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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-07-01 · 27 (1.7.1892) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
27 (1.7.1892)
Date
1892-07-01
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Oryrrrrtchischr Wochrnfchrifl. Seite 465 Nr. 27 dem Verkehr mit den Höfen und direct auch vom Staate mehr Nutzen gezogen haben als gewöhnliche Staatsbürger, die trotz dessen ihrer dynastischen Gesinnung auch bei Familienfesten Ausdruck geben. Graf Herbert Bismarck riskirte sogar einen Vergleich zwischen seinem Großschwiegervater dem Torpedofabrikanten und dem eisernen Kanzler; um so mehr vermißte man in den Toasten jene Huldigung, die man sonst den dynastischen Empfindungen darbringt. In der Nähe des großen Mannes muß man eben jetzt republikanisch fühlen. Und am folgenden Tage, da hatte Fürst Bismarck seine Sommernachtslust im Prater. Er lebte wienerisch, er hörte die Schrammeln und sang den „alten Drahrer" mit. Der „alte Drahrer", das ist die Wiener Marseillaise, nicht blutig, wie die französische, nicht ein feindlicher Schwur, wie die „Wacht am Rhein", aber doch ein Trutzlied gegen alle Widerwärtigkeiten des Daseins. Und der Commentar zum „alten Drahrer" stand des andern Morgens gedruckt in der „Neuen Freien Presse" in der Form einer Enttevue mit dem Fürsten Bismarck. Da konnten sie in Berlin erfahren, wie der „alte Drahrer" über das Reich denkt und das neue Regiment. Er äußerte lebhafte Sympathien für Rußland, urtheilte rücksichtslos über die österreichischen Handelsintcressen und er prophezeite, daß der Dreibund ohne Rußland und. ohne Bismarck den Krieg mit Frankreich nicht zu verhüten vermöge. Es kommt eben darauf an, wer ein Lied singt und es ist ein Unterschied zwischen einem Volkssänger und ein:m Czarensänger. Endlich konnte man in Berlin nicht länger an sich halten; in der Wolke des Unmuths hatte sich viel Elektrizität angesammelt und nun brach das Donnerwetter los, in der Gestalt eines Berliner Berichts, der auch in einem Wiener- Blatte veröffentlicht wurde. Von Berlin aus drohte man, daß man das Geheimniß der Entlassung des Fürsten Bismarck veröffentlichen wolle. Vorläufig wolle man noch den nationalen E Credit,, den europäischen Ruhm des Kanzlers als werthvolles nationales Capital schonen. Die deutsche Walhalla soll vorläufig nicht des größten deutschen Staatsmannes beraubt werden. In Berlin entblöst man stumpfe Waffen und Fürst Bismarck ist voll Trotz wie Hagen und unverwundbar wie Siegfried. Das ist eine merkwürdige Erscheinung in dieser Weltkomödie. Man denke sich einen Richelieu der als Garibaldi gefeiert wird und der Bismarckffche Triumphzug erscheint in seiner wahren Bedeutung, wobei zur näheren Bestimmung nicht vergessen werden darf, daß Fürst Bismarck auf das Haus Hohenzollern nicht einmal die Rücksicht nimmt, wie Garibaldi auf das Hau^ Savoyen. Welche Rolle spielen denn unsere Deutschnationalen in diesem Riesenkampfe? Wollen sie gleichzeitig gegen den österreichischen Staat kämpfen und im Gefolge Bismarck's auch gegen das deutsche Regiment? Es ist begreiflich, daß der sonst so geistvolle und gedankenschnelle Dr. Bareuther bei dem Abschiedsgruße in St. Pölten plötzlich von seinem Genius sich verlassen fühlte. Ein Pfiff der Lokomotive, der größte Augenblick des Jahrhunderts war vorüber. Die Deutschnationalen hatten die Gelegenheit versäumt mit ihrem Gotte zu sprechen und was Dr. Bareurher der Minute ausgeschlagen, das bringt keine Ewigkeit zurück. Weher Antisemiten noch Deutschnationale dürften aus die Bismarcktage in gehobener Stimmung zurückblicken. Das ist die alte und merkwürdige Geschichte von Bileam; sie riefen den Propheten ohne ihn und seinen Dämon zu kennen. Nicht leicht haben politische Parteien so ganz aus si-eien Stücken und ohne jede Noch sich kompromitti.t. Fürst Bismarck schüttelte ein Gesylge von Leuten von sich ab, die chm unbrauchbar erscheinen, deren Thun und Treiben er nicht zu verstehen vermag. Kehren wir wieder zu dem großen Bilde, zu dem Triumphzuge des Fürsten Bismarck zurück. In München erreichten die Bismarcktage ihren Höhepunkt. Er wurde gefeiert wie ein Souverän und noch etwas mehr. Alle Parteien wurden zur Feier aufgerufen; es zeigte sich wie weit der echtdrutsche Geist verschieden ist von dem Treiben unserer Deutschnationalen Md Antisemiten. Von der Bolksbegeisterung sich enworgetragm, konnte Fürst Bismarck in stolzem Selbstgefühle anfathmen wie in den schönsten Tagen seiner Macht. Und dennoch fiel ein Tropfen Mermuth in den Kelch der Freude. Es rauschte in den bairischen Seen, es ging um in den bairischen Königsschlöfsern. Der blutlose Schatten eines todten Königs tauchte auf und Geisterstimmen sprachen von der nationalen Politik und ihren Opfern. Ja, wenn das Fest ewig dauern würde; aber der Rausch zieht weiter, die Demonstranten gehen nach Hause und bald ist Alles vergeffen, nur dort nicht wo man verwunden wollte, wo man verwundet hat. Es geht ein Riß durchs Leben, wenn wir im späten Aster unser Glaubensbekenntnis wechseln. Der Mann, der seine ehrlichen politischen Gegner als Reichsfeinde brandmarkte und mit Unrecht als Königsfeinde verdächtigte, tteibt nun selber mit dem dynastischen Prinzipe ein frivoles Spiel. Das Haus Hohenzollern ist ihm, aber auch er dem Hause Hohenzollern zu Dank verpflichtet. Fürst Bismarck ist zu all, um noch als Lord Protektor des deutschen Reichs eine Rolle spielen zu können. Fürst Bismarck war nie vom Idealismus angekränkelt, das zeigte er, als er den Antisemitismus duldete und wie gerecht steht heute Frankreich da, durch die enffchiedene Sprache seiner Regierung gegen den Antisemitismus gegenüber Deutschland wo der Antisemitismus fortwuchert. Der Idealismus aber ist nothwendig, wenn die Weltgeschichte das Urcheil des Volkes bestätigen, wenn eine Gestalt dauernd reine Begeisterung wecken soll. Was ist Schein, was ist Wahrheit in Bismarck? Durch Straßendemonstrationen wird ein innerer Conllict nicht ausgeglichen, der Egoismus löst kein moralisches Problem — das ist die Tragödie des Staatsmannes. Die Begeisterung des deutschen Volkes ist eine begreifliche Erscheinung. Die Lust an dem Scheinleben des Theaters entspricht dem menschlichen Wesen, ist eine angeborene menschliche Eigenschaft. Auch im politischen Leben will unser dramatisches Interesse befriedigt sein. Handlung und Gedanke, Szenen, Dekorationen und Persönlichkeiten, die unsere Theilnahme, wecken deren Schicksal uns fesselt; nichts darf fehlen. Fürst Bismarck, das muß man ihm lassen, war eine große, kraftvolle Persönlichkeit, die das Leben der Gegenwart mit imponirender Energie erfaßte und stets neue Impulse ausstrahlte. Jetzt bewegt sich alles mechanisch, matt, schablonenhaft und das Welttheater ist uninteressant geworden. Kaiser Wilhelm hat allerdings gesagt: „Die großen Zeiten sind vorüber." Aber „Der im Himmel thront, lacht": Kein Sterblicher bestimmt den Geist und Charakter der Zeiten. Ich öffne und schließe die Pforten der Weltgeschichte. Ich hebe die Helden empor und stürze sie herab von ihrer Höhe. Ich schreibe die Tragödie des Menschen und die Tragödie des Staatsmannes. Nachklänge;u den Msmarck-Tagrn. Zweiter Schreibebrief des deutsch-nationalen Studiosus Teutobold an seinen Freund. Wien, am Tage der Mreise von Alldeutschlands Einiger 1892. Liebwerther Cumpane Pumpo! Männeken! Fast hätte ick mir jeirrt und obenhin — „Berlin" jesetzt. Ick hatte wahrlich det Jefühl die janzen letzten Taje hindurch, in Berlin zu find. Wir alle von unserer Burschenschaft sind zwar jar keene Oesterreicher nich, waren et eijentlich längst nich mehr, aber die Ereignisse der jüngsten Berjangenheit haben uns diese für uns wie für Oesterreich in jleichem Maße erfteuliche Thatsache erst frisch ins Bewußtsein, jteichbedeutend mit „Selbstbewußtsein", also frisch ins Selbstbewußtsein jebracht. Ick schreibe dir deshalb in berlinisch, als ob ick in Spreewaffer von Stöckern jetaust worden wäre. Wasser? brr! und wenn's ooch Spreewaffer wäre! dennoch brr!! — Heute will ick Dir, unverfälscht theurer Bruder, eenije Nachttäje zu meinem letzten Schreiben jönnen, die Dich sicher verintresfiren werden. — Du wirft finden, daß wir so wie wir besonnen haben, ooch fortjefahren find — bis St. Pölten, welches ooch eene schöne Jejend ist un dort find wir denn ooch jeblieben. „Jnterbellation,, (Jnterpellatton?Anm. d. Red) haste jewiß schon jelesen. Det verfluchttge Karnickel hat wieder mal anjefangen. Wir waren doch so jefittet und arttg un manierlich un konnten

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