Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 27 (1.7.1892)
- Date
- 1892-07-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 27 —t J. »* Jf. - EMG,, J.ntf In.M Sette 463 nicht in unserer Mitte ein Volk, das unfern Gott gehängt hat und unfern Glauben nicht achtet? Warum sollen wir diese leben lassen? Warum soll ihre Wohnung unter uns sein? Lasset unser Schwert mit ihren Köpfen den Anfang machen, und nachher wollen wir den Weg zu Christus weiterziehen." Das genügte damals noch; man hörte noch nichts von den unheimlichen Freveln, die das Mittelalter in der Folge allen denen, die ausgerottet werden sollten, Tempelrittern, Albigensern und natürlich erst recht den Juden andichtete. Nur in einem der Texte, dessen Schriftzüge der zweiten Hälfte des vierzehnten Jahrhunderts angehören, wird erzählt, daß man im Jahre 1096 in Worms die Juden bezichtigt habe, sie hätten die Brunnen vergiftet. Ohne Zweifel ist diese Stelle von einem späteren Abschreiber eingeschaltet, da zu allererst im vierzehnten Jahrhundert, in den Jahren wo der „schwarze Tod" wüthete, die Fabel von den Brunnenvergiftungen auftauchte, bald die Juden, bald andere unpopuläre Leute als die Schuldigen bezeichnend. Bemerkens- Werth ist ferner, daß solche trennende Momente wie Rassenabneigung und wirthschaftliche Eifersucht den ersten Ausbrüchen des Judenhasses fremd sind; noch wohnen die Juden mitten unter den Christen, betreiben dieselben Gewerbe wie diese, tragen die nämliche Tracht. Sogar Heiraten zwischen den beiden Confessionen werden beiläufig, als ob es sich um nichts Außerordentliches handle, erwähnt. Die Vorbedingungen für eine allmähliche Verschmelzung scheinen vorhanden gewesen zu sein; der religiöse Fanatismus der Kreuzzüge zerstörte sie auf Jahrhunderte hinaus und errichtete zuerst jene Schranken zwischen den beiden Bekenntnissen, deren Niederreißung noch heute nicht vollständig gelungen ist. Und so stark ist seine Lebenskraft gewesen, daß er noch in den Tagen seiner Senilität einen Sohn, wie den Antisemitismus, hat zeugen können, der zwar den väterlichen Glauben nicht mehr theilt, aber in seinen Gesichtszügen und seiner ganzen Art noch immer an seinen Ursprung erinnert. Der moderne Antisemitismus ist von Deutschland ausgegangen und über den Rhein und die Alpen gewandert, im Mittelalter kam er von Frankreich an und über den Rhein. Bon der Verfolgung des Jahres 1146 redend, schreibt Ephraimbar-Jacob: „Der nichtswürdige Rudolf, ein Mönch, verfolgte schmählich Israel wie der Bösewicht Haman. Aus dem Lande Frankreich kommend, zog er durch ganz Deutschland — Gott beschütze es — um Christen zur Kreuzfahrt zu werben. Wohin er kam, reizte er die Schlangen und die Hunde gegen uns, indem er sprach: Rächet den Gekreuzigten zuerst an seinen Feinden, die unter euch sind! Da schrien wir zu unserem Gott, und der Ewige hörte unser Flehen und schickte nach diesem Unhold einen anderen würdigen Mönch, einen der größten und angesehensten aller Mönche, der ihr Gesetz kannte und verstand: sein Name war Bernhard Haber aus der Stadt Clairvaux in Frankreich. (Ohne Zweifel ist der heilige Bernhard, der voetor mellifhras, oer berühmte Abt von Clairvaux gemeint, und das nichtverständliche „Haber" nur eine Verstümmelung von „Abbö"). Auch dieser predigte zum Volke und sprach: Wer einen Juden angreift und ihm nach dem Leben trachtet, der sündigt, als rühre er Jesum selbst an; denn es steht über sie im Psalmenbuche geschrieben: tödtet sie nicht, damit mein Volk nicht vergessen werde. — Alle ehrten diesen Mönch wie einen ihrer Heiligen, auch erfuhr man nie, daß er für das Gute, das er über Israel sprach, eine Bestechung angenommen hätte. Gelobt sei der Befteier und Erretter, gelobt sein Name!" Als ich beim Lesen der entsetzlichen Geschichten an diese Stelle kam, hatte ich ein Gefühl, als vernähme ich Gretchens Worte: „Mitten durch's Heulen und Klappern der Hölle, Durch den grimmigen teuflischen Hohn Erkannt ich den süßen, den liebenden Ton," den Ton der Menschlichkeit, schließt Otto Gildemeister. Ob die „Anttsemiten oder Christlich-Sozialen wirklich keine Ursache haben zu erröthen, wenn sie in der Geschichte der Vergangenheit blättern" — das mögen diejenigen entscheiden, welche das Erröthen noch nicht verlernt haben. Die Tragödie des Staatsmannes., Die „Theater-Ausstellung" in dem weltberühmten Park, der eine Fortsetzung des von Prof. S u e ß vertheidigten Plevna bildet, eine Fortsetzung jener Leopoldstadt, die wenigstens schon siebenmal gegen den anstürmenden Antisemitismus siegreich behauptet wurde — und das wahre Ausstellungs-Theater in den Straßen von Wien, namentlich in jenem Viertel, das einstens das vornehmste war und wo alte Paläste noch den Stolz, den Ruhm und die Macht der Vergangenheit verkünden. In der Theater-Ausstellung die „Tragödie des Menschen" und wir werden belehrt, daß die Künstler der Elbestadt, wo Lessing die deutsche Bühne begründete, nunmehr vor dem deutschen Realismus bei der philosophirenden Dichtung eines Magyaren Zuflucht suchen, was gewiß charakteristisch ist für die Wandlung der Zeiten und im Ausstellungs-Theater die „Tragödie des Staatsmannes", um uns neuerdings zu überzeugen, daß das Leben in seiner dramatischen Gestaltungskraft jeden Dichter in den Schatten stellt. Im Prater die Symbolisirung der Einheit des menschlichen Geschlechtes; im Innern Wiens die Zerklüftung des Staates und der Gesellschaft in grelldeutlicher Schaustellung und das Alles ereignet sich an den Ufern des Stromes, dessen Wellen schon das Nibelungenlied gesungen haben. „Jede Freude endet doch in Leid", schließt das nattonale Epos; das gilt für die neuen wie für die alten Helden. Was vom österreichischen Standpunkte aus über die „Bismarck-Tage" gesagt werden muß, das ist in dieser Zeitschrift in der letzten Woche ausgesprochen worden. Das Judenthum kann es überflüssig finden, fich hier zum Worte zu melden; es kann in vornehmer Ruhe die Dinge beobachten, nachdem seine Feinde zu ihrer eigenen Beschämung und Widerlegung das Mögliche gethan haben. Unser Epilog zum Ausstellungs-Theater ist ftei von allen subjektiven Momenten und soll sich auf dem Boden strenger Objektivität bewegen. Man sage nicht die „Bismarck- Tage" find vorüber, denn sie werden eine dauernde Nachwirkung haben und es ist uns eine innere Nothwendigkeit das Unsrige beizutragen, damit die Wahrheit Raum gewinne, nachdem einerseits der Muth der Wahrheit fehlt, anderseits der Absolutismus der Phrase die Gedanken bindet und lähmt und drittens endlich es wirklich einige Mühe kostet über die widerspruchsvollen Erscheinungen, die sich hier aufdrängen, hinwegzukommen. Wir sind weit entfernt davon, der Persönlichkeit des Fürsten Bismarck nahe treten, die Größe und dm Ruhm dieses außerordentlichen Mannes leugnen zu wollen. Wir sind uns im Gegentheile bewußt, den Verdiensten dieses gigantischm Staatsmannes höhere Achtung entgegen zu bringen, als seine angeblichen Freunde, die Antisemüen. Auch was das Erfassen des Deutschthums betrifft, glauben wir mit den Herren concurriren zu können, welche die deutsche Literatur aus den Liedersammlungm der Burschenschaften studiren — und das Uebrige langweilig finden. Das aber, was in Wien geschehen ist, steht mit einem auftichtigen Enthusiasmus für Bismarck oder für Deutschland in grellem Widerspruche. Nicht „Deutschland über Alles," sondern „der Antisemitismus über Alles", so hättm sie. ihr Glaubensbekenntniß absingen müffen. Wenn man einen Mann wirklich verehrt, der unter allen Zeitgenossen den meisten Ruhm in sich vereinigt, dann mißbraucht man ihn nicht zu elenden Parteizwecken. Sind die Antisemüen wirklich in dem Grade beherrscht von ihren Wahnvorstellungm, daß sie von dem Unwürdigen ihres Programms und von dm emiedrigmdm Eonsequenzen desselben keine Ahnung haben, dann wäre damit ein geistiger und sittlicher Verfall constatirt, ein Rückgang in der Civilisation, den man auf's Tiefste beklagen müßte. Dann müßte man sich erinnem, daß aus dem Boden der deutschen Einheit der Antisemitismus seine kräftigste Nahrung empfangen hat. Dann müßte man nicht nach Bismarck, sondem nach einem neum jungen Helden rufen, der Germanien von der Schande des Antisemitismus zu befreien vermöchte. Aber wir können uns nicht denken, daß, wenn ein sittliches, nattonales oder civilisatorisches Ideal vorhanden wäre, der Antisemitismus sich über dm ihm gebührenden Rang zu täuschm vermöchte. Es ist ebm jede ideale Vorstellung verschwunden und nachdem jede Innerlichkeit fehlt ist auch die Anbetung Bismarcks etwas Amßerliches. „Nieder mit den Judm", das war ein wohlfeiles Hochzeitsgeschenk. Sie mißbrauchten die Gegmwart des Fürstm Bismarck für ihre kleinlichm Zwecke; so