Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-07-01 · 27 (1.7.1892) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
27 (1.7.1892)
Date
1892-07-01
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3020846-3020900-3020927--01485-3025528
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nr. 27 Mir«. 1. Juli 1892. DL* InfrjiHii. Centralorgan für die gefammten Interessen des Iudenthums. -^- Eigenthümer: Ketchsralhs-Adgeordnelrr Dr. Kloch. -ES- Erscheint jeden Freitag. Inhalt: Leitartikel: „Ein Blick in die Geschichte". — Die Tragödie des Staatsmannes. — Nachklänge zu den Bismarck-Tagen. — „Jüdische Colonisations-Gesellsckaft in Rußland. — Aus Frankreich. — Judäophobie. — Bernhard Förster. — Correspondenzen: Wien, Brünn, Krakau-Wielirzka, München, Karlsruhe, Darmstadt, Köln, Paris, Lendon, Lissabon. — B ermischtes: Wien, Deuischbrod, Teschen, Neubydzvw, Berlin, Petersburg, London, Rom, Mailand , Turin. — Feuilleton: Das letzte Halseisen. — Wochenkalender. — Briefkasten. — Inserate. L. k. Posttzisrrsstensmr Clrarinaverkuirr Nr. 8I0.S76. «rdartton u. Administration: Wir« L, Lothrnthurmstratz» 89. W Man adomrirt bei allen Dnstänstalien dr» In- und Nnslsndr». Bezugspreis: Halbjährig 4 fl. Einzelexemplare 2» kr. Anzeigen: Die 4mal gespaltete Petitzeile 12 Ir: =m „Ein Blick in die Geschichte". - Hofrath Professor Nothnagel zählt dermalen zu den bestgehaßten Namen bei den Antisemiten der verschiedenen Couleur. Seine letzte tiefdurchdachte Rede, in welcher er mit der Feinheit eines Arztes und Philosophen zugleich die Seelenpest zeichnete, liegt den Herrschaften unverdaut im Magen und sie verabsäumen keine Gelegenheit ihre Wuth zu zeigen. Nicht blos dem antisemitischen Wiener „Figaro" dient der Name des Professors Nothnagel zum Objecte verkrüppelter geistloser „Witze", die gesammte antisemitische Preßmeute begleitet ihn unablässig mit ihrem Gebelfer und Herr Bergani hat nicht übel Lust gerade ihn verantwortlich zu machen, daß der Füyt Bismarck den Herausgeber der „Neuen Freien Presse" und nicht den genialen Bergani mit der Publication seiner Danksagung und mit der Verlautbarung seiner „Rede an das europäische Publikum" betraut hat. In den antisemitischen Organen ist die Rede des Hofrathes Nothnagel noch immer Gegenstand der „Widerlegungen" oft der sonderbarsten Art, die Hepp-Hepp-Jdee wird vom historischen, nationalen und socialen Gesichtspunkte „beleuchtet" und in einem Hetzartikel des antisemitischen Leitorganes, welcher Hofrath Professor Nothnagel gewidmet war, begegneten uns nachstehende intereffante Sätze: „Auch im Mittelalter waren— das lehrt jeder Blick in die Geschichte — die vielberufenen Judenverfolgungen blös Actionen der Nothwehr von Seite der Ausgebeuteten gegen, die Peiniger. Nicht Fanatismus und Glaubenshaß, wie judenlrberale Geschichtslügner glauben machen, sondern die wirthschaftliche Noth hatte die Seele des Volkes zu der Erbitterung getrieben, die sich nachher in den Ausschreitungen Lust gemacht." „Die Antisemiten und Christlich-Socialen hätten keine Ursache zu erröthen, wenn sie in der Geschichte der Vergangenheit blättern, erröthen mögen jene, welche überall und zu allen Zeiten, in allen Ländern und Welttheilen, in allen Geschichtsperioden den Völkern nur Haß eingeflößt haben" — declamirt der antisemitische Schriftgelehrte. Zufällig hat aber ein deutscher Historiker in den letzten Tagen die Erinnerung an die Vorgänge, z. B. beim ersten Kreuzzug wieder aufgefrischt und wir können seine Erzählung den biedern Antisemiten zur Lectüre empfehlen; sie gewinnen hier einen „Blick in die Geschichte", aus welcher sie vielfache Belehrung empfangen können. Aus der Zeit des ersten Kreuzzuges schildert der Historiker Otto Gildemeister in Nr. 39 der „Nation" die Ursachen der Verfolgung in nachstehenden Worten: Es ist völlig unzweifelhaft, daß die Bolksmafsen, die Haus und Hof verließen, um im fernen Syrien den Sarazenen eine Grabstätte zu entreißen, sich fest einbildeten, ein höchst verdienstliches Werk zu thun und Gottes Wohlgefallen sich zu erwerben, wenn sie unterwegs, soweit Zeit und Umstände es erlaubten, möglichst viel Juden todtschlügen, zur Vergeltung für die Kreuzigung Christi, die man als ein Colleetivverbrechen der gesammten Judenschaft ansah, und zur Strafe für die Verstocktheit, mit der aus purer Bosheit, wie man glaubte, das fluchwürdige Volk die doch so augenscheinliche christliche Wahrheit zurückwies. In diesem entsetzlichen, aber ehrlichen Wahn, den doch auch viele der Führer getheilt haben, liegt, moralisch betrachtet, ein mildernder Umstand, den die modernen Antisemiten nicht geltend machen können. Aus den hebräischen Berichten erfahren wir, daß dieselben wilden Schaaren, die erbarmungslos Hunderte und Tausende niedermetzelten, fortwährend bemüht waren, die Juden zum Uebertritte zu bewegen und daß fie denen, die sich zur Taufe bequemten, das Leben und wohl auch die Habe ließen. Fast mehr als alle Schrecken der schrecklichen Gegenwart peinigte die Bedrängten der Gedanke, daß die Christen die Kinder der Erschlagenen verschonen, taufen und in dem falschen Glauben erziehen möchten zum ewigen Verderben. Diese Angst hatte Folgen von ganz besonders schauderhafter Art: viele Judenfamilien nämlich entschlossen sich zur gemeinsamen Selbstopferung, ehe fie fich der Gefahr feigherzigen Abfalls und ihre Kleinen der Gefahr, getauft zu werden, aussetzten. Der äußere Anlaß, der im elften Jahrhundert den woäus vivendi zwischen Getauften und Beschnittenen unterbrach, war die Agitation für die Befteiung des heüigen Grabes aus den Händen der Ungläubigen. Es lag nahe genug, in die Bewegung gegen die Ungläubigen des Orients, die nicht minder ungläubigen Kinder Israels, die man nicht erst in der Ferne zu suchen brauchte, einzubegreifen. Den Juden selbst kam der Sturm, der gegen sie losbrach, ganz unerwartet, wenigstens in dem Lande, aus dem die jetzt veröffentlichten Berichte stammen, im Gebiete des Rheinstroms. Obgleich die Berichte keine Schilderung des Zustandes vor dem Kreuzzuge enthalten, so läßt sich doch aus mancherlei von ihnen erwähnten Umständen schließen, daß dieser Zustand ganz erträglich war, daß die Juden den ganzen Strom entlang, sowohl in größeren Gemeinden als auch vereinzelt in den Dörfern mitten unter Christen ziemlich unbehelligt lebten, nicht zwar völlig gesichert gegen gelegentliche Bedrückungen und Erpressungen, aber doch im Ganzen ungehindert ihrem Erwerbe nachgehend, ihren Cultus ausübend und unter ihren eigenen Vorständen und Aeltesten dem „Gesetze" gemäß lebend. In den Städten hatten sie ihre Synagogen, mehr oder minder reich ausgestattet, ihre Schulen und ihre Sammlungen kostbarer Handschriften; einzelne unter ihnen glänzten durch Reichthum, andere waren berühmt als gelehrte Ausleger der Schrift oder als Prediger und Dichter. Unter den städttschen Judencolonien, in Trier, Worms, Speier, Bonn, Cöln, Xanten re., ragte als vornehmste die von Mainz hervor, deren Bedeutung fich aus der Zahl ihrer Märtyrer, — über elfhundert wurden im Jahre 1096 erschlagen, — ergibt. „Die Krone Israels" wird fie in einem der Berichte genannt, „die Zierde der Thora, reich an Hochgelehrten und Glaubenstreuen, an Almosenspendern und Helfern."

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.