Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 27 (1.7.1892)
- Date
- 1892-07-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Sette 464 J7£jt££££tu|tjn2c jpun|en|flin|t. Nr. 27 i M. f •I \\ wird der größte Mann Deutschlands von einer Partei behandelt, die in chrer Liebe schrecklicher ist, als in ihrem Haffe. — Schönerer wollte sich dem Dr. Lueger furchtbar erweisen; der national-deutsche Antisemitismus sollte einen Vorstoß unternehmen gegen den clericalen Antisemitismus; — das ist das ganze Gcheimniß und man errang einen dreifachen Sieg. Es gelang Wien, die deutsche Sache und den Fürsten Bismarck gleichzeitig zu compromittiren. Deutsch-national; es soll hier zunächst nicht von den Verpflichtungen des österreichischen Staatsbürgers oder von den Verpflichtungen eines österreichischen Parlamentsmitgliedes die Rede sein. Das uneingeschränkte nationale Prinzip soll allein Geltung haben. Wir gehen noch weiter; man kann nach unserer Meinung ein guter Deutscher sein, wenn man über die Juden denkt wie Lessing und über den Antisemitismus urtheilt wie Kaiser Friedrich. Es kann aber auch Jemand glauben, echt deutsch zu sein und dabei Sehnsucht nach der ganzen Romantik des Mittelalters enrpsinden. Aber unmöglich ist man ein guter Deutscher, wenn man den leuchtendsten deutschen Gestalten die Verehrung aus dem Grunde verweigert, weil sie keine Antisemiten waren, weil ihre Reden und Handlungen beschämend sind für die antisemitische Lüge und man schändet den deutschen Namen, man entweiht und besudelt das nationale Prinzip, wenn man Alldeutschland in einen antisemitischen Verein verwandeln, das ganze deutsche Volk aller großen und guten Eigenschaften entkleiden möchte, damit es nur noch in der Giftsphäre des Antisemitismus fortvegetire und in dem Sumpfe roher Sinnlichkeit untergehe, welche regelmäßig die Begleitung des Antisemitismus bilbet. Das haben ja viele Antisemiten bewiesen, daß sie an den Juden und an der Bibel am Meisten die zehn Gebote hassen. Diejenigen, welche Deutschland und das deutsche Volk in dieser Weise erniedrigen wollen, sind die wahren Feinde der deutschen Nation mehr als Franzosen oder Czechen. Man muß das Tableau der Gegenwart vor Augen haben. Die häßlichste uud entsetzlichste Erscheinung in unserem Jahrhundert bleibt denn doch die Judenverfolgung in Rußland und traurig genug ist cs, daß in dem geeinigten Deutschen Reiche der Antisemitismus Raum gewinnen konnte. Und nun komurt der größte deutsche Mann nach Wien und gleich der erste Gruß schallt: „Nieder mit den Juden." Das ist eine Schmach in jeder Richtung, das bringt unserer Stadt, das bringt dem Fürsten Bismarck keine Ehre. Gewiß, Fürst Bismarck ist kein Antisemit. Aber er wollte nicht anerkennen, daß auch die Juden zur politischen Opposition berechtigt sind und machte den Antisemitismus zum Instrumente seiner Rache an den Juden, weil Lasker und Bamberger aus ihrer Mitte hervorgegangen waren. Groß tvar das nicht gedacht und man kann diese Handlungsweise auch nicht edel nennen. Fürst Bismarck hat eben sein eigenes Selbst immer am Höchsten gestellt und im Interesse seiner Popularität hat er es auch vermieden, den Antisemitismus in der entschiedenen Weise zu verirrtheilen, wie es nothwendig gewesen wäre. So ist Fürst Bismarck selber Schuld, daß der Antisemitismus den Eindruck trübt, den der beispiellose Triumphzug von Friedrichsruh bis Kiffingen Hervorgei ufen hat. Eine solche Reise zu heilkräftigen Quellen war noch keinem Sterblichen beschieden. Und was bedeutet denn diese Reise? Sie bedeutet einfach eine Revolution, die sich aus Huldigungen zusammensetzt, eine Revolution des Volkes und des Fürsten, vor Allem der Studentenschaften, eine Revolution, bei welcher die Frauen nicht fehlen und die Diplomaten nicht ausgeschlossen sind. Fürst Bismarck wollte beweisen, daß die Rauchwolken aus seiner langen Pfeife noch immer stark genug sind, um bei Denjenigen, die jetzt an der Spitze Deutschlands stehen, Kopfweh zu erzeugen. Es sollte Lar werden, daß er am Höchsten in Deutschland stehe, daß er, wenn auch ein neuer Kanzler existirt, in Wahrheit keinen Nachfolger gefunden, habe und daß er im Bettrauen der Nation so hoch stehe wie kein Zweiter. Ohne Beispiel ist es, daß ein im Dienste ergrauter Staatsmann, reich an Ruhm, Ehren und Gütern im Lebensalter von Siebenundsiebzkg Jahren sich an der Spitze der Unzufriedenen dem Fürstenhause gegenüber gestellt hätte, in dessen Dienste er unsterbliche Erfolge zu erringen vermochte. Es ist ja doch nicht anders; der Kanzler des Großvaters steht gegen den Enkel, Fürst Bismarck gegen den Hohenzollern und Schach dem Kaiser ist die Parole. Man vergegenwärtige sich diese gewaltigen Gegensätze auf der deutschen Bühne, man halte sie zusammen mit dem Treiben in Wien während der Bismarcktage und man wird dann von der Geisteshöhe der österreichischen Dentschnattonalen und Antisemiten die richtige Vorstellung gewinnen. Der Empfang in Dresden war großartig. Sachsen ist ein Zentrum des Antisemitismus, er wird dort offiziös betrieben, auch offiziell und vielleicht ist auch der Hof antisemitisch gesinnt. Das wurde in Wien registtirt und nun glaubte man den Fürsten Bismarck für den Antisemitismus mit Beschlag belegen zu können. Der Anfang war vielversprechend. Schönerer schien die Schlacht gewonnen zu haben; auf den Blättern der Weltgeschichte hatten nur noch zwei Namen Raum, Schönerer als Mann der Zukunft, Bismarck als Mann der Vergangenheit. Nun aber zeigte sich der deutsche Kanzler in der ganzen Härte seines Gemüths. Fürst Bismarck thut gerade so als ob gar kein Schönerer exisiirte. Wir sind überzeugt, wenn Fürst Bismarck sein Schloß betritt und sein treues Thier ihn freudig anwedelt, so bleiben Bellen und Wedeln nicht unbelohnt und in muntern Sprüngen dankt das Thier für die Güte seines Herm. Dem Schönerer war es versagt, solche muntere Sprünge zu machen. Dem akademischen Gesangverein, der Vertretung der deutsch-nationalen Studentenschaft, wurde gestattet ein Sländchen zu bringen. Allein Fürst Bismarck sprach von Kunst und Wissenschaft als dem gemeinsamen Bande aller Deutschen. Kunst und Wissenschaft; man sieht Fürst Bismarck ist alt geworden. Kunst und Wissenschaft; da Vnnen ja auch die Juden mitthun. So hätte der Schönerer nicht gesprochen; nicht einmal der Gregorig und der ist doch nicht so gescheidt wie der Fürst Bismarck. Zum Polterabend waren auch Juden geladen, allein dafür kann man den Kanzler vielleicht nicht verantwortlich machen. Aber Kunst und Wissenschaft, die deutsche Nation hat also noch andere Aufgaben als nur den Antisemitismus! Kunst und Wissenschaft, so könnte nöthigenfalls auch Professor Nothnagel sprechen. Auch bei den Toasten des Hochzeits-Dejeuners wurde des Schönerers vergessn. Das ist unverzeihlich, daß Bismarck gar nichts für den deutsch-nationalen Antisemitismus gethan hat. Sie betteln nur noch um Almosen, um einen einzigen Nickel, aber nicht einmal diese kleinste Gabe erhielten sie. Aber es sollte noch schlimmer kommen. In einer Judenzeitung, in einem der von Schönerer so arg beschimpften, so häßlich verleumdeten Wiener Journale wurde auf ausdrücklichen Wunsch des Kanzlers der Dank an Wien veröffentlicht. Gibt es denn keine Vergam's auf der Welt die bereitwillig wären die „Unverfälschten deutschen Worte" als Extrablatt erscheinen zu lassen, wenn man sie darum ersucht hätte. Und ein Journalist, ein Jude, ein Redacteur der „Neuen Freien Presse" wurde von dem Fürsten Bismarck empfangen, und ihn machte er zum Interpreten seiner politischen Gedanken gegenüber der Welt und gegenüber dem deutschen Volke. Endlich in Linz zum guten Ende wurde den Deutschnationalen noch eine Rüge zu Theil, indem Fürst Bismarck den Sprecher ermahnte auch des deutsch-österreichischen Bündnisses eingedenk zu sein. Die Deutschnationalen mußten sich also eine Lection im Patriotismus von dem Fürsten Bismarck gefallen lassen. Das ist beschämend genug für die politische Bildung unserer Parteien. Bei dem Hochzeits-Dejeuner -wurden Toaste ausgebracht, witzig, gcmüthlich, heiter, aber nicht gerade gedankenschwer, genau so wie bei einem Familienfeste, wo man sich jedes , Zwanges enthoben fühlt. Aber die Toaste wurden mit stenographischer Gewissenhaftigkeit veröffentlicht, weil eben Alles Bedeutung gewinnt in der Nähe eines bedeutenden Mannes. Bei einer künftigen Theater-Ausstellung im Prater kann man I auch diese Trinksprüche unter Glas und Rahmen bringen. Es waren durchaus Mitglieder von Familien versammelt, die aus -'iiiipiiiiiiiiiiiiiir