Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 27 (1.7.1892)
- Date
- 1892-07-01
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Sette 470 OestrrrrichLfchr Wochrnfttzrist. Nr. 37 Rabbiner durch seinen Besuch beehrte. Sonntag Vormittag inspieirte Herr Dr. Feuchtwang den hebräischen Unterricht der israelitischen Volksschule und reiste Sonntag Abends ab. In der Gemeinde besteht die berechtigte Hoffnung, daß der neuernannte Herr Rabbiner ein segensreiches Wirken entfalten werde, getreu den Traditionen seines seligen Vaters, welcher durch 27 Jahre Rabbiner von Nikolsburg war. Alles erwartet mit Sehnsucht seinen Amtsantritt, und alle Herzen schlagen ihm vertrauensvoll und freudig entgegen. Brünn. Anläßlich der jüngsten Kaisertage haben die Vorstände der auf Grund des neuen Gemeindegesetzes neuconstituirten Cultusgemeinden von Mähren über Anregung des Herrn Hamburger, Cultusvorsteher in Olmütz, die Gelegenheit genommen die Dankbarkeit ihrer Gemeinden vor Sr. Majestät auszusprechen. Mitglieder der Deputation waren für Olmütz Vorsteher H. Hamburger, für Ung.-Hradisch Vorsteher Dr. Mannaberg, für Wischau Cultusrath A. Freund, für Wal.-Meseritsch Cultusrath Dr. Lazarus, für Auspitz Vorsteher I. Redlich, für Neutitschein Cultusrath Grünberger, für Zwittau Vorsteher Josef Stein. Bon der Brünner Cultusgemeinde waren Vicepräses füif. Rath Mandl, die Vorsteher Wohlmuth, Dr. Ehrenstein, A. Müller, Fabrikant Bloch und Pis ko. Sprecher der Deputationen war Landesrabbiner Dr. Placzek, rechts von ihm im Halbkreise die Vertreter der Brünner, links die sieben Düeguüen der neuen Gemeinden. Nachdem Sprecher Sr. Majestät die Huldigung und Treue der gesammten Juden Mährens in warmen Worten vorbrachte, sprach er zunächst den innigsten Dank der neuerstandenen sieben Cultusgemeinden für deren Ernennung auf Grund des Gesetzes vom 21. März 1890! und bemerkte, daß vor Regierungsantritt Sr. Majestät in den meisten dieser Städte keine oder wenig Juden sich aufhalten durften. Der Landrabbiner erbat sich die Erlaubniß, bedeckten Hauptes den vorgeschriebenen uralten Segensspruch hebräisch und in deutscher Sprache ertheilen zu dürfen. Der Monarch gestattete dies, worauf Dr. Placzek den Segen spendete, der in einer Huldigung für den Monarchen ausklang. Hierauf wurden durch^Mgere Ansprachen folgende Herren ausgezeichnet: kais. Rath Mandl. Brünn, Vorsteher Hamburger von Olmütz, Dr. Mannaberg aus Hradisch, mit dem er angesichts seiner Dekorationen über seine Militärzeit sprach, Redlich aus Auspitz, Dr. Lazarus aus Meseritsch, Grünberger aus Reutitschein, Freund aus Wischau, endlich sprach Se. Majestät mit dem Zwittauer Vorsteher Josef Stein über die dortige Industrie und den lchtcn Arbeiterstrike. In huldvollster Weise war die Audienz beendet. Handelskammerpräsident und Reichsrathsabgeordneter Ritter von G o m p e r z und Landesrabbiner Dr. Placzek wurden zur Hostafel zugezogen und erhielten die Einladung zu der Soiree beim Landeshauptmann Grafen Vetter. -Wieliczka, de» 27. Juni 1892. (Ein Muster „wahrheitsgetreuer" B e r i ch 1 e r st a t 1 u n g.) In der letzten Rümmer der in Berlin erscheinenden „Allgem. Ztg. d. Judenth." las ich einen aus Klasno, wo die Baron Hirsch-Stiftung jüngst einen Kindergarten eröffnet«, datirt<-n interessanten Bericht über die Borgeschichw und die Eröffnung dieser Anstalt; intereffant insofern als er lchrt, wie mau mit Hilfe von in der Ferne erscheinende» Zeitungen „Geschichte", im vorliegenden Falle, allerdings nur Dorfgeschichte machen kann. Benannter Bericht fährt nach einem, vollständige Urtbeilslosigkeit bei dem Leser vorausfetzenden Präludium also fort: „Der Groll der Ehafsidim gegen Baron Hirsch hat abe'' den Höhepunkt erreicht, seitdem der bisherige Borsteher Herr I. S. Perlberger durch eine aufreibende zeitraubende Thätigkeit die Begründung einer jüdischen Froebelschule von Baron Hirsch erlangt hat. Nachdem Herr Perlberger das Hirsch'sche ^ecutiv-Comite davon überzeugt hatte, daß den Uebelstanden in Galizien in erster Reihe dadurch abzuhelfen ist, daß man die verwahrlosten Kinder anständig ernährt und erzieht, bewilligte Hirsch eine jährliche Subvention von ca. 2500 Gulden. Herr Perlberger, der einflußreichste Mann der Gegend, hatte viel zu kämpfe», denn der Fanatismus derChassidim kam ihm bei jedem Schritte in denWeg, und wennes rh« endlich gelungen ist, die Schule mit 40 Kindern vor einigen Tagen zu eröffnen, so hat er dies wesentlich dem DameucomitL zu verdanken, welches ihm eifrig hilft u. s. w. Es gehört wahrlich nicht viel dazu, sich zum Helden aufzuspielen, oder auffpielen zu laffen, wenn die Gefahr, der man mit kluger Vorsicht ausgewichen, vorüber ist. Bon Klasno nach Berlin ist es ziemlich weit, nicht blos räumlich, sondern auch, und noch mehr, zeitlich.Bon Klasno kann uum ohne Gefochr Rittergeschichten nach Berlin berichten, die dort auf Treue und Glauben hingeuommen werden, besonders wenn sie ein Abonnent erzählt, der ja ein um so.glaubwürdigerer Gewährsmann. ist. als er nicht dafür bezahlt wird, dafür aber regelmäßig sein Abonnement bezahlt. Aber die llboänö, die salta! Vor Allem möchte ich bemerken, daß ich über die Vorgänge, welche sich vor der Eröffnung des Kindergartens in unserem nachbarlichen Klasno abgespielt haben, Stillschweigen beobachtet und mich damit zufrieden gegeben Hütte, die Freude Wer das in Klasno trotz aller Machinationen gelungene Werk im Stillen zu genießen; hätte man nicht auf jener Seite, die alle Ursache hatte, über die ganze Sache Gras wachsen zu lassen, den traurigen Muth besessen, der Wahrheit so dreist in's Gesicht zu schlagen und anstatt über die feige Flucht, die man beim ersten Ansturm ergriffen, zu schweigen und sich zu schämen, in die Posaune gestoßen und die Backen schier gesprengt, um sich Verdienste zu vindiciren, wo man den schwersten Tadel verdient. Und nun zur Sache. Das Curatorium der Baron Hirsch-Stiftung hatte über Vorschlag seines Krakauer Executivorganes beschlossen, für die verwahrlosten Kinder in Klasno eine Froebelschule zu errichten. Es wurde zu diesem Zweck: inKlasno ein Lokal-Comitö eingesetzt als dessenObmann Herr I. S. Perlberger als der reichste, darum einflußreichster Mann, der sich überdies für die Sache zu interessiren schien, bestellt werden sollte. Bald darauf begannen die Wühlereien, welche ihren Gipfelpunkt erreichten, als der Rabbiner von Sieniawa in Klasno eingezogen. Der drsignirte Obmann des Lokal - Comite's und einflußreichste Mann in Klasno Herr I. S. Perlberger, welcher zn seinen größten Tugenden die Vorsicht zählt, war der erste, der die blaffe Furcht nach Krakau entbot, das dortige Comite drängte, von der bereits publicirten Eröffnung im Interesse der arg bedrohten Ruhe in Klasno abzustehen und seine werthe Person nach Rückwärts zu concentriren begann. Und waruni sollte Herr Perlberger diese weise Vorsicht nicht üben? Sollte etwa der von seinem so lange innegehabten Borstehersitze verdrängte einflußreiche Mann sich leichtfertig auch aus. der Gunst des heiligen Rabbi verdrängen lassen, und das um einer Kleinigkeit willen, wegen der armen verwahrlosten Kleinen von Klasno? Was ist dem Hecuba? . . . Also die Furcht wirkte ansteckend und die Eröffnung des Kindergartens wurde revocirt und auf unbestimmte Zeit vertagt. Zur größeren Vorsicht — und später zeigte es sich, daß sie in der That am Platze war — reiste Herr I. S. Perlberger, der präsumtive Obmann des Comite's ab. Aber ein Wunder geschah, und selbst das Local-Comite in Klasno wurde davon überrascht. Die Eröffnung des Kindergartens erfolgte, trotzdem sie bereits abgesagt war, dennoch an dem ur'prünglich festgesetzten Tage, aber nicht — wie es irr dem obcitirten Berichte heißt — durch Herrn Perlberger, der war ja verreist, auch nicht unter Betheiligung seines, ebenfalls dem Localcomite angehörigen Sohnes — der war plötzlich erkrankt, (!!) als er die Einladung zur Theilnahme an der Eröffnungsfeier erhielt. Glücklicherweise erholte er sich noch an demselben Tage so weit, daß er am Nachmittage desselben, nachdem die Feier in größter Ruhe und Ordnung sich abgespielt hatte, an die Trümmer des Local-Comites, die Herren Josephsthal und Matzner, welche den Muth gefunden hatten, zur Eröffnung des Kindergartens zu erscheinen und die Anstalt zu übernehmen — ein Gratulationsschreiben zu richten. — Diesen beiden Herren, welche noch überdies materielle Opfer der Sache widmen, gebührj Anerkennung und Dank, vorzüglich aber den wackeren Frauen Matzner und Josephsthal, welche der Anstalt als wahre Samaritaner!nnen dienen und dm armen, zarten Kindern Mütter sind. München, 20. Juni. Ueber einen Fall von grobem Unfug hatte das Oberlandesgericht als Revisionsinstanz zu entscheiden. Anfang September v. I. war im Laden des Kaufmanns Berth. Ackermann zu Zweibrücken eine von dessen Commis Albert Popp aus rothem Tuche gefertigte Darstellung des Wortes l „Jud" erschienen, worüber sich einige Israeliten beschwerten und Kluge stellten, da diese Ausstellung einen großen Auflauf verursachte und viele Heiterkeit und Spötteleien erregt habe. Das Schöffengericht erkannte auf Freisprechung, indem es in der ganzen Sache lediglich einen harmlosen Scherz oder schlechten Witz erblickte, wogegen das Landgericht gegen Ackermann und Popp wegen groben Unfuges auf eine Geldstrafe von 30, bzw. 10 Mark erkannte. Die hiegegen von beiden Angeklagten eingelegte Revision wurde als unbegründet kostenfällig verworfen mit der Begründung, daß eine öffentliche Verhöhnung einer ganzen Gesellschaftsklasse nämlich der israelitischen Bevölkerung von Zweibrücken nachgewiesen sei und hiedurch ein Angriff auf das friedliche Zusammenleben der durch verschiedene Religionsgesellschaften gebildeten Gesammtbevölkerung stattgefunden habe. Karlsruhe, 17. Juni. Seine königl. Hoheit der Großherzog hat den Oberamtsrichter Dr. Stein aus Mannheim, Neffen des Rabbiners Dr. Stein-Worms, zum Landgerichtsrath in Karlsruhe, den Getreide-Großhändler L. Hirsch .zum Handelsrichter für die zweite Kammer für Handelssachen beim Landgerichte Mannheim, sowie die Eisen-Großhändler L. Notier und Kaufmann S. Mayer Dinkel sen. daselbst zu Handelsrichter-Stellvertretern für die erste und zweite Kammer für Handelssachen beim Landgericht Mannheim zu ernennen gemht.