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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-06-24 · 26 (24.6.1892) · page 17

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
26 (24.6.1892)
Date
1892-06-24
Page
– (sequence 17)
Language
German
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Nr. 26 Orsterrrichischr Wochenschrift. Sette 457 Das letzte Halsrifrn. (Eine jüdische Dorfgeschichte.) Der Vorsteher ging heute etwas früher, als es die gute Sitte erforderte, aus dem Gotteshanse. Der Cautor hatte uoch nicht das letzte Lied, in welchem er gewöhnlich mit seiner Kunst besonders brillirte, vorgetragen. Nur die Jugend und die aufgeklärt sein wollenden strömten vor dem Ende desselben hinaus. Der Vorsteher haßte Beide und drängte sich heute unter sie. Es lag eine Wolke über seinem Gesicht. Das sah ihm Jeder an: ckber die Gemeindebediensteteu meinten schon das Donnerwetter zu fühlen, daß sich immer über sie entlud, wenn der Gewaltige die Stirne runzelte. Etwas verstimmt war er eigentlich schon in das Gotteshaus gekommen; das hatte aber seine Ursache darin, daß die Frau Vorsteherin krank war. Diese Stimmung jedoch machte ihn empfindlicher, und er glaubte, während des Gottesdienstes wahrgenommen zu haben, daß man ihn heute nicht besonders beachtete. Das war jedoch gerade heute nicht der Fall. Man wollte ihm nur mit Ehrenbezeugungen nicht lästig fallen, weil man seinen häuslichen Kummer ehrte. Es sprach indessen das böse Gewissen in ihm. Denn Ursache zur Unzufriedenheit mit ihm war genug da. Entgegen der alten Gepflogenheit in der Gemeinde, jedes dritte Jahr die Borsteherwahl vorzunehmen, -nsnrpirte er seinen Posten schon volle zehn Jahre, und er führte eine Willkürherrschaft, unter der fast jeder Einzelne zu leiden hatte. Fast, denn es gab Mehrere, die sich ganz wohl bei diesem Regime fühlten und Freude daran hatten, allerdings nur Schadenfreude. Die Gemeinde hatte nämlich einige Familien, die durch Alter und Vornehmheit hervorragten, und seit undenklichen Zeiten wurde der Vorsteher Immer aus diesen Patriziern gewählt — bis vor etwa zehn Jahren der demokratische Geist in die Gemeinde fuhr und man nur einen Mann aus dem Volke zum Vorsteher haben wollte. Die Wahl fiel auf Wolf Schaffer. Er ivar von niedrigster Herkunft, erwarb sich aber durch tüchtigen Geschäftsgeist ein bedeutendes Vermögen, er wurde der reichste Mann der Gemeinde, und aus der Mißachtung, in der er früher stand, schwang er sich zur Größe, zur Autorität und Respektsperson empor. Diese Umivandlung in der Anschauungsweise der Gemeindemitglieder kann Niemanden befremden, der die Macht kennt, die das Geld damals ausübte. Nur durch Geld konnte der Jude Zutritt und Geltung in nichtjüdischen Kreisen erlangen, konnte er sich die Anerkennung seiner Menschenrechte verschaffen: Und wie hätte der gemeine Mann die Stellung und "die Rangstufe im Gemeiudeverban^e nicht nach dem Besitze der dämonischen Macht des Goldes bemessen sollen? Nicht minder begreiflich ist aber auch die Wandlung, die mit dem Charakter Schaffer's vor sich gegangen, seitdem er Vorsteher geworden. Der von seiner frühesten Jugend an auf sich selbst angewiesene, für sich lebende und strebende und von aller Welt vereinsamte Mann, wurde, nachdem er seinen Wohlstand begründet hatte, ehrgeizig, um, wenn er die Zügel einmal in der Hand hat, sich für seine langjährige Verachtung zu entschädigen und zu rächen. Er cajulirte dem Volke, in dessen Händen die Wahlen lagen, und erreichte in der That sein Ziel. Sein'Charakter hatte auch darum nichts Außergewöhnliches, daß er als Vorsteher nicht Len aristokratischen Familien, die ihm doch früher die größte Verachtung zeigten, seine Macht fühlen ließ, sondern wie der echte Parvenü um die Freundschaft dieser buhlte, und sich über den gemeinen Mann, über Seinesgleichen von früher, erhob und ihn wie möglich zu drücken und zu quälen suchte und materiell bei der Repartirung der Cultussteuern, indem er diese für die Großen herabsetzte und für die Unbemittelten erhöhte, und moralisch bei den Auszeichnungen und Ehrungen im. Gottes- Hanse die er alle auf die paar Vornehmen häufte und den kleinen Mann unberücksichtigt ließ. Er schreckte gegenüber diesem vor keinem Unrecht und Gewaltact zurück. Allerdings gab es einen Recurs gegen die Tyrannei eines Vorstehers beim fürstlichen Verwalter im Schlosse, aber der Recurs gegen diesen Vorsteher hätte nichts genützt, denn der Verwalter war ein starker „Nehmer" und Wolf Schaffer, sonst zwar nicht der Freigebigste, setzte sich durch häufige Präsente in besondere Gunst bei ihm, daß er ihm bei vorkommenden kritischen Fällen nicht nur durch die Finger sah, sondern dem Kläger noch obendrein mit dem Arrest oder gar mit den landesüblichen Fünfundzw anz ig drohte, so daß die vom Vorsteher Gedrückten und Benach Heiligten dem Beispiele Hamlets folgten und die Uebel, die sie hatten, lieber trugen, als zu Unbekannten flohen. Theils aber scheute man es, gegen den Vorsteher klagend auszntreten, weil er bei all seiner Wittkür-Herrschaft in derGemeinde und Gewaltthätigkeit an Einzelnen doch auch zuweilen durch seinen Einfluß bei dem Verwalter so manches Uebel abwendete, dem der Jude bei diesem Amtmann, der die Bauern wirklich schändete, ausgesetzt ivar. Und Schaffer war stolz auf seine Leistungen als Takts, und berief sich bei jeder Regung einer Opposition gegen ihn auf seine Erfolge. Es war sein größter Triumpf, wenn er Veranlassung hatte, am Sabbath ins Schloß zu gehen, um in irgend einer kritischem Angelegenheit, die die Gemeinde oder einen Einzelnen betraf, zu interveniren und ans seinem Rückwege die Leute in der Gasse standen, die sich respektvoll bemühten, aus seinen starren Gesichtszügen die Botschaft zu lesen, was er ausgerichtet hat. Gegen die Jugend, natürlich der armen Claffe, war Wolf Schaffer als Vorsteher besonders streng. Ueber der hing immer das Hals eisen als Damoklesschwert. Daß das Halseisen ein Requisit des Strafverfahrens, wie die Fuß- oder Handeisen war, ahnt gewiß jeder Leser, die wenigsten werden wissen, daß man das Halseisen bei jüdischen Gerichten anwendete. Aber wo gab es denn jüdische Gerichte? (Fortsetzung folgt.) Literatur. Beiträge zur Geschichte der Essäer von Dr. R. I. Weinstein, Wien 1892. Ch. D. Lippe's Commission. 92. 55. 8. Der Verfasser verspricht in der Einleitung, die Lösung der Fragen nach dem Wohnsitze, Namen und den Lehren der Essäer. Die Beantwortung der ersten Fragen, nach Wohnsitz und Namen scheint ihm nicht gelungen zu sein. Es ist richtig, daß die meisten Forscher das Talmudische Material wenig oder gar nicht ausgenützt haben: er will das Versäumte nachholen, benützt aber die Quellen nicht kritisch. Es will uns höchst bedenklich erscheinen, den Namen A s s j a ans die 'Thermengebiete Palästinas schlechtweg zu übertragen. Die Stelle im Tract-Sabbat 109a läßt dies kaum zu und es müßte auch Chullin 48a und Rnschi Jebnm. 122b berücksichtigt werden. Tie Sifristetle (Abschn.-Behalohtka 78), welche der Verfasser citirt und die für ihn ausschlaggebend ist. lautet im Zusammenhänge ganz anders, als er sie gibt und es ist wohl mit Friedmann überall Chaffer für Chasid zu lesen; auch reißt der Anfasser die wichtige Stelle völlig aus dem Connex mit dem Borgchenden und Nachfolgenden. Der Name R e k a b kairn wohl mit bet mnkabet ldentifizirt werden und ist wahrscheinlich das heutige Mirkib. Die ganze Ableitung aus I Chron. II, 55 ruht auf schwachen Füßen. Die Bezeichnungen K i n (nach allgemeiner Annahme Jakin bei Hebron in Juda) und Kenisi, sowie Kenas, können trotz der beigebrachten talmudischen Citate nicht genau bestimmt werden. Es ist auch höchst bedenkl^h die mischpachot Sofrim als „Familien der Gelehrten" auszufassen. Der Zusammenhang fordert streng eine Aufzählung von Sippen in ethnologischer Beziehung; in v. 53 sind so die mischp'chot Kirjat Jearim zu verstehen und es wird mit v. 55 nicht anders sein. Es wird wohl vergebliche Mühe bleiben, in die Völkeraufzählung des Chronisten Qrduung und Zusammenhang zu bringen, und bei der absoluten Dunkelheit des vom Verfasser herangezogenen Capitels und Verses scheint es, trotz der scharfsinn'gsten Combinationen undenkbar, einen festgefügten Stammbaum für die Essäer — welche denn doch in der Bölkeraufzählung nicht am Platze sind — herzustellen. Daher kann man die Ausführungen des ersten Abschnittes über „Name und Wohnort der Essäer" wohl mit Interesse lesen, aber kaum in einem Punkte rückhaltslos bestätigen. Dieselbe Unaenauigkeit in der Quellenangabe, wie im ersten, ist auch im dritten Capitel „Prüfung einzelner Züge des essüischen Wesens" zu beobachten. Es ist geradezu der Wortlaut entstellt im Citate Berachot 96. Die Lesung Kol hajjom (Anm. 177, S. 62) ist auch in den var. lect. nicht zu finden; bemerkt sei auch, daß watikin durchaus falsch mit „schwaechliche" übersetzt ist. Wattrik ist dem arabischen wattriken gleichzusetzen und heißt im Gegentheil die Starken, Tüchtigen. Wie ist eine solche Brrwechslung zweier Wurzeln (es gibt auch einen zweiten Stamm wattrik, der dem Griechischen hektikos gleichbedeutend ist) bei gewissenhafter Prüfung nur denkbar! Ferner ist die Stelle Berachot 11a mißdeutet. Im All- I gemeinen sind die Ausführungen dieses Abschnittes überzeugender, trotzdem auch hier manches hineingedeutet ist, was bei nüchterner Betrachtung der Texte nicht in ihnen liegt.

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