der Gaffe damals noch so naiv, daß man an die zarteren Triebe des Herzens nicht anders, denn als Folge der Ehe glaubte, wie man sich keine Eßlust vorstellen konnte, ohne das vorhergegangene religiöse Zeremoniell. Und warum hätte schließlich gerade Rickeles Aufenthalt bei Schaffer auffallen sollen, hatte er doch auch sonst weibliche Dienstboten im Hause, und für mehr, als einen Dienstboten, das wußte man, wird Schaffer dieses Mädchen auch nicht halten, trotzdem sie seine Verwandte ist. In der That hatte an der Aufnahme dieses Kindes in sein Haus das Gemüth Schaffers keinen Antheil, sondern lediglich der Eigennutz, so sehr er es auch für Wohlwollen und Menschenfreundlichkeit gelten lassen wollte. Riekele war ein in Kraft und Gesundheit aufblühendes Mädchen, das eine ersto Magd ersetzen konnte; sie war auch geschickt in allen weiblichen Handarbeiten um die WäschMsten ganz wie seine selige Frau in Stand halten zu können. In dieser klugen Berechnung hatte sich denn der Vorsteher auch nicht getäuscht. Riekele war von Kindheit auf an unausgesetztes Arbeiten gewohnt und fand es deshalb ganz in der Ordnung, wenn ihr ihr neuer Brodherr, den sie ja noch überdies Vetter nennen durfte, für ihre rüstige Arbeitskraft einen ausgedehnten Wirkungskreis anwies. Nur Einer in der Gaffe war mit der neuen Stellung des Mädchens nicht zufrieden, und dieser Eme war Berele, ein Bursche von achtzehn bis neunzehn Jahren, der als Kind schon seine Eltern verlor und wie wild ausgewachsen ist, aber bei seiner Naturwüchsigkeit ein schöner, kräftiger Junge wurde und einen Trotz und ein Unabhängigkeitsgefühl wie ein Füllen der Pußta besaß; dabei hatte er aber ein weiches Herz, das kein Leiden sehen konnte und einen Rechtssinn, der fich bei jeder Gewaltthat empörte. Berele war der geschworene Feind des Vorstehers Wolf Schaffer, denn er ahnte, was dieser mit ihm vorhabe. Die Gemeinde hatte alle zehn Jahre einen Mann zum Militär zu stellen. Man kaufte in der Regel irgend einen bettelnden jungen Vagabunden, den man oft ein, zwei Jahre, wie in Rom die Gladiatoren, ausfütterte, bis er zum Affentplatz geführt wurde. Heimische Kinder wurden nie Soldaten, außer es war einer als Lump gekennzeichnet und gar keinen Annehmer hatte. Als ein solches für das zweifarbige Tuch geeignetes Subject galt Berele, wenigstens in den Augen des Vorstehers. Annehmer hatte er allerdings keine, denn er war verlaffen wie aus einem Stein gesprungen: aber er war kein Lump. Er verdiente fich seinen Unterhalt beim Auf- und Abladen der Wagen der Reichen der Gasse, die einen schwunghaften Handel mitLandesproducten trieben, und durch die verschiedenen Arbeiten in den Kellern und Magazinen. Allein beim Vorsteher hätte er um keinen Preis eine Arbeit angenommen. Wie kein Zweiter in der Gaffe ging er keck vor dem Vorsteher vorüber und sagte ihm oft. die bittersten Wahrheiten in's Gesicht. Bereles einzige Freude am Leben war, täglich Rickele zu sehen. Wenn er Feierstunde hatte, ging er in de» Hof des

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.