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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-07-01 · 27 (1.7.1892) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
27 (1.7.1892)
Date
1892-07-01
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Sette 462 Drstrrrrichischr Wochrnfchrist. Nr. 27 Als üt Frankreich die Bewegung anfing und die Kreuzfahrer fich gegen die dortigen Juden erhoben, schickten die B^rrohten und Beängstigten ihren Glaubensaenoffen in Deütsch- ««s» Boten und Briefe, fie «suchend, mit Fasten und Kasteien Mott um Erbarmen und Schutz anzuflehen. Die Vorsteher der Mainzer Synagoge schrieben zurück: „Alle Gemeinden (am Rhein) haben ein Fasten angeordnet: Gott möge uns und euch befreien aus jeder Noth und Bedrängniß, denn wir sind euretwegen in großer Furcht, was uns selbst betrifft, so brauchen wir uns nicht zu ängstigen: wir haben derartiges nicht einmal gerüchtweise vernommen; von einer Gefahr, daß das Schwert über unserm Leben schwebe, haben wir nicht gehört". Dies Gefühl der Sicherheit wich freilich sehr bald dem Schrecken, als die Kreuzfahrer in's Land kamen, Schaar auf Schaar, „dem Heere des Sanherib gleich", aber es beweist, daß der Judenhaß im Rheinlande bis dahin nicht sehr lebhaft gewesen war, daß der zündende Funke von außen kam, daß ohne die Agitatoren ein friedliches Nebeneinanderleben der Christen und der Juden sehr wohl hätte fortdauern und — wer weiß? — vielleicht im Laufe der Zeit zu jenem Jneinanderleben und zu dem allmählichen Verschwinden der Gegensätze, das wir noch immer herbeizuwünschen haben, hätte führen können. Es war keineswegs die ansäffige Bevölkerung, die mit einhelligem Enffchluffe den Hetzereien Folge leistete. Die territorialen Obrigkeiten zumal versuchten Anfangs der Bewegung Widerstand entgegen zu setzen und die Juden zu schützen. Bischöfe und Grafen nahmen sich der Verfolgten an, die Bürger von Mainz schlugen fich sogar im freien Felde mit den bekreuzten Banden herum, um ihnen den Eintritt in die Stadt zu wehren. Aber der reißende Strom sprengte schließlich doch alle Dämme, und die Menge des niedrigen Volkes schloß sich denen an, die ihm im Namen-Gottes das Plündern erlaubten. Die besseren Elemente sahen sich zu ohnmächtigem Abwarten verurtheilt; sie waren froh sich der Zügel wieder bemächtigen zu können, nachdem das Kreuzfahrerheer weitergezogen war. Daß es inmitten aller Greuel nicht an Beispielen samarüanischer Barmherzigkeit fehlte, darf man aus den wiederholten Angaben schließen, daß Mische Familien sich zu den ihnen bekannt« Christen flüchteten und von ihnen versteckt gehalten wurden, bis der Sturm sich gelegt hatte. Während des zweiten und des dritten Kreuzzuges, -als die Juden gewitzigter waren, zogen sie sich in größerer Anzahl auf feste Bergschlöffer zurück, die ihnen von ritterlichen Gönnern, ich vermuthe gegen ansehnliche Miethe, eingeräumt wurden. Einer unserer Berichterstatter, Ephraim-bar-Jakob aus Bonn, war als dreizehnjähriger Knabe mit dabei, als im Jahre 1146 beim Ausbruch der zweiten großen Verfolgung die Juden Kölns die Tötung Wolkenburg im Siebengebirge dem Erzbischof um eine große Summe Geldes abmietheten und während der unruhigen Zett als Zuflucht benutzten. Sie selbst versahen den Waffendienst in der Burg, nahmen alle flüchtigen Glaubensgenoffen auf und entmuthigten dadurch die Agitatoren, die nun bei der BÄffotzung ihre Rechnung nicht mehr fanden. „Denn auch die ander« Juden in allen Landen des Königs", so erzählt Ephraim, „rettet« sich in die Burgen ihrer christlichen Freunde, die sie nebst ihren Angehörigen aufnahmen." Als charatteristtsch für die Zett will ich derselb« Handschrift noch ein Detail entlehnen. „In einem Dorfe am Fuße der Wolkenburg wohnte ein Jude mit zwei schön« Knaben, Abraham und Samuel. Als wir in die Burg eingezog« waren, trieb kindliche Neugier sie, zu uns heraufzusteigm, um unsere Einrichtung anzusehen. Ihnen begegnete ein böser Christ, der weder das Alter ehrte noch die Jugend schonte; er erschlug sie und ging weiter. Als nachher bekannt wurde, wer sie ermordet hatte, beschenkte die Gemeinde den Bischof und er befahl, dem Mörder die Mg« auszustechen. Am dritten Tage nach der Blendung erstarrte das Herz des Niederttächtigen, Gott schlug ihn und er starb eines schmählich« Todes. So müssen . alle Deine Feinde vergehen, Ewiger! Die Kl,oben wurden in Köln begrab«. Ihre Seelen weilen im Paradiese." Mit befonderer Ausführlichkett und mit unverkennbarem Stolze verweil« düse alten hebräischen Chronisten bei der großen Katastrophe, die im Mai 1096 die Gemeinde zu Mainz vernichtete und mü der Glorie eines beispiellosen Martyriums krönte. Die Juden hatten in den Gemächern und Höfen des ihnen wohlwollend« Erzbischofs Schutz gesucht; die Männer und Jünglinge Vertheidrgten den Eingang mit den Waffen, aber sie erlag« bald der liebermacht, und die andringend« Kreuzfahrer metzelt« Alles nieder, was sich in dm Höfen zusammendrängte. Als mm die im Innern des Palastes sahen, daß keine Hilfe mehr zu hoff« sei, ermahnten sie einer den andern, sich „dem gerechten Gerichte des Ewigen" willig zu unterwerfen und sich selbst Gott zum Opfer darzubringen: „jeder, der ein Schlachtmeffer hat, untersuche, daß es nicht schartig sei (mit schartiger Klinge durfte nämlich nicht geopfert werden) und schlachte uns zur Heiligung des Einzigen, des Ewiglebenden; nachher schlachte er sich selbst am eigenen Halse oder steche sich das Messer in den Leib." Und nun schlachteten die Frauen ihre Kinder, die Männer ihre Frauen und ihr Gesinde, der Bräutigam die Braut, der Freund den Freund, der Bruder den Bruder, und sie riefen zum Fenster hinaus: „Schaue, unser Gott, was wir thun zur Heiligung deines großen Namens, um dich nicht zu vertauschen mit dem Gekreuzigten!" Begeistert ob des heroischen Untergangs dieser seiner Glaubensgenossen ruft der Erzähler aus: „Fraget doch nach und sehet zu, ob je, von der Zeit des ersten Menschen an, eine so vielfache Opferung gewesen ist, elfhundert an einem Tage, alle gleich der Opferung Jsaks, des Sohnes Abrahams!" und bewundernd hebt er aus der großen Zahl hervor, was die junge Frau Rahel, die Gattin des R. Jehuda und Tochter des R. Jsak-bar-Ascher gethan hat. Sie sprach zu ihren Freundinnen: „Ich habe vier Kinder: schonet sie nicht, daß nicht die Christen sie lebend ergreifen und in ihrem Glauben taufen; heiligt auch an ihnen den heiligen Namen Gottes." Da nahm eine Freundin das Schlachtmesser, und die Mutter schlug sich auf Brust und Antlitz und schrie: „Wo ist deine ftühere Gnade, o Herr?" und sprach zu der Freundin: Schlachte nicht den Jsak vor seinem Bruder Aaron, damit er nicht den Tod seines Bruders sehe." Aaron aber entfloh ihr und die Frau ergriff den Jsak; er war per kleinere und sehr hübsch. Als der Knabe Aaron die Hinschlachtung seines Bruders sah, schrie er: „Mutter, schlachte mich nicht!" und verbarg sich unter einem Kasten. Ihre beiden schönen Mädchen, Bella uud Matrona, Zierden des Hauses, schärften selbst das Messer, daß es nicht schartig sei; dann beugte die Mutter den Hals der Töchter und schlachtete sie dem Gotte Zebaoth, der uns geboten hat, seinen Glauben nicht zu vertauschen. Als die Fromme mit dem Opfer der drei Kinder vor ihrem Schöpfer fertig war, rief sie: „Aaron wo bist du? Ich kann dich nicht schonen, kann mich dein nicht erbarmen." Sie zog ihn am Fuße unter dem Kasten hervor und opferte ihn vor dem erhabenen Gott. Dann legte sie die Kinder in ihre Aermeln, zwei rechts und zwei links, während sie noch zuckten. So saß sie und klagte, als die Feinde eindrangen, und sie erschlugen sie über ihren Kindern. Der Vater, als er den Tod seiner vier änmuthigen und schönen Kinder sah, schrie jammernd auf und ging und stürzte sich in sein Schwert. Die Feinde tödteten alle, die im Gemach noch übrig geblieben waren und zogen sie nackt aus, und es blieb von ihnen keiner am Leben. Daß keiner enttonnen sei, ist offenbar eine Uebertreibung, wie sie fast allen solch« Schreckensberichten eigen zu sein pflegt: irgend ein Augenzeuge muß sich doch gerettet und das Ende der Frau Rahel und der Ihrigen der Vergessenheit entriss« haben. Vermuthlich hat im Angesichte des Todes einer oder der andere fich zur Taufe bereit erklärt und ist hiernach, als die Gefahr vorüber war, reumüthig zur Synagoge zurückgekehrt. Daß Fälle dieser Art nicht selten waren, ergibt sich aus anderen Stellen der Berichte, wo die Gemeinde ermahnt wird, solchen Schwächeren ihre kurze Verirrung nicht nachzutragen. Den Eindruck dichterischer Erfindung macht die Erzählung nicht; wäre sie das, so müßte man ein« unbekannten Poeten als Mitarbeiter des Verfassers annehmen; denn dieser selbst verräth nirgend eine Spur künstlerischer Begabung. Mir scheint, daß die Scene dieses frommen Kindermordes mit eigenthümlicher Unmittelbarkeit die wilde Energie veranschaulicht, die in jenen Jahrhunderten der religiösen Empfindung eigen war, freilich hier nur auf der jüdisch« Seite, aber doch so, daß man sie als direktes Widerspiel gegen eine gleich wilde Energie auf der anderen Seite erkennt. Damals bedurfte der Glaubenshaß noch keiner künstlichen Motive, wie sie später erfunden worden sind, um schrecklichen Thaten den Schein der Berechtigung zu verleihen; auf beiden Seiten fand man das einfache religiöse Motiv völlig ausreichend um die Verfolgung und das Martyrium zu erklären. Die Christen haben nur eine Anschuldigung gegen die Juden zu erheben, daß sie Christus gekreuzigt haben und ihn noch fortwährend durch ihre Halsstarrigkeit beleidigen. Nur in diesem Sinne lassen die hebräischen Quellen die feindlichen Agitatoren red«. Sie legen ihnen Worte in den Mund wie die folgenden: „Warum ziehen wir in so entlegene Länder, um das Grab des Heilandes den Jsmaeliten zu entteißen? Befindet sich

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